Handwerksserie Studienabbrecher aus Halle wird Schornsteinfeger

Elisa Sowieja-Stoffregen
Bildrechte: MDR/Fabian Frenzel

Erst im zweiten Anlauf hat Jonas Groth seine Berufung gefunden. Nach einem abgebrochenen Studium macht er nun eine Ausbildung zum Schornsteinfeger. Dass Abiturienten ins Handwerk gehen, ist in Sachsen-Anhalt selten. Im Rahmen der Handwerkswoche geht der MDR der Frage nach, woran das liegt.

Schornsteinfeger auf dem Dach eines Hauses
So wie dieser junge Mann steigt auch Studienabbrecher Jonas Groth jetzt regelmäßig aufs Dach. Bildrechte: dpa

Sein Sportstudium hatte sich Jonas Groth mit viel Sport vorgestellt. Doch nach und nach kam die Ernüchterung. "Mir hat das Praktische gefehlt", erzählt er. Das lag weniger am Studienfach, sondern eher an seiner Natur: "Ich habe gemerkt, dass ich nicht der Typ bin, um in der Uni zu sitzen." Heute steigt er regelmäßig aufs Dach. Der 22-Jährige macht eine Ausbildung zum Schornsteinfeger.

Mit seiner Berufsentscheidung ist der Hallenser eine Rarität. Nur jeder zehnte Handwerks-Azubi, der in Sachsen-Anhalt im vergangenen Jahr seine Ausbildung begonnen hat, war jemand mit Abitur (zehn Prozent im Norden des Landes, zwölf Prozent im Süden). Vor zehn Jahren hatte die Quote sogar nur bei sieben Prozent gelegen.

Dass er nicht für einen Bürojob geschaffen ist, war Jonas Groth zu Schulzeiten gar nicht bewusst, erklärt er: "Früher dachte ich: Handwerkliche Sachen sind nicht mein Ding. Aber da hatte ich das noch nicht ausprobiert." So kam es, dass er erst einmal vier Semester lang studierte. Im Nachhinein ärgert er sich, dass er nicht gleich eine Ausbildung begonnen hat, sagt der Lehrling: "Ich hatte damals den Gedanken: Wenn ich Abitur mache, dann muss ich auch studieren, um später gut zu verdienen. Letztendlich war das Quatsch."

Viele Schulleiter sind der Meinung, die Schüler eines Gymnasiums muss man aufs Studium vorbereiten und nicht auf eine Ausbildung.

Thomas Keindorf, Handwerkskammer Halle

Thomas Keindorf, Jonas Groths Chef und zugleich Präsident der Handwerkskammer Halle, sieht vor allem bei den Gymnasien Handlungsbedarf, damit künftig mehr Abiturientinnen und Abiturienten ins Handwerk gehen: "In meinen Augen ist es ein großes Manko, dass dort so gut wie keine Berufsorientierung durchgeführt wird." Damit meint er auch die Studienorientierung: "Wenn jemand wie Jonas Sport studieren möchte, wäre es schön, wenn ihm vorher jemand sagen würde, dass Sportwissenschaften zum kleinen Teil aus Sport und zum großen Teil aus Wissenschaft besteht."

Zwar besagt ein Landtagsbeschluss, dass eine umfassende Berufsorientierung an allen Schulformen, also auch an Gymnasien, stattfinden soll. "Der Beschluss wird aber an vielen Gymnasien noch nicht umgesetzt", klagt Keindorf. "Das hängt mit vom jeweiligen Schulleiter ab. Viele sind der Meinung, die Schüler eines Gymnasiums muss man aufs Studium vorbereiten und nicht auf eine Ausbildung." Das zeigt sich zum Beispiel an der Resonanz auf Beratungs- und Informationsangebote, mit denen die Handwerkskammern Halle und Magdeburg an Gymnasien herantreten. Beide Kammern berichten, dass viele der Schulen dafür nicht offen seien.

Bei meinem Schülerpraktikum habe ich nur Autoreifen geschleppt und Autos gewaschen.

Jonas Groth, Schornsteinfeger-Azubi

Neben Beratungsangeboten würden Thomas Keindorf zufolge vor allem Praktika helfen, Gymnasiasten fürs Handwerk zu interessieren. Damit Praktikantinnen und Praktikanten dann auch im jeweiligen Beruf hängenbleiben, sieht er die Betriebe in der Pflicht: "Wenn man einen Platz bereitstellt, sollte man die Zeit so interessant und abwechslungsreich gestalten, dass Interesse für den Beruf entsteht." Wie es nicht ablaufen sollte, zeigt die Erfahrung von Jonas Groth. Er erinnert sich an sein Schülerpraktikum in einer Autowerkstatt: "Davon war ich sehr enttäuscht. Ich habe zwei Wochen lang nur Autoreifen geschleppt und Autos gewaschen." Inzwischen, sagt Keindorf, habe allerdings durch den Azubimangel in den Unternehmen ein Umdenken eingesetzt. Hilfreich sei es auch, dass das Land inzwischen Schülerinnen und Schüler mit einer Praktikumsprämie zu Ferienpraktika im Handwerk motiviere. 120 Euro erhalten sie pro Woche. Keindorf, der auch CDU-Abgeordneter im Landtag ist, zufolge wird das Angebot gut angenommen.

