Corona-Daten-Newsletter | Mittwoch, 24. Februar 2021 "Das Impftermin-Chaos ist einer Hightech-Nation unwürdig."

Ein großer Mann mit Locken und Brille steht vor einer Betonwand.
Bildrechte: MDR/Viktoria Schackow

Heute im multimedialen Corona-Daten-Update: Kann Deutschland Digitales? Der Bitkom-Chef ist frustriert, aber eine App zur Kontakterfassung geht gerade durch die Medien. Was kann sie? Und: Die Schnelltests für Zuhause, wofür sind sie gedacht?

Corona Warnapp
Bildrechte: dpa

Einen schönen guten Abend!

"Deutschland ist ein digitales Entwicklungsland" Das habe die Pandemie gezeigt, hat gestern der Chef des Digitalverbandes Bitkom gesagt. Das hätte ihn nicht überrascht, aber frustriert.

Haben wir ausreichend verstanden, wie uns digitale Technologien helfen können? Vor allem: Haben wir verstanden, wie ein Verfahren wirklich funktioniert, bevor wir es digital machen?

Wie sinnvoll sind zum Beispiel weitere Apps? Was ist mit Schnell- und Selbst-Tests?

Darum soll es heute gehen und bevor es los geht: Hier das deutliche Interview mit dem Bitkom-Chef aus der Tagesschau. Achim Berg sagt, es habe im Schnitt 25 Versuche gebraucht, um einen Impftermin zu bekommen. "Wenn es überhaupt geklappt hat."

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Mehr als 25 Millionen Mal ist die Corona-Warn-App heruntergeladen worden. Etwa 250.000 Mal wurde ein positives Testergebnis mit der App geteilt, 170.000 Mal nicht, schreibt das RKI (PDF). (Die britische Corona-Warn-App hat wohl bis zu 900.000 Ansteckungen vermieden.) An der deutschen Corona-Warn-App wird häufig bemängelt, dass der Nutzer nicht weiß, wo er sich angesteckt haben kann. Darüber habe ich neulich auch mit einem Kollegen gesprochen, der die App deshalb nicht nutzt.

Ich glaube, darum geht es bei der App aber gar nicht. Sondern darum, möglicherweise Infizierte viel schneller zu informieren, als das Gesundheitsämter es je könnten. (Und die Ämter waren bei der Corona-Warn-App auch nie mitgedacht. Vor allem, weil Gesundheitsämter digital nicht einheitlich arbeiten.)

Ich finde, es ist ja egal, wo ich mich im Zweifelsfall angesteckt habe. Entscheidend ist nach einer roten Warnmeldung doch, dass ich mich testen lasse.

In den vergangenen Tagen ist über eine weitere App viel berichtet worden. "Luca" heißt sie.

Die Fantastischen Vier und ihre App

Fanta 4 Michael Bernd Schmidt alias Smudo und Michael Beck alias Michi Beck zusammen mit Landrat des Salzlandkreis Markus Becker SPD in einem Altenpflegeheim zur Präsentation der App.
Smudo von den Fantastischen Vier. Michi Beck und der Landrat des Salzlandkreis Markus Becker (SPD) in einem Altenpflegeheim zur Präsentation der App Luca. Im Salzlandkreis ist sie verfügbar. Bildrechte: imago images/Steffen Schellhorn

Die App ist vor allem für Gaststätten oder Konzerte gedacht. Nutzerinnen und Nutzer sollen sich dort quasi "einchecken" und falls dann ein Corona-Fall bekannt wird, gibt es eine Warnung aufs Telefon und ans Gesundheitsamt. Bei den Kollegen vom SWR erklärt Smudo von den Fanta 4 die Idee.

Die App soll also die Gästelisten in Restaurants ersetzen. Damit hätte die Zettelwirtschaft dort ein Ende. Und der Datenschutz wäre deutlich höher, weil Restaurantbetreiber keine Adresslisten mehr haben. Die Kollegen von eutschlandfunk Nova haben sich heute Morgen mit der App befasst.

