Bürgerbeteiligung 400 Menschen zeigen den Weg aus der Bildungskrise

Ein großer Mann mit Locken und Brille steht vor einer Betonwand.
Bildrechte: MDR/Viktoria Schackow

Die Bildung in Deutschland verbessern – das ist das Ziel des Bürgerrates "Bildung und Lernen". 400 repräsentativ ausgeloste Menschen ab 16 Jahren haben dafür Forderungen erarbeitet und sie am Dienstag vorgestellt. Mitglied der Gruppe ist auch eine 22-Jährige aus Halle. Cynthia Seidel hat MDR SACHSEN-ANHALT erzählt, warum sie den Bürgerrat spannend findet und was ihre Ideen für die Bildung in Deutschland sind.

Teilnehmer des Bürgerrats Bildung bei ihrem Treffen in der Staatsbibliothek in Berlin
Der Bürgerrat "Bildung und Lernen" hat sich digital und auch in der Staatsbibliothek in Berlin getroffen. Bildrechte: Christoph Soeder / Montag Stiftungen

Unterricht ab 9 Uhr, Schulfach "Lebenskompetenz", eine verpflichtende Fortbildung für Lehrer und altersgerechte Mitbestimmung an jeder Schule: Das sind nur vier konkrete Ideen aus den Forderungen des Bürgerrates "Bildung und Lernen".

Die politisch brisanteste Forderung: Bildungspolitik soll Bundessache werden. Nur so sei sichergestellt, dass Schülerinnen und Schüler problemlos die Schule wechseln können, argumentieren die 400 Teilnehmenden des Bürgerrates.

Teilnehmer des Bürgerrats Bildung bei ihrem Treffen in Berlin
In Workshops, Diskussionsrunden und Online-Meetings entstanden acht konkrete Forderungen an Bildungspolitiker. Bildrechte: Christoph Soeder / Montag Stiftungen

Auf die Beine gestellt hat den Bürgerrat die unabhängige und gemeinnützige Montag Stiftung Denkwerkstatt. Ziel war es, dass 400 zufällig und repräsentativ ausgewählte Menschen Wege aus der Bildungskrise finden. Wichtige gesellschaftliche Fragen sollen also nicht nur in Parlamenten diskutiert werden. "International gelten Bürgerräte als geeignetes Instrument, um Bevölkerung und Politik wieder näher zusammenzubringen", schreibt die Montag Stiftung.

Was ist ein Bürgerrat?

Es ist ein Versuch, politische Entscheidungen neu und anders zu organisieren: ein Bürgerrat. Dabei wird eine bestimmte Anzahl an Menschen in Deutschland angeschrieben, die zuvor per Los und repräsentativ ausgewählt wurden. So entsteht eine Art Mini-Deutschland. Bürgerräte holen die Meinungen von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern ein, diskutieren und entwickeln konkrete Empfehlungen für Berufspolitiker und Parlamente.

Bürgerräte gibt es auf lokaler Ebene, aber auch auf Bundesebene. In Deutschland sind Politiker nicht an die Empfehlungen eines Bürgerrates gebunden. In Irland hat ein Bürgerrat zum Beispiel mehrere Volksentscheide vorbereitet. So wurde dort das Abtreibungsverbot abgeschafft und die Homo-Ehe erlaubt. In Deutschland gab es auch schon mehrere Bürgerräte, unter anderem zur Klimapolitik und zu Deutschlands Rolle in der Welt.

Teilnehmer des Bürgerrats Bildung bei ihrem Treffen in der Staatsbibliothek in Berlin
Die Teilnehmenden des Bürgerrates haben sich für ein Gruppenfoto in der Staatsbibliothek Berlin zusammengefunden. Bildrechte: Christoph Soeder / Montag Stiftungen

Eine junge Hallenserin im Bürgerrat

Der Bürgerrat "Bildung und Lernen" war der bisher größte seiner Art und hat als einziger auch Menschen ab 16 teilnehmen lassen. Auch die 22-jährige Cynthia Seidel aus Halle war dabei. "Das große Ziel des Bürgerrats war es, die Bildung in Deutschland zu verbessern", sagt sie. Dazu hat sie sich mehrmals mit den anderen Teilnehmern getroffen und diskutiert – online und offline.

