Nach Skandal in Stendal Vor offiziellem Start: Landrat und Stellvertreter in Wittenberg schon geimpft

Wittenbergs Landrat Dannenberg ist vorm offiziellen Beginn des Impfens gegen Corona geimpft worden. Dafür hat er sich inzwischen entschuldigt. Es ist der zweite Fall, nachdem in Stendal 320 Polizisten vorzeitig geimpft wurden. Landesweit gibt es Diskussionen.

Jürgen Dannenberg, DIE LINKE, Landrat Wittenberg
Jürgen Dannenberg ist Landrat im Kreis Wittenberg. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Der Wittenberger Landrat Jürgen Dannenberg (Die Linke) und sein Stellvertreter Jörg Hartmann (CDU) sind bereits gegen das Coronavirus geimpft worden. Das hat ein Sprecher der Kreisverwaltung am Freitag MDR SACHSEN-ANHALT bestätigt. Der Sprecher betonte, dass das kein Verstoß gegen die Impfverordnung sei. Im Landratsamt in Wittenberg gebe es eine flache Hierarchie. Da sei es wichtig, dass nicht beide Entscheidungsträger gleichzeitig ausfallen.

Impfung einen Tag vor offiziellem Impfstart

Der Sprecher des Landkreises bestätigte MDR SACHSEN-ANHALT, dass Landrat Dannenberg bereits am 26.12. die erste Impfdosis erhalten habe. Bei einem "Testlauf" seien probehalber Ärzte und Mitarbeiter des Impfzentrums geimpft worden. Weil noch Impfstoff übrig gewesen sei, sei auch der Landrat geimpft worden. Offizieller Impfstart in Deutschland war erst einen Tag später. Als erste Deutsche war am 26. Dezember die 101-jährige Halberstädterin Edith Kwoizalla gegen das Coronavirus geimpft worden. Das Impfzentrum in Wittenberg eröffnete erst drei Wochen später am 18. Januar.

So gehen andere Verwaltungen damit um

Auf Anfrage von MDR SACHSEN-ANHALT teilten mehrere Verwaltungen mit, dass ihre Führungsriege nicht geimpft wurde. Aus dem Kreis Harz hieß es, man habe sich an die Prioritätenliste gehalten. Sollte Impfstoff übrig bleiben, werde er zurück ins Impfzentrum gebracht. Wie die Stadt Magdeburger mitteilte, wird sich strikt an die Vorgaben gehalten. Es werde nur geimpft, wer auch dran sei. Beim Probelauf in Magdeburg seien Rettungssanitäter geimpft worden. Ähnlich ist auch der Salzlandkreis nach eigenen Angaben vorgegangen. Landrat Markus Bauer (SPD) sei nicht geimpft, da er nicht zur 1. Kategorie zähle.

Dannenberg entschuldigt sich

Dannenberg hat sich für seine vorzeitige Impfung gegen das Corona-Virus entschuldigt. Er sei sich bewusst, dass man das Vertrauen der Bürger in eine Impfgerechtigkeit beschädigt habe, sagte Dannenberg auf Anfrage von MDR SACHSEN-ANHALT. Bei einem Testlauf am 26. Dezember seien im Wittenberger Impfzentrum geringe Mengen an Impfstoff übriggeblieben. Diese seien ihm – auf Zuraten des Amtsarztes – verabreicht worden. Im Nachhinein würde er die Impfung gern ungeschehen machen.

Von Angern fordert Aufklärung

Die Fraktionsvorsitzende der LINKEN im Landtag, Eva von Angern, hat die vorzeitige Corona-Impfung des Wittenberger Landrates Dannenberg kritisiert. Von Angern sagte MDR SACHSEN-ANHALT am Freitag, aus ihrer Sicht sei das ein Fehler gewesen. Das habe der Landrat ihr gegenüber auch eingeräumt. Von Angern forderte, den Vorgang dringend aufzuklären. Es müsse der Öffentlichkeit dargestellt werden, was genau passiert sei.

Skandal in Stendal: 320 Polizisten vorab geimpft

Am Donnerstag war bekannt geworden, dass der Landkreis Stendal mehr als 300 Polizisten eigenmächtig gegen den Impfplan bereits im Januar gegen das Coronavirus geimpft hatte. Aus dem Landkreis Stendal hieß es, es habe sich um einen Test für ein Szenario gehandelt, dass plötzlich viele Menschen geimpft werden müssten. Man habe Polizisten ausgewählt, da diese kurzfristig in ausreichender Anzahl zur Verfügung gestanden hätten. Der Impfstoff sei aus der Reserve genommen worden, die eigentlich für die Zweit-Impfungen vorgehalten wird. Er solle wieder aufgefüllt werden, sobald die Polizisten im Impf-Plan an der Reihe seien, so der Landkreis. Sie gehören nicht in die erste Impfgruppe.

