Diversity-Tag Die Hürden für Arbeiterkinder im Studium – und wie man sie überwindet

Ein Mann mit schwarzem Shirt steht an einem sonnigen Tag an einem Waldweg
Bildrechte: MDR/André Plaul

Arbeiterkinder studieren deutlich seltener als "Akademikerkinder". Häufig, weil sie mehr Hürden überwinden müssen. Gabriel Rücker erzählt, wie er seinen Studienstart als Arbeiterkind an der Otto-von-Guericke-Universität in Magdeburg erlebt hat und was ihm geholfen hat, in der Uniwelt zu bestehen.

Gabriel Rücker, ein junger Mann mit einem schwarzen T-Shirt mit einem Herz in Regenbogenfarben und kurzer Hose, sitzt in einem Büro vor einem Laptop.
Für Gabriel Rücker ist das Studium alles andere als selbstverständlich. Bildrechte: MDR/Leonard Schubert

Studieren – bei diesem Wort dachte Gabriel Rücker früher an Menschen, die das einfache Leben leben: Mandalas ausmalen, in Cafés rumhängen und nächtelang durchfeiern. Mit der Uni hatte er eigentlich keine Berührung. Der 28-Jährige kommt aus einer klassischen Arbeiterfamilie vom Dorf und fühlte sich lange in dieser Welt zu Hause. Nach der Schule machte er erst mal eine Ausbildung zum Verfahrensmechaniker und arbeitete dann einige Jahre in der Gastronomie. Bis er irgendwann merkte, dass er sich beruflich entwickeln wollte. Inzwischen studiert er Sozialwissenschaften an der Otto-von-Guericke-Universität in Magdeburg.

Dass er einmal hier landen würde, ist für Gabriel Rücker alles andere als selbstverständlich. Er ist der Erste seiner Familie, der den Weg an die Uni gegangen ist. Anders als viele Menschen aus Familien mit akademischem Hintergrund konnte er dabei nicht auf die Erfahrung oder Finanzierung seiner Eltern zurückgreifen. Stattdessen stand er vor einer Reihe an Herausforderungen, die ihm den Einstieg in die Studienwelt erschwerten und manchmal entmutigten.

Eine Fahne mit dem Porträt des Physikers Otto von Guericke weht vor dem Campustower der Otto von Guericke Universität.
Der Campustower der Uni Magdeburg Bildrechte: dpa

Zum Begriff Arbeiterkind Mit dem Begriff Arbeiterkind sind in diesem Artikel Menschen gemeint, deren Eltern keinen Hochschulabschluss erlangt haben. Oft wird er für diejenigen verwendet, die als erste in der Familie studieren oder einen höheren Bildungsabschluss anstreben. Studien zeigen, dass in Deutschland Kinder von Akademikerinnen und Akademikern höhere Chancen haben zu studieren. Unter dem Hashtag #arbeiterkind auf Twitter und Instagram erzählen einige von ihnen ihre Geschichte.

Hürden treffen Arbeiterkinder oft härter

Jeder Studierende muss am Anfang seines Studiums Herausforderungen bewältigen. Bei Arbeiterkindern liegen diese Hürden nach einer Studie der Hans-Böckler-Stiftung besonders hoch und sind schwieriger zu bewältigen, weil weniger Ressourcen bereitstehen und weniger Förderung erfolgt. Einer der wichtigsten Punkte trifft dabei die Finanzierung des Studiums, zum Teil, weil die Eltern weniger finanziell unterstützen können und das Bafög oft nicht reicht oder zu spät kommt. So auch bei Gabriel Rücker.

Es war erst mal schwer rauszufinden, wie kriege ich das überhaupt finanziert, weil ich schon eine Ausbildung hinter mir hatte und dann auch schon über 25 war. Dann wird es irgendwann schwierig. Und natürlich als das Studium angefangen hat, das war dann ja auch eine komplett neue Welt.

Gabriel Rücker, Student und "Arbeiterkind"

Neben Lebenshaltungskosten, Semesterbeiträgen und anderen Ausgaben ging es bei Rücker dabei auch um Studienmaterial: "Wie kann ich mir einen Laptop leisten oder ein Buch, das ich brauche? Da müssen die meisten aus besser verdienenden Familien nicht drüber nachdenken."

Die Finanzierung sei eine durchgängige Anstrengung. Gerade in Coronazeiten sei es schwierig gewesen, weil Nebenjobs wegfielen und auf einmal Ausrüstung für Online-Unterricht gebraucht wurde. Da sei es manchmal sehr eng geworden.

