Probleme auf Baustellen Warum Holz, Stahl und andere Baustoffe immer teurer werden

MDR SACHSEN-ANHALT-Reporter Lucas Riemer
Bildrechte: Magnus Wiedenmann

Handwerksbetriebe, Bauherrinnen und Bauherren in Sachsen-Anhalt haben seit Monaten Probleme, die man zuletzt aus DDR-Zeiten kannte: Bei Materialien wie Holz, Stahl und Beton gibt es Lieferschwierigkeiten. Was sind die Gründe für die Baustoffkrise – und welche Folgen hat sie?

Maurer auf der Baustelle
Für manche Baustoffe hat sich der Preis in den letzten Monaten verdreifacht. (Symbolbild) Bildrechte: imago images/U. J. Alexander

Die Mitarbeitenden von Thomas Kowalski dürfen sich seit einigen Monaten über ungewohnte Abwechslung im Arbeitsalltag freuen. Kowalski ist Geschäftsführer des Halberstädter Bauunternehmens Handwerker Union. Seine 19 Angestellten verarbeiten vor allem Holz, Stahl und Beton – Materialien, die derzeit nur schwer und teuer zu bekommen sind. Mancherorts werden Handwerker wegen der Lieferengpässe bei vielen Baustoffen in Kurzarbeit geschickt, um Warte- und Lieferzeiten zu überbrücken. Thomas Kowalski hat sich dagegen für ein anderes Modell entschieden. Er setzt seine Leute lieber fachfremd dort ein, wo gerade genug Baustoffe vorhanden sind. So wurde in den vergangenen Monaten schon mancher Zimmermann in seiner Firma zum Hilfstrockenbauer.

Thomas Kowalski
Thomas Kowalski ist Bauunternehmer in Halberstadt. Bildrechte: Thomas Kowalski

"Vor wenigen Monaten hat ein Kubikmeter Beton 60 Euro gekostet, zuletzt waren es mehr als 110 Euro", berichtet Kowalski. Beim Konstruktionsvollholz, einem speziellen Bauholz, habe sich der Preis seiner Beobachtung nach mehr als verdoppelt: von 650 Euro pro Kubikmeter auf bis zu 1500 Euro. Das Statistische Bundesamt beziffert den Preisanstieg bei Konstruktionsvollholz von Mai 2020 bis Mai 2021 auf 83,3 Prozent, allerdings war zu diesem Zeitpunkt noch nicht das höchste Preisniveau erreicht. Dagegen sei die Preissteigerung beim Stahl mit etwa 80 Prozent vergleichsweise fast schon moderat ausgefallen, so Thomas Kowalski.

Zwei Drittel der Handwerksunternehmen sind von Bauverzögerungen betroffen

Von Lieferproblemen und der Preisexplosion bei Baustoffen kann auch Marco Vack berichten. Seit Anfang des Jahres hätten sich die Holzpreise etwa verdreifacht, sagt der Zimmerermeister, der in Stendal einen Betrieb mit acht Mitarbeitenden leitet. Die Folge: Allein das Rohmaterial für einen Dachstuhl koste inzwischen so viel wie vor wenigen Monaten ein komplett fertiger Dachstuhl. Noch bis vor wenigen Wochen hätte man Holz zwar jederzeit bestellen können, allerdings ohne feste Zusage für Preis und Liefertermin.

Inzwischen entspannt sich die Lage etwas. Ich vermute aber, dass die Preise langfristig auf hohem Niveau stagnieren werden.

Marco Vack, Zimmerermeister

Kowalski und Vack sind keine Einzelfälle. Eine Umfrage des Bauindustrieverbandes Ost kam zu dem Ergebnis, dass rund 90 Prozent der Mitgliedsunternehmen in Sachsen und Sachsen-Anhalt von Lieferschwierigkeiten betroffen sind. Rund zwei Drittel der befragten Unternehmen gaben an, deswegen von Bauverzögerungen betroffen zu sein, ein Drittel fürchtet sogar Baustopps. Die Ursachen für die Baustoffkrise sind allerdings nicht in Sachsen-Anhalt zu finden – sondern an verschiedenen Orten in aller Welt.

