Berufswahl in Corona-Zeiten Warum Schulabgänger in Sachsen-Anhalt ihre Ausbildung aufschieben

Elisa Sowieja-Stoffregen
Bildrechte: MDR/Fabian Frenzel

Corona hat Schulabgängern die Berufsorientierung verhagelt: Es gab kaum Praktika, weniger Beratung in den Schulen. Viele schieben deshalb ihre Ausbildung auf und legen zum Beispiel ein Freiwilliges Soziales Jahr ein, berichten Magdeburger Berufsberater. Auch die Sorge, im Homeschooling zu wenig gelernt zu haben, hält Absolventen von einem direkten Ausbildungsstart ab.

Ausbilder Carsten Pohle (im Kittel) erläutert Auszubildenden im 2. Lehrjahr die Funktionsweise eines Hybridantriebes im Porsche Ausbildungszentrum.
Viele Schulabgänger beginnen aus Unsicherheit nicht gleich eine Ausbildung, sondern legen ein Überbrückungsjahr ein. Bildrechte: dpa

  • Wegen Corona ist die Bewerberzahl für Ausbildungen stärker gesunken als vor der Pandemie.
  • Viele legen erstmal ein Freiwilliges Soziales Jahr ein oder wiederholen freiwillig ein Schuljahr – obwohl sie auch mit mäßigen Noten gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt hätten.
  • Berufsberater in Magdeburg berichten, dass durch die eingeschränkten Beratungsmöglichkeiten in der Pandemie viele Jugendliche planlos wirken.

Erzieherin in einem Kinderwohnheim – das ist genau Lena Przybyls Ding. Das Beste daran? Kann sie auf den Punkt formulieren: "Sehen, wie sich die Kids entwickeln." Im Herbst will die 17-Jährige aus Gardelegen ihre Wunschausbildung beginnen. Welche Arbeit zu ihr passt, hat sie in einem Freiwilligen Sozialen Jahr herausgefunden. Wäre sie direkt nach dem Sekundarschulabschluss in eine Lehre gegangen, hätte sie bei der Berufswahl viel Glück gebraucht. Denn zu Schulzeiten hatte Lena Pryzbyl nicht einen Tag Betriebspraktikum. Das haben ihr die Corona-Lockdowns verhagelt.

Rückgang der Bewerberzahlen in Magdeburg immer noch hoch

So wie die Altmärkerin haben seit Beginn der Pandemie viele Jugendliche in Sachsen-Anhalt ihre Berufsausbildung aufgeschoben. Seit 2020 ist die Bewerberzahl für Ausbildungsplätze stärker gesunken als sonst. Der Rückgang – normalerweise vor allem bedingt durch die schrumpfende Bevölkerung – fiel kurz nach Pandemiebeginn doppelt so hoch aus wie in den Vorjahren. 2021 zogen die Bewerberzahlen wieder an, erreichten aber noch nicht das Vorkrisenniveau von 2019. In Magdeburg war die Zahl der Ausbildungswilligen sogar immer noch um 19 Prozent niedriger als vor der Pandemie. Sonst lang der Rückgang dort in solch einem Zeitraum bei rund 10 Prozent.

Viele Jugendliche entscheiden sich wegen der Corona-Pandemie für eine Überbrückung, erklärt Karsten Bieler. Er leitet das Berufsberater-Team der Agentur für Arbeit im Raum Magdeburg und Börde und berät auch selbst in Schulen. "Sie legen zum Beispiel ein Freiwilliges Soziales Jahr ein, machen ihre Fachhochschulreife oder wiederholen freiwillig das Schuljahr, um ihre Noten zu verbessern."

Viele fragen sich: Beschütze ich lieber mein Kind und gebe es noch ein Jahr länger in die Schule?

Karsten Bieler, Teamleiter Berufsberater
Karsten Bieler, Teamleiter der Berufsberatung bei der Agentur für Arbeit Sachsen-Anhalt Nord.
Karsten Bieler berät Jugendliche bei der Berufswahl. Bildrechte: MDR/Elisa Sowieja-Stoffregen

Dabei hätten sie auch mit einem mäßigen Abschlusszeugnis gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Denn nach wie vor bieten Unternehmen deutlich mehr Ausbildungsplätze an, als es Bewerber gibt. Schließlich sitzt ihnen seit Jahren der Fachkräftemangel im Nacken, sie sind also auf selbst ausgebildetes Personal angewiesen. Doch es herrsche Verunsicherung, sagt Bieler – und zwar nicht nur bei Jugendlichen, sondern auch bei Eltern: "Viele fragen sich: Beschütze ich lieber mein Kind und gebe es noch ein Jahr länger in die Schule?"

