Corona-Daten-Newsletter | Dienstag, 13. Oktober 2020 Das Unbehagen mit dem Wort Risikogebiet

Martin Paul im Funkhaus von MDR SACHSEN-ANHALT
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Heute im Corona-Newsletter: Gibt es eigentlich innerdeutsche "Risikogebiete" oder heißen sie "Gebiete mit erhöhtem Infektionsgeschehen"? Was lösen diese Begriffe aus? Über den Erzgebirgskreis und eine ungenaue Wortwahl.

Aufdruck 'Risikogebiet' auf Holzstempel
Bildrechte: Colourbox.de

Guten Abend, liebe Leserinnen und Leser, 

haben Sie sich vielleicht auch gewundert, dass gestern und auch heute die Länder- und Landkreis-Karte des Robert Koch-Instituts (RKI) nicht den überschrittenen Schwellenwert des Erzgebirgskreises darstellt? Aber auf anderen Karten, wie die von Risklayer, ein Projekt, das am Karlsruher Institut für Technologie angesiedelt ist, sind die Werte schon zu sehen. Ist das ein Darstellungsfehler?

Hat der sächsische Landkreis gar nicht so viele Neuinfektionen auf 100.000 Einwohner in den vergangenen sieben Tagen? Mein Kollege Manuel Mohr hat sich das mal angeschaut.

Und was steckt eigentlich hinter dem Begriff "Risikogebiet"? Die Lösung des Rätsels stelle ich Ihnen weiter unten im Newsletter vor.

Und einen weiteren Punkt möchte ich heute noch einmal unterstreichen. Wir berichten nicht so ausführlich über die Zahlen und die Entwicklung der Corona-Infektionen, weil wir Panik verbreiten wollen oder nach dem Motto: Immer der spektakulärsten Schlagzeile hinterher. Wir berichten so ausführlich, weil wir Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, ein möglichst vielfältiges Bild der Lage und Entwicklungen geben wollen – damit Sie selbst einschätzen und beurteilen können, was das für Sie heißt und welche Konsequenzen Sie daraus ziehen. Ich glaube, dass das wichtig ist, das noch einmal zu sagen.

Gestern hatte ich ein Gespräch mit einem Freund, der genau diesen Punkt der Panik machenden Zahlen und Begriffe angesprochen hatte. Und ich kann das gut verstehen: Wenn man uneingeordnet und ohne Kontext einfach immer die höchsten Zahlen genannt bekommt, erzeugt das ein Gefühl der ständigen Gefahrensituation. Ich kann auch verstehen, wenn man sich bewusst dafür entscheidet, nicht so viele Nachrichten zum Thema Corona hören und lesen zu wollen. Nicht jeder, aus den unterschiedlichsten Gründen, kann gelassen damit umgehen.

Letztendlich wollen wir mit unserer Berichterstattung Ihnen ein Angebot machen, damit Sie entscheiden können, was die Situation für Sie heißt – so gut es geht und so gut wir können. Wenn Sie Vorschläge und Wünsche haben, wie wir besser werden können, dann immer her damit. Meine Kolleginnen und Kollegen und ich, wir freuen uns darüber sehr.

Nun schauen wir auf die aktuellen Zahlen.

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Auf einen Blick: Die aktuellen Zahlen

Deutschlandweit liegt die Zahl der neu positiv Getesteten bei 4.122. Das berichtet das Robert Koch-Institut. Zum Vergleich: Am Dienstag vor einer Woche wurden 2.828 Neuinfektionen gemeldet.

Besonders viele neue Fälle gab es in Nordrhein-Westfalen (+1.211), Niedersachsen (+603), Bayern (+602), Baden-Württemberg (+594), Hessen (+271), Berlin (+252) und Rheinland-Pfalz (+129). Erstmals ist auch Sachsen (+146) unter den Ländern mit mindestens dreistelligen Neuinfektionen.

Hier nun die Zahlen aus unseren drei Bundesländern:

Sachsen

  • Aktive Fälle: 1623 ↗ (+123 zum Vortag)
  • Intensivpatienten: 35 (+4), davon 18 beatmet (+3)
  • Todesfälle im Zusammenhang mit Covid-19: 252 (+1)
  • Schätzung der genesenen Patienten: 6.990 (+60)
  • Gesamtzahl aller positiv Getesteten: 8.865 (+184)

Thüringen

  • Aktive Fälle: 408 ↗ (+12 zum Vortag)
  • Intensivpatienten: 9 (-1), davon 2 beatmet (+/-0)
  • Todesfälle im Zusammenhang mit Covid-19: 196 (+1)
  • Schätzung der genesenen Patienten: 3.938 (+47)
  • Gesamtzahl aller positiv Getesteten: 4.542 (+59)

