Fehlende Parkplätze für Laster Diese Alternativen haben Lkw-Fahrer in Sachsen-Anhalt zum Übernachten

13. Februar 2023, 12:16 Uhr

Fehlende Lkw-Parkplätze entlang von Autobahnen sind schon lange ein Problem. Spürbar verbessert hat sich die Situation für Fernfahrer allerdings nicht. Und auch, wenn dieses Jahr neue Stellplätze gebaut werden: Endgültig lösen werden auch sie das Problem kaum. Die Zahl der Alternativen wächst aber.

Über den Parkplatz fegt der Wind unermüdlich an den parkenden Lkw vorbei. Es ist nass und die Kälte zieht durch sämtliche Kleidung. Dass die Trucker bei dem Wetter in ihrer Fahrerkabine bleiben, ist kein Wunder. Nur hier und da zeigt ein Einweiser die Richtung zum passenden Parkplatz an. Doch auch der ist schnell wieder verschwunden.

Die LED-Laternen beleuchten die Dutzenden Lkw auf dem Eurorastplatz in Hohenwarsleben bei Magdeburg, die einen Platz für die Nacht gefunden haben. Wer sich bei dem Wetter doch aus dem Truck traut, kann am Eingang zum Parkplatzrestaurant ein blaues Schild mit der Aufschrift "Fernfahrerstammtisch A2" nicht übersehen.

Dort, im Warmen, bereitet Jörg Hinze seinen ersten Stammtisch im neuen Jahr vor. Seit vier Jahren macht er das ehrenamtlich und versucht mit seiner Arbeit, die Sicherheit auf deutschen Straßen zu erhöhen.

Parkplätze an Autobahnen schlecht ausgerüstet

Hinze beschäftigt sich so mit den Problemen, die die Fernfahrer auf den Autobahnen haben und gibt Ratschläge und Tipps. Heute sind nur sieben Interessierte gekommen – an guten Tagen seien es 15 bis 20, sagt Hinze. Eines der Hauptprobleme spricht Jörg Hinze in seiner Rede direkt an: die, wie er sagt, schlechte Parkplatzsituation in Sachsen-Anhalt.

Man muss vernünftige Parkmöglichkeiten haben, wo die Leute nach den Gesichtspunkten der Würde des Menschen auch ihre Pausen machen können.

Jörg Hinze Leiter Fernfahrerstammtisch A2

Er erklärt, dass die Fernfahrer nicht immer während ihrer Arbeitszeit einen vernünftigen Parkplatz für die Nacht anfahren können. Dann stünden die Fernfahrer im schlimmsten Fall im Nirgendwo auf einem Parkplatz ohne Dusche und vernünftige Toilette, die nicht den hygienischen Ansprüchen entspreche. "Das ist nach meinem Dafürhalten nicht der richtige Weg", so Hinze, "man muss vernünftige Parkmöglichkeiten haben, wo die Leute nach den Gesichtspunkten der Würde des Menschen auch ihre Pausen machen können."

Laut Hinze sind die Sanitäranlagen nicht die einzigen Dinge, mit denen die Trucker zu kämpfen hätten. Von den Fernfahrern weiß er, dass es an der Autobahn meist einfach viel zu laut ist, um zur Ruhe zu kommen. Auch Hinze hat das in einem Selbstexperiment ausprobiert. Er erzählt den Teilnehmenden von einer Nacht, die er auf einem Rastplatz verbracht hat. Hier war nicht nur die Autobahn die einzige Geräuschquelle. Auch die Lkw machen die Nacht über Krach, wenn Pumpen laufen, die beispielsweise Lebensmittel kühlen, erinnert er sich.

Übernachten im Container

Eine erholsame Nacht sah anders aus, sagt Hinze ernst. "Die elf Stunden Pausenzeit, die Trucker machen müssen, machen sie in vier Meter Entfernung von einer Fahrbahn der Autobahn." Das gehe so nicht: Der Leiter des Stammtischs diskutiert mit den Teilnehmenden über Alternativen für die Trucker. Eine solche, die Hinze vorschlägt, seien sogenannte Roatels.

In Sachsen-Anhalt gibt es drei solcher Mikrohotels, wie der Geschäftsführer Christian Theisen sie bei MDR SACHSEN-ANHALT nennt. Davon steht eines in Schopsdorf an der A2, eines in Osterfeld an der A9 und das dritte in Jessen an der B187. Deutschlandweit gibt es noch sieben weitere dieser Übernachtungsmöglichkeiten.

Dass auch an einer Bundesstraße ein solches Roatel steht, ist kein Zufall, wie Theisen erklärt: "Einerseits ist viel Verkehr und andererseits haben die Lkw sowieso schon Schwierigkeiten, an den Autobahnen zu parken. Ab und an müssen die Lkw auf andere Standorte ausweichen."

