Katholische Kirche "Fürchtet euch nicht": Bischof Feige ruft zu Weihnachten zur Hoffnung auf

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Das Weihnachtsfest in diesem Jahr steht erneut im Zeichen des Coronavirus. In vielen Gemeinden gibt es Einschränkungen und zugleich wächst die Unzufriedenheit der Menschen. Bischof Gerhard Feige fordert zu mehr Gelassenheit auf. Weihnachten sei der Gegenentwurf zu den angstbestimmten Debatten dieser Tage.

Friedrich Kramer (l), Landesbischof der Evangelischen Kirche Mitteldeutschland, und Gerhard Feige, Bischof im katholischen Bistum Magdeburg, stehen bei einem ökumenischen Festgottesdienst auf dem Hauptbahnhof.
Friedrich Kramer (l), Landesbischof der Evangelischen Kirche Mitteldeutschland, und Gerhard Feige, Bischof im katholischen Bistum Magdeburg, stehen bei einem ökumenischen Festgottesdienst auf dem Hauptbahnhof. Bildrechte: dpa

In diesem Jahr mischt sich in vielen Städten Sachsen-Anhalt zum dem bunten Lampen der Weihnachtsdekorationen auch das blaue Licht von Polizeifahrzeugen. Die Demonstrationen, meist unangemeldet, verlaufen teilweise auch gewalttätig, vor allem dort, wo polizeibekannte Rechtsextremisten versuchen, den Protest für ihre eigenen Zwecke zu instrumentalisieren.

Demonstranten gegen Corona-Maßnahme sind Minderheit

Auch, wenn es zum Teil Tausende Menschen sind, die da ihren Unmut herausschreien, so ist es doch nur eine Minderheit, betont Bischof Gerhard Feige. Er ist Bischof der rund 77.000 Katholiken in Sachsen-Anhalt:

Es gibt keine generelle Spaltung der Gesellschaft. Es geht um eine Mehrheit, welche die Maßnahmen weitgehend mitträgt und auch für vernünftig hält. Und es gibt eine Minderheit, die anderer Auffassung ist.

Gerhard Feige Bischof des Bistums Magdeburg

Und das, so Feige, belaste natürlich – vor allem, wenn diese Minderheit, oder zumindest einzelne Vertreter, aggressiv auftritt.

Nun wird sich kaum jemand in der Adventszeit an einem Montagabend bei nasskaltem Wetter zum Demonstrieren verabreden, wenn er sich nicht durch die aktuelle Corona-Politik herausgefordert fühlen würde. Es ist wohl eine diffuse Mischung aus allgemeiner Unzufriedenheit, mangelndem Vertrauen und allen möglichen Versatzstücken aus Verschwörungserzählungen, die Menschen veranlasst, auf die Straße zu gehen.

Feige: Können Wissenschaft vertrauen

Auch Bischof Gerhard Feige ist von der Heftigkeit der Impfdebatte überrascht und sucht nach möglichen Erklärungen: "Es ist keine Frage der Intelligenz oder des Bildungsstands, sondern vielmehr geht es um Grundhaltungen. Dabei spielen Ängste und Vorurteile eine Rolle, aber eben auch Vertrauen oder Misstrauen. Mit welcher Haltung leben wir? Vertrauen wir darauf, dass es vernünftige Wissenschaftler und Forscher gibt, die auch Ergebnisse vorlegen, die den Menschen dienen? Vertrauen wir darauf, dass Politiker verantwortungsbewusst entscheiden nach bestem Wissen und Gewissen?"

Dass es immer wieder Beispiele gibt, in denen die Politik oder auch die Wissenschaft dieses Vertrauen missbraucht, bestreitet Bischof Feige nicht, doch warnt er davor, diese Fälle zu nutzen, um die Demokratie generell in Frage zu stellen. Als Priester ist Gerhard Feige auch Seelsorger und dies schwingt wohl mit, wenn er sagt, dass es nicht selten sehr persönliche Erlebnisse seien, die ein bestimmtes Verhalten zur Folge habe:

Es gibt sicher manche, die permanent misstrauisch sind, weil sie eben negative Lebenserfahrungen gemacht haben und den Menschen nicht mehr über den Weg trauen können.

Gerhard Feige Bischof des Bistums Magdeburg

Doch dieses Verständnis hat für den Katholiken eine ganz klare Grenze, nämlich dort, wo der Protest in Gewalt umschlägt: "Da muss in einer Demokratie das Gewaltmonopol des Staates zum Einsatz kommen, keine Frage. Es kann nicht jeder machen, was er will, vor allem nicht gewaltbereit und hasserfüllt und so das Zusammenleben in der Gesellschaft beeinträchtigen."

Corona macht auch an Kirchentüren nicht Halt

Dass der Streit nicht an den Kirchentüren halt macht, ist in den vergangenen Monaten auch im Bistum Magdeburg spürbar geworden. So erhält Gerhard Feige Protestbriefe, verbunden mit einem angekündigten Kirchenaustritt, sowohl von Menschen, die sich von Regeln gegängelt fühlen wie von jenen, denen die Maßnahmen nicht weit genug gehen.

