Azubis im Lockdown Wie duale Ausbildung in Corona-Zeiten funktioniert

Praxisstopp, Schulausfälle und improvisierte Prüfungsvorbereitungen – die Corona-Pandemie droht der jetzigen Auszubildenden-Generation ein Bein zu stellen. Für die Azubis Emmy und Laura stehen in diesem Jahr wichtige Prüfungen an. Die Vorbereitungen unter Corona-Bedingungen sind nicht nur für sie eine Herausforderung.

Ein Friseur-Übungsraums in der Berufsschule
Weil die Salons geschlossen sind, können Friseurazubis derzeit nur an Puppen üben. Bildrechte: MDR/ David Fuhrmann

Bereits seit Mitte Dezember ist Emmys Ausbildungsbetrieb, ein hallescher Friseursalon, nun wegen der Corona-Pandemie geschlossen. Seit Beginn des Jahres darf die Friseur-Auszubildende zumindest wieder in die Berufsschule – weil im April der erste Teil ihrer Gesellenprüfung ansteht. Das Haareschneiden übt die 21-Jährige derzeit nur an Puppenköpfen. "Wenn der normale Rhythmus von Praxis und Theorie fehlt, ist es schwierig", sagt sie.

Der Lockdown und der damit verbundene Praxisstopp sei ein harter Einschnitt für sie gewesen. In der Zeit vor Corona bestand Emmys Rhythmus aus zwei Wochen Ausbildung im Salon, gefolgt von einer Woche in der Berufsbildenden Schule 5 in Halle. Diesen Takt hat die Pandemie nun durcheinandergewirbelt. Mit Blick auf die Prüfungen bereitet das Emmys Schulleiterin, Kerstin Pilz, große Sorgen: "Wir werden das Problem bekommen, dass Prüfungen nicht bestanden werden."

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Lehrkräfte am Limit

Die Berufsschulen in Sachsen-Anhalt besuchen seit Anfang des Jahres nur sehr wenige Schülerinnen und Schüler. In Präsenz dürfen nur jene lernen, die kurz vor wichtigen Prüfungen stehen, der Großteil befindet sich im Distanzunterricht. Dieser Wechsel von Nah- und Distanzunterricht ist insbesondere für die Lehrkräfte extrem zeitaufwendig.

Und häufig fehlen an den Berufsschulen aufgrund mangelnder technischer Ausstattung die Grundvoraussetzungen für den Distanzunterricht. "Wir haben für alle Kollegen nur einen Computer an der Schule", sagt die Fachbereichsleiterin für Körperpflege an der Berufsschule, Kathrin Bielke. Viele Lerninhalte würden derzeit auf der Strecke bleiben. "Ich kann nicht das vermitteln, was ich gerne vermitteln würde, weil es keine Zeit dafür gibt", sagt Bielke. "Wenn ich einen Wunsch frei hätte, dann würde ich mir für diese Generation wünschen, dass sie ein Jahr länger lernen dürften."

Weil Azubis im Bereich Körperpflege derzeit nicht mit Kunden üben können, müssen sie auf Puppen zurückgreifen. Das könnte vor allem nach den Prüfungen Auswirkungen haben, glaubt Ausbilderin Kathrin Bielke:

Schulausfälle werden in Eigenregie nachgeholt

Auch bei der 21-jährigen Laura aus Magdeburg, Auszubildende zur Groß- und Außenhandelskauffrau, beeinflusst die Corona-Pandemie den Lehrverlauf. Im Mai steht ihre Abschlussprüfung an. Zwar ist ihr Ausbildungsbetrieb nicht von einem Praxisstopp betroffen, aber "die Schulausfälle im vergangenen Jahr machen sich bemerkbar", erklärt sie.

Eine Auszubildende
Laura beendet in diesem Jahr ihre Ausbildung. Bildrechte: MDR/ David Fuhrmann

Manche Fächer wie etwa Ethik und Englisch seien komplett über Bord gegangen. Auch die Zwischenprüfungen seien der Corona-Pandemie zum Opfer gefallen. Sie sollen auch nicht nachgeholt werden. "Es fehlen Themen, die ich für die Abschlussprüfung gebraucht hätte. Das muss ich mir alles selbst erarbeiten." Die Abschlussprüfung sei sehr wichtig, weil "die späteren Arbeitgeber bei den Bewerbungen auf die Ergebnisse schauen," sagt Laura.

Generation Corona?

Die zweite Vorsitzende der IG Metall, Christiane Brenner, macht sich große Sorgen um die Zukunft der Jugendlichen und auch der Betriebe. "Wir müssen eine Generation Corona unter allen Umständen verhindern", sagte sie der Deutschen Presse-Agentur. Seit Jahren klagen viele Betriebe über fehlende Fachkräfte. Neben den sinkenden Bewerberzahlen und gemeldeten freien Ausbildungsplätzen – droht die Corona-Krise nun auch Einfluss auf die Qualität der Ausbildung zu nehmen. Die Corona-Pandemie verstärkt die Schieflage des dualen Ausbildungssystems.

Anzeichen, dass Azubis schlechter ausgebildet werden würden, sieht die Industrie- und Handelskammer (IHK) in Magdeburg derweil nicht: "Aus unserer Sicht haben die Berufsbildenden Schulen im Rahmen der ihnen zur Verfügung stehenden Möglichkeiten alles daran gesetzt, eventuell entstandene Defizite aufgrund geringerer Präsenzbeschulung auszugleichen." Auch die Unternehmen seien kreative Wege gegangen, wie etwa den Außer-Haus-Verkauf in Restaurants, um den Auszubildenden weiterhin Praxiswissen zu vermitteln. "Ob hierbei die notwendigen Routinen entstanden sind, lässt sich mit Sicherheit erst nach den kommenden Prüfungen sagen", teilte die IHK mit.

Ungewisse Zukunft

Individuelle Hilfestellungen zur Prüfungsvorbereitung bieten auch die Betriebe von Emmy und Laura an. "Ich durfte Puppenköpfe mit nach Hause nehmen und bekomme von meinem Betrieb einmal die Woche Aufgaben, die ich umsetzen muss", erklärt Emmy, die gut die Hälfte ihrer Ausbildungszeit im Ausnahmezustand gelernt hat. Wie die Situation im nächsten Jahr sein wird, wenn ihre Abschlussprüfung ansteht, ist unklar.

Bei Laura endet die Ausbildung bei Bestehen der Abschlussprüfung bereits in diesem Jahr. Dafür erhält sie Unterstützung von ihrer Ausbilderin, einmal die Woche wird sie abgefragt. Der Blick in die Zukunft verspricht aber auch bei ihr keine Gewissheit, denn vom Betrieb übernommen wird sie nicht.

dpa, MDR/ David Fuhrmann, Oliver Leiste

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