Sachsen-Anhalt

  • Aktive Fälle: 376 ↘ (-1 zum Freitag)
  • Intensivpatientinnen und -patienten: 9 (-1), davon 7 beatmet (+/-0)
  • Todesfälle im Zusammenhang mit Covid-19: 69 (+1)
  • Schätzung der genesenen Patienten: 2.546 (+25)
  • Gesamtzahl aller positiv Getesteten: 2.991 (+25)

Laut Dashboard des RKI hat der thüringische Landkreis Eichsfeld die 7-Tage-Inzidenz von 35 überschritten. In Sachsen sind es die Landkreise Zwickau und Meißen (auf den Sonderfall Erzgebirgskreis komme ich später zu sprechen). In Sachsen-Anhalt ist noch kein Landkreis in der Nähe. Trotzdem steigen hier die Zahlen besonders in Halle und Dessau. Die Stadt Halle hat aus diesem Grund angekündigt, die tägliche Pressekonferenz zum Corona-Geschehen wieder einzuführen.

Hier gibt es noch eine kleine Analyse zu den steigenden Zahlen in Dessau-Roßlau und Halle:

Warum es keine innerdeutschen Risikogebiete gibt

Update Erzgebirgskreis

  • Risikogebiet Erzgebirgskreis – so habe ich es schon oft gelesen. Ich habe den Begriff selbst auch schon für Regionen mit erhöhtem Infektionsgeschehen (7-Tage-Inzidenz über 50) falsch oder ungenau verwendet – weil ich nicht genug darüber nachgedacht habe.

  • Und damit sind wir bei dem Punkt Panik. Was heißt denn das Wort Risikogebiet? Wie schwer verlaufen denn die Corona-Infektionen? Wenn man einfach das Wort Risikogebiet hört, dann kann man schnell annehmen, dass man in diese Gegend keinen Fuß setzen darf, sonst hat man sich sofort das Virus eingefangen.

  • Meine Kolleginnen und Kollegen von MDR SACHSEN haben mit dem Landrat des Erzgebirgskreises, Frank Vogel, gesprochen. Und auch er benutzt das Wort. Aber nur in dem Sinne, dass es ein vorher festgelegtes erhöhtes Infektionsgeschehen gibt. Und er geht davon aus, dass eine Einstufung in diese Kategorie noch weitere Folgen hat. So wie ich das aber verstanden habe, gibt es keine weiteren Folgen durch eine offizielle Bezeichnung – außer denen, die in der Landesverordnung vorgesehen sind.

  • Der Begriff Risikogebiet wird eigentlich nur für im Ausland liegende Regionen verwendet. Dafür schätzen das RKI, das Auswärtige Amt und das Innenministerium zusätzlich zu dem Infektionsgeschehen die Lage in den Ländern ein.

  • Bei innerdeutschen Gebieten spricht man von Gebieten mit erhöhtem Infektionsrisiko. So listet das Robert Koch-Institut keine innerdeutschen Risikogebiete auf. Und auch auf der Seite des Landes Sachsens werden zwar die Landkreise und Städte aufgezählt, die den Grenzwert von 50 Neuinfektionen überschreiten – Risikogebiete werden diese aber nicht genannt.

Warum das wichtig ist

  • Und auch in den Medien, auch im MDR, ist der Begriff oft zu hören – ich vermute, weil er griffig ist und jedem sofort klar ist, was damit gemeint ist. Oder doch nicht?

  • Eigentlich könnte es ja egal sein, wie etwas genannt wird. Die Folgen, wenn ein Landkreis die oben genannte Grenze überschritten hat, werden in den jeweiligen Landesverordnungen festgelegt und sind gleich, egal wie man diese Region bezeichnet. So wird zum Beispiel die Teilnehmerzahl bei Feiern eingeschränkt oder man darf bei touristischen Besuchen ohne negativen Test nicht in Hotels unterkommen.

"Bei einer Reisewarnung handelt es sich um einen dringenden Appell des Auswärtigen Amts, entsprechende Reisen nicht zu unternehmen. Die Reisewarnung ist kein Reiseverbot." Und weiter: "Die Warnung vor nicht notwendigen und touristischen Reisen aufgrund von COVID-19 hängt stark mit der Einstufung eines Landes als Risikogebiet zusammen. Überschreitet ein Land die Neuinfiziertenzahl im Verhältnis zur Bevölkerung von 50 Fällen pro 100.000 Einwohner kumulativ in den letzten 7 Tagen, kann eine Einstufung als Risikogebiet erfolgen und in der Folge auch eine Reisewarnung ausgesprochen werden. Umgekehrt hängt die Aufhebung der Reisewarnung von einer Besserung der Infektionslage ab."