Es gab Wochen, in denen hätte ich ohne meine Freunde nicht gewusst, wie ich etwas zu Essen in den Kühlschrank bekomme.

Gabriel Rücker, Student und "Arbeiterkind"

Finanzielle Probleme, Vorbehalte, mangelnde Ermutigung, fremde Welt

Gabriel Rücker, ein junger Mann mit einem schwarzen T-Shirt mit einem Herz in Regenbogenfarben und kurzer Hose steht vor der Universitätsbibliothek in Magdeburg.
Sich in der akademischen Welt zurecht zu finden, war nicht immer einfach für Gabriel Rücker. Bildrechte: MDR/Leonard Schubert

Neben den finanziellen Herausforderungen war für Gabriel Rücker die fehlende Erfahrung mit der Uniwelt ein wichtiger Punkt. "Wo finde ich Informationen? Wie regele ich die ganzen Formalia? Wen kann ich ansprechen? Wie funktioniert das Unileben? Kann ich mir ein Studium überhaupt zutrauen und welches könnte passen?" – bei all diesen Fragen hätte er nicht auf den Erfahrungsschatz seiner Familie zugreifen können und sich stattdessen erst mal alleine in die "andere Welt" an der Uni einfinden müssen.

Das sei gar nicht so einfach gewesen. Der Habitus an der Uni sei ein anderer und auch die Sprache, die genutzt werde und teilweise die Art, des Denkens und sich mit der Welt zu beschäftigen. Daran habe er sich gewöhnen müssen. Auch das selbstständige Arbeiten und Lernen sei neu gewesen: "Es nimmt dich keiner an die Hand, wie in der Ausbildung. Du schreibst ja sogar deinen Stundenplan selbst." Nach ein paar Tagen sei ihm bewusst geworden, wie viel Arbeit so ein Studium eigentlich beinhaltet.

Außerdem habe das Studium manchmal auch zu Konflikten mit seiner Familie geführt. Obwohl seine Oma und seine Mutter sehr stolz auf ihn seien, sei die Uniwelt eben eine Welt, die manchmal nur sehr schwer mit der Arbeiterwelt auf dem Dorf vereinbar und schwer verständlich sei. Seine Familie nehme sein Studium oder seine neuen Ansätze nicht immer ernst. Manchmal fühlt er sich dann ein bisschen fehl am Platz in beiden Welten.

In Zahlen: Deutlich weniger Arbeiterkinder studieren

Ähnliche Herausforderungen wie Gabriel Rücker erleben viele Studienanfänger. Allerdings sind sie für Menschen aus Arbeiterfamilien oft deutlich schwerer zu stemmen, als für Menschen aus Akademikerfamilien. Dass Menschen aus Arbeiterfamilien schwierigere Bedingungen haben, schlägt sich auch in den Zahlen nieder.

Aus dem Hochschulbildungsreport 2020 geht hervor, dass 79 Prozent der Kinder aus Akademikerfamilien ein Studium beginnen, während es bei Arbeiterkindern nur 27 Prozent sind. Den Master absolvieren noch 43 Prozent Akamdemikerkinder und nur noch elf Prozent Arbeiterkinder an, und bei der Promotion sind es sechs Prozent gegenüber zwei Prozent.

Organisation "Arbeiterkind" mit verschiedenen Hilfsangeboten

Jasmin Friese, Bundeslandkoordinatorin von Arbeiterkind.de von Sachsen und Sachsen-Anhalt: Eine junge Frau mit schulterlangem Haar und blauem Hemd steht mit verschränkten Armen vor einer Wand.
Jasmin Friese setzt sich mit der Organsisation "Arbeiterkind" dafür ein, Menschen aus Arbeiterfamilien den Weg ins und durchs Studium zu ermöglichen. Bildrechte: Jasmin Friese

Jasmin Friese kennt die Hürden gut, die Arbeiterkinder bisweilen von einem Studium abhalten. Sie stammt selbst aus einer Arbeiterfamilie und unterstützt als Koordinatorin der Organisation Arbeiterkind Menschen aus Arbeiterfamilien auf ihrem Weg ins und durchs Studium. Dabei ginge es im ersten Schritt darum, dass die Menschen gut informiert eine eigene Entscheidung treffen könnten.

Natürlich muss nicht jede oder jeder studieren. Es geht darum, dass die jungen Menschen einfach ihre Bildungsmöglichkeiten kennen und genug Unterstützung haben, um den besten Weg für sich selbst auszuwählen.

