Offene Fragen Viel Skepsis bei Corona-Impfungen für Kinder und Jugendliche

Mögliche Impfungen gegen Corona für Kinder und Jugendliche rufen viel Skepsis hervor. Kinderärzte, Virologen und auch die Impfkommission sehen offene Fragen. Die Politik denkt in der Zwischenzeit über die Umsetzung nach – auch in Sachsen-Anhalt. Ein Impfstoff ist aber noch nicht zugelassen.

Junge mit Mundschutz erhält Impfspritze in den Oberarm.
Noch ist kein Corona-Impfstoff für Kinder und Jugendliche in der EU zugelassen. (Symbolbild) Bildrechte: IMAGO / Westend61

Mögliche Corona-Impfungen für Kinder und Jugendliche sorgen weiter für Skepsis. Kinderärzte, Virologen und auch die Ständige Impfkommission sehen noch offene Fragen, auch weil in der Europäischen Union noch kein Impfstoff für unter 16-Jährige zugelassen ist.

Kinderärzte sind noch zurückhaltend

Der Landesverbandsvorsitzende der Kinder- und Jugendärzte in Sachsen-Anhalt, Roland Achtzehn aus Wanzleben, sagte MDR SACHSEN-ANHALT, Impfen sei die beste Vorbeugung, die es gebe. Allerdings gebe es für Kinder und Jugendliche bisher nur eine Studie. Langzeitdaten fehlten. Der Verband sei deshalb zurückhaltend. Wenn Eltern den Wunsch hätten, würde er die Kinder impfen, so Achtzehn weiter. Achtzehn verweist auf die Zurückhaltung der Ständigen Impfkommission.

Gleiche Rechte für Kinder und Jugendliche bei den Impfungen mahnt auch der Bundesverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) an. In der Stellungnahme des Verbandes heißt es, Zulassungen und Impfempfehlungen erfolgten erst nach der Prüfung durch Behörden. Dies sollte bei Kindern und Jugendlichen auch so sein. Die Teilhabe von Kindern und Jugendlichen dürfe nicht vom Impfstatus abhängig sein. Politik und Gesellschaft müssten alle Maßnahmen treffen, eine altersgerechte Teilhabe an Bildung und an allen Aspekten der sozialen Entwicklung bei gleichzeitig bestmöglichem Schutz vor Covid-19 zu ermöglichen.

Landeselternrat: In andere Maßnahmen investieren

Sachsen-Anhalts Landeselternrat hält es noch zu früh für eine Bewertung. Vorsitzender Matthias Rose sagte MDR SACHSEN-ANHALT, Impfen sei grundsätzlich eine gute Sache. Bisher gebe es für Kinder und Jugendliche aber noch keine Risikobewertung. Deswegen sei die Frage, wie Unterricht gestaltet werden könne. Ein weiterer Lockdown sei den Schülerinnen und Schülern nicht zumutbar. Rose sprach sich erneut für den Kauf von Luftfiltern aus. Ergänzend könnten in den Klassenzimmern auch CO2-Ampeln stehen. Lüften allein reiche nicht, so Rose.

Virologe Kekulé: Ziel ist die Kontrolle des Virus nicht seine Eliminierung

Der Virologe von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Alexander Kekulé regt an, Impfungen für Schülerinnen und Schüler zu diskutieren. In seinem MDR-Podcast "Kekulés Corona-Kompass" sagte der Mediziner am Dienstag, Virologen liebten es, wenn Leute geimpft sind und sich nicht anstecken können. Nirgendwo könnten Krankheit so gut vermieden werden. Kekulé betonte aber auch: "Wir impfen die Schüler ja nicht wegen ihres individuellen Risikos. Wir impfen sie ja, um die Gesellschaft insgesamt vor Infektionen zu schützen." Wenn aber schon der Rest der Gesellschaft immun sei, sei für ihn der Druck, die Schüler zu impfen nicht mehr so hoch wie vorher.

"Wir wissen ja bisher, dass die Infektionen eher von den Erwachsenen auf die Kinder gingen als andersrum", so der Virologe weiter. Es könne sich aber ändern, wenn die Kinder ungeimpft sind. Auch Ausbrüche im Herbst schließt er nicht aus, wenn Kinder nicht geimpft sind. Die Diskussion um die Impfungen soll laut Kekulé aber offen geführt werden. Dabei geht es für den Mediziner vor allem um die Frage, welches Ziel die Pandemie-Bekämpfung hat: das Virus unter Kontrolle zu bringen oder es vollständig zu eliminieren. Kekulé erklärte im Podcast, bei der Kontrolle würde man eine gewisse Zahl an Infektionen tolerieren. Der Virologe hält diesen Weg für sinnvoller.

