Kommentar Corona-Warn-App zur Kontakterfassung – Sachsen prescht vor

Ein großer Mann mit Locken und Brille steht vor einer Betonwand.
Bildrechte: MDR/Viktoria Schackow

Ist es ein Versehen oder ein Dammbruch? Während Sachsen-Anhalt gesondert auf die Luca-App setzt, genügt es in Sachsen jedenfalls, ab dem 10. Mai als Check-In für Restaurants, Museen und Kinos die Corona-Warn-App zu haben. Mit diesem Vorsprechen in Sachsen könnten andere Corona-Apps überflüssig werden, meint Marcel Roth.

Corona-Warn-App mit Check-in-Funktion
Die Check-In-Funktion der Corona-Warn-Apps dürfen in Sachsen jetzt auch Restaurants nutzen. Obwohl die App keine Daten sammelt. Bildrechte: dpa

Endlich hat es jemand verstanden! Endlich stellt sich eine Landesregierung ganz offensiv hinter die Corona-Warn-App und tut das, worüber sich Experten schon seit Monaten den Mund fusselig reden. Dass es die sächsische Regierung ist, zeigt, wie weit die Expertise und die Beratungsbereitschaft allein in Mitteldeutschland auseinander klaffen – denn, Sachsen-Anhalt wie auch Thüringen machen es anders.

Sachsen-Anhalt verteidigt sogar nach wie vor die teuer eingekaufte Luca-App. Die Corona-Einschränkungen könnten nur zurückgenommen werden, wenn die Nachverfolgbarkeit von Infektionen gesichert sei. Dazu tauge die Corona-Warn-App nicht, weil sie keine Nutzerdaten erhebe, sagt Sachsen-Anhalts Sozialministerium.

Drei gegen 13

Mit dieser Argumentation dürfte Sachsen-Anhalt nicht einmal allein sein: 13 Bundesländer sind mit Luca verbandelt – drei Bundesländer arbeiten an Systemen, die allen Anbietern einen Zugang gewähren. Neben Sachsen sind das Nordrhein-Westfalen und Thüringen. Dabei hatte sich Thüringens Ministerpräsident auch für die Luca-App ausgesprochen. Mittlerweile bevorzugt das Land Schnittstellen für alle Anbieter. Die Corona-Warn-App käme aber nach der aktuellen Verordnung auch in Thüringen nicht infrage.

Luca-App
13 Bundesländer setzen auf die Luca-App; nur Sachsen, Thüringen und Nordrhein-Westfalen nicht. Bildrechte: culture4life GmbH

Länder sollten Kontakterfassung per Corona-Warn-App zulassen

Denn was oft untergeht: Der Grund für all die Diskussionen über Datenschutz und Gästelisten auf Papier oder digital liegt in jeder Corona-Verordnung jedes Bundeslandes.

Denn dort steht, dass Restaurants, Museen etc. Namen, Adresse, Telefonnummer und womöglich die E-Mail-Adresse der Gäste vorhalten, damit das zuständige Gesundheitsamt sie anfordern kann. Sachsen schreibt das ab Montag so nicht mehr vor. Gäste – wenn denn überhaupt irgendetwas geöffnet ist – sollen vorrangig digital erfasst werden, insbesondere mit der Corona-Warn-App (in der Verordnung, PDF, §6 Abs. 6). Wer das nicht will, muss Name, Anschrift, Telefonnummer und E-Mail-Adresse auf Papier hinterlassen.

Kontakterfassung und Kontaktverfolgung

Und was ist nun mit dieser ominösen Kontaktnachverfolgung? Dabei bekommt das Gesundheitsamt Namen und Kontaktdaten, setzt sich ans Telefon oder schreibt Briefe. Nur: Ist das wirklich die Aufgabe des Gesundheitsamtes? Solche Daten zu durchforsten? Egal ob auf Papier oder digital? Ich glaube nicht, denn was dem Gesundheitsamt viel wichtiger ist: Die Daten von Menschen, die positiv getestet sind, um sie in Isolation zu schicken.