Und beide Seiten glauben, sich auf die Bibel berufen zu können. Die einen sind sich sicher, dass Jesus eine Impfgegner gewesen wäre, hätte man vor 2.000 Jahren darüber debattiert, die anderen gehen davon aus, das Jesus sich wohl geboostert hätte. Gerhard Feige verweist in diesem Zusammenhang auf die katholische Soziallehre:

Dr. Gerhard Feige und derm vatikanischen ֖kumene-Beauftragten
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Wenn ich das Gemeinwohl stärken will, dann wird es wohl ratsam sein, sich impfen zu lassen. Das ist kein absoluter Schutz, kein absolutes Heilmittel. Aber so ist garantiert, dass nicht so massive Folgen die Gesellschaft belasten.

Gerhard Feige Bischof des Bistums Magdeburg

Der Bischof sagt weiter: "Das heißt nicht einem Kollektivdenken verfallen, so dass der Einzelne sich nur noch anzupassen hat. Aber der Einzelne ist auch kein absoluter Wert. Er braucht ja die Beziehungen zu anderen Menschen."

Die zunehmende Individualisierung der Gesellschaft mache es aber schwer, diese Verantwortung als Wert an sich zu begreifen. Wer im Internet nach Erleuchtung sucht, landet schnell auf Seiten von impfkritischen Predigern aller möglichen Glaubensrichtungen, vielfach geklickt und kommentiert.

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Joachim Liebig
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"Angedacht" – das geistliche Wort und eine kleine Portion Optimismus für den Start in den Tag. Heute mit Joachim Liebig aus Dessau.

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"Angedacht" – das geistliche Wort und eine kleine Portion Optimismus für den Start in den Tag. Heute mit Joachim Liebig aus Dessau.

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Feige: Aus der Geschichte lernen

So wie viele andere Bischöfe hält auch Gerhard Feige die Kanzel für den falschen Ort der Debatte. Andererseits sei das auch kein Freibrief, Irrlehren unwidersprochen zu lassen. "Das heißt nicht, dass die Kirchen jedem nach dem Mund reden können. Es gibt schon grundsätzliche Dinge, sowohl in religiöser wie moralischer Hinsicht, wo man deutlich Opposition beziehen muss. Aber man darf nicht von vornherein Menschen ausschließen."

Im Bistum Magdeburg wird deshalb bei den Gottesdiensten nach der 3G-Regel verfahren. "Fürchtet Euch nicht", sagt der Engel in der Weihnachtsgeschichte zu den Hirten und dieser Spruch scheint in der zweiten Corona-Weihnacht eine besondere Bedeutung zu haben. Bischof Feige verweist dabei auch auf die Erfahrung früherer Generationen:

Wir leben ja nicht in einem geschichtslosen Raum, sondern können auf vergangene Krisen und deren Überwindung zu schauen. Denn das kann auch Hoffnung machen. Es kann gelingen, solche Krisen zu überwinden. Es gibt die Erfahrung, dass das möglich ist.

Gerhard Feige Bischof des Bistums Magdeburg

Bischof plädiert für optimistischen Blick

Im Nachkriegsdeutschland dürfte das Weihnachtsfest in vieler Hinsicht um einiges beschwerlicher gewesen sein. Feige warnt vor einem Tunnelblick, der sich auf alle Schwierigkeiten und Probleme fokussiert, aber nicht die positiven in den Blick nimmt: "Ich glaube, dass es wichtig ist, sowohl die Schatten wie auch das Licht zu bedenken.

Ich denke da an die vielen Menschen, die sich engagieren und nicht nur auf sich selbst schauen, gerade wenn man auf das Gesundheitswesen denkt. Das ist derzeit riskant, dort seinen Dienst zu tun. Es gibt also auch viel Menschlichkeit. Also den Blick zu weiten, das wäre für mich wichtig."

MDR (Uli Wittstock, Hannes Leonard)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT | 24. Dezember 2021 | 10:40 Uhr

20 Kommentare

DER Beobachter vor 20 Wochen

Nun, die Fakten sprechen für sich: in und innerhalb der Staaten Westeuropas mit der niedrigsten Rate an Drittgeimpften haben wir aktuell und längerfristig die meisten Delta-Leichen v.a. unter den Ungeimpften und zunehmend mehr Omikron-Fälle, v.a. unter den Ungeimpften. Punkt.

DER Beobachter vor 20 Wochen

Ich k a n n ansteckend sein, bin es aber deutlich unwahrscheinlicher als Ungeimpfte. Und ich komme deutlich wahrscheinlicher besser weg als Ungeimpfte, wenn ich erkranken s o l l t e. Ist das sosc hwer zu kapieren, Oooo?

DER Beobachter vor 20 Wochen

Ach, die Impfungen sind schuld an den Zahlen und den neuen Virusvarianten? Oooo, Sie erzählen wieder Märchen. Omikron und Delta sind in den Gebieten mit hoher Durchimpfungsquote nachweislich deutlich weniger problematisch als in denen ohne...

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Die drei wichtigsten Themen vom 17. Mai aus Sachsen-Anhalt erfahren Sie hier kurz und knapp in nur 60 Sekunden. Präsentiert von MDR-Redakteurin Viktoria Schackow.

MDR S-ANHALT Di 17.05.2022 18:00Uhr 00:54 min

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