"Ich hatte von Politik immer ein sehr negatives Bild, weil ich das Gefühl hatte, dass jeder auf seiner Meinung beharrt", sagt sie. Im Bürgerrat habe sie erlebt, wie viele Menschen mit verschiedenen Meinungen respektvoll miteinander umgegangen sind. "Jede Meinung wurde berücksichtigt, es wurden super Kompromisse eingegangen. So kann Politik auch funktionieren", so Seidel.

Sie studiert seit 2018 in Halle, hat gerade ihren Bachelor-Abschluss in Medien- und Kommunikationswissenschaft und Psychologie fertig. Zur Zeit macht sie ein Online-Jura-Studium und plant ihre Masterarbeit. Beim Thema Bildung liegt ihr besonders das lebenslange Lernen am Herzen.

Cynthia Seidels Ideen für den Bürgerrat

Sie sagt: "Wir brauchen die Kenntnis darüber, wie ich meine Steuern mache oder im Zweifel auch, wie ich einen Schraubenzieher halte oder einen Pullover stricke." Dinge, die man zum Leben braucht, sollte man nach Cynthia Seidels Ansicht auch in der Schule lernen. Denn nach der Schule kann es auch eine Frage des Geldes sein: "Für all diese Dinge gibt es ja Dienstleister. Aber vielleicht habe ich nicht genug Geld, um mir diesen Dienstleister zu leisten. Deshalb sollten Kinder diese Kernkompetenzen lernen."

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Cynthia Seidel: Wie geht es den Schülern?

Außerdem hatte Cynthia Seidel einen ganz praktischen Vorschlag für jede Art der Schule: "Dass wir uns am Ende der Woche zehn Minuten Zeit nehmen und eine einfache Frage beantworten: Wie geht es dir?" Schülerinnen und Schüler sollten dann aufschreiben, was sie bewegt oder auch nur entsprechende Smileys ankreuzen.

Das fördert zum einen das Bewusstsein des jeweiligen Menschen, der sich gerade fragt, wie es ihm geht, und die Lehrkräfte können sich ein viel besseres Bild von ihrer Klasse machen und so Rücksicht auf einzelne Schüler nehmen.

Das wäre eine Art psychologische Mini-Übung, um die Selbstreflektion von Schülern zu trainieren: "Denn wir brauchen eine Reflektion, um in der Gesellschaft zu existieren. Wir brauchen die Sensibilität, um auf Menschen zugehen zu können."

Ihre Ideen finden sich in den Empfehlungen des Bürgerrates wieder. Er hatte seit Mai auch mit Politikern und Politikerinnen diskutiert und erste Ideen vorgestellt. Cynthia Seidel sagt, die Politiker waren interessiert, haben aber auf Projekte verwiesen, in denen verschiedene Ideen bereits getestet würden.

Das sind die Forderungen des Bürgerrates

Insgesamt hat der Bürgerrat acht große Empfehlungen in einem Sofortprogramm aufgeschrieben. Weitere Forderungen darin sind unter anderem:

  • dass jede Klasse maximal 20 Schüler und zwei Lehrkräfte hat,
  • dass jede Schule eine Ganztagsbetreuung anbietet,
  • dass Lehrkräfte besser ausgewählt werden,
  • dass Schülerinnen und Schüler digitale Endgeräte erhalten,
  • dass Schülerinnen und Schüler einen Einblick in verschiedene Berufe bekommen und
  • dass alle Schüler die gleichen Bildungschancen bekommen.

Bürgerräte, Politiker und Parlamente

Cynthia Seidel hat daraufhin ihren Mut zusammengenommen und erwidert: "Wenn das alles schon gelöst wäre, dann würde ich hier nicht stehen. Dann würden sich 400 Leute nicht so viel Zeit dafür nehmen und Lösungen suchen." Es gebe immer noch Handlungsbedarf.