So steht in Jessen ein langer grüner Überseecontainer mit vier Türen gegenüber von einer Tankstelle und einer kleinen gastronomischen Einrichtung und direkt daneben liegen auch schon Parkplätze für Lkw. Hinter den Türen versteckt sich je ein kleiner heller Raum mit Bett, Fernseher, eigener Toilette und sauberer Dusche. Das Zimmer ist gerade mal so groß, dass man sich im Kreis drehen kann, aber dennoch ist es ein Unterschied wie Tag und Nacht, wenn man an die Parkplatztoiletten an der Autobahn denkt.

Trucker wollen in der Nähe des Lkw bleiben

Der Geschäftsführer der Roatel GmbH aus Düsseldorf wollte bewusst das Hotel zum Trucker bringen, erklärt er. Das hat auch einen Grund: Denn laut einer EU-Richtlinie aus dem Jahr 2020 müssen Fernfahrer eine vorgeschriebene Wochenruhezeit von mindestens 45 Stunden außerhalb ihrer Fahrerkabine verbringen. "Und schließlich kann der Lkw-Fahrer schlecht irgendwo in die Stadt oder in einer Ortschaft fahren und da seinen Lkw abstellen", lacht Theisen.

Und das Ganze habe noch einen weiteren Vorteil: Viele der Trucker bleiben trotz der Richtlinie in ihrem Truck, um auf die Ladung, wegen sogenannter Planenschlitzer aufzupassen. Laut Theisen ist das aber in der Ruhe- und Pausenzeit gar nicht erlaubt, weil die Fernfahrer dafür nicht bezahlt werden. "Auf der anderen Seite sind unsere Hotels ja direkt neben dem Lkw – also man sieht ihn in Blickweite", sagt er.

Damit sein Konzept aufgeht, pachtet Theisen Grundstücke an Tankstellen, Autobahnhöfen oder Rastplätzen. Ist die Baugenehmigung durch, werden Strom- und Wasseranschlüsse installiert, und anschließend der Container per Kran an die entsprechende Stelle gesetzt. Je nach Nachfrage, können Container dazukommen oder auch wieder abgebaut werden. Das sei viel nachhaltiger, als ein festes Hotel mit einer Mindestanzahl an Zimmer zu errichten, die nie gebraucht werden.

Speditionen stellen Parkplätze freiwillig zur Verfügung

Zurück in Hohenwarsleben beim Fernfahrerstammtisch. Mittlerweile regnet es wie aus Eimern. Mehr als sieben Teilnehmende sind es nicht geworden. Ab und an schaut zwar ein Trucker, der auf dem Weg zur Toilette ist, in den Konferenzraum, doch viele sind laut Hinze froh, bald schlafen gehen zu können.

Denen, die anwesend sind, erzählt Hinze von einer weiteren Alternative, die Fernfahrer in Sachsen-Anhalt haben, um fernab von der Autobahn in Ruhe nächtigen zu können. Hinze weiß nämlich, dass die Trucker gern schon vorab wissen wollen, wo sie parken, um unnötigen Stress wegen überfüllter Parkplätze zu vermeiden. Also stellt er als eine Lösung einen "Truck-Parking-Service" einer großen deutschen Versicherung vor.

Mehr Sicherheit durch überwachte Parkplätze auf Firmengeländen

Die Idee ist simpel, wie Tim Baumeister, Projektleiter bei der Versicherung Kravag, MDR SACHSEN-ANHALT später in einem Telefoninterview erzählt: Jeder, der freie Parkplätze für Lkw hat, kann diese anbieten. So stellen an knapp 60 Standorten in Deutschland Speditionen und Autohöfe Parkplätze zur Verfügung, sagt er. Per App können die Fernfahrer die Plätze ähnlich wie bei Airbnb buchen.

In Sachsen-Anhalt gibt es aktuell drei Standorte. Hier bieten Speditionen in der Nähe von Vockerode, Magdeburg und Halle ihre Stellflächen an. Das Besondere: Da auf den jeweiligen Firmengeländen geparkt wird, sind diese überwacht. Laut Baumeister soll Ladungsdiebstahl so erschwert werden und die Fahrerinnen und Fahrer entspannter zur Ruhe kommen.

In Groß Ammensleben bei Magdeburg bietet die Spedition "Cody Logistics" ihre freien Parkplätze aus genau diesem Grund an. "Wir bieten ein Sicherheitskonzept an, da wir aus eigener Erfahrung wissen, dass die öffentlichen Parkplätze nicht sicher sind. Des Weiteren möchten wir allen Fahrern die Möglichkeit einer sicheren und entspannten Übernachtung bieten. Das ist auch mein persönliches Anliegen an dieser Sache", schreibt Geschäftsführer Falk Hoppe in einer Mail an MDR SACHSEN-ANHALT. Für sie gebe es nur die Möglichkeit, dass die Kriminalität eingedämmt wird oder dass es Sicherheitsparkplätze wie bei ihnen gibt.

