Handwerksserie Weite Fahrtwege und Vorbehalte von Eltern belasten Azubisuche

Elisa Sowieja-Stoffregen
Bildrechte: MDR/Fabian Frenzel

Das Handwerk in Sachsen-Anhalt meldet regelmäßig Azubimangel. Im Rahmen der MDR-Handwerkswoche, die am Montag gestartet ist, erklären ein Unternehmer, ein Kammerchef und ein frisch ausgelernter Geselle, an welchen Stellen es hakt und wie mehr Digitalisierung und weniger Bürokratie Abhilfe schaffen können.

Ein Mann gibt Fliesenkleber auf eine Kelle
Dem Handwerk in Sachsen-Anhalt fehlen seit Jahren Azubis. Bildrechte: dpa

Andreas Dieckmann hat zu tun. Ein Treffen noch in dergleichen Woche in seinem Laden? Puh, das wird leider nichts. Auf der Baustelle in Halberstadt am nächsten Tag kann er aber ein Interview einschieben, kurz nach 9 dürfte es passen. Danach muss er gleich weiter nach Braunschweig, drei Termine stehen im Kalender. Um seine Auftragslage muss sich der Raumausstatter aus Elbingerode (Landkreis Harz) wahrlich keine Gedanken machen. Um seine Gesellen offensichtlich auch nicht: Während der Chef einen Tag später auf der Baustelle sein Interview gibt, hieven sie routiniert die neue Beschattungsanlage vom Kran auf einen Wintergarten im dritten Stock. Sorgen bereitet dem Firmenchef allerdings das Thema Nachwuchs. Seit fünf Jahren sucht er vergeblich nach einem Azubi.

Ein Drittel weniger Azubis als im Jahr 2010

Mit diesem Problem steht er nicht allein da. In ganz Sachsen-Anhalt fehlen im Handwerk seit langem Auszubildende. Die Handwerkskammern zählten zuletzt rund 7100 Ausbildungsverhältnisse, das ist gut ein Drittel weniger als noch im Jahr 2010. Immerhin bleit die Zahl inzwischen auf gleichem Niveau. Zum Ausbildungsstart im August dieses Jahres waren in Sachsen-Anhalt 560 Lehrstellen nicht besetzt. Im Landesnorden werden besonders dringend etwa Lebensmittelhandwerker und Metallbauerinnen gesucht. Im Süden sind Lehrlinge vor allem in Bereichen wie Bau und Elektro rar. Am größten ist die Not in ländlichen Regionen. Das Dauer-Problem hinterlässt bereits Spuren, denn der Handwerkskammer Magdeburg zufolge können schon jetzt erste Betriebe wegen betriebsinternen Fachkräfte-Mangels Aufträge nicht annehmen.

Auch Raumausstatter Andreas Dieckmann beunruhigt seine freie Azubi-Stelle vor allem mit Blick auf die Zukunft. "Mein Unternehmen soll wachsen und seinen Platz am Markt sichern", erklärt er. Sein Team sei zwar im Durchschnitt jung. "Aber ich muss auch für später vorbeugen." Seinen Nachwuchs möchte er gern selbst ausbilden, sind doch die Aufgaben sehr spezifisch – zum Beispiel das Montieren besagter Sonnenschutztechnik auf einen Wintergarten. Dass Dieckmanns Suche bisher erfolglos geblieben ist, hat aus seiner Sicht viele Gründe. Die wichtigsten gelten aus seiner Sicht für das gesamte Handwerk.

Knapp die Hälfte der Azubis fährt zur Berufsschule 30 Kilometer und weiter

Da wären zum Beispiel die Fahrtwege zur Berufsschule. Eine Umfrage im Auftrag der Handwerks- sowie der Industrie- und Handelskammern im Land, für die alle Azubis kontaktiert worden waren, hat ergeben: Fast die Hälfte der Auszubildenden legt 30 Kilometer und mehr zurück. Das liegt zum einen an der ländlichen Struktur des Bundeslandes, zum anderen an starrer Bürokratie. Denn je nach Firmenstandort ist in Sachsen-Anhalt genau festgelegt, welche Berufsschule ein Azubi besuchen muss. Der Analyse zufolge wäre zwar für jeden fünften Befragten ein näherer Standort geeignet. Aber Landkreisgrenzen und Vereinbarungen zwischen den Kammern der Bundesländer führen oft zu einer anderen Zuordnung. Ein Azubi beim Harzer Andreas Dieckmann etwa müsste ins sächsische Plauen fahren, obwohl Hildesheim im benachbarten Niedersachsen deutlich näher liegt.

