Lieferengpässe KV-Chef: Riesige Lücke bei Versorgung mit Corona-Impfstoff droht

Der Chef der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) in Sachsen-Anhalt sieht einen massiven Engpass beim Corona-Impfstoff auf Deutschland zukommen. Der Grund: Die Auslieferung des Impfstoffs von Biontech an Arztpraxen ist gedeckelt worden. Das Ziel, bis Weihnachten mehr als 25 Millionen Menschen zu boostern, ist damit aus Sicht des KV-Chefs nicht zu erreichen.

Eine Arzthelferin mit einem Impfstofffläschchen
Heiß begehrt, aber rar: In den Hausarztpraxen in Sachsen-Anhalt wird der Impfstoff von Biontech/Pfizer knapp. (Archivbild) Bildrechte: imago images/Wilhelm Mierendorf

Der Chef der Kassenärztlichen Vereinigung in Sachsen-Anhalt, Jörg Böhme, beklagt einen Engpass beim Impfstoff gegen das Coronavirus. Deutschlandweit würden für die kommende Woche fast ein Drittel weniger Impfdosen geliefert, als bestellt worden seien, sagte Böhme am Freitag MDR SACHSEN-ANHALT.

Ein Mediziner sitzt an seinem Schreibtisch.
Jörg Böhme sieht wegen der Corona-Impfstoff-Engpässe große Probleme auf die Ärzte in Sachsen-Anhalt zukommen. Bildrechte: MDR/Bernd-Volker Brahms

Insgesamt werden nach Informationen der Kassenärztlichen Bundesvereinigung statt bestellter 8,5 Millionen Dosen von Biontech/Pfizer rund 2,4 Millionen Dosen weniger verfügbar sein. Der KV-Chef sagt: "Das ist schon eine riesige Lücke, die sich da auftut." Er hoffe, dass die Hausarztkollegen so geplant haben, dass sie ohne Terminabsagen weiterimpfen können.

In Sachsen-Anhalt gibt es rund 1.100 Hausarztpraxen. An den Impfungen beteiligen sich laut Böhme zudem viele Facharztpraxen. In dieser Woche seien in Sachsen-Anhalt rund 60.000 Impfungen in den Praxen verabreicht worden und damit 15.000 mehr als in der Woche davor. Jetzt würden die Praxen wieder "ausgebremst", so Böhme.

Booster-Ziel bis Weihnachten wohl nicht erreichbar

Angesichts der Lieferengpässe beim Impfstoff von Biontech/Pfizer hält Böhme die Forderungen für problematisch, die Kapazitäten bei den mobilen Impfteams noch mehr auszuweiten. "Das wäre ja der schlimmste Fall, wenn Termine von den Impfteams nicht mehr eingehalten werden können", sagt der Stendaler. Das könne man dann niemandem mehr vermitteln. "Wir sind froh, dass es dieses niederschwellige Angebot gibt, wir könnten es in den Praxen nicht allein schaffen", so Böhme. Rund 75 Prozent der Impfungen werden in den Praxen verabreicht.  

Nach Ansicht von Böhme kann das avisierte Boostern von 27 Millionen Menschen bis Weihnachten angesichts der Lieferschwierigkeiten kaum mehr gewährleistet werden. Hierzu wäre die vollständige Auslieferung der bestellten Impfdosen erforderlich gewesen.

Hausärzte doppelt belastet

Für die Hausärzte wird das Impfen laut Böhme ohnehin immer mehr zu einer Belastung. Die Patientenbesuche in den Praxen hätten mittlerweile wieder das Niveau von vor der Pandemie erreicht, sagte Böhme. "Dadurch kommt das Impfen jetzt zusätzlich zur normalen Arbeitsbelastung hinzu."

2020 seien die Patienten zurückhaltend bei den Arztbesuchen gewesen. "Es ist gut, dass sie wieder da sind, aber es ist schwierig zu stemmen", sagt der KV-Chef.

Zahl der Biontech-Impfdosen vom Bund gedeckelt

Der geschäftsführende Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hatte in der vergangenen Woche angekündigt, Biontech-Lieferungen an die Hausarztpraxen zu deckeln. Damit hatte der CDU-Politiker viel Kritik aus den Bundesländern auf sich gezogen. Spahns Ministerium beschwichtigte voriges Wochenende, es gebe genügend Impfstoff für alle. Am Freitag hat er das nochmals bekräftigt.

Hintergrund der Deckelung war den Angaben zufolge, dass künftig vermehrt der Wirkstoff Moderna verimpft werden soll. Es müsse vermieden werden, dass die Dosen im ersten Quartal 2022 verfielen, argumentierte das Ministerium.

Zahl der verabreichten Impfdosen in Sachsen-Anhalt gestiegen

In den vergangenen Tagen war die Zahl der Erstimpfungen in Sachsen-Anhalt wieder deutlich gestiegen. Im Schnitt bekamen 2.500 Frauen und Männer täglich eine Erstimpfung. Auch die Zahl der Booster-Impfungen in Sachsen-Anhalt stieg seit Anfang November stark.

Wegen der insgesamt noch immer unzureichenden Infrastruktur hatten sich bundesweit lange Schlangen vor Impfzentren gebildet. Einige Impflinge hatten über Stunden in der Kälte ausharren müssen. In anderen Städten, darunter Berlin, wurden Impfwillige sogar wieder weggeschickt, weil der Impfstoff ausgegangen war. Die Bundesregierung hatte trotz der massiven Probleme bei der Kampagne zuletzt beteuert, bis Ende dieses Jahres allein 27 Millionen Menschen eine Auffrischimpfung anzubieten.

Hauptsache Gesund 31 min
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MDR (Bernd-Volker Brahms, Luca Deutschländer, Fabian Frenzel)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 26. November 2021 | 15:30 Uhr

22 Kommentare

hansfriederleistner vor 8 Wochen

Für alle möglichen Sachen werden von den Regierungen externe Berater teuer bezahlt. Warum ist dann ein Gesundheitsminister nicht fähig einen Fachmann für Logistik zu beauftragen, die zügige Lieferung von der Herstellung bis zum Impfort zu organisieren?

Ilse vor 8 Wochen

Ich würde mich gerne mit Moderna impfen lassen. Ist der beste bei der Delta-Variante und auch höher dosiert. Mich interessieren keine Marketing-Gags.

maheba vor 8 Wochen

Hätten sich die jetzt impfwilligen Ungeimpften im letzten halben Jahr impfen lassen, wäre jetzt nicht so viel Impfstoff abgelaufen bzw. hätte nicht zwischenzeitlich verschenkt werden müssen. Logik an sich.

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