Jasmin Friese, Organisation "Arbeiterkind"

In weiteren Schritten ginge es dann um Hilfen bei der Finanzierung, bei der Erledigung von Formalien, beim Finden von Informationen und Ansprechpartnern oder auch bei konkreten Schritten wie der ersten Hausarbeit oder der ersten Prüfung.

Informationen über arbeiterkind.de und weitere Hilfsangebote

arbeiterkind.de
Um die Menschen auf ihrem Weg zu unterstützen, wählt die Organisation einen persönlichen Ansatz, in dem Studieninteressierte von ehemaligen Arbeiterkindern beraten und unterstützt werden, die den Weg an die Uni bereits hinter sich haben und die Schwierigkeiten kennen. Die Organisation bietet Hilfe, wie und wo man sich informieren kann, wo Stipendien zu finden sind, wie man Anträge ausfüllt oder wie bestimmte Abläufe an der Uni aussehen. Vor allem bieten sie aber auch persönlichen Rückhalt, konkrete Hilfe bei den ersten Schritten an der Uni wie zum Beispiel der ersten Hausarbeit, der ersten Prüfung oder ein offenes Ohr von Menschen, die die Situation kennen.

Studentenwerk
Studentenwerke bieten Unterstützung und Orientierung für alle Studierenden. Zu den Beratungen zählen oft soziale Beratungen, Hilfe bei Wohnheimplätzen, Bafög, Kinderbetreuung, Workshops und andere Angebote. Hier geht es zum Studentenwerk der Uni Magdeburg.

"Es braucht unbedingt mehr Arbeiterkinder an Unis und Fachhochschulen"

Jasmin Friese findet, es brauche dringend mehr Arbeiterkinder an den Unis und in Entscheiderpositionen. Erst dadurch entstünden vielfältige Perspektiven an Unis und bei Führungskräften, die entscheidend seien für die Entscheidungen von morgen.

Wenn wir eine diversere, inklusivere und gerechtere Gesellschaft wollen, ist der Zugang zu Bildung ein zentraler Weg, um diesen Zustand herzustellen.

Jasmin Friese, von der Organisation "Arbeiterkind"

Arbeiterkinder brächten oft Potenzial und Erfahrungen mit, die Akademikerkindern zum Teil fehlten. Dazu zählten etwa internationale Erfahrungen, ein Verständnis bestimmter Milieus, aber auch ein spezieller Blick für soziale Ungerechtigkeiten. Das bestätigt auch Gabriel Rücker, der sagt, es sei oft praktisch, beide Welten zu kennen und zu verstehen und wichtig, "dolmetschen" zu können.

Trotz Schwierigkeiten richtige Entscheidung

Gabriel Rücker, ein junger Mann mit einem schwarzen T-Shirt mit einem Herz in Regenbogenfarben und kurzer Hose, steht vor einem Hörsaal.
Gabriel Rücker ist inzwischen in der Studienwelt angekommen. Bildrechte: MDR/Leonard Schubert

Gabriel Rücker ist inzwischen angekommen im Studienleben. Die Studienwahl hat nach viel Lesen und vielen Gesprächen geklappt. Einen Laptop hat er von Arbeiterkind zur Verfügung gestellt bekommen. Gebraucht und langsam, aber er tut seinen Dienst.

Das Studium hat er sich über Nebenjobs und Bafög finanziert. Bis zu 20 Stunden die Woche verbringt er neben den vielen Aufgaben für die Uni in verschiedenen Berufen, um das Geld zusammenzubringen. Das sei nicht immer einfach und stehle Zeit für andere Aufgaben.

Studenten im total überfüllten Hörsaal in der Ruhr Universität. 35 min
Bildrechte: imago/biky

Auch die begrenzte Bafögzeit erzeuge durchgehend zusätzlichen Leistungsdruck. "Wenn ich, aus was für Gründen auch immer, die Regelstudienzeit zu weit überschreite, fällt das Bafög weg – dann muss ich mein Studium abbrechen."

Trotzdem ist er zufrieden mit seiner Entscheidung und genießt die vielen Seiten des Studiums. Sowohl der Abschluss als auch die Studienzeit an sich mit all ihren Erfahrungen, Inhalten und den Menschen, die er kennenlerne, seien enorm wertvoll und eröffneten ihm unheimlich viele neue Möglichkeiten. Zum Teil nutzt er seine Erfahrungen aus beiden Welten sogar, um zwischen "Arbeiterwelt" und "Akademikerwelt" zu vermitteln. Er habe viel dabei gelernt, auch über sich selbst, sagt er.

