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Die Luca-App wird von IT-Experten kritisch gesehen. Bildrechte: dpa

Kampf gegen CoronaDie Luca-App und die Probleme der digitalen Verwaltung

von Marcel Roth, MDR SACHSEN-ANHALT

Stand: 05. September 2021, 09:53 Uhr

Luca-App oder Corona-Warn-App? Oder weitere Alternativen? Während sich Digital-Experten weitgehend einig sind, zeigt sich bei den Verwaltungen: Es gibt ein grundsätzliches Problem mit digitalen Veränderungen.

Nordrhein-Westfalen ist ein Exot. Zumindest bei der viel beschworenen Kontaktnachverfolgung: Im bevölkerungsreichsten Bundesland hat die Landesregierung zum 20. August die Kontaktdatenerfassung nämlich abgeschafft. Gaststätten, Hotels, niemand muss mehr Zettel ausfüllen oder seinen Kunden eine App empfehlen, damit das Gesundheitsamt im Infektionsfall auf die Kontaktdaten zugreifen kann. Kein anderes Bundesland geht diesen Weg. In der aktuellen Verordnung in NRW (PDF) findet sich nichts zu "Kontaktnachverfolgung", "Datenerfassung" oder "Anwesenheitspflicht". Auf der Frage-und-Antwort-Seite der NRW-Landesregierung heißt es: "Daten zur Rückverfolgbarkeit von Personen sind nicht mehr zu erfassen."

Und das ZDF schreibt: "Der Aufwand dieser Erfassung habe nicht mehr im Verhältnis zum Nutzen durch die Gesundheitsämter gestanden, heißt es seitens der Landesregierung." In NRW gibt es mehr als 50 Gesundheitsämter – in Sachsen-Anhalt sind es 14.

Datensammeln in Sachsen-Anhalt

Und in Sachsen-Anhalts aktueller Corona-Verordnung wird das Thema unter "Anwesenheitsnachweise" geführt. Sie sind unter anderem in Hotels und Gaststätten vorgeschrieben. Vor- und Familiennamen, Anschrift, Telefonnummer und der Zeitraum sollen festgehalten und im Bedarfsfall an die Gesundheitsämter gemeldet werden.

Wie machen es Sachsen und Thüringen?

Sachsens Regierung schreibt zum Beispiel vor, dass digitale Systeme, insbesondere die Corona-Warn-App, für die "Kontakterfassung" eingesetzt werden soll. Wer kein digitales System nutzen will oder kann, muss seine Kontaktdaten analog notieren – diese Kontakte würden dann bei einem Infektionsfall nachverfolgt werden.

Thüringens Landesregierung formuliert: Insbesondere die Corona-Warn-App soll "für die Kontakterfassung genutzt werden". Allerdings schreibt Thüringen für viele Orte auch eine "Kontaktnachverfolgung" vor. Und Sachsen-Anhalt schreibt für viele Orte einen "Anwesenheitsnachweis" vor, "zur Nachverfolgung von Kontaktpersonen".

Außerdem steht dort: "Eine digitale Kontaktdatenerhebung ist zulässig." Damit zielt die Verordnung auf Apps wie Luca oder PassGo ab. Nur ein digitales Werkzeug scheidet dabei aus: Die Corona-Warn-App. Sie erfasst keine dieser Daten. Nutzer und Nutzerinnen können sie anonym nutzen. Das lange Zeit einzige Ziel der Corona-Warn-App: Menschen schnell zu warnen, wenn sie sich infiziert haben könnten.

Vorteile der Corona-Warn-App

Und in der Schnelligkeit ihrer Warnung ist die Corona-Warn-App unschlagbar. Die Erklärung: Wenn ein Mensch positiv getestet wird, kann er das in der Corona-Warn-App mitteilen. Und weil die Corona-Warn-App "misst", welches Smartphone welchem anderen Smartphone wann und wie lange wie nah war, bekommen nur die Menschen eine Warnung, für die tatsächlich ein Risiko besteht. Sie erhalten innerhalb weniger Stunden eine rote Warnung in der App. Kein Gesundheitsamt kann da mithalten, weil kein Mitarbeiter, keine Mitarbeiterin gleichzeitig mit mehr als einem Menschen telefonieren und so schnell herausfinden kann, wer wem wie lange nah war.

