Ärztin klärt auf Magdeburger 87 Mal gegen Corona geimpft: Keine gute Idee – aber auch nicht zwingend schädlich

Ein Mann aus Magdeburg hat sich offenbar 87 Mal gegen Corona impfen lassen. Die Ärztin und Buchautorin Julia Fischer sagt: Das ist zwar keine besonders gute Idee. Gesundheitliche Schäden muss der Mann wegen der Dutzenden Impfdosen wohl aber auch nicht erwarten.

Eine Frau lässt sich gegen Corona impfen, Weimar, Thüringen.
Sich oft gegen Corona impfen zu lassen, schützt nicht automatisch besser vor einer Infektion mit dem Virus. Bildrechte: imago images/Jacob Schröter

Ein 61-jähriger Mann aus Magdeburg soll sich seit vergangenem Sommer 87 Mal gegen Corona impfen haben lassen. An manchen Tagen habe er bis zu dreimal eine Spritze erhalten. Weil er im Anschluss die Impfnachweise verkauft haben soll, wird sich der Mann wohl auch vor Gericht verantworten müssen.

Doch haben seine zahlreichen Impfungen auch gesundheitliche Auswirkungen? Die Ärztin Julia Fischer hat sich den Fall genauer angesehen und die wichtigsten Fragen beantwortet.

MDR SACHSEN-ANHALT: Ist der Mann jetzt besonders gut vor einem schweren Verlauf einer Corona-Infektion geschützt?

Dr. med. Julia Fischer: Nein, vermutlich nicht. Das Immunsystem braucht nach jeder Impfdosis eine gewisse Zeit, um Abwehrzellen zu bilden und diese müssen auch eine bestimmte Zeit lang reifen, um das Virus sicher zu erkennen und zielgenau auszuschalten. Die bisherigen Studien haben gezeigt, dass ein größerer Abstand zwischen den Impfungen eine bessere Wirksamkeit bringt. Zu viele Impfungen in kurzer Zeit bringen also keinen nennenswerten Vorteil – sondern sind vielleicht sogar kontraproduktiv.

Warum könnten die zahlreichen Impfungen kontraproduktiv sein?

Weil zu viele Impfungen in zu kurzer Zeit dazu führen könnten, dass das Immunsystem eine gewisse Toleranz gegenüber dem Virus entwickelt. Das kann man sich vorstellen wie eine Hyposensibilisierung bei Allergikern. Dem Immunsystem von Allergikern präsentiert man absichtlich im Abstand von einigen Wochen immer wieder das gleiche Antigen, den gleichen Eiweißstoff, damit sich das Immunsystem daran gewöhnt.

Je häufiger das Immunsystem ein Antigen sieht, desto eher denkt es: 'Dieses Protein scheint gar nicht gefährlich zu sein, vielleicht gehört es sogar zu mir, also höre ich mal auf, eine schädliche Immunreaktion dagegen zu entwickeln.' Bei Allergikern ist das gewollt – beim Coronavirus natürlich nicht. Es wäre also theoretisch möglich, dass der Mann trotz seiner 87 Impfungen am Ende gar nicht mehr besser gegen Corona geschützt ist als vor der ersten Impfung. Um das wirklich herauszufinden, müsste man ihn untersuchen.

Das ist Dr. Julia Fischer

Dr. med. Julia Fischer ist Ärztin, Moderatorin und Journalistin. Sie arbeitete nach dem Studium und ihrer Promotion als Assistenzärztin in der Charité in Berlin, bevor sie sich dem Journalismus zuwandte. Als Buchautorin ("Medizin der Gefühle") und Ärztin im Radioprogramm von MDR SACHSEN-ANHALT erklärt sie anschaulich medizinische Themen.

Kann dieser Effekt auch schon nach drei oder vier Impfungen auftreten?

Nach drei, vier, oder auch fünf Impfungen ist dieser Effekt nicht zu erwarten. Zumal wir ja auch alle gewisse Impfabstände von mehreren Wochen bis Monaten einhalten. Da muss man sich also keine Sorgen machen.

Ist nach so vielen Impfungen überhaupt noch mit Impfreaktionen und Nebenwirkungen zu rechnen?

Das kann man gar nicht so genau sagen. Ich vermute mal, dass die unmittelbaren Impfreaktionen des Mannes nicht so schlimm waren. Andernfalls hätte er sich nicht so oft impfen lassen. Bei den anderen Nebenwirkungen kommt es darauf an, ob neben der Impfung auch andere Faktoren vorliegen müssen, damit diese auftreten. Das können zum Beispiel bestimmte Vorerkrankungen oder genetische Faktoren sein, die das Risiko für eine Herzmuskel-Entzündung erhöhen.

Wenn diese Faktoren nicht vorliegen, dann steigt auch das Risiko für die Herzmuskel-Entzündung nicht, wenn man 100 Dosen gibt. Bei anderen Nebenwirkungen, die mit einer gewissen Häufigkeit aus Zufall auftreten, dann erhöhen viele Impfdosen die Wahrscheinlichkeit natürlich schon. Aber der Mann scheint nach dem, was ich bisher gehört habe, ja gesund zu sein. Insgesamt ist die Wahrscheinlichkeit wohl größer, dass einfach nichts passiert.

MDR (Katja Luniak, Thomas Tasler)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 05. April 2022 | 06:10 Uhr

1 Kommentar

WegWeiser vor 12 Wochen

Werden bei der Festlegung der Impfquote eigentlich Personen gezählt oder die Menge der verabreichten Impfdosen?

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