Corona-Pandemie Corona und das Misstrauen – eine Beobachtung

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Bildrechte: Uli Wittstock/Matthias Piekacz

Die zweite Corona-Weihnacht liegt vor uns und ein Jahreswechsel mit eingeschränkten Freiheitsrechten wird folgen. Entsprechend ist die Stimmung im Land und allmählich wächst die Erkenntnis, dass dieses Virus uns länger beschäftigen wird, als vermutet. Was heißt das aber für das Zusammenleben, für die Politik und auch für die Medien?

Symbolfoto Impfprivilegien, auf Koffer liegen App CovPass auf Smartphone mit digitalem europäischen Impfzertifikat inklusive QR-Code, Reisepässe, Bordkarten
Bildrechte: IMAGO / Michael Weber

Vor einer Woche hatte ich mich aufgerafft, zu einem Museumsbesuch nach Potsdam, denn bestimmte Routinen drohen verloren zu gehen, wenn man sie nicht pflegt. Doch bevor ich überhaupt vor dem ersten Ölbild stand, hatte ich mich zweimal ausgewiesen, einmal meine Adresse hinterlassen, natürlich meinen Impfstatus offengelegt, zudem meine Eintrittskarte mehrfach einem QR-Scanner überantwortet.

Nach dieser Prozedur schlich sich unangemeldet ein Gedanke ins Hirn: Die Stasi hätte für eine solche rundum Datenversorgung sogar den finstersten Klassenfeind umarmt. Allerdings waren vor dem Museum keine Stasioffiziere im Einsatz, sondern freundliche studentische Hilfskräfte. Auch sonst gab es da keine Hinweise auf finstere Mächte, die sich anschickten, sich meiner bürgerlichen Freiheitsrechte zu bemächtigen.

Das Vertrauen schwindet

Ich gehöre nicht zu jenen Menschen, die davon ausgehen, in einer DDR 2.0 zu leben, aber nach diesem Museumsbesuch ahne ich, wie man zu einer solchen Überlegung kommen kann. Die DDR war ja ein Staat, der seinen Bürgern grundsätzlich misstraute. Dies hatte zur Folge, dass man sich gegenüber staatlichen Stellen in einem permanenten Rechtfertigungsdruck befand.

Das Virus und seine Bekämpfung drohen nun, den Bürger wieder zu einem Objekt des Misstrauens werden zu lassen. Die Groschen in der Kasse des Vertrauens sind offenbar aufgebraucht und so schlägt nun die große Stunde der Kontrolleure. Dies ist aber nicht, wie so mancher behauptet, das eigentliche Ziel der Pandemie-Bekämpfung, sondern nur ihre unschöne Begleiterscheinung.

Nervosität und Abgrenzung

Dieses Misstrauen schleicht sich nun selbst wie ein Virus in Familien, Freundeskreise, Arbeitsteams. Mütter verstehen ihre Töchter nicht, die sich impfen lassen, und so angeblich ihre Fruchtbarkeit aufs Spiel setzen. Kinder gelten plötzlich als Risikofaktoren, nur weil andere in der Familie die Impfung scheuen. Kollegen lassen sich krankschreiben, weil sie als Ungeimpfte den täglichen Testslalom umgehen wollen.

Und dass sich alle Betroffenen konsequent an die Quarantäne halten, darf bezweifelt werden, da die Gesundheitsämter, in den besonders betroffenen Regionen, die Nachverfolgung eingestellt haben. Dass nun ein Lockdown für Ungeimpfte beschlossen wurde, mag eine Art "Impfgerechtigkeit" sein, also Teil jener Freiheit, die uns da pharmakologisch versprochen wurde, doch die Durchsetzung erscheint unter den realen Umständen schwierig zu sein.

Stattdessen fallen wir, psychologisch gesehen, zurück in den Status einer Urhorde: Der, die oder das Andere sind fremd, bedeuten Gefahr und müssen also fern gehalten werden. Nervosität statt Neugier befällt uns, wenn plötzlich eine fremde Denkkultur uns streift, denn wir ahnen irgendwie, dass Irren, in der Logik des Virus, tödlich sein könnte. 

Zaghafte Politik und kleingeistige Lobbyisten

Die Idee, dass Regeln nicht kontrolliert werden müssen, weil sie auf einer gesellschaftlichen Übereinkunft bestehen, ist schön, aber nicht immer umsetzbar. In der Corona-Krise gibt es nämlich keine gesellschaftliche Übereinkunft. Möglicherweise ist das auch der Grund, warum die scheidende Kanzlerin Merkel mit ihrem Politikansatz das Zögerns, Abwartens und Moderierens diesmal so deutlich scheiterte. Das "Fahren auf Sicht" kann auch zu einer Blindfahrt werden, wenn die Richtung ungeklärt ist.

Die endlosen Telefonkonferenzen mit sechzehn Ministerpräsidentinnen und -präsidenten, von denen einer immer irgendwie im Vorwahlkampf war, sind deutliche Belege einer schlecht moderierten Verantwortungsflucht. Die Vielstimmigkeit der Lobbyvertreter erwies sich als weiteres Problem. Von den Hausärzten über die Kassenärztlichen Vereinigungen, bis hin zu Krankenhausmanagern, Daten- und Patientenschützern, bekamen alle reichlich Raum, ihre Partikularinteressen lautstark zu bekunden.

Allerdings kommt es in einer Krise darauf an, Gemeinsamkeiten zu finden und sich nicht durch maßlose Forderungen voneinander anzugrenzen. Erst jetzt, in der vierten Welle, ist es nun endlich möglich, dass Apotheker, Zahnärzte und selbst Veterinärmediziner in die Impfkampagne eingebunden werden. Das hatte die mächtige Ärztelobby bislang zu verhindern gewusst.

