Zwischenbilanz der Impfkampagne Holpriger Start, ambitioniertes Ziel: So läuft es aktuell mit den Corona-Schutzimpfungen

Manuel Mohr
Bildrechte: MDR/Manuel Mohr

Wie viele Menschen geimpft, wie viel Impfstoff geliefert, wie viele Leben gerettet – fünf Fakten zum Impfmarathon gegen die Coronavirus-Pandemie. Spoiler: Der Weg zur Herdenimmunität ist noch weit. Sehr weit.

Zwei Flaschen mit dem Impfstoff Astra-Zeneca
Bis zur Herdenimmunität ist es noch ein weiter Weg. Ein sehr weiter Weg. (Symbolbild) Bildrechte: MDR/Karina Heßland-Wissel

Die Corona-Schutzimpfung gilt als einer der wichtigsten Bausteine beim Weg aus der weltweiten Coronavirus-Pandemie. Laut Bundesregierung soll jede und jeder Impfwillige in Deutschland bis Ende September 2021 die Möglichkeit haben, die Erstimpfung in Anspruch zu nehmen. Seit Ende Dezember 2020 werden daher Impfungen vorgenommen, begonnen mit der ersten Prioritätengruppe.

Ziel ist es, einen Gemeinschaftsschutz – die sogenannte Herdenimmunität – in der Bevölkerung aufzubauen. Dafür müssen 60 bis 70 Prozent aller Menschen in Deutschland geimpft sein.

So weit ist das Impfen bislang fortgeschritten

Von diesem Ziel ist Deutschland aktuell noch weit entfernt. Bundesweit erhielten bis zum Wochenende 7,4 Prozent der Menschen die erste Schutzimpfung. Den vollen Schutz nach der zweiten Impfung haben hingegen erst 3,3 Prozent. In Thüringen liegt der Anteil schon etwas darüber, Sachsen-Anhalt und Sachsen hinken hingegen dem Deutschlandtrend hinterher:

Die Berliner Morgenpost schätzt in ihrem "Impfmonitor" den Zeitraum, der basierend auf dem aktuellen Impftempo noch vergehen wird, bis genügend Menschen geimpft sind. Auch wenn diese Vorhersage stark vereinfacht und lediglich ein theoretischer Wert ist, verdeutlichen die Angaben dennoch, wie weit der Anspruch der Bundesregierung (Impfangebot für alle bis Ende September) aktuell von der Realität abweicht.

Denn laut Schätzung der Berliner Morgenpost ist das Impfziel je nach Region erst im Sommer oder Herbst 2022 erreicht. Steigt das Impftempo in den kommenden Wochen und Monaten allerdings weiter an, wird das Impfziel auch eher erreicht.

So viele Impfdosen liegen ungenutzt im Lager

Das Bundesgesundheitsministerium veröffentlicht regelmäßig Daten zu Impfstofflieferungen in alle Bundesländer. Das Robert Koch-Institut wiederum veröffentlicht, wie viele Impfungen je Bundesland und Tag durchgeführt wurden. Aus beiden Quellen lässt sich errechnen, wie viel Impfstoff schon geliefert, aber noch ungenutzt gelagert wird:

Ein Sprecher des Sozialministeriums von Sachsen-Anhalt teilte MDR SACHSEN-ANHALT mit, dass bislang bei den Planungen der Impfungen Wert darauf gelegt wurde, die Zweitimpfungen durch Zurückhaltung von Impfstoff abzusichern und die Impfungen dann möglichst schnell komplett abzuschließen. Sachsen-Anhalt hatte den Impfzentren lange die Vorgabe gemacht, Impfstoff für die zweite Impfung mit Biontech und Moderna vollständig zurückzuhalten. Unterdessen sind die Impfstofflieferungen – mit Ausnahme von Astrazeneca – stabiler geworden, dennoch sollen für Biontech noch 20-25 Prozent und für Moderna 50 Prozent der Lieferungen als Reserve zurückgestellt werden.

Bei Astrazeneca ist aufgrund des größeren zeitlichen Abstands zwischen Erst- und Zweitlieferung derzeit kein Rückbehalt gefordert. Auffällig ist in Sachsen-Anhalt, aber auch in Thüringen und Sachsen, dass insbesondere der Astrazeneca-Impfstoff überwiegend noch ungenutzt ist. Die Gründe dafür sind vielfältig. Einerseits gibt in Teilen der Bevölkerungsgruppen, die schon geimpft werden können, Vorbehalte gegenüber dem Impfstoff. Laut Ständiger Impfkommission ist der Wirkstoff allerdings für alle Altersgruppen zugelassen und die Wirksamkeit in Bezug auf die Verhinderung von COVID-19-Erkrankungen und schwerer Krankheitsverläufe belegt.

In Sachsen gibt es darüber hinaus einen Impfstau, der durch das Einrichten neuer Impfzentren behoben werden soll. Zudem wird in besonders betroffnen Gebieten die Impfreihenfolge geändert und keine Impfstoffdosen mehr als Reserve zurückgelegt.

So werden Impfdaten erfasst – oder auch nicht

Jede durchgeführte Impfung – ob im Impfzentrum, durch mobile Impfteams oder bei medizinischem Personal im Krankenhaus – muss laut Gesetz dokumentiert und dem Robert Koch-Institut (RKI) gemeldet werden. Allerdings gibt es dafür bislang keinen einheitlichen Meldeweg. In Sachsen-Anhalt beispielsweise melden viele Impfzentren derzeit nur einen Minimaldatensatz – bestehend aus Gesamtzahl der Impfungen, Impfstoff, Grund für die Impfung und ob es die erste oder zweite war – an das Sozialministerium.

