Tote in der Pandemie Wer an und wer mit Corona gestorben ist

Volontärin Fabienne von der Eltz
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Ist jemand an oder mit Corona gestorben? Diese Frage wird seit Beginn der Pandemie vor zwei Jahren immer wieder diskutiert. Neu entfacht hat die Debatte ein Artikel der Bild-Zeitung, wonach ein Fünftel der Corona-Toten in Sachsen-Anhalt lediglich mit dem Virus gestorben ist. Ein Rechtsmediziner aus Halle erklärt, dass bei einem Tod "an Corona" das Virus die Haupt-Todesursache ist, bei einem Tod "mit Corona" nur eine Begleiterkrankung.

Symbolbild zur Sterblichkeitsrate während der Corona-Pandemie.
Wenn ein Corona-positiver Mensch stirbt, dann war das Virus entweder die Hauptursache für den Tod oder eine Begleiterkrankung. (Symbolbild) Bildrechte: IMAGO / Rolf Poss

Vergangene Woche titelte die Bild-Zeitung: "Bis zu 29 Prozent der Corona-Toten starben nicht an Corona". Dabei bezog sich die Zeitung auf eine angebliche Statistik des Landes Sachsen-Anhalt. Die Zahl stellte sich als falsch heraus und "Bild" korrigierte die Meldung. Tatsächlich sind in dem von der Bild-Zeitung betrachteten Zeitraum (seit dem 1. Dezember 2021) knapp 20 Prozent der Corona-Toten mit und nicht an dem Virus gestorben. Das Gesundheitsministerium teilte mit, die Angaben aufgrund einer falschen Grundannahme gemacht zu haben.

Bei der Interpretation der Zahlen spielt auch immer der betrachtete Zeitraum eine Rolle. Seit März 2020, also quasi seit Beginn der Pandemie, wurden in Sachsen-Anhalt insgesamt 4.549 Corona-Sterbefälle gemeldet, teilte das Gesundheitsministerium auf Anfrage mit (Stand 27. Januar).

3.074 dieser Menschen seien "an Corona" verstorben, 1.202 "mit Corona". Das heißt, dass in diesem Zeitraum bei etwa 68 Prozent der Todesfälle eine Corona-Infektion tatsächlich die Hauptursache war. Bei 26 Prozent der Todesfälle war Corona dagegen nicht die Hauptursache für den Tod. Bei 272 weiteren Todesfällen (sechs Prozent der Fälle) wurde dem Ministerium zufolge keine Angabe zur Todesursache gemacht.

Regionale Unterschiede bei Todeszahlen

Auch von Bundesland zu Bundesland unterscheidet sich die Quote der "mit Corona Verstorbenen", wie das ZDF kürzlich berichtete. Das liegt dem Bericht zufolge unter anderem daran, dass einige Länder bei den "mit Corona Verstorbenen" noch mal zwei verschiedene Gruppen unterscheiden: die mit einer "anderen Todesursache" und jene mit einer "unbekannten Todesursache". Auch andere Faktoren wie eine unterschiedliche Altersstruktur können die Differenzen zwischen den Bundesländern erklären.

Dass in Sachsen-Anhalt 26 Prozent der Corona-Toten lediglich mit dem Virus gestorben sind, während Corona in 68 Prozent der Fälle die Hauptursache war, ist daher keine Auffälligkeit. Um diese Quoten einzuordnen, hilft ein Blick in die jährliche Auswertung des Statistischen Bundesamts zur Todesursachenstatistik.

Demnach war im Jahr 2020 bei 83 Prozent der Corona-Toten bundesweit die Infektion mit dem Virus die Hauptursache für den Tod. Bei den übrigen 17 Prozent hat Covid-19 als eine Begleiterkrankung zum Tod beigetragen.

RKI fasst "mit" und "an Corona" Verstorbene zusammen

Ob eine Person an oder mit Corona verstorben ist, entscheidet das jeweilige Gesundheitsamt "auf Grundlage verschiedener medizinischer Faktoren", so das Gesundheitsministerium. Dies sei in der Praxis nicht immer einfach, variiere von Gesundheitsamt zu Gesundheitsamt und sei daher schwer zu vergleichen. Daher werden die Todeszahlen zusammengefasst an das Robert-Koch-Institut (RKI) und Statistikämter übermittelt.

