Digitalisierung Corona-Nachverfolgung am Limit: Neue Software soll Gesundheitsämtern helfen

Auch fast ein Jahr nach Ausbruch der Corona-Pandemie bekämpfen Gesundheitsämter das Virus oft noch analog. Deshalb soll bis Jahresende die Kontaktnachverfolgung und der Datenaustausch der Behörden durch eine Software digital laufen. Fehlende Programmschnittstellen haben das bislang aber verhindert – auch in Sachsen-Anhalt.

Ein Schild mit der Aufschrift "Gesundheitsamt".
Gesundheitsämter kommen bei der Nachverfolgung der Corona-Infektionsketten nicht mehr nach. Eine neue Software soll die Mitarbeitenden unterstützen. (Symboldbild) Bildrechte: imago images/Waldmüller

Der Landkreis Mansfeld-Südharz sucht kurzfristig neue Mitarbeitende. Diese sollen bei der Erfassung von Kontaktdaten unterstützen oder auch bei Postversand helfen und Botendienste übernehmen. Denn: "Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter – insbesondere im Gesundheitsamt – haben die Belastungsgrenze in den vergangenen Wochen deutlich überschritten", berichtet Angelika Klein, Landrätin im Landkreis Mansfeld Südharz.

Ähnlich äußerte sich auch Patrick Puhlmann, Landrat im Landkreis Stendal: "Die Zahl der täglich neu Infizierten, der besorgten Anrufer oder der zu benachrichtigenden Personen übersteigt die Höchstzahlen aus dem Frühjahr um ein Vielfaches." Die Folge: Nicht alle Kontaktpersonen könnten zeitnah benachrichtigt werden.

Bundeswehr unterstützt Gesundheitsämter

Ein junger Mann in Bundeswehruniform arbeitet an einem Schreibtisch. Er hat einen Telefonhörer in der linken Hand und einen Stift in der rechten. Es ist Feldwebel Rico Sachse, der seit Ende Oktober das Gesudnheitsamt Prina bei der Kontaktnachverfolgung unterstützt.
Auch die Bundeswehr unterstützt einige Gesundheitsämter. (Symbolbild) Bildrechte: Landeskommando/Bundeswehr

Auch Gesundheitsämter anderer Landkreise arbeiten am Limit, wie eine Recherche von MDR SACHSEN-ANHALT ergab. Im Altmarkkreis Salzwedel könnten die Mitarbeiter des Gesundheitsamtes allein nicht alle Kontakte von Infizierten lückenlos nachverfolgen und benachrichtigen. Hier müssen bereits Beschäftigte aus anderen Abteilungen helfen.

In Dessau-Roßlau hat sich das Gesundheitsamt inzwischen externe Unterstützung organisiert. Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr und Mitarbeitende des Finanzamts greifen dem Gesundheitsamt hier mit unter die Arme. Auch im Salzlandkreis helfen Bundeswehrsoldaten bei der Ermittlung von Infektionsketten oder Benachrichtigen die Betroffenen.

Software soll viele Prozesse automatisieren

Künftig sollen das die Gesundheitsämter aber wieder selbst stemmen können. Gelingen soll das mit der Software SORMAS (Surveillance Outbreak Response Management and Analysis System). Das Programm wurde vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung entwickelt und erstmals während der Ebola-Seuche in Afrika erprobt.

Ein speziell für die Corona-Pandemie entwickeltes Modul soll die Arbeitsprozesse in den Gesundheitsämtern einfacher gestalten. So erstellt SORMAS beispielswiese automatische Fallmeldungen und mögliche Infektionsverläufe. Viele Arbeitsschritte, die die Gesundheitsämter bei der Nachverfolgung beachten müssen, seien bereits im System definiert und würden automatisch erfolgen, erklärt der Leiter der Abteilung Epidemiologie am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung, Gérard Krause. Er ist Initiator und wissenschaftlicher Leiter von SORMAS.

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Zusätzlich habe das System den Vorteil, dass es digitale Kommunikation zwischen den Gesundheitsämtern ermöglicht. Das ist bislang kaum möglich, weil jedes Gesundheitsamt mit einem eigenen System die Infektionen verfolgt.

Erst Mitte November haben sich die Bundesländer und das Kanzleramt darauf verständigt, die digitale Plattform des Helmholtz-Instituts einzusetzen. Bis Ende des Jahres soll SORMAS und das verbundene System DEMIS (Deutsches Elektronisches Meldesystem für den Infektionsschutz des Robert Koch-Instituts) in mehr als 90 Prozent aller Gesundheitsämter genutzt wird.

Nachverfolgung bisher: Papier, Excel-Tabelle, eigenes Programm

Bislang haben Krause zufolge bundesweit aber nur über 50 von rund 400 Gesundheitsämtern auf SORMAS umgestellt. Auch in Sachsen-Anhalt hält sich die Akzeptanz von SORMAS bisher in Grenzen. Bis heute arbeiten viele Gesundheitsämter noch wie zu Beginn der Pandemie – mit Papier, Excel-Tabellen oder eigenen Programmen. Lediglich das Gesundheitsamt des Landkreises Harz nutzt eigenen Angaben zufolge seit Anfang Dezember SORMAS. Das Programm laufe bislang aber nur im Hintergrund und solle schrittweise eingeführt werden, heißt es vom Gesundheitsamt. Stattdessen werde hauptsächlich mit einer Datenbank gearbeitet, die für das Gesundheitsamt entwickelt worden sei.

Der Zeitpunkt, zu dem SORMAS eingeführt werden soll, halten einige Gesundheitsämter für problematisch. Der Landkreis Börde will erst umstellen, wenn die Fallzahlen wieder auf ein vertretbares Niveau sinken. Denn der Landkreis Harz kritisiert, dass SORMAS nach ersten Erfahrungen aufwändig und anspruchsvoll in der Eingabe sei. Das erschwere die Einarbeitung von neuem Personal und Helfern, die nur zeitweilig in der Ermittlung arbeiten. Ein Vorwurf, dem Gérard Krause vom Helmholtz-Zentrum widerspricht: "Die meisten Gesundheitsämter berichten uns, dass SORMAS sehr intuitiv ist und nicht notwendigerweise eine Schulung bedarf." Daher sei es leicht möglich, das System zu erlernen.

Doppelte Dateneingabe

Krause hat aber trotzdem Verständnis für die Zurückhaltung der Gesundheitsämter. Denn noch werden von SORMAS nicht alle Funktionen unterstützt. MDR SACHSEN-ANHALT sagte er: "In der jetzt aktuell verfügbaren Version bedeutet das leider, dass ein Teil der Daten doppelt eingegeben werden muss, weil die Schnittstellen zu den anderen Systemen noch nicht aktiviert sind." Krause geht aber davon aus, dass die Gesundheitsämter eher bereit seien, SORMAS zu nutzen, sobald diese Schnittstellen funktionieren. Das soll Krause zufolge bereits im Januar der Fall sein.

Über den Autor Thomas Tasler arbeitet seit Juni 2019 bei MDR SACHSEN-ANHALT. Bevor der gebürtige Südthüringer nach Magdeburg kam, hat er schon bei MDR AKTUELL in Leipzig gearbeitet. Davor hat er bei der Zeitung "Freies Wort" und bei mephisto 97.6 erste journalistische Erfahrungen gesammelt. In seiner Freizeit dreht sich fast alles um die Luftfahrt - kein Wunder, dass er bei diesem Thema Ansprechpartner Nummer eins im Funkhaus ist.

Quelle: MDR/mh

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 22. Dezember 2020 | 17:00 Uhr

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