Corona-Daten-Newsletter | Dienstag, 22. Dezember 2020 Die Lage auf den Intensivstationen ist schlimmer, als Sie wahrscheinlich dachten

Alisa Sonntag
Bildrechte: MDR/Martin Paul

Heute im Corona-Newsletter: Warum möglicherweise noch weniger Intensivbetten zur Verfügung stehen als wir dachten, wie Patientinnen und Patienten im Ernstfall verteilt werden und was Autos dabei für eine Rolle spielen.

Medizinisches Personal mit Masken und Schutzkleidung hinter Schläuchen und einem Bett
In den Intensivstationen ist die Lage alles andere als entspannt. Bildrechte: MDR SACHSEN-ANHALT/Alisa Sonntag

Guten Abend,

die nächsten Wochen werden hart. Das schreibe ich nicht nur, weil Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) heute gesagt hat, dass "vor uns die zehn härtesten Wochen der Pandemie liegen". Sondern auch, weil es keine guten Neuigkeiten aus den Intensivstationen in Deutschland gibt.

Heute soll es im Newsletter darum gehen, warum möglicherweise noch weniger Intensivbetten zur Verfügung stehen, als wir dachten, und was Kleeblätter und Fahrzeuge damit zu tun haben.

Aber lassen Sie uns erst einen Blick auf die Zahlen werfen.

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Auf einen Blick: Die aktuellen Zahlen

Bundesweit liegt die 7-Tage-Inzidenz aktuell bei durchschnittlich 197,6. Die Zahlen unterscheiden sich aber regional sehr stark. In einigen Landkreisen, viele davon in Sachsen, liegt die 7-Tage-Inzidenz deutlich über 500 und teilweise sogar über 600.

Sachsen

  • Aktive Fälle: 37.522 ↗ (+549 zum Vortag)
  • Intensivpatientinnen und -patienten: 582 (-15), davon 261 beatmet (-17)
  • Intensivbetten: 1.348 belegt, 256 frei
  • Todesfälle im Zusammenhang mit Covid-19: 2.481 (+139)
  • Schätzung der genesenen Patienten: 72.300 (+2.300)
  • Gesamtzahl aller positiv Getesteten: 112.303 (+2.988)

Thüringen

  • Aktive Fälle: 12.316 ↗ (+294 zum Vortag)
  • Intensivpatientinnen und -patienten: 157 (-9), davon 77 beatmet (+3)
  • Intensivbetten: 616 belegt, 171 frei
  • Todesfälle im Zusammenhang mit Covid-19: 752 (+36)
  • Schätzung der genesenen Patienten: 20.869 (+664)
  • Gesamtzahl aller positiv Getesteten: 33.937 (+994)

Sachsen-Anhalt

  • Aktive Fälle: 9.093 ↗ (+64 zum Vortag)
  • Intensivpatientinnen und -patienten: 128 (-8), davon 69 beatmet (+7)
  • Intensivbetten: 751 belegt, 159 frei
  • Todesfälle im Zusammenhang mit Covid-19: 459 (+/59)
  • Schätzung der genesenen Patienten: 14.820 (+609)
  • Gesamtzahl aller positiv Getesteten: 24.372 (+733)

Die Lage auf den Intensivstationen ist schlechter, als Sie wahrscheinlich dachten

Der Mangel an Intensivbetten für Covid-19-Patienten in den sächsischen Corona-Brennpunkten ist wohl deutlich größer als offiziell gemeldet. Das zeigt eine Recherche von MDR AKTUELL. Dabei haben die Kolleginnen und Kollegen freie Behandlungskapazitäten im deutschlandweiten DIVI-Intensivregister mit internen Bettenlisten der Krankenhäuser von fünf sächsischen Landkreisen abgeglichen. DIVI steht für Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin.

Das Ergebnis: Im offiziellen DIVI-Intensivregister waren in der vergangenen Woche für die Landkreise Bautzen, Dresden, Sächsische Schweiz Osterzgebirge, Görlitz und Meißen mehr als doppelt so viele freie Intensivbetten verzeichnet wie in der internen Bettenliste. Die Abweichung ist auch deswegen fatal, weil das DIVI-Register eine der Komponenten ist, anhand derer Fachleute die Pandemiesituation in Deutschland bewerten. Welche Gründe es für die starke Abweichung geben könnte, können sie hier nachlesen.

Wie Kranke auf die Intensivstationen verteilt werden

Klar ist: Schon im DIVI-Intensivregister sieht die Lage ernst aus. In der Praxis könnte sie noch ernster sein. Wenn in einer Region nicht mehr genügend Intensivbetten zur Verfügung stehen, müssen Patientinnen und Patienten in andere Regionen verlegt werden. Dafür hat das Bundesinnenministerium das sogenannte Kleeblatt-Konzept entwickelt.

Die Situation in den Krankenhäusern wird in drei verschiedene Stufen nach dem Ampelprinzip eingeordnet, erklärt die Ärztezeitung: Bei Grün ist alles gut. Bei Gelb werden immer mehr Betten gebraucht und Kliniken sind nur noch begrenzt aufnahmefähig. In der gelben Stufe finden Verlegungen noch nach den üblichen Regeln statt und werden von den zuständigen Leitstellen koordiniert.