Nur Kontrollzustand erreichbar

Kekulé sagte, eine vollständige Elimination sei nicht erreichbar, auch nicht mit dem Impfstoff. Es sei nur ein Kontrollzustand zu erreichen. Deswegen müssten auch nicht "auf Teufel komm  heraus" alle Kinder durchgeimpft werden. Kekulé weiter: "Vor allem: Wenn wir durchimpfen und das Virus dann doch nicht ganz verschwindet – welchen Sinn hat dann die Durchimpfung gehabt?" Die Eltern müssten sich frei entscheiden können. Er empfehle, vor allem die Kinder zu impfen, die Vorerkrankungen haben. Kekulé verwies dabei auf die fehlenden Studien zu den Folgen von Corona-Impfungen bei Kindern.

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STIKO sieht Impfempfehlung kritisch

Auch die Ständige Impfkommission (STIKO) sieht eine Impfempfehlung kritisch. STIKO-Mitglied Rüdiger von Kries sagte dem rbb, er halte eine allgemeine Empfehlung für Kinder und Jugendliche für unwahrscheinlich. Grund sei das unklare Risiko. Momentan sei nichts über Nebenwirkungen bekannt. Ähnlich äußerte er sich auch im Gespräch mit MDR AKTUELL. Die Zeitungen des Redaktionsnetzwerks Deutschland hatten zuvor berichtet, dass es wahrscheinlich nur eine Impfempfehlung für Zwölf- bis 15-Jährige mit bestimmten chronischen Erkrankungen geben wird.

Bundesregierung: Impfungangebote für Kinder bis August

Zuvor hatten Bundesgesundheitsminister Jens Spahn und Bildungsministerin Anja Karliczek (beide CDU) für eine Impfung von Kindern und Jugendlichen geworben. Damit soll nach Wunsch der Minister eine schnelle Rückkehr zum Präsenzunterricht möglich sein. Spahn hatte bei einem Besuch im Serumwerk in Bernburg (Salzlandkreis) am Dienstag das Ziel ausgegeben, den Schülerinnen und Schülern bis Ende August ein Impfangebot machen zu wollen. Am Donnerstag ist das Impfen gegen das Corona-Virus wieder Thema bei den Beratungen zwischen Bund und Ländern.

Haseloff will bei Schüler-Impfungen die Impfzentren einbeziehen

Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) hatte auf einer Pressekonferenz am Dienstag angekündigt, in die Impfungen für Schülerinnen und Schüler die Impfzentren einbeziehen zu wollen. Das könnten die Haus- und Kinderarztpraxen nicht leisten. Kinderarzt Achtzehn aus Wanzleben vom Landesverband der Kinder- und Jugendärzte hält von der Idee wenig. Er erklärte gegenüber MDR SACHSEN-ANHALT, dass in Impfzentren keine Kinderärzte impfen würden. Achtzehn sprach sich für Corona-Impfungen in den Praxen aus. In der Schule sei der Aufwand ebenfalls zu groß, weil auch die Eltern anwesend sein müssten.

Landesregierung bereitet Impfungen vor

Sachsen-Anhalts Landesregierung hatte am Dienstag erklärt, die Impfungen für Schülerinnen und Schüler bereits vorzubereiten. Sozialministerin Petra Grimm-Benne (SPD) sagte MDR SACHSEN-ANHALT, zunächst müsse aber von der Ständigen Impfkommission geklärt werden, wie und mit welcher Menge die Kinder geimpft werden sollten. Man überlege, die Schüler einmal vor den Sommerferien zu impfen und einmal zum Ende der Ferien. Niedersachsen hatte als erstes Bundesland dem Bundesgesundheitsministerium ein Konzept zum flächendeckenden Impfen aller Schülerinnen und Schüler ab zwölf Jahren vorgelegt. Voraussetzung für die Impfkampagne ist, dass der Impfstoff von Biontech/Pfizer bis dahin für Kinder ab zwölf Jahren zugelassen ist.

Quelle: MDR,Mario Köhne

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 26. Mai 2021 | 05:00 Uhr

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