Die App Luca läuft auf einem Smartphone eines Teilnehmer einer Pressekonferenz bei der die App vorgestellt wurde.
Die App Luca Bildrechte: dpa

Vielleicht mussten Sie auch ein bisschen kichern, als der Kollege Till Haase von Deutschlandfunk Nova den O-Ton von CDU-Chef und NRW-Ministerpräsident Armin Laschet eingespielt haben:

"Ich habe heute morgen mit Smudo telefoniert", sagt Laschet da und man hört sein eigenes Kichern dabei, wie er über das Telefonat mit einem Popstar spricht.

Aber ich würde die App gern etwas auseinanderklamüsern (Ich mache einmal im Monat den den Podcast "digital leben" bei MDR SACHSEN-ANHALT und traue mir zu, das ein oder andere von diesem "digitalen Quatsch" zu verstehen): 

  • Kontakte digital zu erfassen, ist natürlich sinnvoll, weil es schneller geht.
  • Das geht gut auch Datenschutz-konform.
  • Und zwar mit einem so genannten QR-Code, die die Konzert- oder Restaurant-Gäste beim Reinkommen mit ihren Smartphones einscannen (QR-Codes sind diese kleinen quadratischen, schwarz-weißen Pixel-Dinger, die Sie auch schon mal auf Lebensmittelverpackungen finden und von denen ich ein Fan bin: man kann darin nämlich eine ganze Menge Informationen abspeichern, komplette Kochrezepte zum Beispiel. Oft ist in QR-Codes aber nur ein Link zu einer Webseite hinterlegt.)
  • Sinnvoll ist auch, dass die App Daten mit den Gesundheitsämtern teilt.

Nun ein paar "Aber":

  • Restaurants und Konzertveranstalter können solche Apps vorschreiben und Gäste abweisen, die sie nicht nutzen.
  • Es gibt bereits genug Apps zur digitalen Kontakterfassung.
  • Die Apps heißen zum Beispiel "Darfichrein.de", "Hygieneranger", "gastident", "CoronaAssist: Presence" und "Kontakterfassung.de" und sie haben zusammen 8,5 Millionen Check-Ins gemacht und 12.000 Kunden.
  • Die anderen App-Programmierer sind auf "Luca" gerade nicht so gut zu sprechen, berichten die Kolleginnen und Kollegen vom "Tagesspiegel": Die App der Fantastischen Vier bekäme zu viel Aufmerksamkeit und würde sich als einzige Lösung präsentieren und Kontakte in die Politik nutzen.
  • Die Corona-Warn-App der Bundesregierung soll demnächst auch QR-Codes lesen können. Auch das kritisieren die App-Entwickler. Sie glauben, dass niemand zweimal einen QR-Code scannen würde, wenn er in ein Restaurant oder auf ein Konzert geht.
  • Die Kollegen vom Tagesspiegel schreiben auch, dass die Daten von "Luca" in die Pandemiebekämpfungssoftware Sormas eingespeist werden könnten. "Etwa 20 Gesundheitsämter seien nun angeschlossen." (Unsere drei Landeshaupstädte gehören zum Beispiel heute nicht dazu. Aber Thüringen soll wohl bald landesweit dabei sein.)

Tja. Es gibt in Deutschland so viele Gesundheitsämter wie es Landkreise und kreisfreie Städte gibt: etwa 400.

Entsprechend langsam kommt das Digitale dort voran, berichtet die Tagesschau.

Ich weiß nicht, welche App ich Ihnen empfehlen kann (es ist ja auch nicht verboten, mehrere zu haben). Einen "Luca" kann ich Ihnen aber auf jeden Fall empfehlen: Meinen Kollegen Luca Deutschländer nämlich, der schreibt abwechselnd mit meinem Kollegen Thomas Vorreyer unser multimediales Update zur Landtagswahl in Sachsen-Anhalt. Das kommt per E-Mail zu Ihnen, wenn Sie mögen.

