Corona-Daten-Newsletter | Donnerstag, 25. Februar 2021 Impfdesaster mit Ansage

Ein großer Mann mit Locken und Brille steht vor einer Betonwand.
Bildrechte: MDR/Viktoria Schackow

Heute im multimedialen Corona-Daten-Update: Ein Wirtschaftsexperte rechnet vor, wie man die Impfstoffproduktion ankurbeln könnte, den Ministerien wirft er Bräsigkeit vor. Deutschland kann Impfstoff entwickeln. Aber auch produzieren und verabreichen? Darüber schütteln wir im Newsletter den Kopf. Und schauen auch noch auf Schulen und in Gerichte.

Eine große Halle, in der über 100 dicht aneindander gereihte Kabinen stehen
Corona-Ambulanz für Tests auf Chemnitzer Messegelände eröffnet Bildrechte: Audiovision Chemnitz | Grafik MDR

Einen schönen guten Abend!

Die Überschrift heute habe ich ganz frech bei der Tagesschau geklaut. Die hat unter diesem Titel eine Exklusiv-Recherche der Sendung "Kontraste" veröffentlicht, die heute Abend um 21:45 Uhr im ERSTEN läuft. Den Radiobeitrag darüber können Sie schon jetzt hören.

Tenor der Recherche: Bei der Impfstoffproduktion in der EU mangelt es an Maschinen und Materialien.
Darum soll es heute gehen. Und ein paar Zeilen zu Schulen und Gerichten will ich Ihnen auch noch auf den Weg geben.

Aber bevor wir uns gemeinsam über das "Desaster mit Ansage" ärgern, empfehle ich Ihnen das neue Video von MaiLab: "Versöhnung". Die erklärt nämlich sehr schön, warum wir uns viel weniger gegenseitig angreifen sollten.

maiLab mit Mai Thi Nguyen-Kim
Bildrechte: SWR funk

Denn Gesundheitsschutz und Wirtschaft sind kein Widerspruch, sagt Mai. Und das macht die Chemikerin wie immer ganz frisch und im Auftrag von ARD und ZDF bei Youtube.

Mai sagt, wir wollen nämlich alle dasselbe: Das Virus kontrollieren und Lockdowns möglichst vermeiden.
So. Durchatmen. Und wir schauen auf das Impfdesaster.

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Die Bräsigkeit, neue Wege zu gehen

So hat der Präsident des Münchner ifo-Wirtschaftsinstituts, Clemens Fuest, das Vorgehen der zuständigen Ministerien genannt. Ihm ging es dabei vor allem um seinen Vorschlag, hohe Prämien auszuschreiben, für jede Dosis, die zusätzlich geliefert wird.

Neu war mir, dass Wirtschaftswissenschaftler schätzen, dass jede früher gelieferte Impfdosis einen volkswirtschaftlichen Vorteil von 1.500 Euro einbringt – bei eigentlichen Kosten von vier bis 18 Euro pro Dosis.

Für Biontech, Pfizer, Moderna und AstraZeneca sind die Impfstoffe natürlich hochprofitabel. Aber für die Zulieferer von zum Beispiel Lipiden für die Impfstoffe gelte das nicht. Deshalb Fuests Vorschlag: Zulieferer mit Geld locken.

"Zu schwierig, das bringt nichts" sei die Reaktion in den Ministerien gewesen. Der ifo-Chef beklagte sich über die "Bräsigkeit" der zuständigen Ministerien, über die mangelnde Bereitschaft, neue Wege zu gehen.

Und das setzt sich meiner Meinung nach ja fort: Selbst wenn genug Impfstoff vorhanden ist, können wir derzeit wohl trotzdem nicht schnell genug impfen.

Wer diese Bräsigkeit von Verwaltungen kennt, ist wohl nicht überrascht, wenn wir Zeit vertändeln und nicht zügig genug impfen.

Ein Kollege hat heute Morgen in unseren Kommunikationskanal ein passendes Bild geschickt, das er bei Twitter gesehen hatte. Schauen Sie mal.

Die Hightech-Nation Deutschland kann also super Impfstoffe entwickeln. Aber den auch zügig zu verimpfen – dabei haben wir ein Brett vor dem Kopf. (Für alle, die die Figur nicht kennen: das ist der etwas einfältige Seestern Patrick aus der Serie "Spongebob".)

Und es gibt auch heute aus Mitteldeutschland ein Beispiel für dieses Brett:

Wäre es da nicht einfacher, die impfberechtigten Menschen einfach anzuschreiben mit einem konkreten Termin? Über 70-Jährige oder Menschen mit Vorerkrankungen etwa? Das ginge sogar, es sei "nicht kompliziert" diese Menschen anzuschreiben. Was für eine kreative Idee!

Entschuldigen Sie meinen Sarkasmus. (Aber das ist ja sonst nicht mehr auszuhalten, dass die einfachste Lösung oft – die einfachste ist.)