Auch das Landesamt für Verbraucherschutz Sachsen-Anhalt unterscheidet in seinen Veröffentlichungen nicht, ob ein Mensch an oder mit Corona verstorben ist. Da nur Sterbefälle mit Bezug zu Covid-19 melde- und übermittlungspflichtig sind, tauchen Fällen, in denen eindeutig eine andere Ursache vorliegt, ein Mensch zum Beispiel bei einem Verkehrsunfall gestorben ist und zufällig eine Corona-Infektion hatte, nicht als Sterbefall in der Corona-Statistik auf, erklärt das Gesundheitsministerium weiter.

Das RKI erklärt auf Nachfrage, dass in seine Statistik alle Todesfälle eingingen, "bei denen ein laborbestätigter Nachweis von SARS-CoV-2 vorliegt und die in Bezug auf diese Infektion verstorben sind". Allerdings hätten Personen mit bestimmten Vorerkrankungen ein höheres Risiko, an dem Virus zu sterben, so das RKI weiter. Daher sei es in der Praxis oft schwierig zu unterscheiden, inwieweit Corona direkt zum Tod beigetragen habe. Der Großteil der gemeldeten Todesfälle werde aber als "verstorben an der Krankheit" angegeben, so das Institut.

So wird bei der Todesursache unterschieden

Die Todesursache bestimmt zunächst der Arzt oder die Ärztin, die den Tod festgestellt hat, und trägt dies auf dem Totenschein ein, erklärt Rüdiger Lessig, Rechtsmediziner am Universitätsklinikum Halle. Da Covid-19 eine meldepflichtige Erkrankung sei, müsse sie dort vermerkt werden.

Zudem steht auf dem Totenschein die sogenannte pathologisch-anatomische Kausalkette, also die Ursache für den Tod. "Bei Verstorbenen, die auf der Corona-Station lagen und eine Lungenentzündung hatten, ist das relativ klar", sagt Lessig. Eine spätere Korrektur der auf dem Totenschein festgestellten Todesursache erfolgt in Zweifelsfällen durch Pathologen oder Rechtsmedizinerinnen.

Wer während einer Corona-Infektion einen Herzinfarkt erleidet, ist im Regelfall mit Corona gestorben, weil er eine entsprechende Vorerkrankung hatte, vielleicht vorher schon Infarkte hatte. Wer aufgrund einer Corona-Infektion eine Lungenentzündung bekommt und daran stirbt, ist an Corona gestorben.

Rüdiger Lessig Rechtsmediziner am Uniklinikum Halle

Rechtsmediziner: Zusammenfassung der Todesfälle gerechtfertigt

Die Todesfälle "an" und "mit Corona" zusammenzufassen, wie es das RKI in seiner Statistik tut, hält Lessig für gerechtfertigt: "Wir gehen in der Mehrzahl der Fälle davon aus, dass diejenigen, die mit dem Virus gestorben sind, zeitiger gestorben sind, als sie ohne zusätzliche Infektion gestorben wären." Damit sei der Tod auch eine Folge der Corona-Erkrankung. Die Unterscheidung zwischen "an" und "mit Corona gestorben" werde gemacht, weil sie wissenschaftlich korrekt sei. Sie werde auch bei anderen Krankheiten gemacht.

Lessig selbst hat seit Beginn der Pandemie nach eigener Schätzung mehrere Hundert Corona-Tote gesehen. In den allermeisten Fällen hat er eine zweite Leichenschau vorgenommen, die vor einer anschließenden Einäscherung Pflicht ist. In selteneren Fällen untersucht er Corona-Tote, wenn Angehörige einen Behandlungsfehler vermuten.

Das RKI hatte zu Beginn der Pandemie von einer Obduktion von Corona-Toten abgeraten, diese Empfehlung später aber korrigiert. "Eine Leiche ist nach ein, zwei Tagen nicht mehr infektiös, da kann man sich nicht mehr anstecken", erklärt Lessig. Deshalb werden Corona-Tote an der Uniklinik in Halle ab 72 Stunden nach dem Tod obduziert.