Von dort werden die Daten gebündelt für ganz Sachsen-Anhalt durch die "Koordinierungsstelle Impfen" ans RKI weitergeleitet. Einige Impfzentren melden auch schon mittels geeigneter Software direkt ans RKI, flächendeckend ist das momentan noch nicht der Fall. Nach Informationen von MDR SACHSEN-ANHALT wurden aus einem Impfzentrum rund 6.000 Impfungen zwischenzeitlich nicht weitergemeldet, da es technische Komplikationen gab.

Laut Sozialministerium waren Anfang März Nacharbeiten in einigen Impfzentren erforderlich, "weil Daten nicht oder fehlerhaft übermittelt wurden". Genau beziffert werden konnte die Zahl allerdings nicht. Für die Zukunft wird davon ausgegangen, dass die Fehleranfälligkeit im Meldeweg deutlich reduziert werde, da in den Impfzentren die Umstellung auf eine neue Software laufe.

So soll das Impftempo beschleunigt werden

Um noch bis Ende des Sommers tatsächlich allen Menschen, die eine Impfung wollen, auch ein entsprechendes Angebot machen zu können, muss das Impftempo deutlich erhöht werden. Dafür nötig sind zum einen mehr Impfstoffe nötig, zum anderen muss die Infrastruktur geschaffen werden, um innerhalb kurzer Zeit möglichst viele Menschen zu impfen.

Die vom Bundesgesundheitsministerium veröffentlichten Lieferlisten gehen über den Zeitraum bis Ende März aktuell noch nicht hinaus. Ersichtlich wird anhand dessen bislang nur, dass in den kommenden Wochen mehr Astrazeneca- und Moderna-Dosen geliefert werden sollen, die Lieferungen von Biontech zunächst aber konstant bleiben. Nach Informationen der Tagesschau sollen die Länder ab April voraussichtlich kontinuierlich mit 2,25 Millionen Impfdosen pro Woche beliefert werden.

In Sachen Infrastruktur empfehlen die Gesundheitsministerien der Länder, dass ab Mitte April auch Hausärzte impfen dürfen. Die neue Corona-Impfverordnung macht das möglich. Dem Hausärzteverband geht das nicht schnell genug. Weil im Sommer die Impfbereitschaft abflauen könne, zähle aktuell jeder Tag, sagte Verbandschef Ulrich Weigeldt der Nachrichtenagentur epd. "Warum bis zum April warten? Wir stehen bereit", sagte der Repräsentant von mehr als 30.000 Hausärztinnen und -ärzten.

Andreas Gassen, Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), zweifelt hingegen am angepeilten Impfstart in Praxen ab Mitte April. Im Morgenmagazin von ARD und ZDF sagt er, dass es weiterhin an Impfstoff fehlen würde und die Impfzentren weiterhin Priorität hätten. Arztpraxen würde daher wohl erst im Mai starten können.

So viele Leben wurden schätzungsweise durch die Impfungen gerettet

Auch wenn das Impfen im Vergleich zu anderen Ländern momentan noch schleppend anläuft, haben die Impfungen schon jetzt rund 100.000 Menschenleben in Deutschland gerettet, davon über 10.000 in Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen. Das ist das Ergebnis einer Datenanalyse von rbb|24. Bei dem Wert handelt es sich zwar um eine grobe Schätzung, diese ist aber in Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern entstanden und wird fortlaufend aktualisiert. Welche Methodik und Annahmen der Schätzung zu Grund liegen, können Sie hier nachlesen:

MDR, Manuel Mohr

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 14. März 2021 | 12:00 Uhr

4 Kommentare

Wagner vor 13 Wochen

Das Impfen ist die einzige Möglichkeit ,um aus der Krise herauszukommen.
Und mit dieser einzigen Möglichkeit wird unkoordiniert ,fahrlässig und empathielos umgegangen.Wie ein Verwaltungsakt ! Das ist sträflich! Anstatt die Bürger mitzunehmen,werden sie verprellt, Das ganze Thema ist viel zu groß und zu ernst,um damit umzugehen wie mit einem Steuerbescheid. Unsere Politik ist überfordert und der Komplexität des Themas nicht gewachsen. Das führt zu Frust und Vertrauensverlust. Kein Wunder ,wenn Begriffe wie Staatsversagen usw. zirkulieren. Kommunikation scheint ein Fremdwort zu sein. Als Herausforderung wird die Krise nicht verstanden. Deshalb klappt auch so wenig. Rein in die Kartoffeln,dann wieder raus ,es fehlt ein Leitfaden !!
Das Impfen ist dieser Leitfaden,aber das wird ,so wie man fühlt,in den Sand gesetzt,
Man kann nur an ein Aufwachen hoffen !

Critica vor 13 Wochen

Ich befürchte bei dem Druck, der beim Impfen auf Menschen ausgeübt wird, den gleichen Skandal wie bei Masken.
Der Spiegel meldet soeben Folgendes: "Das Gesundheitsministerium hatte angekündigt, die Namen von Abgeordneten zu veröffentlichen, die Verträge mit Schutzmasken vermittelten. Nun will Jens Spahn erst deren Erlaubnis einholen."
Es scheinen also mehr als die entdeckten drei zu sein.
Nun ja, man braucht natürlich Gesetze und Helfer, damit die Maskenpflicht wie auch die Impfflicht durch die Hintertür durchgesetzt werden können.
Herr Wieler (promovierter Tierarzt) macht das ziemlich gut. Hut ab! :)

Steffen 1978 vor 13 Wochen

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