Die Luca-App

Auch Menschen, die die Luca-App nutzen, können nicht so schnell gewarnt werden wie die Nutzer der Corona-Warn-App. Denn auch Luca geht den Weg über die Gesundheitsämter. Dort müssen Mitarbeiter Daten anfordern und Warnungen absetzen – ein Prozess, den das System hinter der Corona-Warn-App automatisch erledigt.

Neben der grundlegenden Problematik wird Luca vor allem wegen seiner Kosten kritisiert. Mehr als 800.000 Euro hat Sachsen-Anhalts Landesregierung in diesem Jahr dafür ausgegeben. Der Lizenzvertrag läuft bis März 2022. Luca kam in den vergangenen Monaten hierzulande bei zwei Gesundheitsämtern insgesamt zwei Mal zum Einsatz, hatten Recherchen von MDR SACHSEN-ANHALT im August gezeigt.

Das hatte Anfang September auch die "Mitteldeutsche Zeitung" berichtet und die Kosten für die beiden Einsätze vorgerechnet. Ob mit der Luca-App aber Infektionen verhindert wurden und wie viel Geld das einer Gesellschaft wert ist, kann niemand sagen. Aber als Fakt bleibt: Kaum benutzt und viel kritisiert – der Nutzen der Luca-App ist umstritten. Und deshalb fordern nicht nur Politiker wie der Grüne Sebastian Striegel, die Luca-App auszumustern.

Luca und die vierte Welle

Bei steigenden Infektionszahlen kann Luca noch problematischer werden, glauben Experten: Zum einen weil dann mehr Fälle und entsprechend mehr Kontakte ermittelt werden müssen, zum anderen aber auch, weil Gesundheitsämter Daten auch aus anderen Quellen bekommen. Im Landkreis Harz wird neben der Luca-App zum Beispiel auch die ePassGo-App genutzt, die in Halberstadt mitentwickelt wurde. Können sich also die Besucher einer Veranstaltung bei diesen beiden Systemen anmelden, erhält das Gesundheitsamt eben auch aus diesen beiden Systemen Kontaktdaten. Hinzukommen kann auch noch eine Liste des Veranstalters, wenn er personalisierte Tickets verkauft hat.

Forderung: Corona-Warn-App erlauben

Auch der Vorsitzende des IT-Wirtschaftsverbandes und Vorsitzender des Digitalisierungsbeirates Sachsen-Anhalts, Marco Langhof, stellt das Prinzip der Luca-App grundsätzlich infrage. Die Lösung scheint die älteste Pandemie-App zu sein. Die Corona-Warn-App. Langhof sagt: "Die Corona-Warn-App muss zulässig sein. Wozu soll sie sonst da sein?" Aber mit der derzeit gültigen Corona-Verordnung können Veranstalter und Gaststätten die Corona-Warn-App nicht nutzen. Deshalb sagt Langhof, die Regeln lege die Landesregierung fest und könne sie entsprechend auch ändern. "Die kommen ja nicht vom Himmel geregnet", sagte Langhof.

Verantwortliche in Gesundheitsämtern und der Politik sehen den Nutzen der Luca-App weiter positiv. Aber Langhof meint, die zweimalige Nutzung an verschiedenen Stellen sei keine wirkliche Erfahrung. "Insofern glaube ich, dass diese Aussage doch eher eine Rechtfertigung ist." Sachsen-Anhalts Gesundheitsministerium hält bislang an Luca fest, hat aber auf Nachfragen von MDR SACHSEN-ANHALT in dieser Woche noch nicht reagiert.

Vor digitale Anschaffungen genauer hinschauen

Und Langhof meint weiter, die Landesregierung hätte vor dem Luca-Kauf genauer hinschauen müssen: "Hat man gefragt, was genau diese App bewirken und welche Aufgaben sie erfüllen soll? Das scheint mir alles unklar zu sein." Auf jeden Fall hätte man vorher nicht die Leute gefragt, die sich mit Datenschutz und Software-Architektur auskennen. Sie hätten auf Schwachstellen hinweisen können. "Natürlich ist man hinterher immer schlauer. Aber man kann vorher deutlich schlauer sein als in diesem Fall."