Auf einen Blick: Die aktuellen Zahlen

Dem Robert Koch-Institut (RKI) sind heute bundesweit 8.007 neu positiv Getestete gemeldet worden (Stand 8:40 Uhr). Im Vergleich zum Mittwoch vor einer Woche ist die Zahl der gemeldeten Neuinfizierten um 450 gestiegen.

Die meisten Neuinfektionen im Vergleich zum Vortag gab es heute in Nordrhein-Westfalen (+1.838)Bayern (+950) und Baden-Württemberg (+874). Die niedrigsten Werte wurden aus Bremen (+66) und dem Saarland (+134) gemeldet.

Die höchsten 7-Tage-Inzidenzen laut RKI verzeichnen Thüringen (119) und Sachsen-Anhalt (81).

68.740 Menschen sind in Deutschland während der Pandemie gestorben. In den vergangenen 24 Stunden waren es 422.

Im Folgenden nun die Zahlen nach Angaben der Sozialministerien und Landkreise aus unseren drei Bundesländern. (Die Werte weichen in der Regel von denen des RKI ab, weil sie etwas aktueller sind.)

Sachsen

  • Aktive Fälle: 7.125 ↗ (+225 zum Vortag)
  • COVID-19-Intensivpatienten: 212 (-9), davon 113 beatmet (-6)
  • Intensivbetten: 1.134 belegt, 358 frei
  • Todesfälle im Zusammenhang mit Covid-19: 7.632 (+43)
  • Schätzung der genesenen Patienten: 178.050 (+600)
  • Gesamtzahl aller positiv Getesteten: 192.807 (+868)

Thüringen

  • Aktive Fälle: 5225 ↗ (+72 zum Vortag)
  • COVID-19-Intensivpatienten: 131 (-3), davon 69 beatmet (-8)
  • Intensivbetten: 626 belegt, 81 frei
  • Todesfälle im Zusammenhang mit Covid-19: 2.855 (+25)
  • Schätzung der genesenen Patienten: 66.921 (+471)
  • Gesamtzahl aller positiv Getesteten: 75.001 (+568)

Sachsen-Anhalt

  • Aktive Fälle: 3.673 ↗ (+83 zum Vortag)
  • COVID-19-Intensivpatienten: 95 (-6), davon 60 beatmet (+1)
  • Intensivbetten: 718 belegt, 117 frei
  • Todesfälle im Zusammenhang mit Covid-19: 2387 (+21)
  • Schätzung der genesenen Patienten: 53.575 (+338)
  • Gesamtzahl aller positiv Getesteten: 59.635 (+442)

In den vergangenen 24 Stunden sind in Mitteldeutschland 89 Menschen während der Pandemie gestorben. Das sind rechnerisch drei Tote in jeder Stunde.

Alle Grafiken und weiteren Zahlen finden Sie hier in den Übersichten der Kolleginnen und Kollegen.

Deutschland und das Digitale

Ich habe zwar oben geschrieben, dass ich mir zu traue, etwas zum "digitalen Quatsch" zu schreiben. Nur: An vielen Stellen ist das anfangs gar keine digitale Frage. Sondern eine Organisationsfrage. Und eine Verständnisfrage.

Um zum Beispiel eine Software einzusetzen, muss klar sein, was die können soll. Und die Macher müssen verstehen, wie das Ganze bisher ohne Software organisiert ist. Das war in Sachsen-Anhalts Impfzentren wohl eine ziemliche Herausforderung.

Kann Deutschland also das Digitale? Klar. Nur müssen alle an in die gleiche Richtung gehen und sich austauschen. Und klar ist auch: Die Gesundheitsämter haben derzeit andere Sorgen als das Digitale. Im laufenden Betrieb eine neue Software einzuführen, ist sehr komplex. (Es wechselt ja auch niemand einen Autoreifen während der Fahrt.)

