Datenanalyse zur Coronavirus-Pandemie Corona-7-Tage-Inzidenz: Wichtige Kennzahl, komplizierter Hintergrund

Manuel Mohr
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So wichtig die 7-Tage-Inzidenz derzeit ist, so viel Verwirrung gibt es auch. Die Gründe dafür sind vielfältig, aber auch vermeidbar. Welche Behörde wie rechnet und welche Zahl entscheidend ist, das und mehr im aktuellen Corona-Daten-Update.

Frau mit Atemschutzmaske blickt auf ihr Smartphone. Im Vordergrund steht der Schriftzug "Corona-Daten-Update".
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Die aktuelle Lage

Guten Abend zur aktuellen Ausgabe des Corona-Daten-Updates. In den vergangenen Tagen haben sich die Corona-Fallzahlen weiter zum Positiven entwickelt. Sowohl in Sachsen-Anhalt als auch in Sachsen und Thüringen ist jeweils die Zahl der neuen Corona-Fälle gesunken. Gleiches gilt für die deutschlandweiten Zahlen.

Am Freitagmorgen meldete das Robert Koch-Institut (RKI) rund 14.000 neue Fälle, vor einer Woche waren es rund 17.900, vor zwei Wochen sogar noch über 22.000:

Ein ähnliches Bild zeigt sich bei den COVID-19-Intensivpatienten. Deren Zahl lag Anfang Januar deutschlandweit noch bei etwa 5.700. aktuell sind es weniger als 4.400. In Sachsen-Anhalt ist im gleichen Zeitraum ebenfalls ein Rückgang zu beobachten, allerdings vollzieht sich dieser deutlich langsamer. RKI-Präsident Lothar Wieler sagte diesbezüglich am Freitag auf einer Pressekonferenz, dass Deutschland bei der Pandemie-Bekämpfung "auf einem guten Weg" sei.

Nach wie vor würden sich aber noch viele Menschen mit dem neuartigen Coronavirus infizieren. Zudem sei die 7-Tage-Inzidenz nur in den am stärksten betroffenen Ländern Thüringen, Sachsen-Anhalt, Brandenburg und Sachsen deutlich gesunken. In den anderen zwölf Bundesländern sei sie nahezu unverändert, in manchen Landkreisen sogar wieder gestiegen:

Die 7-Tage-Inzidenz steht aktuell besonders im Fokus der Öffentlichkeit, da die Werte maßgeblich sind für etwaige Lockerungen oder Verschärfungen der geltenden Corona-Schutzmaßnahmen. Doch so wichtig diese Kennzahl ist, so viel Verwirrung herrscht nach wie vor. Grund dafür sind vor allem die je nach Behörde teils erheblich abweichenden Werte für ein und dieselbe Region.

5 Fakten zur 7-Tage-Inzidenz

Im folgenden Abschnitt werden daher zur besseren Orientierung noch einmal alle wesentlichen Fakten zusammengetragen:

Was bedeutet 7-Tage-Inzidenz überhaupt?

Der Inzidenz-Wert gibt an, wie viele nachgewiesene Corona-Fälle es in einem bestimmten Gebiet – etwa in einem Landkreis oder in einem Bundesland – in den jeweils vergangenen sieben Tagen gab. Die errechnete Summe der neuen Fälle wird auf 100.000 Einwohner umgerechnet. Warum das Umrechnen? Damit Regionen besser vergleichbar sind.

Ein fiktives Beispiel

100 neue Fälle innerhalb von 7 Tagen klingen erst einmal sehr ernst. Jedoch ist es ein Unterschied, ob diese Fälle in einer Stadt wie Halle (rund 239.000 Menschen wohnen dort) oder in München (rund 1.560.000) festgestellt werden. In Halle würde sich basierend auf der Fallzahl 100 und der Bevölkerungszahl eine 7-Tage-Inzidenz von 41,84 ergeben, in München läge der Wert hingegen nur bei 6,41.