Für Luca sei sehr, sehr viel Geld wegen eines sehr, sehr guten Marketings ohne Ausschreibung ausgegeben worden, kritisiert auch Dirk Arendt. Er ist Experte für IT in öffentlichen Verwaltungen, wohnt in Dessau und arbeitet beim japanischen IT-Sicherheitsdienstleister Trend Micro. "Luca wurde einfach beschafft. Es gab keine Tests im Vorfeld. Für viele Menschen in der Verwaltung ist die Luca-App ein Strohhalm, an dem man sich festhalten kann."

Verwaltungen und digitale Werkzeuge

Für Dirk Arendt ist Luca ein Symptom. Die Anschaffung der App zeigt wohl beispielhaft, warum die Digitalisierung in der Verwaltung nicht vorankommt: "Es ist eine App. Es ist kein wirkliches Konzept und schon gar keine Lösung. Wir denken in solchen Fällen oft zu kurzfristig", sagt Arendt. Man sollte viel größer und grundsätzlicher an digitale Lösungen herangehen. "Die Pandemie hat zahlreiche Schwächen in Bezug auf die Digitalisierung der Verwaltung offengelegt. Und man muss klar sagen, dass es hier um die Leistungsfähigkeit unserer Gesellschaft geht", sagt Arendt.

Bildrechte: Trend Micro

Das Beispiel Luca zeige vielleicht, dass es im "Frontoffice" – bei den Nutzern – vielleicht funktioniert. Aber entscheidender sei die Integration im "Backoffice", in der Verwaltung. "Der Einsatz von Luca täuscht über andere Probleme hinweg: fehlende Kapazitäten, fehlendes Geld und fehlende Ausbildung der Mitarbeiter." Außerdem sei Luca ein Beispiel dafür, dass die IT-Sicherheit nicht ernst genug genommen würde. "Dabei ist die Security eine absolute Grundvoraussetzung, damit neue Technologien sich nicht nur Hype bleiben, sondern auch wirklich langfristig und mit gutem Gewissen genutzt werden."

Digitalisierung hinterfragt alles

Arendt hat noch ein weiteres Beispiel parat: Die Software Sormas, die den Gesundheitsämtern in der Epidemiebekämpfung helfen soll. "Auch das ist eine Software. Aber man hat die Auswirkungen für den Betrieb und die Integration in den vielen Gesundheitsämtern in der föderalen Struktur überhaupt nicht beleuchtet."

Für Dirk Arendt hinterfragt die Digitalisierung alle Prozesse in der Verwaltung und der Bürokratie. "Es darf nicht nur darum gehen, bisher analoge Prozesse einfach digital abzubilden. Das ergibt keinen Sinn, wir müssen die Prozesse als Ganzes neu betrachten und verändern." Dazu müssten auch Gesetze und Verordnungen überprüft und angepasst werden.

Und auch wenn man sich einmal für ein Werkzeug in einer Verwaltung entschieden habe, müsse man das kontinuierlich hinterfragen und gleichzeitig permanente Schulungen anbieten. "Wir müssen Akzeptanz stärken, Mitarbeitern die Ängste nehmen, Technologien evaluieren und an den Stand der Technik anpassen. Und wir müssen Mut zu neuen Technologien haben."

So hätte sich ein Fall wie Luca vielleicht verhindern lassen. Aber Arendt hat Hoffnung, denn die Verwaltungen veränderten sich gerade: "Viele, viele Menschen scheiden jetzt aus der Verwaltung aus und viele junge Menschen kommen dazu." Das sei ein Umbruch und weil junge Menschen ein ganz anderes Arbeiten gewohnt seien, würden sie sich nicht mehr mit alten Werkzeugen zufriedengeben.

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MDR/Marcel Roth

Dieses Thema im Programm:MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 05. September 2021 | 12:00 Uhr

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