Und diesen Handlungsbedarf wird es auch geben, wenn wir all diese Probleme gelöst haben, denn es werden immer wieder neue Probleme aufkommen.

Und Probleme, die viele Menschen betreffen, lassen sich gemeinsam mit vielen auch lösen, glaubt Cynthia Seidel. Bürgerräte findet sie deshalb gut und sagt, Parlamente sollten viel mehr den Querschnitt der Menschen abbilden. Vielleicht sind dort zu viele Juristen und Wirtschaftsexperten, meint sie: "Ich wäre definitiv dafür, dass wir das ein bisschen realitätsnäher und diverser besetzen. Aber die Leute müssen sich auch engagieren, und Berufspolitikerin zu sein, kostet sehr viel Zeit."

Dokumentiert: Alle acht Forderungen des Bürgerrates

MDR SACHSEN-ANHALT dokumentiert die acht Forderungen des Bürgerrates "Bildung und Lernen":

Kompetente Lehrkräfte

Der Bürgerrat fordert, dass die Bildungspolitik die Auswahl, Ausbildung, Fort- und Weiterbildung von Lehrkräften reformiert und so eine Basis schafft, die guten Unterricht möglich macht.

  • Bereits bei der Zulassung zu Lehramtsstudiengängen dürfen nicht nur Noten herangezogen werden. Es sollte auch die Feststellung der psychologischen Eignung in Betracht gezogen werden. Dazu müssen geeignete Tests entwickelt werden. Häufigere, zeitigere und kontinuierliche Praxiserfahrungen sollen den Bewerberinnen und Bewerbern einen besseren Einblick in den Beruf geben, für mehr Sicherheit im Umgang mit Schülerinnen und Schülern sorgen und so ermöglichen, die Berufswahl zu überprüfen.
  • Im Berufsalltag selbst muss ein verpflichtendes Feedbacksystem (Coaching, Supervision) mit entsprechendem Fachpersonal installiert werden. Teamteaching als Möglichkeit der gegenseitigen Unterstützung und Selbstreflexion darf nicht die Ausnahme, sondern muss fester Bestandteil des Schulalltags sein. Förderlich in diesem Prozess sind kleine Klassen (20 Kinder) sowie individuelle Lernbegleiterinnen und -begleiter.
  • Jede Lehrkraft wird dazu verpflichtet, sich im Rahmen von Fortbildungsmaßnahmen mit neuen Erkenntnissen der Pädagogik, Psychologie und Fachdidaktik auseinanderzusetzen. Auch solche Fortbildungsveranstaltungen bedürfen einer Überprüfung und Qualitätssicherung.
  • Basis für die Qualitätssicherung im Bereich Bildung sind ausreichende finanzielle und personelle Ressourcen. Für die Umsetzung dieser Forderungen sind vorrangig verantwortlich: Bund und Länder für die Ressourcen; die Schulbehörden für die Koordinierung; die Bildungseinrichtungen für die inhaltliche und organisatorische Umsetzung.


Diese Forderungen sind unverzichtbar, weil geeignete, kompetente, engagierte und zufriedene Lehrkräfte das Rückgrat des Bildungswesens sind. Eine wertschätzende, konstruktive Feedbackkultur erhöht die Qualität des Unterrichts und etabliert einen gesunden Umgang mit Kritik. Junge Menschen benötigen empathische, sozial und pädagogisch gut geschulte Fachkräfte, die der sozialen Wirklichkeit der Schüler gerecht werden.

Berufsorientierung stärken

Wir fordern, dass die Bildungspolitik Lehrpläne so umstrukturiert, dass diese mit praktischen Lehr-/Lernmethoden vermittelt werden können. Dadurch wird das Erleben mit den eigenen Händen gefördert und Lerninhalte werden praktisch begreifbar, um auch nicht-digitale, praktische Kompetenzen zu stärken.