Uhrmacher Carl Robra aus Seehausen repariert eine Uhr.
Carl Robra aus Seehausen (Altmark) hat im Sommer seine Ausbildung zum Uhrmacher abgeschlossen. Bildrechte: Carl Robra

Das Problem mit den weiten Wegen kennt auch Carl Robra. Er hat im Sommer seine Ausbildung zum Uhrmacher in Seehausen (Altmark) abgeschlossen. Weil es in seiner Zunft kaum Fachklassen gibt, musste er ins fünf Zugstunden entfernte Glashütte fahren. Robras Vorteil: Die Eltern wohnen in Dresden. "Manche Mitschüler haben mit der weiten Fahrt aber schon gehadert", berichtet er.

Mehr digitaler Unterricht könnte Abhilfe schaffen

Burghard Grupe, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Magdeburg, sieht eine Möglichkeit, das Problem zu kompensieren, im Ausbau digitaler Angebote. "Ich würde mir an den Berufsschulen hybride Lernmethoden wünschen – also Unterricht sowohl in Präsenz als auch zum Zuschalten von zu Hause aus. Dazu muss man natürlich die Berufsschulen entsprechend ausstatten und die Lehrer schulen."

Chef holt seinen Lehrling jeden Tag zu Hause ab

Weil gerade in vielen ländlichen Regionen Sachsen-Anhalts Bus und Bahn eher selten fahren, ist selbst die Fahrt zur Firma für viele junge Menschen eine Hürde. Das zeigt ein Beispiel eines Handwerkerkollegen von Raumausstatter Dieckmann im Harz. Dachdeckermeister Guido Fischer aus Wernigerode holt seinen Lehrling jeden Morgen mit dem Auto zu Hause ab, um ihn mit in seine Firma ins zehn Kilometer entfernte Langeln zu nehmen. Er sieht keine Alternative. Der Bus nach Langeln fährt schließlich nur viermal am Tag.

Um die Berufsschülerinnen und -schüler zumindest finanziell bei ihren Fahrten zu entlasen, hat das Land zum 1. Januar das Azubi-Ticket eingeführt. Mit dem kann man für 50 Euro im Monat Bus und Bahn nutzen.

Wir haben einen Akademisierungswahn.

Burghard Grupe, Handwerkskammer Magdeburg Burghard Grupe, Handwerkskammer Magdeburg

Eine weitere Ursache für den Azubimangel sieht Raumausstatter Dieckmann in Vorbehalten gegenüber dem Handwerk: "Die Reputation hat sich zwar verbessert", erklärt er. "Es halten sich aber immer noch Klischees." Handwerkskammer-Chef Grupe bestätigt diesen Eindruck. Er erklärt: "Wir haben einen Akademisierungswahn. Sehr viele Schülerinnen und Schüler sind an den Gymnasien, da fällt das Handwerk oft hinten runter." Vorbehalte stammten auch von den Eltern, sagt er. "Sie haben einen großen Einfluss auf die Berufswahl." Ihre Befürchtungen: schlechte Bezahlung, harte körperliche Arbeit, ein schlechtes Ansehen. "Aber die Realität hat sich erheblich verändert. Das Image des Handwerks ist stark gestiegen. Die körperliche Arbeit ist nicht mehr so hart, weil es technische Hilfsmittel gibt. Und die Löhne steigen."

Was die aktuellen Löhne betrifft, gibt es unter den Gewerken große Unterschiede. Der MDR hat die Gehälter für Handwerkerinnen und Handwerker in Sachsen-Anhalt zusammengetragen. Demnach verdienen etwa in Berufen der Körperpflege wie Friseur oder Fußpflegerin ausgelernte Vollzeitangestellte im Durchschnitt nur knapp 1500 Euro im Monat. Mechatroniker hingegen können einen deutlich besseren Lebensstandard finanzieren, sie verdienen das Doppelte. Die Zahlen stammen vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, der Forschungseinrichtung der Bundesagentur für Arbeit in Halle. Errechnet wurde das Medianentgelt, also der Wert einer Einkommensverteilung, der in der Mitte aller Einzelwerte liegt. Zulagen wie Schichtzuschläge wurden mit eingerechnet.

Ich hätte es gutgefunden, wenn es in der Schule mehr Praxisangebote gegeben hätte.

