50 Kilometer Schulweg Immer längere Wege für Azubis – Handwerkskammer fordert Verbesserung

MDR-Wirtschaftsjournalist Ralf Geißler
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Laut Statistik beträgt der durchschnittliche Arbeitsweg für Berufspendler 17 Kilometer. So mancher Berufsschüler kann darüber nur müde lächeln. Denn die Wege zu den Berufsschulen in Sachsen-Anhalt werden immer weiter. Fünfzig Kilometer pro Strecke sind keine Seltenheit. Die Handwerkskammern mahnen Verbesserungen an.

Auszubildende sitzen im Unterricht
Digitalunterricht gehört in vielen Berufsschulen noch nicht zur Regel. Bildrechte: dpa

Sophie Leopold hat sich für einen, aus ihrer Sicht, naheliegenden Beruf entschieden. Sie will Fleischerin werden. So wie der Papa. Der betreibt in Harzgerode eine Metzgerei. Das praktische Handwerk lernt Sophie Leopold deshalb von ihm. Die Theorie erhält sie in der fürs Fleischergewerbe zuständigen Berufsschule in Weißenfels.

Weniger Lehrlinge und Klassen sorgen für weitere Wege

Doch das ist sehr weit weg, selbst für eine junge Frau mit Führerschein: "Aktuell fahre ich 99 Kilometer bis zur Berufsschule. Das sind in etwa anderthalb Stunden Fahrzeit, die ich pro Wegstrecke rechnen muss."

Ein 17-jähriger Berufsschulkamerad aus Helbra müsse mit dem Zug um 5 Uhr morgens losfahren, damit er um acht Uhr in der Schule sei, erzählt die Auszubildende.

Früher gab es auch in Magdeburg, Halberstadt und Halle Berufsschulklassen für Fleischer. Doch weil die Anzahl der Lehrlinge gesunken ist, wurden die Klassen eingespart. Das betrifft auch andere Berufsausbildungen.

Mehrheit der Azubis fährt mehr als 50 Kilometer

Nach Ansicht von Burghard Grupe, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Magdeburg, ist es ein riesiges Problem. Drei Viertel aller Berufsschüler in Sachsen-Anhalt führen mittlerweile mindestens 50 Kilometer zur Berufsschule: "Ich kenne durchaus Fälle, wo Lehrlinge abgesagt haben, weil ihnen die Fahrten zu weit geworden sind."

Als Beispiel nennt Grupe einen 16- oder 17-jährigen Bäckerlehrling in der Altmark. Dieser müsse zur Berufsschule nach Weißenfels. Da er vom Dorf komme, könne er auch nicht mit dem Nahverkehr fahren, sodass die Fahrt einer Tagesreise entspreche. "Da muss unbedingt was passieren", stellt der Geschäftsführer fest.

Grupe fordert mehr digitale Lehrangebote für Berufsschüler, um die Fahrerei zu begrenzen. Außerdem müssten ordentliche Internate her, in denen die Schüler gern übernachteten.

Handwerkskammer fordert Aufhebung der Landkreisregel

Außerdem fordert der Kammergeschäftsführer, Grenzen wegzudenken. Es sei traurig, dass ein Azubi regulär in seinem eigenen Landkreis beschult werden müsse, selbst dann, wenn die passende Berufsschule im Nachbarkreis viel näher sei: "Eine Landkreisgrenze darf keine Barriere sein, dass man im Landkreis bleiben muss und dafür sehr weit fährt, auch über Landesgrenzen hinweg."

Wenn auf der anderen Seite in Thüringen, in Brandenburg, in Niedersachsen eine Berufsschule sei, müsse es natürlich ein Geben und Nehmen sein, sodass Schülerinnen und Schüler dorthin fahren könnten, betont Grupe: "Es müssen entsprechende Vereinbarungen abgeschlossen werden."

Beschulung im Nachbarkreis kostet Kommune Geld

Zuständig dafür ist in Sachsen-Anhalt Eva Feußner. Die Bildungsministerin sagt, grundsätzlich könne ein Berufsschüler auch jetzt schon im Nachbarkreis zur Schule gehen. Das koste aber Geld. Der aufnehmende Kreis verlange dann einen Gastschulbeitrag von dem Kreis, aus dem der Schüler komme. Vor allem die Städte profitierten von dem System.

Zu den Gastschulbeiträgen gebe es leider keinen Konsens, sagt Feußner: "Ich würde sie gerne abschaffen. Aber der Profitierende möchte das natürlich weiter behalten. Und der Abzugebende, der also bezahlt, möchte das gern aufgeben." Das könne man auch innerhalb der kommunalen Familie nicht so einfach lösen.

Digitalunterricht soll möglich werden

Damit bleibt der Besuch einer nahegelegenen Berufsschule im Nachbarkreis weiterhin eine Sache, die beantragt und genehmigt werden muss. Und so mancher Berufsschulweg bleibt deswegen womöglich weit.

In einer Sache verspricht die Ministerin aber Bewegung. Das Land wolle an Berufsschulen Digitalunterricht regulär ermöglichen. Noch stehe man da aber am Anfang und suche für ein Modellprojekt passende Fachklassen.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | MDR AKTUELL RADIO | 18. Oktober 2021 | 06:10 Uhr

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