  • Für eine bessere Persönlichkeitsentwicklung und Berufsorientierung betrachten wir eine stärkere Einbindung von offener Kinder- und Jugendarbeit in die Entwicklungsprozesse als zwingend notwendig.
  • Darüber hinaus ist eine intensivere Kooperation mit Betrieben aus Handwerk, Industrie und Sozialberufen unabdinglich.
  • Um die Wertschätzung von handwerklicher und praktischer Arbeit zu fördern und den Einblick in die Ausbildungsberufe zu vermitteln, fordern wir eine verpflichtende praktische Zeit zum Ende der Schulzeit im Umfang von maximal sechs Monaten.
  • Bezogen auf alle Berufe fordern wir eine Berufsorientierung als Schulfach mit verpflichtenden jährlichen Projektwochen zu Beruf und Arbeit in allen Schulsystemen.


Diese Forderungen halten wir für unverzichtbar, weil ein großer Teil der Persönlichkeitsentwicklung durch eigenes Erleben und soziale Interaktion im non-formalen und informellen Bereich stattfindet und auch im schulischen Kontext das Lernen mit allen Sinnen deutlich nachhaltiger und motivierender ist. Unsere Forderungen führen zu einer Wertschätzung der Berufe untereinander, die den gesellschaftlichen Zusammenhalt stärkt und die Kenntnisse über die Vielfalt der Berufe erhöht.

Der und dem Einzelnen wird dadurch eine qualifiziertere Berufswahl ermöglicht. Hierdurch lassen sich Abbrecherquoten reduzieren und somit persönliche und wirtschaftliche Ressourcen einsparen.

Auch im Zuge der Digitalisierung werden praktische Kompetenzen und das interdisziplinäre Verständnis lebensnotwendig bleiben. Als Gegenpol zu einer immer medialeren und digitaleren Umwelt müssen auch Grundkompetenzen in praktischen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens gefördert werden.

Zur Umsetzung dieser Forderungen rufen wir sowohl Bund, Länder und Kommunen, sowie Unternehmen, Handwerks-, Industrie- und Handelskammern und Hochschulen zum gemeinsamen unbürokratischen Handeln auf.