Der Zahl verdeutlicht also, wie stark Corona-Infektionen innerhalb der Bevölkerung in einer bestimmten Region verbreitet sind. Betrachtet man die Entwicklung der 7-Tage-Inzidenz über einen längeren Zeitraum, so lassen sich anhand steigender oder sinkender Werte Rückschlüsse über die Dynamik der Infektionen ziehen.

Wer veröffentlicht Daten zur 7-Tage-Inzidenz?

In Sachsen-Anhalt veröffentlichen die meisten Landkreise und alle drei kreisfreien Städte wochentäglich neue Corona-Fallzahlen, darunter auch teilweise eigens errechnete 7-Tage-Inzidenzen. Auf Landesebene veröffentlicht das Landesamt für Verbraucherschutz (LAV) immer nachmittags neue Inzidenz-Angaben für alle Regionen sowie den Landesdurchschnitt. Die gleichen Werte sind dann auch beim Sozialministerium zu finden.

Zahlen aller rund 400 Landkreise und kreisfreien Städte veröffentlicht einmal täglich das Robert Koch-Institut, ebenso die Werte für alle Bundesländer und ganz Deutschland:

Darüber hinaus gibt es freiwillige Initiativen wie das "Risklayer"-Projekt, die aus verschiedenen öffentlichen Quellen möglichst aktuelle Daten zusammentragen.

Warum unterscheiden sich die Angaben teilweise erheblich?

Dafür gibt es im wesentlichen drei Gründe:

1. Meldeverzug

Auf Ebene der kreisfreien Städte und Landkreise werden neue Corona-Fälle aus den Testlaboren zuerst dem zuständigen Gesundheitsamt gemeldet. Von da aus müssen sie innerhalb eines Tages an die übergeordnete Landesbehörde weitergemeldet werden. In Sachsen-Anhalt ist dies das LAV. Veröffentlichen jetzt aber einzelne Regionen neue Fallzahlen, bevor diese der Landesbehörde überhaupt bekannt sind, unterscheiden sich dadurch auch die jeweils errechneten 7-Tage-Inzidenzen, da die Berechnungsgrundlage nicht identisch ist.

2. Art der Berechnung

Deutschlandweit gibt es keine einheitliche Regelung, wie genau die 7-Tage-Inzidenz berechnet wird. Manche Regionen addieren die Fälle des aktuellen Tages mit denen der sechs vorangegangenen Tage und rechnen diese Summe auf 100.000 Einwohner um. LAV und RKI hingegen beziehen die Werte des aktuellen Tages nicht mit ein und berechnen die Inzidenz anhand der sieben zurückliegenden Tage. Dadurch ergeben sich weitere Unterschiede.

3. Nachmeldungen

Sei es durch Überlastung der Gesundheitsämter, unvollständige Angaben der Infizierten oder Fehler bei der Übertragung – jeden Tag werden den Behörden Corona-Fälle der vergangenen Tage nachgemeldet. Zudem kann es passieren, dass Fälle nachträglich einer anderen Region zugeordnet werden. Das geschieht, wenn eine infizierte Person beispielsweise am Arbeitsort getestet wurde, aber in einem anderen Kreis wohnhaft ist. Daraus folgt, dass ein am Freitag veröffentlichter Inzidenzwert einer Region unter Umständen am darauf folgenden Montag durch Nachmeldungen höher und niedriger ausfällt.

In der Summe können sich dadurch fortlaufend unterschiedliche Werte für ein und dieselbe Region ergeben:

Welche der Zahlen ist für Sachsen-Anhalt relevant?

Bis vor Kurzem waren die Angaben der LAV entscheidend. In der seit vergangenen Montag geltenden Eindämmungsverordnung wurde jetzt aber entschieden, dass für alle politischen Entscheidungen die Angaben des Robert Koch-Instituts maßgeblich sind. Regierungssprecher Matthias Schuppe begründete diese Änderung mit dem Ziel eines bundeseinheitlichen Maßstabs.

Dieser sei notwendig, um die Vergleichbarkeit zwischen den Bundesländern und eine möglichst hohe Gerichtsfestigkeit zu erreichen, erklärte Schuppe MDR SACHSEN-ANHALT. Wenn der Bund Regelungen erlasse, gelten grundsätzlich die RKI-Zahlen. Zudem bauten auch die Ländervergleiche darauf auf. Es würden damit die gleichen Messzahlen zwischen Bund und Ländern und unter den Ländern gelten.

