Ungenaue Daten Corona-Inzidenz in Wahrheit oft viel höher: Was dahinter steckt

Seit fast zwei Jahren bestimmt die sogenannte Corona-Inzidenz, wie wir leben. Immer wieder gab es Kritik an der Erhebung der Zahl. Jetzt melden Medien: In Sachsen-Anhalt ist die Inzidenz aktuell nahezu chronisch zu niedrig. Eine Überraschung ist das nicht.

Eine Hand hält ein Handy hoch, auf dem Display steht: "RKI Covid-19 Deutschland: 7-Tage-Inzidenz 249,1". Im Hintergrund ist eine Deutschlandkarte mit Infektionszahlen zu sehen.
Von Inzidenzen rund um 200 ist Deutschland weit entfernt. Das Problem aber bleibt auch bei höheren Werten: Sie sind in Wahrheit viel zu niedrig. (Symbolbild) Bildrechte: IMAGO / Revierfoto

Die Meldung lässt aufhorchen: "Virus überholt die Behörden", titelt die Mitteldeutsche Zeitung diesen Freitag – und schreibt, dass die Corona-Inzidenz in Sachsen-Anhalt in Wahrheit weitaus höher (€) ist als von offizieller Seite angegeben. Beispielsweise wurde die Inzidenz des vergangenen Sonntags nachträglich vom Robert Koch-Institut (RKI) auf mehr als 800 nach oben korrigiert. Die am Sonntag vom RKI gemeldeten Zahlen hatten den Wert landesweit bei knapp 720 gesehen. Ein Einzelfall ist das nicht.

Hintergrund ist allerdings keine böse Energie, sondern schlicht die Überlastung der Gesundheitsämter. Der Landkreis Anhalt-Bitterfeld etwa räumte auf Anfrage der Zeitung ein, die aktuell gemeldeten Zahlen entsprächen tatsächlich nicht der Realität. Die Gründe dafür sind schnell erklärt: Die Zahl der täglich gemeldeten Neuinfektionen ist so hoch, dass die Gesundheitsämter schlicht nicht hinterher kommen.

Die Folge: Nicht alle neuen Fälle werden zeitnah an das Robert Koch-Institut übermittelt werden, sodass die dort berechnete 7-Tage-Inzidenz zu niedrig ausfällt. Erst Tage später werden die Werte dann mit den nachgemeldeten Fällen nach oben korrigiert.

Neu ist dieses Problem allerdings nicht. Und es betrifft auch nicht nur Sachsen-Anhalt. Im Frühsommer berichtete MDR SACHSEN-ANHALT schon einmal über Inzidenzen, die zu niedrig angegeben werden. Damals hatte die Inzidenz eine maßgebliche Rolle für angestrebte Lockerungen der Corona-Beschränkungen gespielt. Schon da galt: Sind die Inzidenzen einmal veröffentlicht, werden sie quasi "eingefroren" und als Maßstab für weitere Regeln genommen. Was damals für Lockerungen galt, gilt jetzt umgekehrt auch für Verschärfungen.

Analyse: Fast alle Landkreise in Deutschland betroffen

Im Frühsommer hatte der Bayerische Rundfunk gerade eine Datenanalyse veröffentlicht. Ergebnis: Zwischen März und Mai 2021 wurden in ganz Deutschland nachträgliche Abweichungen bei der Inzidenz festgestellt. Bereits einen Tag nach Veröffentlichung der Zahlen beim Robert Koch-Institut lag die Inzidenz der Landkreise und Städte demnach im Schnitt fünf Prozent höher als ursprünglich angegeben.

In der Grafik sehen Sie, wie stark die offiziell gemeldeten Inzidenzen zwischen März und Mai 2021 in Mitteldeutschland im Vergleich zu den später nach oben korrigierten Werten waren.

Bericht: Weitere Hilfe von der Bundeswehr angefordert

In der aktuell grassierenden vierten Corona-Welle scheint sich das Ausmaß der Nachmeldungen aber noch einmal zu vergrößern. So ist es nach Angaben der Mitteldeutschen Zeitung in Sachsen-Anhalt dazu gekommen, dass die Inzidenz nachträglich um bis zu 20 Prozent nach oben korrigiert wurde. Das Gesundheitsministerium in Magdeburg teilte der Zeitung mit, dass der Umfang der meldepflichtigen Daten reduziert wurde. Das soll die Ämter entlasten, hieß es. Zudem werde Hilfe unter anderem durch die Bundeswehr organisiert.

In Sachsen-Anhalt sollen ab 6. Dezember noch einmal verschärfte Regeln zur Eindämmung der Pandemie gelten. Unter anderem soll dann eine 2G-Regel für den Einzelhandel eingeführt werden.

MDR (Luca Deutschländer, Manuel Mohr)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 03. Dezember 2021 | 07:00 Uhr

6 Kommentare

Felix vor 7 Wochen

Nicht nur durch überlastete Gesundheitsämter - auch durch Probenrückstau in den Laboren und die Meldeverzögerungen durch die Meldeketten kommt es zu diesem Effekt, dass die Inzidenzen (und vor allem Fallzahlen) am Meldetag oft deutlich von den (durch Nachmeldung korrigierten) Zahlen paar Tage im Rückblick abweichen. Aber das ist nur ein Teil der Wahrheit. Da absolut wichtige Kenngrößen (wie z.B. die Testzahlen bzgl. der einzelnen Fallzahlen/Inzidenzwerte; aber auch die Zyklen- und Sequenzzahl bei den durchgeführten PCR-Tests) fehlen, sind diese Zahlen absolut unbrauchbar. Wenn ist ein riesiger Unterschied, ob ich eine Personengruppe vollständig und mehrmals pro Woche teste oder nur zum Teil und nur einmal pro Woche. Die Fallzahlen und Inzidenzen würde deutlich voneinander abweichen - sind aber absolut nicht vergleichbar und sagen nichts über das tatsächliche Krankheitsgeschehen aus.

ElBuffo vor 7 Wochen

Die Symptomlose rutschen auf bei vielen Schnelltests durch. Aber im Grunde sind die ja auch weniger das Problem, sondern die, deren Symptome für die ITS reichen.

Anni22 vor 7 Wochen

Naja ab einer gewissen Anzahl, kann man einfach davon ausgehen, dass das Virus flächendeckend vorhanden ist. Die Nachverfolgung und Isolierung ist doch bei so hohen Indizes eh nicht mehr zu schaffen. Alle Testen klingt zwar toll, ist aber nicht umsetzbar, da sind rückzuck alle Möglichkeiten (Material, Personal) ausgeschöpft.

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