Carl Robra, Uhrmacher Carl Robra, Uhrmacher

Eine weitere Hürde für potenzielle Handwerker-Azubis liegt in der Berufsorientierung. Uhrmacher Carl Robra etwa hat seinen heutigen Beruf nur durch seinen Großvater kennengelernt. Der ist der Seehäuser Uhrmacher Günther Haut und hat ihn letztlich auch ausgebildet. "Für mich ist der Beruf eine perfekte Mischung aus Handwerk und logischem Denken", schwärmt der 22-Jährige. "Das Zusammenspiel in einem Uhrwerk ist so komplex, da fühlt man sich jeden Tag gefordert." Ohne seinen Großvater allerdings wäre er überhaupt nicht auf die Idee gekommen, diesen Beruf zu erlernen. "Ich hätte es gutgefunden, wenn es in der Schule mehr Praxisangebote gegeben hätte, um Handwerksberufe kennenzulernen."

Karrieremöglichkeiten im Handwerk würden besonders am Gymnasium zu wenig vermittelt, klagt Handwerkskammer-Chef Grupe. Diese reichen immerhin von der Meisterausbildung bis hin zu trialen Studiengängen, bei denen man Ausbildung, Meister und Bachelor zugleich absolviert. "Das ist viel zu wenig bekannt", sagt er. "Andersherum kommen aus den Hochschulen oft Absolventen, die keinen adäquaten Arbeitsplatz finden. Es geht letztlich darum, dass jeder seinen Platz findet."

120 Euro fürs Schülerpraktikum im Handwerk

Um mehr Schülerinnen und Schüler in Sachsen-Anhalt zu motivieren, einen Handwerksberuf in ihren Ferien kennenzulernen, zahlt das Land ihnen inzwischen eine Praktikumsprämie in Höhe von 120 Euro pro Woche. Sie gilt für alle Schulformen.

Burghard Grupe ist überzeugt, dass sich eine Ausbildung im Handwerk trotz aller Schwierigkeiten schon aus einem Grund lohnt – einem, der sich nicht in Zahlen fassen lässt: das Gefühl. "Handwerk macht zufrieden. Man hat mit Menschen Kontakt und sieht hinterher, was man geschaffen hat."

Von dieser Zufriedenheit schwärmt auch Andreas Dieckmann: "Ich habe einen der schönsten Berufe der Welt. Wir belegen Böden, bekleiden Wände, dekorieren Stoffe. Es gibt kein schöneres Erlebnis, als wenn man dann am Ende des Tages als Reaktion ein Lächeln in den Gesichtern der Kunden sieht oder Worte des Lobes hört. Das macht einfach glücklich."

Mehr zum Thema

Quelle: MDR/Elisa Sowieja-Stoffregen

10 Kommentare

Kritiker vor 7 Wochen

+...Um die Berufsschülerinnen und -schüler zumindest finanziell bei ihren Fahrten zu entlasten, hat das Land zum 1. Januar das Azubi-Ticket eingeführt. Mit dem kann man für 50 Euro im Monat Bus und Bahn nutzen....+
Zwar eine gute Geste für jene die mit Bus oder Bahn mindestens in die Nähe ihrer Ausbildungsstätte kommen WÜRDEN! Nur müssten die Bus.- und Bahnverbindungen dann wohl eher angepasst werden an die Notwendigkeit der Anfangzeit der Ausbildung, wie nach der Beendigung der Ausbildungszeit pro Tag. Das wiederum können sich ÖPNV finanziell wie personell nicht leisten, denn auch da fehlt ja bekanntlich das notwendige Personal und die Kosten dafür können auch nicht außen vor gelassen werden.

Kritiker vor 7 Wochen

+... Man hat mit Menschen Kontakt und sieht hinterher, was man geschaffen hat."...+
Warum wird hier ganz nebenbei vergessen das nicht alle Kunden mit Handwerkern zufrieden sind und somit für weniger Eigenkosten eine hervorragende Arbeit erwarten, die ihren eigenen Vorstellungen entspricht und nicht die des Handwerkers und dessen Vorgaben? AUCH DAS gehört zu den Kontakten, welche Handwerker mit entsprechenden Mitmenschen haben werden. Bei der zunehmenden Unzufriedenheit vieler Bürger, wo wird diese Unzufriedenheit u.a. dann wohl abgelassen? Ich denke dazu bedarf es kaum noch Worte.

Matthi vor 7 Wochen

Da gebe ich ihnen vollkommen Recht. Ich habe 1980 meine Lehre als Maurer gemacht später in der Erwachsenen Ausbildung meinen Baumaschinisten. Jetzt gehe ich auf die 60 zu und mein Körper ist fertig ein Fitnessstudio hab ich nicht gebraucht es war ist harte Arbeit, Reichtümer hab ich nicht verdient und wenn ich mit 63 frühestmöglich in Rente gehe werde ich noch belohnt mit 18% Abzüge untern Strich 700 Euro Netto Rente. Soll das junge Leute motivieren einen Bauberuf zu erlernen ich glaube nein.

Mehr aus Sachsen-Anhalt