Kleeblattprinzip funktioniert bisher

Rot kommt dann, wenn sich abzeichnet, dass die Krankenhäuser bald überlastet sein werden und Verlegungen damit zwingend nötig sind. Erst in der roten Stufe kommt dann das Kleeblatt-Konzept zur Anwendung. Dabei bilden je drei bis fünf Bundesländer eine Planungseinheit. Im Osten Deutschlands sind das zum Beispiel Berlin, Brandenburg, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Insgesamt gibt es in Deutschland fünf Planungseinheiten.

In jeder Planungseinheit wird ein „Single Point of Contact“ bestimmt, eine Koordinierungsstelle für Verlegungen. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in dieser Koordinierungsstelle halten Kontakt zu den Stellen in anderen Regionen und helfen Ärztinnen und Ärzten, Kliniken zu finden, die Covid-19-Patientinnen und -Patienten aufnehmen können. Der NDR zitiert einen Intensivmediziner, laut dem das Konzept bisher gut greift.

Das nächste Problem: Transporte

Allerdings gibt es da noch ein anderes Problem: die Transporte. Wenn Covid-Intensivpatientinnen und -patienten quer durch Deutschland von A nach B transportiert werden sollen, braucht es dafür speziell ausgerüstete Intensivtransportwagen. Von denen gibt es in Deutschland laut Tagesspiegel allerdings nur zwischen 35 und 50 Stück. Dazu kommen noch entsprechende Hubschrauber, von denen es demnach in Deutschland 25 gibt. Nicht gerade viel.

Besonders im Osten Deutschlands fehlt es an Transportmitteln: In Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen gibt es nur insgesamt drei Transporthubschrauber und fünf Intensivtransportwagen, wie der Tagesspiegel in zwei Grafiken zeigt.

Laut der DIVI, der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin, die auch das DIVI-Intensivregister veröffentlicht, ist es bei den Transportern aber ähnlich wie bei den Betten: Das eigentliche Problem sind die fehlenden Arbeitskräfte: „Es sei weniger die Zahl der Intensivtransporter entscheidend als die Frage nach genug Einsatzkräften, die zu beatmende Covid-19-Patienten auch verlegen könnten“, zitiert der Tagesspiegel einen Rettungsmediziner vom DIVI.

Was heute außerdem los war

Die Vorbereitungen für den Start der Impfungen Ende Dezember laufen in allen Bundesländern auf Hochtouren:

Außerdem sollen die Gesundheitsämter bei der Kontaktverfolgung bald Unterstützung von einer Software bekommen:

Zum Schluss: Ein bisschen Weihnachtsstimmung

Es tut mir leid, dass ich heute keine besseren Nachrichten für Sie hatte. Aber es gibt keinen Grund, es zu beschönigen: Die Situation ist ernst.

In einer Pressekonferenz des DIVI hieß es heute, dass Intensivmedizinerinnen und -mediziner den Höchststand an zu behandelnden Patientinnen und Patienten erst in zwei bis drei Wochen erwarten. Wie die Lage bis dahin konkret aussieht, haben wir mit in der Hand.

Den letzten Newsletter vor den Feiertagen bekommen Sie morgen von meinem Kollegen Luca Deutschländer. Passen Sie über die Feiertage auf sich und Ihr Umfeld auf. Genießen Sie die Zeit, so gut Sie können! Und lassen Sie uns gemeinsam hoffen, dass sich die Lage so schnell wie möglich entspannt.

Und wenn Sie, wie ich, in den letzten Tagen ein paar Probleme hatten, in Weihnachtsstimmung zu kommen, dann habe ich hier was fürs Herz: Ein Audiofeature vom Deutschlandfunk über drei Weihnachtsmänner, für die der rote Mantel mehr als nur ein Job ist. Lässt sich super beim Kochen hören. Oder in der Badewanne.

Bleiben Sie gesund!

Alisa Sonntag

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Quelle: MDR/jh

11 Kommentare

BerndG. vor 19 Wochen

Ich finde in der gesamten Coronageschichte überall sollen Kontakte gemindert werden . Wie kann es dann sein , das man mit 4 Kollegen in einem Auto sitzt und quer durch Deutschland zur Baustelle fährt. Sind die Handwerker denn wirklich so unanfällig oder sind die einfach egal.

Ritter Runkel vor 19 Wochen

Die Franzosen hatten einen viel stärkeren Lockdown und genauso schlimme Zahlen wie die Amerikaner, die Corona einfach ignoriert hatten.
Wir haben noch nicht verstanden, wie der Virus sich tatsächlich verbreitet. Wir wissen nicht, welche Maßnahmen sinnvoll und welche übertrieben sind.
Die Menschen haben in unsicheren Zeiten Sehnsucht nach Autorität.
Denn dies entlastet vor eigenen Entscheidungen.
Deshalb sind die Umfragewerte der Hardliner so gut. Ich selbst wünsche mir aber eine Führung, die den Mut hat, die Unsicherheiten offen zuzugeben. Das schafft dauerhaft mehr Vertrauen.

Ritter Runkel vor 19 Wochen

Es muss schnell über eine Strategieänderung beraten werden.
Leider hört die Bundesregierung nur auf die Wissenschaftler des RKI und der Leopoldina. Diese haben sich nun mal auf Lockdowns als Mittel zum Zweck festgelegt. Eine Änderung der Strategie käme bei ihnen einem
Gesichtsverlust gleich.
Den dadurch werden nicht nur Menschenleben gefährdet, sondern auch die Wirtschaft und das soziale Leben erhalten großen Schaden.

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