DDR-Chemie Bitterfeld: Oben grün, unten giftig

Bitterfeld hatte einen rabenschwarzen Ruf: Zur Wendezeit galt der Ort in Sachsen-Anhalt als einer der schmutzigsten Städte Europas. 70 Jahre Chemie hatten in der Region ihre Spuren hinterlassen. Inzwischen gilt Bitterfeld als ein Paradebeispiel für ökologische Sanierung. Doch unter grünen Wiesen und klarem Wasser lauern Gifte und Millionen Tonnen Altlasten.

Links sind Betriebe und rechts ein grüner Wald
Oberflächlich betrachtet, scheint Bitterfeld sauber zu sein. Doch darunter verstecken sich viele gefährliche Stoffe. Bildrechte: MDR exakt

Von der Chemiekloake zum Zukunftsstandort regenerativer Energien: Bitterfeld hat in den vergangenen Jahrzehnten einen erstaunlichen Wandel vollzogen. Das Wohnen ist günstig, die Gegend grün. Der große Goitzschesee lockt mit klarem Wasser. Das sah Anfang der Neunziger Jahre in der Region noch ganz anders aus.

Damals flossen etwa direkt neben der Gartensparte "Am Busch" in Wolfen die Abwässer vorbei. In einem fürchterlichen Gestank bewässerte ein Mann seine Erdbeeren, beschreibt MDR-exakt Reporterin Heidi Mühlenberg das Geschehen. Vor 30 Jahren war sie schon einmal hier unterwegs mit dem Leipziger Fotografen Michael Kurt. Sie dokumentierten die Zustände in Bitterfeld in ihrem Buch "Panikblüte". Nun forschen sie nach, was aus dem Gift von damals geworden ist. Heute stinkt zumindest in der Kleingartenanlage dortnichts mehr.

Silbersee soll bald verschwinden

"Wir haben damals nichts gemerkt", sagt Siegfried Seidel, der älteste Gärtner der Sparte. "Wir haben unser Obst und Gemüse genauso geerntet und auch gegessen." An den Geruch habe man sich gewöhnt. Seit 1921 war "Am Busch" ein Nachbar der Chemie.

Der Silberssee bei Bitterfeld wird zugeschüttet.
Der berüchtigte "Silbersee" soll verschwinden - indem er zugeschüttet wird. Bildrechte: MDR exakt

Der Abwassergraben von damals führte bis zu einem großen Schlammloch: dem berüchtigten "Silbersee". Von dort kam einst der Geruch nach faulen Eiern. Millionen Kubikmeter Abfall der Zellulosefabrik dünsteten Schwefelwasserstoff aus. Auch giftige Schwermetalle aus der Filmproduktion fand Greenpeace im Schlamm.

Noch heute ist der Giftschlamm da. 16 Meter tiefer Morast, bedeckt von ein wenig Wasser. Jetzt wird der See zugeschüttet – mit geschredderter Schlacke aus der Verbrennung von Hausmüll. Die ist trocken, bindet das Wasser und verfestigt so den Schlamm. In 15 Jahren soll der See verschwunden sein.

Sechs Millionen Tonnen Chemieabfall verseuchen Boden

Es ist nicht der einzige Ort, der oberflächlich betrachtet, sauber scheint. Unter einem grünen Rasenhügel versteckt sich südöstlich von Bitterfeld der größte Müllhaufen des Chemiekombinats. Der Müll liegt im Grundwasser und das muss ständig abgepumpt werden. Unter der Erde liegen Phenol, Teer und Farben, sowie Kontaktmasse für Kondensatoren, Phosphor- und Chlorabfälle. Die Fässer standen damals teils kopfüber im Schlamm und liefen aus. Eine Dichtung nach unten gab es nicht. Das war auch zu DDR-Zeiten illegal.

"Das Umweltgesetz der DDR galt verbal als eines der strengsten der Welt", erklärt Fred Walkow, der nach der Wende Umweltdezernent im Landkreis Bitterfeld war.

Doch man durfte ja Gesetze brechen, wenn das im Sinne des Staates war. Das waren diese berühmten Ausnahmegenehmigungen. Das heißt, der Gesetzesverstoß wurde damit legalisiert.