Verantwortliche sollten Leben von Fernfahrern mehr schätzen

Die Versicherung ist nicht die einzige Plattform, die eine solche Möglichkeit für Trucker bietet, dennoch möchte der Projektleiter versuchen, ein Netzwerk zu schaffen, um die Parkplätze an der Autobahn zu entlasten. Wichtig ist ihm aber auch der Sicherheitsaspekt auf den Autobahnen selbst. Laut Baumeister gibt es so wenige Parkplätze, dass die Kraftfahrer bis in die Ausfahrten der Rasthöfe stehen oder sogar auf den Standstreifen.

Sie sollten mal drei Tage mit einem Lkw mitfahren, um zu sehen, was ein Lkw-Fahrer am Tage erlebt.

Jörg Hinze Leiter Fernfahrerstammtisch A2

Auch Jörg Hinze ist das Problem von den Truckern seines Stammtisches gut bekannt. Das ist nicht nur für die Trucker gefährlich, sondern auch für die anderen Verkehrsteilnehmer, die nicht damit rechnen. Hinze wünscht sich von der Regierung mehr finanzielle Entlastung für sinnvoll gestaltete Parkplätze und vor allem offene Augen für das Thema:

"Die Leute, die in der Verantwortung stehen, sollten sich wirklich mal der Sache bewusst werden und sollten sich auch nicht nur in der Theorie mit damit beschäftigen, sondern auch in einer Praxis. Sie sollten mal drei Tage mit einem Lkw mitfahren, um zu sehen, was ein Lkw-Fahrer am Tage erlebt." Hinze findet es schade, dass die Kraftfahrer für viele nur "Nomaden der Straße" sind. "Schließlich erhalten", schließt Hinze, "diese Menschen unser Leben täglich am Leben."

Über Maximilian Fürstenberg Maximilian Fürstenberg arbeitet seit 2020 bei MDR SACHSEN-ANHALT. Der gebürtige Magdeburger arbeitete vor seinem Medienmanagementstudium im Offenen Kanal Magdeburg als FSJler und im Theaterjugendclub des Theater Magdeburg als Leiter der Kindertheatergruppe.

Anschließend an sein Bachelorstudium machte er ein Praktikum bei MDR SACHSEN in der Online- und Fernsehredaktion, bevor er in Erfurt im Master Kinder- und Jugendmedien studierte. Wenn er nicht im Landesfunkhaus unterwegs ist, arbeitet er im Bereich Medienbildung. Seine Lieblingsorte in Sachsen-Anhalt sind Naumburg, der Elberadweg und der Wörlitzer Park.

MDR San Mitarbeiter Engin Haupt
Bildrechte: MDR/punctum.Fotografie/Alexander Schmidt

Über Engin Haupt Engin Haupt arbeitet seit Februar 2021 im Politikressort von MDR SACHSEN-ANHALT. Geboren und aufgewachsen in Rheinland-Pfalz, hat ihn das Journalismus-Studium nach Magdeburg gebracht.

In seiner Freizeit spielt der 23-Jährige unter anderem American Football und kommentiert die Fußballspiele des 1. FC Magdeburg für blinde Menschen.

MDR (Maximilian Fürstenberg, Engin Haupt) | Erstmals veröffentlicht am 12.02.2023

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 12. Februar 2023 | 09:00 Uhr

2 Kommentare

Micha R am 13.02.2023

@ Basstian
Egal ob Werkverkehr oder Transport durch Spediteure, mit höheren Dieselpreisen wird die Nachfrage nach Leistungen des Güterverkehr sicherlich nicht gesenkt. Denn mit steigenden Kosten für die Versendung von Frachtgütern werden Letztere nachfrageseitig nur teurer, weil höhere Kosten für die Versendung von Gütern letztendlich nicht die Handelsketten zulasten eigener Gewinnmargen tragen, sondern wir Endverbraucher!
Beispielsweise stiegen von November 2021 bis November 2022 allein die Preise für Lebensmittel um 21,1%, siehe
https://www.tagesschau.de/wirtschaft/verbraucher/inflation-verbraucherpreise-energiepreise-lebensmittel-lebensmittelpreise-realloehne-sinken-101.html

Basstian am 13.02.2023

Wenn die Laster im Sommer 2022 auf der A 2 bei Magdeburg trotz eines Dieselpreises von fast 2,-/Liter beide rechte Spuren belegten, gibts wohl zu viele LKW und zu billigen Diesel, statt zu wenig Park- und Übernachtungsplätze. Ist doch Wahnsinn, über welche Entfernungen das ganze Zeug gekutscht wird. Man muß nur im Laden auf die Herstellungsorte, die auf den Packungen stehen, gucken. Und oft sind die Eigenmarken-Produkte der Handelsketten, die über hunderte Kilometer herangekutscht werden, immer noch weniger teuer als Markenprodukte aus der Nähe. Das Transportwesen ist inzwischen zu einer Krankheit und Epidemie ausgewachsen, ebenso der Lasterlärm!

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