Hochwasserschutz Sieben Kilometer gegen die Flut: Diese Lehren wurden aus dem Hochwasser 2002 gezogen

Vor 20 Jahren erschien es noch undenkbar: eine Hochwasser-Katastrophe mitten in Sachsen-Anhalt. Die Flut von 2002 bekam den Namen Jahrhundertflut. Viele Deichschutzprojekte wurden seitdem umgesetzt. Bei Aken soll die größte Deichrückverlegung Deutschlands vor künftigen Katastrophen schützen.

Blonde mittelalte Frau mit Brill in khakifarbenem T-Shirt mit Aufdruck "WWF" gestikuliert
Astrid Eichhorn hat sich im Lödderitzer Forst für das größte Naturschutzprojekt des WWF in Deutschland engagiert. Bildrechte: Mitteldeutscher Rundfunk

Wie eine Kapitänin steht Astrid Eichhorn auf dem alten Deich vor den Toren Akens im Landkreis Anhalt-Bitterfeld. Die 63-Jährige schaut auf die Elbe hinunter. Der Fluss ist nur einen Katzensprung entfernt. Und genau das ist das Problem vieler Deiche im Land: Sie liegen zu nah am Wasser. Astrid Eichhorn weiß, wovon sie spricht. Sie ist die Hauptverantwortliche für das größte Naturschutzprojekt des WWF in Deutschland – hier im Lödderitzer Forst.

Der Platz für die Elbe bei Hochwasser ist hier viel zu gering. Das heißt, sie kann sich gar nicht weiter ausbreiten. Sie kann nur in die Höhe und dann eigentlich nur über den Deich rüber schwappen.

Astrid Eichhorn WWF

Hat ein Fluss keinen Platz, lässt der Druck des Wassers im schlimmsten Fall die Deiche brechen. Wie bei der Jahrhundertflut 2002.

60.000 Menschen mussten raus aus ihren Häusern

Damals hielten laut Landesumweltministerium 17 Deiche in Sachsen-Anhalt den Wassermassen nicht stand. 88 Ortschaften waren nach Angaben des Landesinnenministeriums vom Hochwasser betroffen. 60.000 Menschen mussten ihre Häuser verlassen. Die Flutwelle hinterließ im Land Schäden von etwa einer Milliarde Euro.

Für Eichhorn ist klar: "Wir schützen uns und künftige Generationen, wenn wir der Natur wieder mehr Raum geben. Naturschutz und Hochwasserschutz gehören zusammen."

Astrid Eichhorn hat diese Erkenntnis hier im Lödderitzer Forst in die Tat umgesetzt. Mit großem Abstand zum alten Deich wurde ein neuer errichtet. Damit das Wasser gezielt in die neue Überflutungsfläche gelangen kann, wurde der alte Deich an zehn Stellen geöffnet.

Die Elbe hat jetzt hier nicht mehr nur 300, sondern 900 Hektar Platz, um sich auszubreiten.

Astrid Eichhorn WWF

Hochwasserschutz hat nur länderübergreifend Sinn

Der WWF stemmte diese nach eigenen Angaben größte Deichrückverlegung in Deutschland gemeinsam mit Bund und Land. Den größten finanziellen Anteil übernahm der Bund. Spätestens seit dem Katastrophen-Hochwasser 2013 dürfte klar sein: Fluten machen nicht vor Landesgrenzen halt.

So erklärt Hochwasser-Experte Matthias Rothe vom Umweltbundesamt in Dessau-Roßlau, dass es aktuell eine dauerhafte Förderung für den Hochwasserschutz gibt: "Seit 2015 engagiert sich der Bund in einem nationalen Hochwasserschutzprogramm mit bis zu 100 Millionen Euro jährlich. Also solche Maßnahmen, die den Flüssen mehr Raum geben und gleichzeitig eine überregionale Wirkung entfalten", so Rothe.

Mann mit schwarzen Haaren und Brille in einem modernen Foyer redet
Laut Matthias Rothe vom Umweltbundesamt in Dessau-Roßlau gibt es aktuell eine dauerhafte Förderung für den Hochwasserschutz. Bildrechte: Mitteldeutscher Rundfunk

Zudem sei das sieben Kilometer lange Deichstück technisch auf dem neuesten Stand – im Gegensatz zu 2002. Laut Umweltministerium Sachsen-Anhalt entsprachen damals nur fünf Prozent der Deiche den nötigen Ansprüchen. Der Deich ist nun wesentlich stabiler, die Wahrscheinlichkeit, dass Hochwasser über die Deichkrone gelangt, viel geringer. Und wenn doch? Astrid Eichhorn hat ein Rechenbeispiel parat:

Die zusätzliche Überflutungsfläche bringt für den Ort Aken eine Wasserspiegelsenkung von ungefähr 27 Zentimetern. Stellen Sie sich eine A4-Seite vor. Eine A4-Seite Wasser im Wohnzimmer zu haben oder nicht, das ist schon was.