Jeder positive PCR-Befund landet deshalb samt Kontaktdaten beim Gesundheitsamt und – wenn es digital ist – auch gleichzeitig bei dem Getesteten. Und wer einen negativen Test für einen Restaurantbesuch haben muss, der wird sich testen lassen. Mit dieser Art der Zugangsbeschränkung zu Veranstaltungen wird also ein Großteil der Menschen gefunden, die infiziert sind.

Und jetzt kommt die Corona-Warn-App ins Spiel. Denn sie kann seit kurzem ebenfalls Test-Ergebnisse empfangen. Und was sie eben auch kann: Wenn der Getestete das will, gibt er über die Corona-Warn-App eine Warnung heraus. Die erreicht die Menschen, die ihm über einen gewissen Zeitraum nah waren oder die ein paar Tage vorher gleichzeitig in einem Museum oder Restaurant eingecheckt haben. Und die Warnung erreicht diese Menschen in kürzester Zeit. Kein Gesundheitsamt der Welt schafft das so schnell. Egal ob mit oder ohne digitale Unterstützung.

Eine für alles: Die Corona-Warn-App

Schon bei der Vorstellung der Corona-Warn-App wurde dieser Zeitvorsprung – damals hieß es zwei Tage – benannt. Doch wirklich die Runde hat das nicht gemacht. Das ist den Machern der Corona-Warn-App und ihrem Marketing anzukreiden. Aber auch dem Auftraggeber – der Bundesregierung. Sie hätte auch schon viel früher die Check-In-Funktion, den Testempfang und den Impfnachweis für die Corona-Warn-App in Auftrag geben müssen.

Die Menschen zwischen Leipzig, Chemnitz und Dresden haben jetzt jedenfalls einen Vorteil gegenüber allen anderen Menschen in Deutschland: Sie müssen sich nur noch eine App auf ihr Smartphone laden. Die Corona-Warn-App. Und das bedeutet – zumindest für Sachsen – der Markt für andere Corona-Apps ist tot. Warum soll jemand eine Gästeliste digital führen, wenn es die Corona-Warn-App gibt und niemand Datensammeln vorschreibt? Warum noch extra Einlass-Apps, die QR-Codes prüfen, ob jemand negativ oder geimpft ist, wenn die Corona-Warn-App das bald kann? Warum noch Apps von Testzentren nutzen, wenn die Corona-Warn-App, den ausgedruckten QR-Code aus dem Testzentrum lesen kann oder den Test empfangen kann?

Deshalb: Chapeau, Sachsen!

Sachsens Entscheidung war digitalpolitisch richtig. Vielleicht haben die Verordnungsschreiber aber die Tragweite unterschätzt. (Die Verordnung gilt ja auch erst einmal nur bis Ende Mai.) Aber ganz sicher ist die Entscheidung auch aus der Not heraus geboren: Denn wenn Gesundheitsämter Daten von verschiedenen App-Anbietern bekommen, heißt das erst einmal nur mehr Arbeit für die Ämter. Davor hatten Digitalexperten schon lange gewarnt. Denn was nutzen all die Apps, wenn die Gesundheitsämter in einer Flut von teilweise unnützen Daten ertrinken, die sie erst mit viel Arbeit aussortieren müssen?

Das ist sie, diese digitale Welt: Sie ist nicht besser als die analoge. Aber sie zeigt, wie wir die analoge Welt einfacher machen können. Für die Pandemie geht das mit einer App: der Corona-Warn-App.

Ein großer Mann mit Locken und Brille steht vor einer Betonwand.
Bildrechte: MDR/Viktoria Schackow

Über den Autor Marcel Roth arbeitet seit 2008 als Redakteur und Reporter bei MDR SACHSEN-ANHALT. Nach seinem Abitur hat der gebürtige Magdeburger Zivildienst im Behindertenwohnheim gemacht, in Bochum studiert, in England unterrichtet und in München die Deutsche Journalistenschule absolviert. Anschließend arbeitete er für den Westdeutschen Rundfunk in Köln. Bei MDR SACHSEN-ANHALT berichtet er über Sprachassistenten und Virtual Reality, über Künstliche Intelligenz, Breitbandausbau, Fake News und IT-Angriffe. Außerdem ist er Gastgeber des MDR SACHSEN-ANHALT-Podcasts "Digital leben".

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