Gleiche Chancen für alle Schülerinnen und Schüler

  • In Deutschland bestimmen Herkunft, ökonomische und gesellschaftliche Stellung des Elternhauses immer noch stark den Bildungsweg eines Kindes. Gleiche Startbedingungen für den Bildungsweg sind die Grundvoraussetzung für die chancengleiche Teilhabe an der Gesellschaft und eine Grundlage für die Selbstwirksamkeit aller Schülerinnen und Schüler. Diese müssen von Gesellschaft und Politik ermöglicht und zugesichert werden. Ressourcen müssen bedarfsorientiert verteilt werden, unabhängig von Schulart und Durchsetzungsfähigkeit der Elternschaft.
  • Der Bürgerrat fordert einen Zugang zur Bildung, der unabhängig von der sozialen Herkunft, der finanziellen Möglichkeiten und dem Elternhaus ist. Die finanzielle Unterstützung muss vor allem vom Staat, insbesondere den Kommunen mit Unterstützung des Bundes gegeben sein. Dabei sollte die Kommune ermöglichen, dass Schülerinnen und Schüler, Lehrerinnen und Lehrer ihre Bildungsstätte optimal für den Lernprozess gestalten können, um den besten Bildungsweg für jede Schülerin und jeden Schüler zu sichern.
  • Eine gemeinsame Sprache ist die Grundvoraussetzung für eine gesellschaftliche Teilhabe. Der Bürgerrat fordert, dass Sprach- und Kompetenzerwerb bundesweit organisiert und gefördert wird. Der Zugang zu den Bildungs- und Fördermaßnahmen muss ortsunabhängig sein. Dies kann z.B. durch eine bundesweite digitale Lernplattform gewährleistet werden, die nicht nur Lerninhalte bereitstellt, sondern auch Online-Videokurse mit Lehrkräften beinhaltet. Hinzu fordern wir, dass Netzwerke und Kooperationen vor Ort auf- oder ausgebaut werden, um den Sozialraum um die Schule besser zu nutzen. Hiermit kann neben Freizeitangeboten auch ein Zugang zu Maßnahmen für den Sprach- und Kompetenzerwerb gewährleistet und gestärkt werden.
  • Aktuell stehen Schülerinnen und Schüler oft vor Hindernissen, die sich aus Anforderungen an einen funktionierenden Lehrbetrieb ergeben. Deswegen fordert der Bürgerrat, dass an Bildungsstätten inklusiv und Schülerinnen- und Schüler-zentriert gearbeitet wird.
  • Weiterhin fordert der Bürgerrat einen verpflichtenden Ethik- und Religionsgeschichtsunterricht ab der ersten Klasse. Dies ist unverzichtbar, denn die Aufteilung des Religionsunterrichts führt zur Separation der Schülerinnen und Schüler, wohingegen ein gemeinsamer Ethikunterricht zum gegenseitigen Verständnis beiträgt. Konfessioneller Unterricht sollte weiterhin als Wahlfach ermöglicht werden. Wir sehen hier die Landespolitik und insbesondere die Kultusministerien in Verantwortung.
  • Der Bürgerrat fordert, dass flächendeckend in allen Bundesländern qualifiziertes Personal für die Nachmittagsbetreuung eingesetzt wird, um individuelle Förderung sicherzustellen. Dies ist besonders wichtig, da ein Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung ab 2026 bereits beschlossen ist und hierfür qualifiziertes Personal benötigt wird. Wir als Bürgerrat fordern zusätzlich, dass das Personal bereits zu Beginn und weiterhin während ihrer Ausbildung Berufserfahrung sammeln kann. Wir sehen hierbei die Landespolitik in Verantwortung.

Lebensnahes Lernen

  • Schulbeginn um 9 Uhr.


Ein Schulbeginn um 9 Uhr steht besser mit dem Biorhythmus der Schülerinnen und Schüler im Einklang. Ein Gleitzeitmodell fördert eine ausgeglichene psychische Gesundheit und entlastet den Arbeitsrhythmus der Eltern. Es soll möglich sein, sich bereits ab 8 Uhr betreut in der Schule aufzuhalten. Unterrichtsbeginn um 9 Uhr soll ermöglichen, dass die Schülerinnen und Schüler ausgeschlafen lernen. Die Wartezeit vor Schulbeginn könnte sinnvoll genutzt werden, z. B. mit letzten Absprachen vor einem Test. Dieses Modell würde eine effizientere Nutzung des Ganztagsmodelles nachmittags ermöglichen. Zusätzlich käme es zu einer Entlastung des Berufsverkehrs.

  • Ein bundesweites, eigenes Fach für "Lebenskompetenz"


Die Fähigkeiten zum Meistern des Alltags sollen in einem Fach "Lebenskompetenz" ab der Unterstufe vermittelt werden. Je nach Lebensabschnitt werden Fähigkeiten wie der Umgang mit Werkzeugen, Hauswirtschaft, Mietverträgen, Steuern, Versicherungen, Bewerbungen, Ernährung, Gesundheit, Bewegung etc. vermittelt. Die Verzahnung des theoretisch erlangten Wissens mit der Abwicklung der Aufgaben des Alltags würde die Persönlichkeit der Schülerinnen und Schüler physisch und psychisch stärken. Der Schulalltag würde besser in den Lebensalltag eingebettet und somit verhindern, dass Schülerinnen und Schüler nach dem Abschluss der Schule im Lebensalltag überfordert werden.
Im Rahmen eines solchen Faches wäre praxisnahes Lernen in Kooperation mit in der Umgebung vorhandenen Betrieben möglich. Solche Kooperationen würden den Stand der Kommunalpolitik gegenüber der Bildungspolitik im Bund behaupten.