Für kostenlose FFP2-Masken springt die Bundesdruckerei ein, um Gutscheine zu drucken, die die Krankenkassen verschicken. Und für den wichtigen Piks konnten sich keine Verantwortlichen ein einheitliches, zügiges Procedere ausdenken?

Ein gutes Dutzend E-Mails habe ich von Ihnen in diese Woche bekommen, in denen Sie mir schildern, wie oft Sie für sich oder Ihre Angehörigen einen Termin buchen wollten.

Ist das das Impfangebot, von dem Bundeskanzlerin und Bundesgesundheitsminister sprachen, das sie jedem machen wollen? Warum findet das Angebot dann nicht den Weg zu den Menschen (wie zum Beispiel in Großbritannien, wie ich Ihnen am Dienstag im Newsletter geschrieben hatte), sondern die Menschen müssen sich aktiv um dieses Angebot bemühen?

Der Vollständigkeit halber sei gesagt, dass auch Sachsen seine Impftermine für Polizisten und Lehrer geöffnet hat.

Jetzt gibt es Forderungen, dass auch Hausärzte impfen. Wieder eine so erstaunlich kreative Idee.

"Zermürbende Kommunikation" nennt das heute ein Kommentar beim RBB.  

Beim Stichwort Kommunikation und politischer Sprache: Klicken Sie gern durch drei Tweets eines Politikberaters, der Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) sprachliche Ablenkung vorwirft. Spahn hatte nämlich gestern im Bundestag gesagt: "Das Virus gibt nicht auf."

Als sei das Virus ein Akteur mit Willen. Nicht das Virus verbreitet sich – wir Menschen verbreiten das Virus. Und wir sind eben auch verantwortlich – und Politiker noch einmal mehr.

Das RKI meldet heute 385 weitere Tote.

Insgesamt sind während der Pandemie 69.125 Menschen in Deutschland gestorben.

Auf einen Blick: Die aktuellen Zahlen

Dem Robert Koch-Institut (RKI) sind heute bundesweit 81.869 neu positiv Getestete gemeldet worden (Stand 8:40 Uhr). Im Vergleich zum Donnerstag vor einer Woche ist die Zahl der gemeldeten Neuinfizierten damit um fast 1.700 gestiegen.

Die meisten Neuinfektionen im Vergleich zum Vortag gab es heute in Nordrhein-Westfalen (+2.673), Bayern (+1.978) und Niedersachsen (+1.241). Die niedrigsten Werte wurden aus Bremen (+121) und dem Saarland (+165) gemeldet.

Die höchsten 7-Tage-Inzidenzen laut RKI verzeichnen Thüringen (119) und Sachsen-Anhalt (85).

Im Folgenden nun die Zahlen nach Angaben der Sozialministerien und Landkreise aus unseren drei Bundesländern. (Die Werte weichen in der Regel von denen des RKI ab, weil sie etwas aktueller sind.)

Sachsen

  • Aktive Fälle: 7.097 ↘ (-28 zum Vortag)
  • COVID-19-Intensivpatienten: 193 (-19), davon 106 beatmet (-7)
  • Intensivbetten: 1.137 belegt, 360 frei
  • Todesfälle im Zusammenhang mit Covid-19: 7.672 (+40)
  • Schätzung der genesenen Patienten: 178.650 (+600)
  • Gesamtzahl aller positiv Getesteten: 193.419 (+612)

Thüringen

  • Aktive Fälle: 5.523 ↗ (+298 zum Vortag)
  • COVID-19-Intensivpatienten: 130 (-1), davon 69 beatmet (+/-0)
  • Intensivbetten: 638 belegt, 78 frei
  • Todesfälle im Zusammenhang mit Covid-19: 2.878 (+23)
  • Schätzung der genesenen Patienten: 67.232 (+311)
  • Gesamtzahl aller positiv Getesteten: 75.633 (+632)

Sachsen-Anhalt

  • Aktive Fälle: 3.789 ↗ (+116 zum Vortag)
  • COVID-19-Intensivpatienten: 95 (+/-0), davon 59 beatmet (-1)
  • Intensivbetten: 726 belegt, 105 frei
  • Todesfälle im Zusammenhang mit Covid-19: 2.410 (+23)
  • Schätzung der genesenen Patienten: 53.819 (+244)
  • Gesamtzahl aller positiv Getesteten: 60.018 (+383)

In Mitteldeutschland sind in den vergangenen 24 Stunden 83 Menschen während der Pandemie gestorben.

Alle Grafiken und weiteren Zahlen finden Sie hier in den Übersichten der Kolleginnen und Kollegen.

Bundesgesundheitsminister Spahn (CDU) ist dafür, Lockerungen oder Verschärfungen lokal zu lösen. Ziel müsse ein Alltag sein, "der Sicherheit bietet, aber auch praktikabel ist. Deutschlands Intensiv- und Notfallmediziner haben eine Verlängerung des Lockdowns bis Anfang April gefordert.

Ein paar Sätze zu Schulen

Das RKI hat heute ein weiteres Bulletin herausgegeben und analysiert darin, inwieweit Schulen zur Ausbreitung der Pandemie beitragen.