Fehlende Berufspraktika sind Bieler zufolge ein Hauptgrund für die Verunsicherung. "Es gibt Klassen, die wegen der Pandemie gar nicht in Betrieben waren", berichtet er. "Diesen Jugendlichen fällt es oft besonders schwer sich für einen Beruf zu entscheiden."

Passt der Beruf wirklich zu mir?

Wie wichtig ein Einblick in die Praxis ist, zeigt das Beispiel von Lena Przybyl. Auch wenn sie schon zu Schulzeiten mit dem Erzieher-Beruf liebäugelte: Ob der wirklich zu ihr passt, ob sie besser mit Kleinkindern oder mit Jugendlichen umgehen kann, ob ihr eher die klassische Tagesbetreuung liegt oder die Arbeit an Projekten – all das konnte sie damals nur raten.

In ihrem Freiwilligen-Dienst hat sich die Altmärkerin in einem Kinderwohnheim und in einem Jugendclub ausprobiert. Jetzt weiß sie: "Für mich ist die Arbeit im Kinderwohnheim besser. Da habe ich mit Jugendlichen und mit Kindern zu tun. Außerdem sind die Arbeitsabläufe strukturierter als in einem Jugendclub, das passt ganz gut zu mir."

Berufsorientierung beginnt sonst schon zwei Jahre vor dem Abschluss

Berufsberater Bieler sieht das Problem aber nicht nur in fehlenden Praktika. "Wir konnten durch die Pandemie auch teils keine Berater in die Schulen schicken", berichtet er. Normalerweise sprechen er und seine Kollegen schon zwei Jahre vor dem Abschluss zum ersten Mal mit den künftigen Absolventen – bei den jetzigen Zehntklässlern wäre das also kurz nach Pandemiebeginn gewesen. Außerdem gab es kaum Berufsfindungsmessen.

Ich habe das Gefühl, die Jugendlichen sind noch im Lockdown-Modus.

Karsten Bieler, Teamleiter Berufsberater

Das Ergebnis: "Manche Jugendliche sind beim Thema Ausbildungssuche ziemlich planlos." Immer wieder hören die Magdeburger Berufsberater, dass Schüler für den Ausbildungsstart im Herbst noch keine Bewerbung losgeschickt haben. Dabei ist der Bewerbungsschluss im öffentlichen Dienst und bei vielen Firmen längst verstrichen. "Ich habe das Gefühl, die Jugendlichen sind noch im Lockdown-Modus", sagt Bieler. "Sie warten, dass der große Startschuss kommt, wo ihnen jemand sagt: Corona ist vorbei, jetzt geht's wieder los."

Noch ist es für Nachzügler aber nicht zu spät. Denn dem Berufsberater zufolge verlängern Betriebe oft ihre Fristen, weil sie im ersten Durchgang keine passenden Bewerber finden.

Bei Wissenslücken organisiert die Arbeitsagentur Nachhilfe

Zur Entscheidung, nach dem Abschluss nicht gleich in die Ausbildung zu starten, tragen Bieler zufolge oft auch die Folgen des monatelangen Homeschooling bei: "Viele sind sich unsicher, ob sie die Ausbildung schaffen. Sie fragen sich: Habe ich in der Schule genug gelernt?" Doch auch hier beruhigt der Berufsberater. Denn die Arbeitsagentur organisiert für Azubis bei Bedarf Nachhilfe.

Im kommenden Ausbildungsjahr wird das Vorkrisenniveau noch immer nicht erreicht werden. Das glaubt Georg Haberland, Sprecher der Agentur für Arbeit Sachsen-Anhalt Nord. "Wir werden voraussichtlich ähnliche Bewerberzahlen haben wie im letzten Jahr. Wenn die Berater dann wieder dauerhaft in die Schulen gehen können, werden sie sukzessive aufwachsen."

Unternehmen macht der Rückgang nicht zusätzlich zu schaffen

Für die Firmen scheint das aber kein größeres Problem zu sein. Sowohl die Handwerkskammer (HWK) als auch die Industrie- und Handelskammer (IHK) in Magdeburg berichten, dass den Unternehmen der Bewerberrückgang nicht zusätzlich zu schaffen mache, da inzwischen der Abstand zum Vorkrisenniveau nicht mehr groß sei. IHK-Specher Torsten Scheer betont allerdings: "Der allgemeine Trend zu sinkenden Ausbildungszahlen wird weiterhin spürbar bleiben. Besonders in den gewerblich-technischen Berufen ist die Anzahl der Bewerberinnen und Bewerber rückläufig."

Wo man Infos zum passenden Ausbildungsberuf findet

Die Arbeitsagentur hat all ihre Infos rund um das Thema Berufswahl auf einer Übersichtsseite zusammengefasst, dort kann man auch Termine vereinbaren.

Infos zu einzelnen Berufen findet man auf einer extra Seite der Arbeitsagentur.

