Modernes Arbeiten Co-Working-Spaces: "Sachsen-Anhalt ist ein Reallabor von Vielfältigkeit"

MDR SACHSEN-ANHALT-Autor Hannes Leonard steht im Profil vor einer Wand
Bildrechte: MDR/Hannes Leonard

Den Arbeitsort flexibel selber wählen – Co-Working-Spaces machen es möglich. Sie locken auch gestresste Großstädter auf das flache Land. Damit sind sie eine Chance für kleinere Gemeinde, ist Berater Tobias Kremkau überzeugt.

Coworking Space Office Club in Berlin-Prenzlauer Berg
Sachsen-Anhalt besteht aus sehr viel ländlichem Raum. Und wo viel Platz ist, ist auch viel Raum für Co-Working-Spaces. (Symbolbild) Bildrechte: dpa

Sachsen-Anhalt: ein "Reallabor für Co-Working", so nennt es Tobias Kremkau. "Alles, was ich in Europa und weltweit an Entwicklung in Sachen Co-Working sehe, passiert auch in Sachsen-Anhalt." Kremkau muss es wissen, er ist Experte für Co-Working. Der gebürtige Magdeburger arbeitet bei "CoWorkLand", einer Genossenschaft, die Gründer und Betreiber von Co-Working-Spaces unterstützt und vernetzt.

Was ist ein Co-Working-Space? In Co-Working-Spaces können Einzelpersonen, Teams oder ganze Firmen Schreibtische oder Büroräume anmieten. Weitere Einnahmequellen der Co-Working-Spaces sind Events oder die Vermietung von Meetingräumen.

Die Einrichtungen durften trotz der Pandemie in Betrieb bleiben, allerdings unter Einhaltung der Hygienevorschriften. Schließlich waren die Spaces oft auch Firmensitze kleiner Unternehmen.

In Sachsen-Anhalt ist Co-Working-Szene besonders vielfältig. Im Land gebe es rund 30 Co-Working-Spaces, erzählt Kremkau im Gespräch mit MDR SACHSEN-ANHALT. "Das ist wesentlich mehr als in Thüringen oder Mecklenburg-Vorpommern." Natürlich sei die Zahl nicht mit Berlin oder Brandenburg vergleichbar, stellt Kremkau klar. "Brandenburg profitiert einfach auch von dem Pendeldrang nach Berlin."

Tobias Kremkau, Coworking-Experte 11 min
Bildrechte: MDR/Kremkau

Co-Working ist längst kein Stadtphänomen

Natürlich gebe es die meisten Spaces in den großen Städten des Landes. "In Halle gibt es einen Co-Working-Space, der von der Größe und der Zielgruppe genau so in Berlin Mitte stehen könnte", erzählt Kremkau.

Damit soll den Einwohnern ein Angebot gemacht werden, um wohnortnah zu arbeiten. So können die Menschen auch tagsüber in der Region bleiben und müssen nicht immer nach Magdeburg reinpendeln.

Tobias Kremkau Co-Working-Berater

Coworking Spaces

Projektraum-COI
Der Co-Working-Space COI in Bernburg ist ein beliebter Treffpunkt. Bildrechte: Verena Eidel
Projektraum-COI
Der Co-Working-Space COI in Bernburg ist ein beliebter Treffpunkt. Bildrechte: Verena Eidel
Becher-Parkplatz in einem Coworking-Space
Nicht nur für Arbeitsplätze sondern auch für das leibliche Wohl wird in Co-Working-Spaces gesorgt. Bildrechte: dpa
CoWorkingCenter
Das Co-Working-Center in Nordgermersleben hat die Gemeinde gegründet. Bildrechte: Tobias Kremkau
Coworking Space Office Club in Berlin-Prenzlauer Berg
Neben Großraumbüros bieten Co-Working-Spaces oft auch Teamräume oder Besprechungszimmer an. Bildrechte: dpa
Haus 5 in Salzwedel, Co-Working-Space
Im "Haus 5" in Salzwedel werden Co-Working-Arbeitsplätze angeboten. Bildrechte: Tobias Kremkau
'FachWerkerei Coworking Space Markplatz 9' steht auf einem Eingangsschild
'FachWerkerei Coworking Space Markplatz 9' steht auf einem Eingangsschild Bildrechte: dpa
Projektraum-COI
In Bernburg bietet der Projektraum COI Platz zum Arbeiten und für Events. Bildrechte: Tobias_Kremkau
Projektleiter Jonathan Linker sitzt in der Fachwerkerei Coworking Space Marktplatz 9 an einem Arbeitsplatz.
Wem der Schreibtisch zu ungemütlich ist, findet im Co-Working-Space meist ein passenden Platz. Bildrechte: dpa
Projektraum-COI
Eine Tafel im Schaufenster weißt auf den Projektraum COI in Bernburg hin. Bildrechte: Lukas Petereit
Eine Tafel mit der Aufschrift 'Lunch ?!' hängt in einem Coworking-Space
Nutzer schätzen die Gemeinschaft an Co-Working-Spaces, so muss man auch die Mittagspause nicht alleine verbringen. Bildrechte: dpa
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Eine bunte Co-Working-Landschaft

Ein Mann im Portait blickt in die Kamera.
Co-Working-Spaces sind eine Chance für kleinere Orte, sagt Berater Tobias Kremkau. Bildrechte: Tobias Kremkau

Was auffällt, sind die unterschiedlichen Organisationsformen von Co-Working-Spaces. Kremkau spricht von einer "bunten Co-Working-Szene" in Sachsen-Anhalt. Neben den Gründungen durch Kreise oder Gemeinden gibt es auch verschiedene private Gründungen. In Güsen im Landkreis Jerichower Land habe ein Verein einen Co-Working-Space gegründet. Daneben würden auch Einzelpersonen Spaces gründen, wie beispielsweise in Wernigerode das "Wohnzimmer", erzählt Kremkau.