Elf Deiche wurden rückverlegt

Die Deichrückverlegung im Lödderitzer Forst soll Ortschaften im Landkreis Anhalt-Bitterfeld und im Salzlandkreis besser schützen. Das passiert auch andernorts im Land. Seit der Hochwasser-Katastrophe 2002 hat das Land laut Landesbetrieb für Hochwasserschutz insgesamt elf Deichrückverlegungen veranlasst. Die neu geschaffenen Überflutungsflächen sind nach Angaben des Umweltministeriums so groß wie rund 2.350 Fußballfelder.

So steht und stand es um die Deiche 2002 entsprachen nur rund fünf Prozent der Deiche den anerkannten Regeln der Technik. Nach Angaben des Umweltministeriums wurden seitdem 882 Kilometer Deiche saniert, teilweise neu gebaut. Zum Vergleich: Die Deiche im Land haben eine Gesamtlänge von 1363,8 Kilometern.  Knapp 1,5 Milliarden Euro sind in die Verbesserung des Hochwasserschutzes investiert worden.

"Das Hochwasserschutz-Projekt im Lödderitzer Forst ist auch besonders, weil die geschaffene Auenlandschaft sowohl Überschwemmungen als auch Dürreperioden standhalten soll", sagt Astrid Eichhorn angesichts des Klimawandels.

Die Überflutungsfläche ist Teil des Naturschutzgroßprojektes Mittlere Elbe und schafft Rückzugsräume für streng geschützte Tierarten wie Biber, Weißkopfseeadler und Wildkatzen. Naturschutz und Tourismus parallel – geht das überhaupt? Im Lödderitzer Forst wird es versucht. So ist am neuen Deich ein Radweg entstanden.

Erhöhter Feldweg zwischen trockener Wiese und einzelnen Bäumen
Die Auen im Lödderitzer Forst sollen sowohl Überschwemmungen als auch Dürreperioden standhalten. Bildrechte: Mitteldeutscher Rundfunk

Lehren aus dem Hochwasser 2002

Das Hochwasser 2002 hat nach Angaben des Umweltministeriums gezeigt, dass effektiver Hochwasserschutz länderübergreifend organisiert sein muss. Darüber hinaus wurden diese Lehren gezogen:

  • Vielen hochwassergefährdeten Gemeinden Sachsen-Anhalts fehlten 2002 Wasserwehren zur Gefahrenabwehr und Hochwasserverteidigung.
  • Das Hochwasser 2002 machte deutlich, dass frühzeitige Informationen über die meteorologisch-hydrologische Lage für die Beherrschung von Hochwasserlagen entscheidend sind.
  • Weil natürliche Überschwemmungsflächen der Elbe vermindert wurden, haben sich die Wasserstände bei Hochwasser-Situationen erhöht.
  • Auch Rodungen in den Hochwassergebieten, die Beseitigung von Auenwäldern, Flusseinengungen und -begradigungen, eine zunehmende Versiegelung und die beschleunigte Ableitung des Niederschlagswassers haben das Gefährdungs- und Risikopotential für Hochwasserereignisse signifikant erhöht.
  • Hochwasserrisiken und Schäden müssen durch Bauvorsorge minimiert werden.
  • Einsatzkräfte müssen geschult, informiert und in ausreichender Anzahl mit dem richtigen Material ausgestattet und verfügbar sein.

Die Flüsse bekommen Freiheit zurück – aber das dauert

Diese Projekte brauchen natürlich Zeit. Allein bis zur Fertigstellung im Lödderitzer Forst hat es 17 Jahre gedauert. 17 Jahre, in denen Astrid Eichhorn das Unternehmen von A bis Z begleitet hat. Die Menschen von der Notwendigkeit zu überzeugen, war oft nicht leicht, sagt sie etwa mit Blick auf die Landwirte. Denn die mussten Flächen zur Verfügung stellen, wofür es Ausgleichszahlungen oder Ersatzflächen gab. Nun blickt die Kapitänin zufrieden auf dem neuen Deich zurück und sagt:

Der Mensch hat den Fluss eingezwängt. Jetzt gibt er ihm ein Stück Freiheit zurück und schützt damit auch sich selbst.

Frau mit roten Hut und grauer Daunenjacke an einer großen Filmkamera
Bildrechte: MDR/Anja Walczak

Über die Autorin Anja Walczak wurde 1973 in Halle/Saale geboren. Nach dem Studium Journalistik und Psychologie arbeitete sie zunächst als Nachrichtensprecherin und Redakteurin bei Radio Brocken und Antenne Thüringen.

Im Jahr 2001 wechselte die Hallenserin zum MDR. Sie ist tätig für das TV-Magazin "Sachsen-Anhalt Heute" sowie Sendereihen wie "Exakt – die Story", "Fakt ist" und "Der Osten. Entdecke, wo du lebst".

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MDR (Anja Walczak,Julia Heundorf)

Dieses Thema im Programm: MDR S-ANHALT | MDR um 11 | 09. August 2022 | 11:00 Uhr

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