Zu wenig Daten aus der Bevölkerung Kritik an Landesregierung wegen zu niedriger Corona-Impfquote

Zu niedrige Impfquote, zu wenig Wissen über Bevölkerungsgruppen, die das Impfangebot bislang nicht oder nur kaum wahrgenommen haben. So lautet der Vorwurf der Landtagsabgeordnete Susan Sziborra-Seidlitz und Sebastian Striegel (Grüne) in Richtung Landesregierung. Die Landesregierung sieht ihre Pflicht dagegen als erfüllt an.

Ein Mädchen blickt in die Kamera und bekommt dabei eine Corona-Impfung.
Genaue Daten zum sozioökonomischen Hintergrund der geimpften Menschen in Sachsen-Anhalt könnten bessere Einblicke geben hinsichtlich der Bevölkerungsgruppen, die kaum oder gar nicht impft sind. Doch detaillierte Informationen gibt es nicht. Bildrechte: imago images/MiS

Der Landesregierung liegen keine detaillierten Informationen darüber vor, welche Bevölkerungsgruppen für die vergleichsweise niedrige Corona-Impfquote in Sachsen-Anhalt verantwortlich sind. Das geht aus einer bislang unveröffentlichten Antwort des Sozialministeriums auf eine parlamentarische Anfrage der Grünen-Abgeordneten Susan Sziborra-Seidlitz und Sebastian Striegel hervor, die MDR SACHSEN-ANHALT vorliegt.

Demnach gibt es keinerlei Informationen über den sozioökonomischen Status (u.a. Einkommen, berufliche Stellung, Bildungsgrad) der geimpften Personen oder dem Impfverhalten von migrantischen Gruppen oder Menschen mit Behinderung. Hintergrund der parlamentarischen Anfrage im Landtag ist eine bundesweite Befragung des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung. Diese hatte im Juli unter anderem ergeben, dass Geringverdienende wesentlich seltener geimpft waren als Besserverdienende.

Landesregierung: Große Anstrengungen für Impfangebote in der Bevölkerung

Laut Sozialministerium finden sozioökonomische Angaben wie beispielsweise Einkommen, berufliche Stellung, Bildungsgrad "aus Gründen der Datensparsamkeit" keine Berücksichtigung in der Impfstatistik. Inwieweit sich die Impfquote demzufolge zwischen verschiedenen sozioökonomischen Gruppen in Sachsen-Anhalt unterscheidet, ist unbekannt.

Auch gibt es keine Studien dazu, da laut Landesregierung aufgrund anfänglicher Vorbehalte gegenüber der Schutzimpfung in Teilen der Bevölkerung die Hürden hierfür so gering wie möglich gehalten werden sollten. Festes Ziel sei es, eine größtmögliche Impfquote zu erreichen. Die Abfrage weiterer personenbezogener Daten würde da nicht zur Akzeptanz der Impfungen beitragen. Ebenfalls keine näheren Untersuchungen gibt es für migrantische Bevölkerungsgruppen sowie Menschen mit Behinderung.

Die Landesregierung sieht ihre Pflicht damit als erfüllt an. In der Vergangenheit habe man große Anstrengungen unternommen, um allen Menschen ein Impfangebot zu unterbreiten. Um der seit Juli nachlassenden Impfbereitschaft entgegenzuwirken, sei die lmpfstrategie dahingehend angepasst worden, dass möglichst niedrigschwellige Impfangebote unterbreitet werden können. Zudem fanden und finden in migrantischen Stadtviertel und sozialen Brennpunkte regelmäßig dezentrale Sonderimpfaktionen statt, mit großem Personalaufwand durchgeführt würden.

Striegel: "Die Landesregierung stellt sich blind und taub."

Aus Sicht der Grünen-Abgeordneten Sziborra-Seidlitz und Striegel ist das aber nicht genug. "Die Impfung möglichst vieler Menschen ist die stärkste Waffe im Kampf gegen die Pandemie. Bei sinkender und geringer Impfbereitschaft wird dieses Instrument unbrauchbar und uns steht ein weiterer Corona-Herbst mit massiven Einschränkungen bevor", sagte Susan Sziborra-Seidlitz MDR SACHSEN-ANHALT.

Sebastian Striegel (Bündnis 90/Die Grünen), Innenexperte in Sachsen-Anhalts Landtag, und Susan Sziborra-Seidlitz Sachsen-Anhalts Landesvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen, freuen sich nach ihrer Wahl zur neuen Doppelspitze auf dem Landesparteita
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Sebastian Striegel kritisiert vor allem die Tatsache, dass die Landesregierung keine Anstrengungen unternehme, um mithilfe der Hochschulen im Land oder Meinungsforschungsinstituten den Gründen für die niedrige Impfquote in Sachsen-Anhalt nachzugehen: „Die Landesregierung stellt sich blind und taub. Sie muss – zum Beispiel durch eine Studie – herausfinden, in welchen Bevölkerungsgruppen die Impfquoten niedrig sind und diese ansprechen. Gezielte Impfkampagnen überall dort, wo es Aufklärung und Impfermutigung braucht, sind jetzt nötig."

Der Chef des Robert Koch-Instituts, Lothar Wieler, hatte vergangenen Mittwoch vor einer dramatischen Entwicklung der aktuellen Corona-Welle gewarnt. Sollte es nicht gelingen, die Zahl der Impfungen deutlich zu steigern, könne die vierte Welle einen "fulminanten Verlauf" nehmen. Der Bund will aus diesem Grund gemeinsam mit den Ländern und Kommunen sowie dem Handel und Verbänden in einer bundesweiten Aktionswoche unter dem Motto "HierWirdGeimpft" Bürgerinnen und Bürgern besonders einfache Impfmöglichkeiten anbieten.

Quelle: MDR/mm

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 11. September 2021 | 12:00 Uhr

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