Die Handwerkskammer Magdeburg hat auf ihrer Seite eine Lehrstellen- und Praktikumsbörse eingerichtet.

Die Handwerkskammer hat auch eine Seite mit Informationen zu Handwerksberufen.

Außerdem finden wieder Berufsfindungsmessen statt, zum Beispiel die der Industrie- und Handelskammer Magdeburg (IHK) am 22. April oder die Handwerk4you im Berufsbildungszentrum der Handwerkskammer Magdeburg am 17. September. Weitere Messen in Sachsen-Anhalt hat die IHK hier zusammengetragen.

Wer mehr über ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) wissen möchte, findet Infos auf einer Seite des Vereins Internationale Jugendgemeinschaftsdienste, der das FSJ organisiert.

Langzeitpraktikum kann Unentschlossenen helfen

Wer kurz vor dem Abschluss nicht weiß, was er werden will, hat übrigens noch mehr Möglichkeiten als ein Freiwilligendienst oder länger in die Schule zu gehen. Eine Alternative ist ein Langzeitpraktikum. Das geht über sechs bis zwölf Monate und wird von der Agentur für Arbeit gefördert. Noch eine Möglichkeit: die berufsvorbereitende Bildungsmaßnahme. Dabei schnuppert man in mehrere Bereiche hinein, zum Beispiel Bau oder Metall. Ansprechpartner für beides sind die Berufsberater in den Schulen.

Für Lena Przybyl war das Freiwillige Soziale Jahr genau die richtige Entscheidung. Die Zeit in den beiden Jugendeinrichtungen hat sich für sie gleich doppelt gelohnt. Denn sie kann sich einige Hundert Praxisstunden für ihre Ausbildung anrechnen lassen. Dafür muss sie im Zuge der Lehre ihr Fachabi mitmachen. Die Bewerbung an der Berufsschule in Wolmirstedt hat die 17-Jährige schon verschickt. Wird sie angenommen, stehen die Chancen gut, dass sie für die Ausbildung gleich in dem Gardelegener Kinderwohnheim bleiben kann.

Elisa Sowieja-Stoffregen
Bildrechte: MDR/Fabian Frenzel

Über die Autorin Elisa Sowieja-Stoffregen arbeitet seit September 2021 für MDR SACHSEN-ANHALT. Nach ihrem Studium in Erfurt hat sie lange bei der Volksstimme gearbeitet, vor allem als Landesreporterin. Nun nimmt sie zu ihren Terminen neben Zettel und Stift auch Smartphone und Mikrofon mit.

Die gebürtige Magdeburgerin ist für MDR SACHSEN-ANHALT als Reporterin vor allem in den Gemeinden und kleinen Städten unterwegs. In ihrer Freizeit hechtet sie gern Badmintonbällen hinterher und testet immer mal wieder, wie viele "Warum?"-Fragen am Stück sie kindgerecht und mit pädagogischer Finesse beantworten kann, bevor ihr ein "Weiell-das-so-ist!" herausrutscht.

MDR (Elisa Sowieja-Stoffregen)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT | 28. März 2022 | 08:30 Uhr

3 Kommentare

Pollux23 vor 35 Wochen

Hallo liebe Verfasserin.
Ihr Bericht liest sich für mich wie ein Treppenwitz.
Meine Frau, meine Tochter und ich suchen seit über 2 Jahren nach einer normalen betrieblichen Lehrstelle für unsere Tochter. Durch die ganzen von Ihnen beschriebenen Umstände ist unsere Tochter aktuell auch in einem FSJ. Aber nicht weil Sie ihren Ausbildungsbeginn verschieben wollte, sondern, weil wir in den zurückliegenden über 2 Jahren, nach über 100 Bewerbungen, nicht eine einzige positive Antwort von einem Unternehmen erhalten haben. Obwohl die Tochter sogar ein FachAbi hat.
Ich persönlich frage mich manchmal nach welcher "eierlegenden WollMilchSau" die ausbildenden Betriebe suchen. Man hört immer nur in den Medien Fachkräftemangel und/oder Mangel an Azubis....
Und man selbst fragt sich was macht unsere Tochter falsch, wenn Sie mit FachAbi nicht mal bei Kaufland oder Rossmann als Azubi Verkäuferin genommen wird.....
Grüße von einem mega abgenervten Vater...aus dem Jerichower Land

hansfriederleistner vor 35 Wochen

Mancher mögliche Ausbildungsplatz wird auch dank des bürokratischen Aufwands und Auflagen von Kleinunternehmen nicht mehr besetzt.

Steffen 1978 vor 35 Wochen

Fast 3 Jahre wurde Angst und Hysterie verbreitet das Resultat sehen wir jetzt
Danke Politik

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