Auch Kirchen gründen inzwischen Co-Working-Spaces. In Deutschland gibt es noch nicht einmal zehn Stück. Und der einzige in Ostdeutschland ist das Gründerinnenhaus in Halle.

Tobias Kremkau Co-Working-Berater

Diese Vielfältigkeit in Sachsen-Anhalt sei einmalig, sagt Kremkau. "Ich beobachte so etwas in anderen Bundesländern nicht." Kremkau vermutet, dass niedrigere Mieten und ein vergleichsweise geringer wirtschaftlicher Druck für eine große Experimentierfreude sorgen würden.

Chance für kleine Kommunen

Gerade für kleine Kommunen würden Co-Working-Spaces eine große Chance bieten, ist sich Kremkau sicher. Schließlich seien Orte mit Co-Working-Spaces beliebte Zufluchtsorte für stressgeplagte Großstädter.

Wir sehen im ländlichen Raum, wenn er über einen guten Anschluss an den Fernverkehr verfügt, durchaus Wanderungsbewegungen.

Tobias Kremkau Co-Working-Berater

Allerdings sind passende Orte zum Arbeiten auf dem Land nur ein Kriterium. Wanderungswillige Städter brauchen auch Kindergärten, Schulen und Supermärkte. Dadurch profitiert auch die lokale Wirtschaft von Co-Working-Spaces. "Durchschnittlich gibt jeder Co-Working-Space-Nutzer elf Euro am Tag im Umfeld seines Arbeitsortes aus", rechnet Kremkau vor. Dazu kommt: Die Menschen pendeln weniger. Infrastruktur und Umwelt werden so geschont.

Co-Working hat Wachstumspotenzial

Es überrascht nicht, dass Berater Kremkau Co-Working-Spaces in Sachsen-Anhalt eine erfolgreiche Zukunft prophezeit. "Rund fünfzig Prozent aller Arbeitnehmer können mobil arbeiten", rechnet er vor. Handwerker könnten sich mit den Spaces die Kosten für ein permanentes Büro sparen. Große Unternehmen oder Verwaltungen würden dezentrale Arbeitsplätze für ihre Mitarbeitenden suchen, dafür seien Co-Working-Space-Anbieter der geeignete Ansprechpartner.

Große Firmen wollen nicht mit einzelnen Co-Working-Anbietern jedes Mal einen Nutzungsvertrag aushandeln. Die wollen ein dezentrales Netzwerk mit einer zentralen Abrechnung und einer rechtssicheren Nutzung. Das geht nur über Zusammenschlüsse.

Tobias Kremkau Co-Working-Berater

Fakt ist aber auch: Gründer von Co-Working-Spaces brauchen Durchhaltevermögen. Im Schnitt dauert es zwei Jahre, bis sich so ein Angebot selbst trägt. Laut Kremkau würden Förderprogramme zur Überbrückung der Anfangszeit eine Gründung einfacher machen.

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MDR (Hannes Leonard), dpa

8 Kommentare

Tobias Kremkau vor 7 Wochen

Doch, der Begriff wird einfach mit "Zusammenarbeit" übersetzt. Als ein Branchenbegriff ist die deutsche Übersetzung aber ungeeignet – siehe »die deutsche Zusammenarbeit-Branche« –, weshalb sich der Anglizismus durchgesetzt hat.

Es ist eine offene Diskussion innerhalb der Coworking-Szene, ob es einen deutschen Begriff wirklich braucht. Mich persönlich hat das Argument dagegen überzeugt, dass die Menschen nicht dumm sind und wenn man ihnen etwas erklärt, sie das auch begreifen werden. Eine ergänzende Erklärung ist also sicher noch notwendig, aber jeder Anlass dazu macht Coworking auch bekannter und das Wort gängiger.

Fakt vor 7 Wochen

@pwsksk:

Und wo ist das Problem?
In Kiel gibt es beispielsweise ein Co-Working Space, wo auch Hanswerker ihr Gewerbe betreiben - vom Hersteller hochwertiger Surfbretter bis hin zur Tischlerei.
Nebenbei: Ohne Leute, die ihr Geld am Schreibtisch verdienen, würden reine Handwerker recht alt aussehen.

Tobias Kremkau vor 7 Wochen

Die wortwörtliche Übersetzung für Coworking lautet Zusammenarbeit. Als Branchenbegriff ist diese sehr allgemeine Begrifflichkeit aber sehr unpräzise, weshalb sich das englische Wort Coworking etabliert hat.

Sozialversicherungspflichtige Angestellte nutzen Coworking Spaces nur dann, wenn dies der Arbeitnehmer gestattet oder im Sinne als Telearbeitplatz angewiesen hat. Dadurch ist sich stets ein Versicherungsschutz gegeben.

Der vermeintliche Widerspruch ist eine Fehlinterpretation des Textes. Es geht primär darum, dass Menschen aus der Großstadt auch in den ländlichen Raum ziehen können, wenn sich ihre Arbeit mobil erledigen lässt, denn dann müssen sie nicht täglich wieder rein pendeln. Das machen sie dann vielleicht nur noch ein- bis zweimal die Woche, um Kolleg:innen zu treffen. Alle anderen Aufgaben, für die das nicht nötig ist, erledigen sie wohnortnah.

Die Angabe zu den 11 Euro stammt aus der Global Coworking Survey 2019 und gilt für Deutschland. Europaweit sind es sogar 13 Euro.

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