  • Eine wöchentliche Selbsteinschätzung des Wohlbefindens


Der Fokus auf das psychische Wohlbefinden rückt heute teilweise stark in den Hintergrund. Psychische Erkrankungen werden oft spät erkannt. Daher ist es wichtig, sich regelmäßig selbst zu reflektieren und damit bereits in frühem Alter (Grundschulalter) anzufangen.
Eine kurze wöchentliche Selbsteinschätzung des Wohlbefindens führt unseres Erachtens zu einer gesteigerten geistigen Gesundheit von Lehrerinnen und Lehrern, Schülerinnen und Schülern. Am Ende einer jeden Woche hilft ein einfaches Feedback anhand einer Skala, starke Ausschläge nach unten festzustellen und schneller intervenieren zu können – auch, wenn die Zufriedenheit in einer Klasse kollektiv sinkt. Die Selbsteinschätzung würde wenig Zeit in Anspruch nehmen, könnte aber Ausfällen der Schülerinnen und Schüler, Lehrerinnen und Lehrer entgegenwirken.
Ein solches System ließe sich z. B. mit einer App auf einem Tablet analog der Bewertung von Serviceangeboten öffentlicher Einrichtungen bereitstellen.

Harmonisierung des Bildungssystems

  • Wir fordern, dass Bildungspolitik Bundessache wird! Um ein einheitliches Bildungssystem mit einheitlichen Lehrplänen als „roter Faden“ für alle Bundesländer gewährleisten zu können.
  • Bei der Gestaltung der genannten Forderung braucht es einen Zusammenschluss verschiedener Bürgerinnen und Bürger aus den Bereichen: Wissenschaft, Wirtschaft, Schule, Elternvertretung und Schülervertretung.
  • Des Weiteren müssen einheitliche Bildungsabschlüsse sichergestellt werden, vor allem im Bereich der Rahmenbedingungen für Prüfungen
  • Insbesondere muss Bildungsmobilität gegeben sein, die einen problemlosen Schulwechsel jederzeit ermöglicht.
  • Folglich müssen für die geforderten Punkte die Ressourcen bundesweit zentral verteilt werden.


Unsere Forderungen sind unverzichtbar, weil die Mobilitätsanforderungen durch das derzeitige Bildungssystem nicht gedeckt werden. Durch unverzichtbare gleich hohe Qualität wird schulische Vergleichbarkeit geschaffen – und damit ein reibungsloser Übergang zu weiterführenden Bildungseinrichtungen. So entsteht Chancengleichheit für Schülerinnen und Schüler, Studentinnen und Studenten sowie Auszubildende.

Verantwortlich für die Umsetzung sind vorrangig die Bürgerinnen und Bürger aus den oben genannten Bereichen, die Bundesländer in Form der Kultusministerien, der Deutsche Bundestag und schließlich auch der Bundesgesetzgeber. Denn wir benötigen in der deutschen Bildungspolitik ein harmonisiertes Bildungssystem.