Den Schuss überhört

Und während sich die deutsche Öffentlichkeit noch in dem Bewusstsein wähnte, die Krise doch irgendwie zu meistern und etwas abschätzig in die USA blickte, sammelte das Virus seine Kräfte unbemerkt für die vierte Angriffswelle. Allerdings so unbemerkt dann doch nicht, denn Virologen hatten ja rechtzeitig gewarnt und das nicht nur im Kreis eingeweihter Entscheider, sondern öffentlich.

Den Warnungen folgte jedoch ein kollektives Überhören, denn die Impfzentren schlossen ja nicht wegen mangelnden Impfstoffs, sondern wegen mangelnder impfwilliger Mitbürger. Mit einer konsequenteren Politik hätte man möglicherweise die Debatte über eine allgemeine Impfpflicht umgehen können.

Politik trifft auf Wirklichkeit

Dass es nun ausgerechnet die FDP ist, die hier eine besondere Kehrtwendung zu vollziehen hat, ist pikant, scheint aber einem politischen Gesetz zu folgen. So waren es ja die friedensbewegten Grünen, die den ersten Kampfeinsatz der Bundeswehr auf den Weg brachten. Die Arbeiterpartei SPD war es, die mit Hartz 4 einen Rückbau der Sozialsysteme einleitete. Und die ausgerechnet die staatsgläubige CDU setzte die Wehrpflicht aus und brachte den Atomausstieg auf den Weg.

Nun also könnte es die FDP sein, als Verfechterin der persönlichen Verantwortung, die mit einer Impfpflicht die Freiheitsrechte des Einzelnen einschränkt. In seiner Pressekonferenz am Dienstag dieser Woche stellte Ministerpräsident Haseloff fest, dass politische Vorhaben gelegentlich mit der Wirklichkeit kollidierten, weswegen sich auch Haltungen, wie etwa die zur Impfpflicht, ändern könnten.

In der Wahrnehmungsfalle

Aber auch die Medien haben einen Anteil an der aktuellen Situation. Mit konsequentem Totschweigen wird man das Virus nicht ausrotten können, doch muss man schon fragen, ob jede neue Corona-Mutation gleich als Killervirus in fetten Lettern angekündigt werden muss.

Gelegentlich erinnern die morgendliche Corona-Zahlen an Frontberichte, nur dass diesmal der Feind unsichtbar ist. Und warum seit Monaten in Talkshows mit den ewig gleichen Gästen die ewig gleichen Fragen debattiert werden, bleibt das Geheimnis der Programmplaner. Auch wenn derzeit kaum ein Lebensbereich von dem Thema unberührt bleibt, so wäre es doch schön, wenn Corona die Berichterstattung weniger dominieren würde.

Deshalb jetzt also ein Aufruf zu nicht medizinischem Corona-Schutz: Liefern Sie uns positive Meldungen, dann können wir das Virus zumindest medial einhegen.

Quelle: MDR (Uli WIttstock, Max Schörm)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 05. Dezember 2021 | 05:00 Uhr

99 Kommentare

Simone vor 6 Wochen

@ule
Die Politik hat im Nachhinein sicher oft nicht die Leitungslösung zur Bewältigung der Pandemie erreicht, aber dafür gibt es Gründe. Um eine möglichst hohe Akzeptanz von Maßnahmen zu erreichen hat man Beschränkungen möchst spät verhängt und diese oft auch zu früh aufgehoben. Dazu kommt, dass für harte Entscheidungen oft erst einmal ein Druck in Form von vielen Infizierten vorhanden sein muss.

Was man der Politik nicht vorwerfen kann ist, dass sie nicht an der Lösung der Pandemie interessiert ist und uns keine Auswege aufzeigt. In Deutschland ist für alle die Impfung möglich und die vernünftigen Menschen in unserem Land haben sich impfen lassen und verstopfen im Falle einer Infektion nicht die Intensivstationen mit all den daraus resultierenfen Folgen.

Wer Fehler aufzeigt, der sollte diese auch gewichten. Tut man dies, dann erkennt man, dass das Land aktuell wegen der Impfverweigerer in der Patsche sitzt und es wird Zeit diesen als Gesellschaft die Rote Karte zu zeigen.

Simone vor 6 Wochen

Auch ich verspüre Mißtrauen, aber nicht gegen die Politik sondern gegenüber Mitmenschen die sich so radikalisiert und in ihre ideologisch abgeschottete Blase zurück gezogen haben, dass man sie nicht mehr mit Argumenten erreicht.

Auch ich kenne Menschen die zwar hoch gebildet sind, aber in Bezug auf Corona dumm wie die Nacht sind, was ihr Verahlten anbelangt. Da wird die Gefahr geleugnet, Masken werden verdammt und die Impfung verteufelt. Gleichzeitig besorgt man sich gefälschte Impfnachweise um Trot Impfverweigerung nicht von Einschränkungen betroffen zu sein. Diesen Leuten traue ich in ihrer Radikalität auch Gewalttaten zu und glaube nicht, dass man sie noch vernünftig ansprechen kann.

Von daher hilft den Kliniken nur noch, wenn schnell eine Impfpflicht kommt und diese mit schmerzhaften Strafen auch massiv durchgesetzt wird. Ich habe keinerlei Ambitionen auf weitere Solidarität mit Unsolidarischen!

Shantuma vor 6 Wochen

"Immerhin stirbt ungefähr jeder siebzigste der sich infiziert hat. Tolle aussichten für sie!"

Meine Chance auf einen tödlichen Verlauf liegt bei 1:125.000.
Es ist halt toll, wenn man nicht in der Lage ist differenziert zu denken.

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