Hintergründe und Aktuelles zum Coronavirus – unserer Newsletter

In unserem Newsletter zur Corona-Lage in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen fassen wir für Sie zusammen, was am Tag wichtig war und was für Sie morgen wichtig wird.

Das Corona-Daten-Update – montags bis freitags um 20 Uhr per Mail in Ihrem Postfach. Hier können Sie den Newsletter abonnieren.

Grafik: Der Corona-Daten-Update Newsletter
Bildrechte: MDR | Grafik Florian Leue/Martin Paul

Sachsen-Anhalts Sozialministerin Petra Grimm-Benne (SPD) forderte den Landkreis Stendal auf, sich zu dem Vorfall zu äußern. Sie sagte am Freitag am Rande der Landtagssitzung, bis zum Sonntag laufe eine Frist für eine schriftliche Stellungnahme. Grimm-Benne sagte, es gehe unter anderem darum zu klären, wer die Impfaktion beauftragt hat und welcher Personenkreis geimpft wurde. Danach müsse entschieden werden, welche Sanktionsmöglichkeiten in Frage kommen. Es sei nicht vorgesehen, dass das Land seine Kommunen für Verstöße mit Bußgeldern belege. Denkbar seien disziplinarische Maßnahmen. Das Ministerium hat die Impfzentren am Freitag angewiesen, übrig gebliebenen Impfstoff zu dokumentieren und Wartelisten anzulegen.

Puhlmann: Impfverordnung gilt auch in Stendal

Der Landrat des Kreises Stendal, Patrick Puhlmann (SPD), erklärte MDR SACHSEN-ANHALT, die Irritationen über die Polizisten-Impfungen würden intern ausgewertet. "Natürlich gilt die bundesweite Impfverordnung auch im Landkreis Stendal", so Puhlmann. Das betonte auch der Verantwortliche für die Impf-Aktion. Der Beigeordnete Sebastian Stoll sagte, rein rechtlich sei die Interpretation der Impfverordnung fehlerhaft gewesen. Die Einhaltung der Vorgaben werde uneingeschränkt umgesetzt. Das Innenministerium als oberster Dienstherr der geimpften Polizisten hat sich bisher auf Nachfrage von MDR SACHSEN-ANHALT nicht zu dem Vorfall geäußert.

Mehr zum Thema

MDR, André Damm, Norma Düsekow, Mario Köhne

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 05. Februar 2021 | 12:00 Uhr

62 Kommentare

Critica vor 31 Wochen

Magdeburger Jung,
möglicherweise ist es gut, wenn sie nicht geimpft wird.
Die Impfung wird derzeit wie eine "heilige Kuh" behandelt. Aber sie hat auch Hörner.

Anita L. vor 31 Wochen

Hm...Hatte ich nicht mal irgendwo gelesen, dass man überzählige Impfdosen wieder einfrieren und für den nächsten Termin aufheben könne? Aber wie auch immer: Um mal bei Uli Wittstocks Schiffsmetapher ("Frauen und Kinder zuletzt – Landkreis Stendal macht seine eigenen Impfregeln") zu bleiben: Jetzt geht wohl nicht nur die Crew, sondern gleich der Kapitän zuerst von Bord? Was sind denn das für fadenscheinige Begründungen, flache Hierarchie, viel Kontakt, nicht ersetzbar... Diese Begründungen gelten für ziemlich viele Berufsgruppen: Erzieher, Ärzte und medizinisches Personal mit und ohne häufigen Kontakt zu Risikogruppen, Verkäufer,... Und ich bin mir ziemlich, dass es auch noch ausreichend Alten- und Pflegeheime gibt, die auf ihre Termine warten.
Also, liebe Politiker: Wenn das nächste Mal Impfdosen übrig bleiben, sorgen Sie lieber dafür, dass diese Dosen zügig in der ersten Impfgruppe ankommt. Umso schneller können alle anderen "Passagiere" nachrücken, auch Sie.

Mitdenker Zukunft vor 31 Wochen

Solch ein Verhalten sollte nicht ohne Konsequenten bleiben!
So zerstört man das Vertrauen in Politik und Amtsträger.
Als einzige aufrechte Konsequenz kommt hier nur ein Rücktritt in Frage! - gerade in dieser epochalen Ausnahmesituation. Über die eventuelle Endkonsequenz mag man gar nicht nachdenken. Vieleicht waren das für zwei ältere Mitbürger die entscheidenden Impfdosen - das hier etwas über gewesen wäre, ist doch eher eine Schutzbehauptung denke ich. Ich finde die humanitären Gedanken der Linkspartei beachtenswert, aber das geht gar nicht !!!
Rücktritt bitte!!!

Mehr aus Sachsen-Anhalt