Fred Walkow Ehemaliger Umweltdezernent im Landkreis Bitterfeld

Noch heute liegen auf der Deponie "Freiheit 3" auf knapp 100 Hektar sechs Millionen Tonnen Chemieabfall: Zehn Prozent davon hochgiftig, schätzt der Betreiber. Immer wieder gab es Pläne, das Gift auszugraben, doch alle sind gescheitert. Die Deponie ist nur eines von einem Dutzend ausgekohlter Tagebau-Restlöcher mit Chemieabfällen. Seit über 40 Jahren verseuchen sie den Untergrund allmählich in Richtung der nahegelegenen Mulde – die in Teilen auch unter Naturschutz steht.

Pestizide: Kontamination bis in 60 Meter Tiefe

Aus Wagons fließen Flüssigkeiten
Die Schadstoffe kamen an der Grube "Antonie" in Kesselwagen an. Bildrechte: MDR exakt

Das schlimmste Restloch ist die Grube "Antonie" am Stadtrand von Bitterfeld. Dort lagert Abfall aus der Produktion von Pestiziden. Dieser ist so giftig, dass er in den Achtzigern alles Leben in der Mulde abtötete bis nach Dessau. Es ist ein Hotspot, "zum einen, weil hier eine unglaubliche Menge an Schadstoffen drin ist vor allem aus der Lindan Produktion, auch die DDT-Reste", sagt der frühere Umweltdezernent Fred Walkow. "Zum anderen, weil diese Reste nicht fest hier verschüttet worden sind, sondern als heiße Reaktionslösung in Kesselwagen ankamen." Diese gebundene Flüssigkeit habe eine höhere Dichte als Wasser. "Die sinkt also gravitativ zu Boden. Und wir haben hier bis in 60 Meter Tiefe eine Kontamination."

Das Problem könnte heute nur mit sehr viel Aufwand gelöst werden: "Ich müsste hier mindestens einen Quadratkilometer wegbaggern", erklärt Fred Walkow. Einen Quadratkilometer und 60 Meter tief. "Dann stellt sich die Frage: Wohin mit dem Material, was ich da entnehme. Also das ist politisch gar nicht durchsetzbar."

Doch das hat Folgen: Das anströmende Grundwasser spült einen Teil der Schadstoffe aus und befördert ihn Richtung Mulde. Ohne Maßnahmen würde es Wohngebiete und Flussauen vergiften und die gefährlichen Giftstoffe verteilen. Pumpen – aufgereiht wie Perlen auf einer Kette – sollen das verhindern. Sie pumpen das belastete Wasser nach oben zum Reinigen. So will man die dahinterliegenden Regionen schützen.

Schwarzes Grundwasser muss teuer gereinigt werden

Ein Glas-Behälter mit schwarzem Wasser.
An einigen Orten im Landkreis Bitterfeld ist das Grundwasser schwarz. Bildrechte: MDR exakt

Das schwarze Grundwasser geht über mehrere Kilometer Rohre zum Vorreinigen in ein Spezialklärwerk, anschließend ins Gemeinschaftsklärwerk des Chemieparks. Jährlich sind es 2,5 Millionen Kubikmeter. Die Kosten dafür: Zehn Millionen Euro jedes Jahr. Das Geld dafür kommt von Bund und Land, erfährt MDR exakt beim Sanierungsbetrieb.

"Wenn wir das nicht betreiben würden, dann müsste halb Greppin umgesiedelt werden und dazu Bergmannshof, Annahof", erklärt Ronald Basmer von der Mitteldeutschen Sanierungs- und Entsorgungsgesellschaft (MDSE) "Sie müssten den ganzen Menschen sagen: Also gebt mal eure Häuser auf, ihr müsst jetzt ganz woanders hin. Und das sind ja noch immense Kosten neben dem persönlichen Umziehen."

Forscher: Erst in Tausenden Jahren gereinigt

Dabei war nach der Wende der Optimismus groß, den Grundwasserschaden in Bitterfeld binnen kurzer Zeit zu beheben. Daran arbeitete Professor Holger Weiß mit seinen Kollegen vom Umweltforschungszentrum Leipzig/Halle (UFZ). Ihr SAFIRA-Projekt hatte zum Ziel, mit speziell gezüchteten Bakterienkulturen das verseuchte Wasser direkt im Untergrund zu reinigen. In-Situ, nennen das die Experten.