Kekulés Corona-Kompass 40 min
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40 min

MDR AKTUELL Mi 08.04.2020 14:51Uhr 40:21 min

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Unterschied statistisch irrelevant, medizinisch aber wichtig

Zwar unterscheidet das RKI in seiner Statistik nicht, ob ein Mensch "an" oder "mit Corona" gestorben ist. Für die Ärztinnen und Ärzte in den Kliniken sei dieser Unterschied aber wichtig, da sie die Patientinnen und Patienten behandeln müssten, erklärt Torsten Bauer, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin. "Patienten, die aufgrund einer Corona-Infektion eine Lungenentzündung bekommen, bekommen Atemnot und müssen mit Sauerstoff und Medikamenten versorgt werden", so Bauer.

Pneumologe: Corona-Infektion führt derzeit seltener zum Tod

Die Todesfälle "an" und "mit Corona" in dieser Unterscheidung an das RKI zu melden, sei schwierig. "Ein solcher Fall müsste jedes Mal von dem entlassenden Arzt gereviewt werden, ob er an oder mit Corona gestorben ist", sagt Bauer. In Fällen, in denen sich die Ärztinnen nicht sicher sind, würden Pathologen hinzugezogen. Dieser habe das letzte Wort.

In klinischen Studien würden übrigens nur die Fälle berücksichtigt, die eindeutig an dem Coronavirus gestorben sind. Bauer schätzt, dass er anhand des Arztbriefes eine Minute benötigen würde, um zu unterscheiden, ob ein Mensch "an" oder "mit Corona" gestorben ist. "Es gibt aber eine Grauzone. Bei einem Corona-positiven Patienten können wir nicht ausschließen, dass er an Corona gestorben ist", sagt Bauer.

Unerkannte Corona-Infektionen mit Omikron-Variante

Gerade bei einer Infektion mit der Omikron-Variante des Virus gebe es aber Fälle, die ohne Corona-Symptome wegen einer anderen Erkrankung in die Klinik kommen und im schlimmsten Fall sterben. Aus Sicht des RKI sind Menschen auch in solchen Fällen "an Corona" gestorben.

Bauer weist aber drauf hin, dass ein positiver PCR-Test heute nicht dieselbe medizinische Bedeutung hat wie noch vor einem Jahr. Eine Corona-Infektion führe im Moment deutlich seltener zum Tod, als das noch in anderen Wellen davor der Fall war.

MDR (Fabienne von der Eltz)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 27. Januar 2022 | 19:00 Uhr

105 Kommentare

astrodon vor 15 Wochen

@Felix: Ich verlasse mich auf die Recherche anderer, denen ich entsprechende Kompetenz zutraue.
Und weil "viele von denen gar nicht wegen COVID19 dort sind" ist es ja auch keine Frage des Alters, ob jemand auf ITS muss oder nicht.
Aber Sie haben mit einer Sache Recht: "Da brauchen wir hier nicht weiter zu diskutieren."

Felix vor 15 Wochen

@astrodon: Das heißt, Sie recherchieren nicht selbst, sondern blabbern nur nach, was andere meinen. Das sind also Ihre Fakten? Da brauchen wir hier nicht weiter zu diskutieren. Es gibt eindeutige Beweise - da brauchen Sie sich nur einmal die Bettenbelegungen anschauen. Und bzgl. Altersstruktur ITS: Liefern Sie doch mal die Daten und widerlegen Sie meine These. Bis jetzt streiten Sie meine These ohne jegliche Beweise/Fakten rein nach Gefühl ab. Wie so sollte es bei dem Rest der ITS-Patienten anders sein als bei den COVID-Patienten? Mal ganz davon abgesehen, dass viele von denen gar nicht wegen COVID19 dort sind.

astrodon vor 15 Wochen

@Felix: "Intensivbettenskandal" - Behauptungen, aber keine Fakten. Ein "konstruierter" Skandal,der keiner ist. Die Vorwürfe sind nicht belegbar, teils auch schlicht unmöglich (siehe DKG, BDPK, correctiv)

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