Mutige Investition Junge Frau kauft hundert Jahre alten Gasthof in Zscherndorf

Porträtaufnahme von MDR SACHSEN-ANHALT-Reporterin Jana Müller
Bildrechte: Jana Müller

Einen hundert Jahre alten Gasthof kaufen und ihn umbauen? Das scheint angesichts der aktuellen Baustoffpreise keine besonders gute Idee. Und doch hat genau das eine junge Frau im Landkreis Anhalt-Bitterfeld gemacht. Anna-Sophie Schaffhausen kaufte die alte "Linde" in Zscherndorf und hat große Pläne.

Ein langer Klinkerbau mit Buagerüst. Auf dem Gerüst steht eine junge Frau mit roten Haaren.
Die Bauarbeiten laufen an der alten "Linde" in Zscherndorf. Anna-Sophie Schaffhausen will das Gasthaus zu einem Mietshaus umbauen. Bildrechte: Anna-Sophie Schaffhausen

Von außen wirkt es, als hätten die Zscherndorfer ihre "Linde" vergessen. Der Efeu rankt sich die Fassade des alten Gasthofs empor, der Greppiner Klinker ist verdreckt, die Fenster zugemauert, die Eingangstür vernagelt.

Dabei war der Gasthof lange Zeit ein wichtiger Treffpunkt im Ort. Im großen Tanzsaal der Linde wurden tolle Feste gefeiert, hier bahnte sich so manche Ehe an. "Als wir mit den Bauarbeiten begonnen haben, kamen immer wieder ältere Herrschaften vorbei, haben angehalten und mir erzählt, hier hätten sie ihren Mann kennengelernt und hier hätten sie ihre Frau das erste Mal geküsst", erzählt Anna-Sophie Schaffhausen und streicht sich über ihre Arme, um die Gänsehaut zu vertreiben.

Begegnungen mit der Vergangenheit

Die junge Frau hat den Gasthof "Zur Linde" vor wenigen Wochen gekauft und ist noch immer fasziniert von diesen Begegnungen mit der Vergangenheit, von denen auch das Gebäude selbst jede Menge zu bieten hatte.

Ein großer Saal mit Bühne, die Farbe blättert von den Wänden, Baustoffe stehen bereit
Im großen Tanzsaal der "Linde" wurden viele Feste gefeiert. Schon bald sollen hier Wohnungen entstehen. Bildrechte: MDR/Jana Müller

"Als ich das erste Mal hier drin war, konnte ich mir das genau vorstellen: Wo man zur Tür reingegangen ist, wo man seine Jacke hingehängt und wo man sich hingesetzt hat hat. Hier vorne stand der Tresen, da sieht man noch die Schläuche von den alten Bierfässern, die in den Keller reingegangen sind. Hinten im Saal hing noch das Bühnenbild, es standen die alten Stühle rum … das ganz Gebäude war voller Geschichte."

Und es war voller Dreck und Müll, Müll von hundert Jahren, den Anna-Sophie Schaffhausen mit Freunden und der Familie in den vergangenen Wochen entsorgt hat. 3,6 Tonnen Sperrmüll sind schon weg. Es folgen wohl noch etliche Container mit Bauschutt. Ein Knochenjob, doch die 27-Jährige genießt ihn. Ihr Vater kommt aus der Bau-Branche, er übernimmt die Leitung bei den Arbeiten am Gasthof. Und die Tochter scheint so einiges von ihm geerbt zu haben.

Eine junge Fau, mit roten Haaren und Brille, in schwarzer Lederjacke steht vor einer alten Tür. Die ist mit Brettern vernagelt, die Farbe blättert ab.
Anna-Sophie Schaffhausen vor dem Eingang zu ihrem Gasthaus Bildrechte: Anna-Sophie Schaffhausen

Ich mache mich gern mal dreckig und reiße Wände ein.

Anna-Sophie Schaffhausen

Die Arbeit auf der Baustelle sei ein toller Ausgleich zu ihrem Job in einer Personalabteilung. Anders als im Büro sehe man hier sehr schnell, was man geschafft hat.

Charme des alten Gebäudes bleibt erhalten

Im Gasthof "Zur Linde" will die junge Immobilienbesitzerin in den kommenden Monaten 14 Mietswohnungen erschaffen. Manche altersgerecht, alle topmodern ausgestattet. Doch gleichzeitig soll der Charme des alten Gebäudes erhalten bleiben.

Eine alte, gelbe Tür liegt auf dem schmutzigen Boden
Die alten Türen des Gasthofes sollen aufgearbeitet und zu einem Zaun im Garten werden. Bildrechte: MDR/Jana Müller

Die alten Innentüren zum Beispiel, von denen der Lack schon längst abblättert, stehen ordentlich aufgereiht im Erdgeschoss. "Wir sind ja ein bisschen kreativ und wollen die Türen abschleifen, neu streichen und damit einen Zaun errichten. Und auch die Rundbögen und die Fassade mit dem alten Greppiner Klinker, all das soll erhalten bleiben."

Weg kommt dagegen die Kegelbahn, die in einem langen Anbau auf dem Hinterhof des Gasthauses zu finden ist. Auch hier ist das Dach schon lange nicht mehr dicht, die Wandfarbe ist ab, Müll und Schutt liegen auf dem Boden.

Gasthof Zscherndorf
Erst in den 1990er Jahren wurde die Kegelbahn in einem Anbau errichtet. Bildrechte: MDR/Jana Müller

"In den nächsten Tagen rollt der Bagger an", sagt Schaffhausen, wo einst gekegelt wurde, sollen Stellplätze für Autos und Fahrräder entstehen. Auch Lademöglichkeiten für E-Bikes und Elektro-Autos soll es geben. Denn so etwas, meint Schaffhausen, brauche ein Mietshaus eher als eine Kegelbahn.

"Willkommen in meiner Ruine"

Und ein Mietshaus braucht Mieter. "Tatsächlich haben mich schon viele Menschen angesprochen, gerade ältere. Die sagten, sie würden gern hier einziehen und dafür ihr Haus verkaufen, das sowieso viel zu groß für sie alleine sei. Es ist toll, dass das Interesse schon jetzt so groß ist", so Schaffhausen.

Der Zscherndorfer Gasthof "Zur Linde"
Eine Ruine mit Charme, in die schon bald wieder Leben einziehen soll Bildrechte: MDR/Jana Müller

Doch bis in die hundert Jahre alte "Linde" wieder neues Leben einzieht, werden noch mindestens eineinhalb Jahre ins Land gehen – wenn alles gut läuft. Anna-Sophie Schaffhausen spricht von einem Millionenprojekt, das ihre Altersvorsorge sein soll. Sie schwärmt von einem wahnsinnig schönen Gebäude, mit viel Geschichte und Charme. Dann lächelt sie und sagt: "Willkommen in meiner Ruine."

MDR/Jana Müller

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT | 04. September 2021 | 14:40 Uhr

2 Kommentare

geradeaus vor 13 Wochen

Es gab moglicherweise einige Stimmen die dazu geraten haben das nicht zu machen jedoch eine schöne Idee wie ich finde. Denn mit dem Goitzschesee ist eine Touristenattraktion nicht allzu weit entfernt. Schließlich wurde er erst kürzlich in die Top 10 der beliebtesten Seen DE's berufen. Mal wieder, auf Platz3. Also dann viel Erfolg Frau Schaffhausen, sie schaffen das. Ich werde das weiter verfolgen.

Ein Wolfener

Rotti vor 13 Wochen

Mutige Frau! Ich drücke die Daumen! Hoffentlich werden die Auflagen der Bürokratie nicht so extrem ausfallen!

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