Und dass der Datenschutz vieles verhindert – an diese einfache Erzählung kann ich oft auch nicht glauben, weil das oft nur ein Zeichen dafür ist, dass jemandem das Denken zu anstrengend ist.

Die Initiative "Wir für Digitalisierung", die die App-Entwickler der Kontakterfassungs-Apps gegründet haben, diskutiert morgen zum Beispiel mit dem Bundesdatenschutzbeauftragten Ulrich Kelber darüber. Die Frage dort ist: "Datenschutz – Hindernis für digitale Innovationen?" Wie ich Kelber kenne, ist seine kurze Antwort darauf "Nein". Wenn Sie zuschauen wollen, geht das hier.

Von Selbst- und Schnelltests

Die Testmöglichkeiten waren heute immer noch ein großes Thema. Vor allem weil das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte heute drei Sonderzulassungen für Corona-Tests erteilt hat, die jeder selbst durchführen kann. Die müssen nicht ganz so tief in der Nase angewendet werden wie die PCR-Tests. 

Zugelassen sind diese drei Tests: 

  • Clinitest Rapid COVID-19 Self-Test von Siemens Healthineers,
  • Rapid SARS-CoV-2 Antigen Test Card der Technomed Service GmbH und
  • Lyher Covid-19 Antigen Schnelltest (Nasal) der Lissner Qi GmbH.

Diese Tests könnten in einer konkreten Situation Sicherheit geben, sagt Bundesgesundheitsminister Spahn (CDU). Fallen sie positiv aus, soll ein PCR-Test gemacht werden. Was sie kosten sollen, ist noch nicht klar. Spahn jedenfalls sagt, dass es sie bald auch in Supermärkten gibt.

Der Bundesgesundheitsminister hatte heute wohl einen ziemlich ausgefüllten Tag. Der erste Termin war das Interview im ZDF-Morgenmagazin.

Spahn
Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) heute im Bundestag Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Und mittags hat Spahn dann im Bundestag Rede und Antwort stehen müssen. Und dort zum Beispiel gesagt, dass die angekündigten kostenlosen Tests, die geschultes Personal in Apotheken durchführen, in zwei Wochen kommen sollen. Diese Tests sind die richtigen, wenn andere Menschen, Behörden oder Unternehmen ein negatives Testergebnis sehen wollen, zum Beispiel beim Reisen, berichtet die Tagesschau.

Und zwischendrin habe ich bei den Radio-Kollegen von MDR AKTUELL zwei Beiträge gehört, die sich auch mit den Tests befasst haben.

Und ich gebe Ihnen noch zwei weitere MDR-Angebote mit: ein Radio-Interview mit dem Chef der sächsischen Staatskanzlei und einen Fernsehbeitrag zu den Corona-Regeln in Sachsen-Anhalt.

Zum Schluss

Empfehle ich Ihnen einen wirklich tollen Fernsehbeitrag über einen kleinen Ort in Thüringen.

Bürgermeisterbesuch bei den Bewohnern von Bollstedt im Unstrut Hainich-Kreis in Thüringen
Da klingelt auch schon mal der Bürgermeister persönlich: in Bollstedt im Unstrut Hainich-Kreis in Thüringen Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

In Bollstedt war meine Kollegin Nadja Storz für die Serie "mittendrin" der Tagesthemen schon zum zweiten Mal. Und Nadjas Fernsehbericht ist nicht nur toll, weil ich Nadja super finde, sondern auch, weil er zeigt, wie ein Ort quasi "im Auge des Corona-Orkans" zusammenhält. (Und weil so etwas in den Tagesthemen läuft). Ein wirklich schönes Fernsehstück. 

Halten auch Sie mit Ihren Mitmenschen zusammen und machen Sie die Welt ein bißchen besser.

Ich wünsche Ihnen einen schönen Abend.

Alles Gute

Bis morgen
Marcel Roth

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR um 11 | 19. Februar 2021 | 11:00 Uhr

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