Doch nach vier Jahren und 50 Millionen Euro Kosten scheiterten die Forscher. "Na, gescheitert ist zu viel gesagt. Spätestens im Jahr 2002 mit der Überflutung weiter Teile Bitterfelds bestand die Notwendigkeit, Grundwasser großflächig ab zu pumpen, zu fördern und damit waren alle Ideen einer in situ Reinigung hinfällig geworden", sagt Weiß.

Der grüne Stolz: der Goitzschesee

Ein langer Steg der über den Goitzschesee führt.
Der große Goitzschesee lockt mit klarem Wasser. Bildrechte: MDR exakt

Außerdem gebe es Besonderheiten der Altlasten in Bitterfeld, so der Forscher. "insgesamt wurden hier etwa 5.00 verschiedene chemische Produkte hergestellt. Die findet man alle im Untergrund irgendwo wieder." Das mache es so kompliziert. Eigentlich liegen die Grenzwerte für krebserregende Stoffe bei Mikrogramm pro Liter. "Wir haben hier teilweise Gramm pro Liter im Wasser drin. Bis das hier wirklich auf Grenzwerte abgereinigt ist, vergehen Tausende Jahre."

Der Große Goitzschesee ist Bitterfelds grüner Stolz. "Ich hoffe, dass das Grundwasser nicht durchdrückt. Solange wie der Goitzsche-Pegel höher steht wie das Grundwasser in Bitterfeld, ist alles gut", sagt Peter Krüger. Der Chemiearbeiter kämpft bereits sein halbes Leben lang darum, dass die DDR-Chemie nicht in Vergessenheit gerät.

Denn nach einem wochenlangem Regen, so fürchtet Krüger, könnten die Pumpen es vielleicht nicht mehr schaffen, das verseuchte Grundwasser in Schach zu halten. Chemiereste könnten in die Goitzsche gelangen, in das Vorzeigeprojekt der Region. Im Untergrund fließt noch einmal die gleiche Menge an verseuchtem Wasser, die es im gesamten Goitzschesee an sauberen Wasser gibt.

Quelle: MDR exakt

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR exakt | 08. September 2021 | 20:15 Uhr

7 Kommentare

DER Beobachter vor 6 Wochen

Sachsen hat schon so vor 2 Jahrzehnten massiv verseuchten Chemiemüll aus Italien aufgekauft, den dort und sonst wo in Europa und den anderen Bundesländern keiner mehr haben wollte, ebenso Atommüll u.a. aus Lubmin in Rossendorf zwischengelagert. Na gut, letzteres ging dann weiter in die Ukraine und Russland. Ersteres wurde zwar offenbar erfolgreich mit den nötigen teuren Massnahmen verhaldet, aber keinen hats interessiert, was die sächsische Union damals zu Lasten des deutschen/sächsischen Steuerzahlers machte...

DER Beobachter vor 6 Wochen

Hm. Einerseits kritisieren Sie zu Recht die Folgen von ungezügeltem Kapitalismus, anderseits meckern Sie (und nicht nur Sie und nicht nur hier zu diesem Thema) beständig gewohnheitsmäßig über Ansatzversuche und Kritik ebenso daran durch Macher. Ebenso zu jedem anderen politischen Thema. Klassischer Fall von Misanthropie?

ule vor 6 Wochen

Das Perfide an diesem ganzen Renaturierungsschein ist die Tatsache, dass die Verantwortlichen, die Verursacher dieser menschenverachtenden Schweinerei, niemals zu Verantwortung gezogen werden. Aber der deutsche Steuerzahler gibt mit freuden, Milliarden an Euros für die Rettung des Klimas aus.

Die Regeln des Geldes bestehen darin, dass die einen kassieren und die anderen dafür bezahlen und keine Regierung dieser Wellt wagt auch nur im Ansatz, an diesen Grundregeln zu rütteln.

Übrigens:
Ein Großteil der Altlasten aus Bitterfeld wurden seinerzeit via LKW ins 500km entfernte Schönberg auf einer Übertagedeponie verbracht und dort zusammen mit Giften aus Seveso, in der Erde vergraben. Dieser Umweltfrevel hat den Geschäftsleuten noch einmal viele Milliarden Euro eingebracht und heute wollen die Scharlatane des Umweltschutzes das Klima retten.

Nirgendwo wird mehr geheuchelt, gelogen und Geld umgeschichtet, als bei der "Rettung der Welt" und in der "Umwelt Politik"

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