Vielfältige Gründe für die Krise

"Ich sehe ja hier, was im Harz abgeholzt wird", sagt Bauunternehmer Kowalski aus Halberstadt. "Es ist eigentlich genügend Holz da, aber trotzdem haben wir die Preissteigerungen. Das lässt sich mit regionalen Faktoren nicht begründen." Es sei vor allem eine erhöhte Nachfrage nach Baumaterialien aus China und den USA, die hierzulande die Preise steigen lassen, vermutet er.

Es ist eine Vermutung, mit der Thomas Kowalski wohl nicht ganz falsch liegt. Sie deckt sich mit dem, was Susann Stein vom Bauindustrieverband Ost der MDR Umschau sagte: So führte laut Stein der Immobilienboom in den USA zu einem gestiegenen Holzbedarf, den Kanada, der traditionelle Holzlieferant der Vereinigten Staaten, nicht allein decken konnte. Dazu kämen langfristige Lieferverträge mit China sowie hierzulande immer mehr Umweltschäden, etwa durch Hitze oder Sturm, die den einheimischen Holzertrag verringern würden.

Bei Rohstoffen wie Stahl, Beton oder Dämmstoffen liegen die Lieferprobleme vor allem in der Corona-Krise begründet. "In der Pandemie wurden weltweit Produktionskapazitäten heruntergefahren", sagt Susanne Stein. Die Blockade des Suezkanals, in dem Ende März ein Containerschiff auf Grund gelaufen war und dadurch die weltweiten Lieferketten aus dem Takt gebracht hatte, habe die Situation zusätzlich verschärft.

Spekulation als Preistreiber

Manche Geschäftsleute witterten in der Krise Chancen auf große Gewinne, kauften im großen Stil Holz auf und trieben die Preise so weiter in die Höhe. "Das, was am Anfang der Pandemie die Toilettenpapierkäufe waren, gibt es jetzt im gewerblichen Bereich", sagt Bauunternehmer Kowalski. Menschen, die normalerweise mit Autos handeln, hätten ihm plötzlich Holz verkaufen wollen.

Wegen der deutlich gestiegenen Preise müssten Unternehmen viel mehr Geld vorstrecken, um ihre Materialrechnungen zu bezahlen, weist Zimmerermeister Marco Vack auf ein weiteres Problem der Baustoffkrise hin. Er habe genügend Rücklagen, doch wer nicht über die nötige Liquidität verfüge, müsse nun möglicherweise Kredite in Anspruch nehmen, um überhaupt Material einkaufen zu können.

Besserung in Sicht

Die Leidtragenden der Preisexplosion sind aber nicht nur Handwerker wie Marco Vack oder Thomas Kowalski, sondern auch deren Kundinnen und Kunden, die die gestiegenen Kosten letztlich zahlen müssen. Er sei in der glücklichen Lage, keine Verträge abgeschlossen zu haben, in denen er Preise garantiert hat, die nun nicht mehr zu halten seien, sagt Unternehmer Thomas Kowalski aus Halberstadt. Seine Angebote hat er trotzdem angepasst. Statt für sechs Wochen garantiert er den darin genannten Preis nun nur noch für sieben Tage.

Inzwischen sieht Kowalski jedoch Licht am Ende des Tunnels: "Die Baustoffpreise haben ein Niveau erreicht, bei dem wir prognostizieren, dass es nicht weiter steigt, sondern langsam wieder sinkt – auch weil im Winter die Nachfrage zurückgeht." Spätestens dann können wohl auch seine Angestellten dauerhaft in ihre angestammten Gewerke zurückkehren.

MDR SACHSEN-ANHALT-Reporter Lucas Riemer
Bildrechte: Magnus Wiedenmann

Über den Autor Lucas Riemer arbeitet seit Juni 2021 bei MDR SACHSEN-ANHALT. Der gebürtige Wittenberger hat Medien- und Kommunikationswissenschaft in Ilmenau sowie Journalismus in Mainz studiert und anschließend mehrere Jahre als Redakteur in Hamburg gearbeitet, unter anderem für das Magazin GEOlino.

Bei MDR SACHSEN-ANHALT berichtet er vor allem über kleine und große Geschichten aus den Regionen des Landes.

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Quelle: MDR/Lucas Riemer

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