Bei Berufsfindungsmessen müssen auch die Eltern überzeugt werden

Jonas Groth fand seinen Traumberuf letztlich durch Zufall. Sein Schwiegervater, ein Schornsteinfeger, fragte ihn, ob er ihm zwei Wochen lang helfen wolle. Der Job machte ihm so viel Spaß, dass er sich letztlich in seiner Heimatstadt einen Ausbildungsplatz suchte. Auch die Vorbehalte, die der Hallenser dem Handwerk gegenüber hatte, konnte er nur dank seines Schwiegervaters ausräumen: "Man hat früher oft gehört, dass es für Handwerker nicht viele Aufstiegsmöglichkeiten gibt. Als er mir dann erzählt hat, was es für Perspektiven gibt und wie es mit der Bezahlung aussieht, hat das mein Denken ordentlich umgekrempelt. Ich wusste zum Beispiel nicht, dass man sich später mit seinem Meister in Bereichen wie Energietechnik weiterbilden kann. Das ist ja sehr zukunftsorientiert."

Corona hat uns ein bisschen in die Karten gespielt, weil es plötzlich überall hieß, wir sind systemrelevant.

Thomas Keindorf, Handwerkskammer Halle

Vorurteile hatten im ersten Moment auch seine Freunde, als Jonas Groth ihnen von seinem Plan mit der Ausbildung erzählte: "Sie mussten erstmal schlucken. Einer hat mich sogar gefragt: Bleibst du da nicht unter deinen Möglichkeiten?" Auch Eltern stünden einer Ausbildung im Handwerk oft skeptisch gegenüber, berichtet Keindorf. Das gelte besonders dann, wenn die Sprösslinge aufs Gymnasium gingen: "Sie wollen, dass aus ihren Kindern etwas wird. Bei Berufsfindungsmessen muss man deshalb auch die Eltern überzeugen, dass eine Ausbildung im Handwerk nichts Schlechtes ist, und erklären, dass man nach Abschluss einer dualen Ausbildung immer noch studieren kann – mit einem Meister sogar ohne Abitur." Zudem könne man mit einer Hochschulreife seine Ausbildung um bis zu ein Jahr verkürzen.

Um Studienabbrecher wie Jonas Groth bei der Suche nach ihrer wahren Berufung zu unterstützen, bieten die Handwerkskammern im Land sogenannte Studienzweifler-Sprechstunden an. Dort kann man sich dazu beraten lassen, welcher Beruf zu einem passt und welche Karrierechancen sich bieten.

Studienzweifler-Sprechstunde Auch zu Corona-Zeiten werden Studienzweifler in Sachsen-Anhalt beraten.
Ansprechpartnerin für den Landesnorden ist Silke Handschuck.
E-Mail: shandschuck@hwk-magdeburg.de
Telefon: 0391 626 818

Ansprechpartner für den Süden des Landes ist Heiko Fengler.
E-Mail: hfengler@hwkhalle.de
Telefon: 0345 2999 210

Auch wenn Handwerks-Azubis in Sachsen-Anhalt immer noch Mangelware sind, hat Thomas Keindorf das Gefühl, dass unter jungen Menschen langsam ein Umdenken einsetzt und sie die Perspektiven besser erkennen. "Corona hat uns da ein bisschen in die Karten gespielt, weil es plötzlich überall hieß, wir sind systemrelevant. Wir waren von keinem Lockdown betroffen", eklärt er. "Junge Leute orientieren sich an so etwas. Sie sehen, dass es viel zu tun gibt, dass es gutes Geld zu verdienen gibt, dass man mit 25 Jahren schon seinen eigenen Betrieb führen kann. Das sind Perspektiven, die jetzt bei ihnen mehr zählen."

Das zeigt auch eine Bewerbung, die der Handwerkskammer-Chef neulich auf dem Tisch hatte. Sie ist noch viel ungewöhnlicher als die von Jonas Groth: Da möchte jemand Schornsteinfeger werden, der 28 Jahre alt ist und zehn Semester Physik studiert hat.

MDR/Elisa Sowieja-Stoffregen

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