Ergebnis der Analyse von Meldedaten und Studien: Schülerinnen und Schüler spielen "eher nicht als 'Motor' eine größere Rolle". Aber es kann auch bei ihnen zu Übertragungen kommen und Ausbrüche müssten verhindert werden.

Corona-Ausbrüche in Schulen stehen demnach in engem Zusammenhang mit der Inzidenz in der Bevölkerung. Lehrkräfte spielten "eine vielleicht wichtigere Rolle" als Schüler, heißt es. Außerdem könnten Schulen bei einer Ausbreitung ansteckenderer Virusvarianten einen größeren Beitrag zum Infektionsgeschehen leisten.

Schüler an der Globus Gesamtschule am Dellplatz sitzen in ihren dicken Winerjacken bei offenem Fenster in ihrem Klassenraum
Bildrechte: imago images/Reichwein

Die Autoren berücksichtigen in ihrer Analyse vor allem Meldedaten, die auf laborbestätigten Corona-Fällen beruhen. Sie weisen selbst auf eine Reihe von damit verbundenen Einschränkungen hin: Insbesondere Grundschüler wiesen relativ häufig keine Symptome auf oder der Beginn der Erkrankung lasse sich schwer zuordnen. Möglicherweise werde eine "größere Anzahl" asymptomatischer Infizierter nicht erfasst und die Größe von Ausbrüchen unterschätzt.

In Thüringen gibt es aktuell an mindestens 56 Schulen und Kindergärten Corona-Infektionen.

Das Thüringer Bildungsministerium hat heute mitgeteilt, dass die fünften und sechsten Klassen ab Montag wieder in die Schule gehen können. Ob die älteren Schüler das auch wieder dürfen, hängt von den Corona-Inzidenzwerten ab. 

Corona vor Gericht

Natürlich steht nicht das Virus vor Gericht, sondern die Maßnahmen und Auswirkungen.

Der Handel hat heute die Öffnung der Geschäfte zum 8. März gefordert, vor einer Pleitewelle gewarnt und mit einer Klagewelle gegen die Beschränkungen gedroht. Viele Unternehmen seien verzweifelt. Mehr als ein Viertel der Textilhändler wolle vor Gericht gehen, auch MediaMarktSaturn und Thalia.

Auch aus anderen Branchen hagelt es derzeit Klagen gegen die Einschränkungen.

Thüringens Verfassungserichtshof 2 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Eine Einzelhändlerin aus Sachsen hat mit ihrer Klage gestern Recht bekommen. Sie hatte nicht gegen die Beschränkungen geklagt, sondern gegen ihren Vermieter. Bei einem staatlich verordneten Lockdown muss die Gewerbemiete für einen Laden angepasst werden, entschied das Oberlandesgericht in Dresden.

"Eine Reduzierung der Kaltmiete um 50 Prozent sei gerechtfertigt, weil keine der Parteien eine Ursache für die Störung der Geschäftsgrundlage gesetzt oder sie vorhergesehen habe", teilte das OLG zur Urteilsverkündung mit. Im vorliegenden Fall sei es angemessen, die Belastung gleichmäßig auf beide Parteien zu verteilen. Gegen das Urteil kann Revision eingelegt werden.

Bevor ich Sie in den Feierabend schicke (oder in den Start in den Freitag): Die Empfehlung für die aktuelle Ausgabe des MDR AKTUELL Podcasts "Kekulés Corona-Kompass".

Jetzt haben Sie sich Ihren Feierabend verdient. Und vielleicht auch ein leckeres Essen, das nach Hause kommt. Dafür gibt es ja einige Lieferdienste. Die sind umstritten, weil sie die Fahrer oft nicht gut behandeln.

Aber neu war mir die Recherche der Kolleginnen vom Bayerischen Rundfunk zu "Lieferando": Der Konzern setzt fragwürdige Mittel ein, um den Umsatz zu steigern. "Lieferando" betreibt zehntausende Webseiten, die denen von Restaurants ähneln.

Das ist ein Problem für Restaurants, die selbst eigene Fahrer und eigene Internetseiten haben.

Die Restaurant-Internetseiten werden nämlich in der Google-Suche von den Schattenseiten verdrängt, weil "Lieferandos" Seiten oft als Anzeigen weit oben in der Google-Suche auftauchen. 

Warum das ein Problem ist? Weil es um Geld geht. Wird das Essen über eine Seite von "Lieferando" gekauft, muss das Restaurant 13 Prozent Provision an "Lieferando" zahlen. Wenn das Geschäft über die Restaurant-eigene Seite abgewickelt wird, geht der Konzern leer aus.

Scrollen Sie bei der Suche nach dem Essen heute Abend also lieber etwas weiter nach unten. Oder Sie rufen gleich im Restaurant an.

So helfen Sie den Unternehmen in Ihrem Stadtteil und nicht großen Konzernen.

Machen Sie die Welt ein bisschen besser!

Einen schönen Abend und alles Gute.

Marcel Roth

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR um 11 | 19. Februar 2021 | 11:00 Uhr

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