  • In diesem Fall will der Bund augenscheinlich mit der Reisewarnung und den gewählten Begriffen den "dringenden Appell" verbinden.

Was das heißt

  • Zusammengefasst heißt das für mich (außer ich habe etwas grundlegend übersehen oder falsch verstanden): Eine eindeutige und einheitliche Definition von innerdeutschen Risikogebieten gibt es nicht.Eigentlich heißt es für Deutschland: Gebiet mit erhöhtem Infektionsgeschehen. Die Folgen der erhöhten Inzidenz werden in den Landesverordnungen geregelt. Eindeutig wird der Begriff lediglich für das Ausland verwendet. Medien, Behörden und Politik vermischen die Begrifflichkeiten aber.

Erzgebirgskreis – was nun?

Aber zurück zur Ausgangsfrage: Wie schwer verlaufen denn gerade die Corona-Infektionen im Erzgebirgskreis?

  • Der Landrat des Erzgebirgskreises, Frank Vogel, nimmt dem Wort Risikogebiet etwas die Schärfe. "Überwiegend gab es milde Verläufe. Stand gestern hatten wir 25 Infizierte, die in unseren sechs Kliniken waren. Alle anderen, die positiv getestet wurden, hatten einen absolut milden Verlauf. Viele von Ihnen haben es selbst gar nicht verspürt, dass sie erkrankt waren", berichtet Vogel im Interview.

  • Aber er schränkt auch ein: "Wir haben unsere Fallzahlen für uns ermittelt und sind über das Wochenende zu dem Ergebnis gekommen mit den 67 Inzidenzfällen auf 100.000 Einwohner und das hat uns veranlasst, zu handeln. (…) Man darf die ganze Geschichte nicht auf die leichte Schulter nehmen. Wir haben in der Sommerzeit sehr geringe Fallzahlen gehabt. Das hat dazu geführt, dass mancher das Thema nicht mehr so ernst genommen hat. Jetzt verlagert sich das Zusammensein wieder in geschlossene Räume. Jetzt kommt die Grippe dazu. Mein Appell an die Bürgerinnen und Bürger ist, dass man sich auf die Hygienebestimmungen und die Abstandsregelungen wieder besinnt und dort etwas mehr Sorgfalt und Achtsamkeit an den Tag legt."

Also eine gesunde Vorsicht walten lassen, aber nicht in Panik verfallen – das lässt sich aus diesen Worten lesen. Das ganze Interview mit dem Landrat des Erzgebirgskreises können Sie sich hier anhören:

Wie es zu den unterschiedlichen Zahlen kommt

Wie oben schon erwähnt, sind auf den unterschiedlichen Karten unterschiedliche Zahlen abzulesen. Woher kommt dieser Unterschied? Kurz zusammengefasst: Der Fehler ist ein technischer.

Das Sozialministerium Sachsen teilte auf Nachfrage mit, die Zahlen aus dem Erzgebirgskreis konnten bisher nicht vollständig über die offizielle Software an das RKI übermittelt werden. Daraus ergeben sich deutliche Unterschiede in den Statistiken.

Hier in diesem Text können Sie noch einmal nachlesen, wie es zu den unterschiedlichen Zahlen kommt.

Zum Schluss

Heute möchte ich Ihren Blick zum Schluss auf den Himmel lenken. Denn, vorausgesetzt Sie haben ein gutes wolkenloses Nachtwetter, dann können Sie den Mars heute wunderbar nah und deutlich sehen. So wie erst wieder im Jahr 2035.

Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt haben das in einem Beitrag beschrieben. Viel Spaß also beim Mars beobachten.

Ihr Martin Paul

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Quelle: MDR/mp

1 Kommentar

part vor 25 Wochen

Nun wäre die DDR in eine solche Situation geraten, hätte es wohl vor Witzen darüber nur so gewimmelt von Rügen bis Themar bei der Bevölkerung. Heute machen die Witze einzelne Witzbolde im Rundfunkgeschehen, mal treffend, mal etwas flach. Als Resümee bleibt aber: der Bevölkerung heute ist das Witzemachen gehörig vergangen. Ist es der Frust in der Gesellschaft oder die um 90% erhöhte Bürokratie sowie die Abwesenheit von geselligen Zusammensein gegenüber der DDR, wo stets über alles gemäkelt wurde ohne das die Stasi sofort aktiv wurde?

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