"Wenn mehr Arbeiterkinder an die Unis kommen, profitiert die ganze Gesellschaft"

Wie Jasmin Friese hofft auch Gabriel Rücker, dass die Angebote für Arbeiterkinder und die Chancengleichheit in der Bildung weiter zunehmen werden und die verschiedenen Teile der Gesellschaft wieder respektvoller miteinander umgehen. Von der Uni wünscht er sich den Ausbau von niedrigschwelligen Hilfsangeboten. Zusätzlich will er allen Mut machen, die sich überlegen, den Schritt an die Uni zu gehen: "Am Ende finden sich immer Lösungen! Man kann das auf jeden Fall schaffen, auch mit einem Dreierabi, auch mit wenig Geld", sagt er.

Gabriel Rücker, der in der Vergangenheit auf der Landesliste der Linken bei Wahlen antrat, ist davon überzeugt, dass davon die ganze Gesellschaft profitieren würde. "Wenn alle so ihren Weg gehen können, wie sie möchten und nicht durch Herkunft oder durch finanziellen Mittel ausgebremst werden, profitieren wir alle davon. Und da muss ganz klar auch die Politik mehr für Studierende tun."

Wenn er mit dem Studium fertig ist, möchte er sich übrigens weiter für die Gesellschaft engagieren. Entweder in einer NGO oder auch als Referent in der Politik, das steht für ihn noch nicht fest. "Ich kann gar nicht anders, ich glaube, ich hätte mich immer irgendwo engagiert", sagt er. Nebenbei engagiert er sich im Studierendenrat, um die Uni für alle zu einem noch besseren Ort zu machen. Vielleicht ist also etwas an dem dran, was Jasmin Friese sagt: "Arbeiterkinder haben einen besonderen Blick für soziale Ungerechtigkeit – und versuchen etwas daran zu ändern."

Anmerkung der Redaktion: Gabriel Rücker ist in der Vergangenheit als Kandidat auf der Landesliste der Partei Die Linke angetreten. Wir haben diesen Hinweis am 31. Mai um 13:15 Uhr ergänzt.
Die Zahlen zu den Studienanfängern nach Bildungsabschluss der Eltern entstammtem einem veralteten Bildungsreport und wurden um 17:10 Uhr aktualisiert.

Ein Mann mit schwarzem Shirt steht an einem sonnigen Tag an einem Waldweg
Bildrechte: MDR/André Plaul

Über den Autor Leonard Schubert arbeitet seit Februar 2020 für MDR SACHSEN-ANHALT. Seine Interessensschwerpunkte sind Politik, Umwelt und Gesellschaft. Erste journalistische Erfahrungen sammelte er beim Charles Coleman Verlag, für das Outdoormagazin Walden und beim ZDF.

Nebenher arbeitet er an seinem Masterabschluss in Friedens- und Konfliktforschung. Über den Umweg Leipzig kam der gebürtige Kölner 2016 nach Magdeburg, wo er besonders gern im Stadtpark unterwegs ist. In seiner Freizeit steht er mit großer Leidenschaft auf den Poetryslambühnen Sachsen-Anhalts paddelt, wandert und radelt durch die Natur oder besucht Kulturveranstaltungen verschiedenster Art.

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MDR (Leonard Schubert)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 31. Mai 2022 | 12:40 Uhr

36 Kommentare

Eulenspiegel vor 16 Wochen

Also ich denke hier geht es klar um dieses mehr an Hürden die ein Arbeiterkind bis zu den akademischen Würden überwinden muss im Vergleich zum Akademikerkind.
Ich denke der Unterschied ist vielfältig, teilweise Divus und beginnt im Prinzip mit der Geburt. Dieses genauer auszuführen würde ganz schnell den Rahmen sprengen.

AlexLeipzig vor 16 Wochen

Ich glaube kaum, daß allein MINT-Studienfächer ausreichend sind, um unsere Gesellschaft zu verstehen und zusammenzuhalten. Wenn alle nur noch das machen, was finanziell lukrativ ist und durch die Industrie mitfinanziert ("gefördert") wird, brauchen wir uns über gesellschaftliche Probleme und Missverhältnisse nicht wundern oder gar beschweren.

Teilnehmer vor 16 Wochen

"Es war erst mal schwer rauszufinden, wie kriege ich das überhaupt finanziert, weil ich schon eine Ausbildung hinter mir hatte und dann auch schon über 25 war. Dann wird es irgendwann schwierig."
Dann hatte er ja ein paar Jahre Zeit, sich etwas Geld anzusparen um während des Studiums über die Runden zu kommen...

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