Hasskommentare und Anerkennung Wie ein queeres Video-Projekt aus Köthen Diskussionen anregen will

Porträtaufnahme von MDR SACHSEN-ANHALT-Reporterin Jana Müller
Bildrechte: Jana Müller

Sie berichten vom Christopher-Street-Day, treffen Drag-Queens oder befragen Pfarrer zur Ehe für alle. Julian Miethig aus Köthen und Nelson Finkelmeyer aus Leipzig kennen in ihrem Videoblog "Queer4mat" keine Tabus. Dafür bekommen die Jungs auch immer wieder Hasskommentare.

Zwei junge Männer sitzen auf einer Bank und lächeln in die Kamera, in der Hand halten sie eine Kameraausrüstung.
Julian Miethig und Nelson Finkelmeyer berichten in ihrem Videoblog "Queer4mat" über die LGBTQ-Community. Bildrechte: MDR/Jana Müller

Bunt und fröhlich ist das Video vom Christopher-Street-Day (CSD) in Dresden, angsteinflößend und schockierend dagegen einer der Kommentare, die Julian Miethig und Nelson Finkelmeyer unter ihrem Video lesen mussten. "Dort hat tatsächlich jemand eine Amokfahrt angekündigt", umschreibt der 23-jährige Julian aus Köthen den Inhalt dieses Kommentars. "Der Verfasser drohte damit beim nächsten CSD mit einem Auto in die Menge zu fahren und mit seinen Waffen alle abzuknallen."

Eine Drohung, die die beiden Filmemacher regelrecht schockte. Und etwas, mit dem nicht zu spaßen sei. "Wir haben das bei der Polizei zur Anzeige gebracht. Schließlich haben in der Vergangenheit schon mehrere Straftaten im Internet ihren Anfang genommen. Aber Gott sei Dank sind solche Kommentare die absolute Ausnahme".

Videos sollen Diskussionen anregen

Die meisten der über 7.000 Abonnenten und Follower, die "Queer4mat" bei Youtube, Instagram oder TikTok hat, seien toll, sagt Nelson, der in Leipzig lebt. Die Community tausche sich regelmäßig aus, wünsche sich Themen, lobe die Videos oder kritisiere sie auch mal. Und das sei völlig okay, sagen die beiden Filme-Macher. Nur bei Beleidigungen ist für sie Schluss.

Julian Miethig spricht darüber, wie "Queer4mat" mit Hasskommentaren umgeht:

Wenn jemand unsere Videos mit 'Schwuchtel' kommentiert, ignorieren wir das. Das sind Hater und bei denen ist die Grundlage für eine Diskussion einfach nicht gegeben.

Dabei wollen die beiden Studenten mit ihren Videos genau das erreichen: dass Leute miteinander diskutieren und sich austauschen. Themen bieten die Videos aus der LGBTQ-Community jede Menge. Das Video vom Treffen mit dem Pfarrer aus Köthen zum Beispiel, der über die Haltung der Kirche zur gleichgeschlechtlichen Ehe sprach.

Zwei junge Männer stehen lässig auf einem Weg in einem Park. In der Hand hält einer der beiden eine Kameraausrüstung.
Ihre Gesprächspartner finden die Filmemacher in Köthen, aber auch deutschlandweit. Bildrechte: MDR/Jana Müller

Ein beeindruckender Dreh für Julian: "Wir saßen da in der Kirche, vor dem Altar, auf den Stühlen, auf denen sonst immer die Brautpaare saßen. Eine Premiere für uns und auch für die Kirche, dass da mal zwei Jungs saßen." Fazit des Videos: Bis Homosexualität in der Kirche zur Normalität wird, ist es ein weiter Weg. "Außerhalb der Kirche sind wir schon weiter, aber auch noch lange nicht am Ziel", meint Julian.

Deshalb geht das "Queer4mat" jetzt an die Schulen der Stadt. Mit kurzen Videos sollen die jungen Köthener über Geschlechtskrankheiten, das Outing und das queere Leben auf dem Land informiert werden, dann soll auch hier diskutiert werden.

Anlaufstelle auch für Jugendliche

In seiner eigenen Schulzeit hätte sich Julian so eine Aktion gewünscht: "Ich wusste auch in meiner Schulzeit, dass ich mehr auf Jungs stehen als auf Mädchen, aber ich habe mich nicht getraut, es zu sagen. Es gab keine Anlaufstelle und auch im Unterricht wurde da bei uns nicht darüber gesprochen."

Ein junger Mann im gelben Pulli steht an ein Brückengeländer gelehnt und spricht in eine Kamera. Die wird von einem zweiten jungen Mann bedient, ihn sieht man nur von hinten.
Vor und hinter der Kamera setzen sich Julian und Nelson für die Rechte der LGBTQ-Community ein und stellen auch unangenehme Fragen. Bildrechte: MDR/Jana Müller

Erst nach der Schulzeit habe ich festgestellt, dass aus meiner Klasse drei Leute schwul sind. Man saß also nebeneinander, hatte vielleicht dieselben innerlichen Konflikte, wusste aber nicht wohin damit. Man hatte keine Anlaufstelle.

Solch eine Anlaufstelle könnte "Queer4mat" sein. Auf alle Fälle setzt der Kanal mit mittlerweile über 50 Videos ein Zeichen: für mehr Aufklärung und Toleranz, für ein buntes Miteinander in der Stadt und auf dem Land.

Neslon Finkelmeyer spricht über den spannenden Dreh bei einem Sexworker:

Porträtaufnahme von MDR SACHSEN-ANHALT-Reporterin Jana Müller
Bildrechte: Jana Müller

Über die Autorin Jana Müller, groß geworden in Gräfenhainichen, arbeitet seit 2018 bei MDR SACHSEN-ANHALT im Regionalstudio Dessau.

Schon während ihres Studiums an der Martin-Luther-Universität in Halle machte Jana Müller erste Radio-Erfahrungen, danach zog es sie aber erst einmal zum Fernsehen. Für Regionalfernsehsender in Dessau-Roßlau und Bitterfeld-Wolfen war Jana Müller als Redakteurin, Moderatorin aber auch als Kamerafrau unterwegs in Anhalt und Wittenberg. Und da treibt sie sich nun auch für MDR SACHSEN-ANHALT herum.

MDR/Jana Müller

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