Lernkultur: Individuelle Förderung im Fokus

  • Wir fordern, dass die Bildungspolitik das Schulsystem zu einem Ganztagsmodell mit drei Lernbereichen/Umfeldern umbaut: gesteuertes Lernen mit verschiedenen Methoden vom Kind her denkend (reformierter Frontalunterricht); individuelles und begleitetes Lernen durch Lernspiele und digital gestütztes Entdecken; gemeinsames Lernen und Erleben in AGs, z. B. durch Vernetzung mit Vereinen, Betrieben, anderen Schulen usw.
  • Wichtig für diesen Umbau des Schulsystems sind weitere Punkte, wie die Begrenzung der Klassengrößen auf max. 20 Schülerinnen und Schüler sowie die Erhöhung des Lehrpersonals auf zwei Lehrpersonen pro Klasse und den Aufbau eines multikompetenten Teams, beispielsweise bestehend aus Sozialpädagoginnen und -pädagogen, Erzieherinnen und Erziehern, Psychologinnen und Psychologen, Therapeutinnen und Therapeuten, IT-Expertinnen und -experten, Handwerkerinnen und Handwerkern sowie weiteren.
  • Die Grundlage der individuellen Förderung besteht in der Erstellung von individuellen bedarfsgerechten Lehrplänen mit Freiraum zur Entfaltung der Eigenverantwortung von Schülerinnen und Schülern
  • Weiterhin empfehlen wir Deutsch-Eingangsklassen und Deutsch als Zweitsprache für alle Schulformen einzuführen, um allen Schülerinnen und Schülern gleiche Chancen zu bieten, tiefergehenden Zugang zu Kultur und Bildung zu ermöglichen.
  • Zur Stärkung der Lehrerkompetenzen und Sicherstellung eines Anspruchsniveaus von Lehrenden braucht es ein einheitliches Qualitätsmanagement. Hierunter fallen verpflichtende Fortbildungen, Intervisionen oder Kenntnisse zu unterschiedlichen Lerntypen.


Unsere Forderung ist unverzichtbar, damit jedes Kind sich in seiner Individualität entfalten kann und seinen Platz in der Gesellschaft findet. Eine gute Lernkultur fördert und stärkt die Selbstständigkeit und das Vertrauen in die eigene Person. Jedes Kind soll am Ende seiner Schulzeit in der Lage sein, sein Leben autonom und selbstwirksam zu gestalten. Intrinsische Motivation wirkt stärker als extrinsische Motivation.

Zusammenfassend ist festzuhalten, dass unsere Gesellschaft das Potential aller mit ihren individuellen Fähigkeiten, Stärken, Begabungen und der Diversität braucht, denn Bildung ist die wertvollste Ressource Deutschlands!

Verantwortlich für die Umsetzung sind: Lehrerinnen und Lehrer, Schulleiterinnen und Schulleiter, das Bildungsministerium sowie die Kultusministerien.

Demokratie und Teilhabe an der Schule

Weil wir in einer Demokratie leben, ist die Möglichkeit zur aktiven Teilhabe an demokratischen Gestaltungsprozessen von frühester Kindheit an in allen Bildungseinrichtungen zu schaffen. Demokratie muss erfahren und erlernt werden, damit es Menschen gibt, die diese aktiv und selbstbestimmt mitgestalten. Dazu bedarf es des Herausbildens von kritischem Denken und gelingender Teilhabe.

Die Fähigkeit, eine konstruktive Streitkultur zu leben, Polarisierung und Radikalisierung entgegenzuwirken, setzt gegenseitige Achtung, Empathie, Entscheidungskompetenz und Toleranz von anderen Meinungen voraus. Diese Haltungen werden durch aktive Erfahrungen erst möglich. Deshalb muss Demokratiebildung ein ganzheitlicher Bestandteil jedes Bildungskonzepts sein.

Daher fordern wir, dass die Bildungspolitik ...

  • einen verpflichtenden rechtlichen Rahmen schafft, um aktive Einflussnahme und Mitbestimmung altersgerecht an jeder Bildungseinrichtung zu garantieren;
  • zeitliche Räume innerhalb des Bildungsalltags unter Aufbrechen des Stundenplanrasters schafft, um Demokratie zu erlernen und zu entwickeln;
  • finanzielle Möglichkeiten schafft, um verpflichtende außerunterrichtliche Projekte und Exkursionen mit dem Ziel Demokratie durch Erleben zu erlernen;
  • darauf hinwirkt, dass die gesamte Bandbreite politischer Partizipation in der Demokratie als Bildungsgut in allen Bildungseinrichtungen zu vermitteln ist. Das kann beispielsweise über Projektwochen von NGO’s, politischen Ämtern, von Justiz, der Polizei und in Form von Bürgerforen und Planspielen umgesetzt werden;
  • dafür sorgt, dass jede Bildungseinrichtung ein eigenes und ganzheitliches, jahrgangsübergreifendes Demokratiebildungskonzept entwickelt und umsetzt.