Bezogen auf den zeitlichen Verzug der Daten und die Differenz der Daten sagte Schuppe, werde in den Ländern parallel an einer Lösung gearbeitet. Die Landeszahlen dienten bis dahin bei der operativen Pandemiebekämpfung als zusätzliche Entscheidungshilfe.

Was sagt die 7-Tage-Inzidenz nicht aus?

Anhand der Werte kann zwar abgelesen werden, wie stark das momentane Infektionsgeschehen einer Region ist. Allerdings ist anhand der bloßen Zahl allein nicht ablesbar, aus welchen Gründen die Werte im schlimmsten Fall besonders hoch sind. 50 Fälle in einem eingrenzbarem Cluster – beispielsweise einem Pflegeheim oder einer Feiergesellschaft, die im gleichen Ort wohnt und nicht sehr mobil ist – sind anders zu beurteilen als 50 Fälle, die sich über den gesamten Landkreis verteilen und diffuse oder nicht nachvollziehbare Infektions- und Kontaktketten nach sich ziehen.

Die 7-Tage-Inzidenz sollte folglich niemals als alleinige und allumfassende Maßzahl zur Beurteilung der aktuellen Corona-Lage genutzt werden, sondern im Gesamtkontext aller relevanten Fallzahlen. Wie sich diese in Sachsen-Anhalt, Sachsen, Thüringen und Deutschland bislang entwickelt haben, finden Sie hier:

Generelle Einschätzung der Daten

Es handelt sich sowohl regional als auch international um eine sehr dynamische Datenlage. Beinahe stündlich liefern einzelnen Kommunen, Landesbehörden oder internationale Stellen neue Zahlen. Dazu kommt ein teils erheblicher Meldeverzug, weshalb sich Angaben verschiedener Quellen unterscheiden können. Grundsätzlich stellt eine Daten-Übersicht wie diese deshalb immer nur eine Momentaufnahme dar.

Newsletter: Das Corona-Daten-Update

Zum Schluss empfehlen wir Ihnen noch unseren Newsletter zum Thema: In unserem Update zur Corona-Lage in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen fassen wir für Sie zusammen, was am Tag wichtig war und was für Sie morgen wichtig wird – montags bis freitags um 20 Uhr per Mail in Ihr Postfach. Hier geht es zur Anmeldung.

Grafik: Der Corona-Daten-Update Newsletter
Bildrechte: MDR | Grafik Florian Leue/Martin Paul

Redaktion/Recherche: MDR/Manuel Mohr

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 29. Januar 2021 | 19:00 Uhr

6 Kommentare

Ritter Runkel vor 25 Wochen

@MDR-Team
Kein Wunder, dass die Inzidenzzahlen in Sachen-Anhalt so hoch sind, denn normalerweise ist in der Medizin das Datum des Tests entscheidend.
Man stelle sich vor, ein Labor meldet die Testergebnisse täglich an das Gesundheitsamt, ein anderes alle zwei Tage, ein nächstes alle drei Tage usw.
Was macht das wohl mit den Inzidenzzahlern?

MDR-Team vor 25 Wochen

Für die Darstellung der neuübermittelten Fälle pro Tag wird das Meldedatum verwendet – das Datum, an dem das lokale Gesundheitsamt Kenntnis über den Fall erlangt und ihn elektronisch erfasst hat. [,,,] Der genaue Infektionszeitpunkt der gemeldeten Fälle kann in aller Regel nicht ermittelt werden. Das Meldedatum an das Gesundheitsamt spiegelt daher am besten den Zeitpunkt der Feststellung der Infektion (Diagnosedatum) und damit das aktuelle Infektionsgeschehen wider.

Ritter Runkel vor 25 Wochen

@MDR-Team
Eine Frage an sie mit der Bitte um Beantwortung: Wird den RKI-Zahlen, dass Testdatum der Positiv Getesteten oder das Meldedatum der Tests an die örtlichen Gesundheitsämter zugrundegelegt?

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