Verantwortlich für die Umsetzung sind vorrangig Bildungspolitiker/-innen und Schulaufsicht; die Kultusministerkonferenz: Rahmen (eine verpflichtende Einzelstunde im Lehrplan & Deputat in jedem Bundesland); die Bundesländer: Ausgestaltung & Finanzierung & Fortbildungsangebot; die Kommunen/Schulen: inhaltliche Ausgestaltung, konkrete Umsetzung.

Digitalisierung lernen

Digitalisierung prägt unser gesellschaftliches Leben und wird auch in Zukunft über wirtschaftlichen Erfolg entscheiden. Es ist unabdingbar, die Schülerinnen und Schüler von heute auf die neuen Anforderungen vorzubereiten.

  • Wir fordern, dass Bildungspolitik die Voraussetzungen für digitale Bildung schafft. Das bedeutet unter anderem Zugang zu digitalen Endgeräten für alle Schülerinnen und Schüler nach Mindeststandards. Dafür ist eine grundsätzliche Netzanbindung erforderlich.
  • Um den technischen Support und damit einen reibungslosen Ablauf des digitalen Schulalltags zu gewährleisten, müssen Planstellen für Medienberaterinnen und –berater an den Schulen geschaffen werden
  • Dazu sollen externe Fachleute aus Wirtschaft und Gesellschaft als Tutorinnen und Tutoren für Schülerinnen, Schüler und Lehrende einbezogen werden, damit sich Lehrerinnen und Lehrer auf ihre pädagogischen Aufgaben konzentrieren können.
  • All das bedingt die Einführung eines neuen Schulfachs zur Steigerung der Medienkompetenz als Grundlage für Teilhabe und Orientierung im digitalen Zeitalter.
  • Wir empfehlen eine bundesweite, einheitliche Bildungscloud, um grundlegende Lerninhalte browserbasiert bereitzustellen, und die Möglichkeit der Länder, ihre eigenen Lernkonzepte einzubringen.


Dies sind Grundbedingungen, um einen modernen, einfachen und schnellen Zugang zu Lerninhalten für alle zu ermöglichen und Chancengleichheit und Praxisorientierung zu garantieren.

Zudem ist es wichtig, einen dynamischen Prozess zu etablieren, um lebenslanges Lernen entsprechend der technologischen und gesellschaftlichen Entwicklungen möglich zu machen.

Aufgrund der dynamischen Veränderungen müssen die Anforderungen an Bildungsangebote schon im frühen Stadium der technischen Entwicklung ständig angepasst werden.

Für die Umsetzung unserer Forderungen sehen wir eine dreistufige Verantwortlichkeit. Bund: Schaffung und Betrieb der Bundescloud sowie Anbindung und Ausstattung der Schulen nach definierten Standards; Länder: Schaffung eines bundesweit einheitlichen Lernangebots inklusive dynamischen Erweiterungen; Regional: Auswahlentscheidungen des digitalen Lernangebots, Einbindung externer Tutorinnen und Tutoren.

MDR (Marcel Roth)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 14. Dezember 2021 | 17:40 Uhr

2 Kommentare

Sozialberuflerin vor 33 Wochen

Das finde ich eine tolle Sache!!
Die 6 Forderungen sind mehr als berechtigt und ich wünsche all den Beteiligten, dass sie gehört werden und wenigstens ein Teil davon umgesetzt wird!!!

Das aktuelle Bildungssystem ist leider zum großen Teil nicht das, was wir brauchen und wird aus vielerlei Gründen auch nur unzureichend umgesetzt!

Fängt schon bei den allerjüngsten an...

Realist62 vor 34 Wochen

Das was unter ,, Berufsorientierung stärken" steht, finde ich KLASSE. Denn besonders Handwerk und Industrie sind die GRUNDPFEILER unserer Gesellschaft und nicht das Auswendiglernen gewisser Lieblingsgedichte.

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