Reportage Impfzentrum Wolfen: Mehr Impfstoff als Impfwillige

MDR SACHSEN-ANHALT-Reporter Lucas Riemer
Bildrechte: Magnus Wiedenmann

Rund 56 Prozent der Menschen in Sachsen-Anhalt haben mindestens eine Impfung gegen das Coronavirus bekommen. Doch die Nachfrage nach den Impfstoffen sinkt – obwohl der Weg bis zur Herdenimmunität noch weit ist. Wie macht sich das im Impfzentrum Wolfen bemerkbar?

Impfzentrum Wolfen
Bis zu 500 Menschen werden täglich im Impfzentrum in Wolfen geimpft. Bildrechte: MDR/Lucas Riemer

Vor dem verklinkerten Haus in der Wolfener Hauptstraße stehen uniformierte Soldaten und wer durch den Eingang tritt, wird umgehend von der Bundeswehr empfangen. Was auf den ersten Blick auch als Kaserne durchgehen würde, ist das Impfzentrum des Landkreises Anhalt-Bitterfeld, das seit Januar in einem alten Verwaltungsgebäude der ORWO-Filmfabrik geöffnet hat.

Hinter der Eingangstür sitzt, geschützt durch eine Plexiglasscheibe, ein uniformierter Soldat, Mund und Nase hinter einer OP-Maske verdeckt, grüßt freundlich und bittet Monika Bürgel, vor ihm Platz zu nehmen, damit er ihre Daten aufnehmen kann. Sie bekommt ihre zweite Corona-Impfung und ist dafür mit dem Auto aus Bitterfeld ins Wolfener Impfzentrum gekommen.

Der Andrang ist am vergangenen Donnerstag überschaubar. Nur ein paar Menschen sitzen auf den alten Schulstühlen im großen Wartezimmer neben der Anmeldung. Die meisten von ihnen halten ihren Impfausweis und die Aufklärungsbögen bereits in den Händen.

Bis Ende September geöffnet

Das Impfzentrum in Wolfen ist – gemeinsam mit der Außenstelle in Köthen – eines von 16 Impfzentren in Sachsen-Anhalt. Bundesweit gibt es mehr als 430 dieser Zentren. Lange Zeit waren sie die zentralen Anlaufstellen für Corona-Schutzimpfungen. Inzwischen können sich Impfwillige ihre Spritze auch bei vielen Fach-, Haus- und Betriebsärzten abholen. Doch die Impfzentren bleiben vorerst weiter geöffnet, in Sachsen-Anhalt voraussichtlich noch bis Ende September.

Impfzentrum Wolfen
Das Impfzentrum in Wolfen Bildrechte: MDR/Lucas Riemer

"Heute ist wenig los", sagt Pia-Maria Faust beinahe entschuldigend, während sie durch das Impfzentrum läuft und die verschiedenen Stationen zeigt, die links und rechts des breiten Ganges hinter schweren Holztüren liegen. Eigentlich ist Faust die Chefin der Kreisvolkshochschule Anhalt-Bitterfeld, seit Januar leitet sie außerdem und vor allem das Impfzentrum in Wolfen. "Das ist für mich eine neue Erfahrung, die ich so nicht kannte. Die Arbeit hier ist sehr vielfältig und macht Freude, denn man weiß am Ende des Tages, man hat etwas Gutes getan", sagt Faust.

Im Impfzentrum koordiniert sie ein bunt gemischtes Team: Da sind die Soldaten, im Hauptberuf Panzerpioniere aus Havelberg, die sich nun um die Anmeldung der Patienten und den Papierkram kümmern. Da sind die Ärzte, die die Aufklärungsgespräche durchführen und von der Kassenärztlichen Vereinigung gestellt werden, und die Impfteams, die von Hilfsorganisationen wie der DLRG oder dem Roten Kreuz kommen. Und da sind Faust und andere Mitarbeitende des Landkreises, die dafür sorgen, dass der Laden läuft und jeden Abend die Impfzahlen des Tages an das Robert Koch-Institut übermittelt werden.

Die Zusammenarbeit läuft sehr gut. Wir sind ein eingespieltes Team und unterstützen uns gegenseitig.

Pia-Maria Faust

Gesunkene Nachfrage

Seit dem 11. Januar hat das Impfzentrum geöffnet, rund 90.000 Impfdosen wurden hier und in der Außenstelle Köthen seitdem in die Oberarme von Menschen aus dem Landkreis Anhalt-Bitterfeld gespritzt. Doch die Nachfrage nach Impfungen sinkt seit einigen Wochen. "Nachdem die Impfpriorisierung aufgehoben wurde, haben wir täglich bis zu 500 Menschen geimpft", sagt Faust. Inzwischen sind es im Durchschnitt rund 300 pro Tag. Außerdem nehmen nicht mehr alle Patienten ihre vereinbarten Termine für die Zweitimpfung wahr – vermutlich, weil sie sich die zweite Spritze lieber beim Hausarzt holen und den Weg ins Impfzentrum sparen, sagt Faust. Impfstoff müsse deshalb aber nicht weggeschmissen werden, denn der werde erst aufgezogen, wenn die Menschen wirklich vor Ort seien.

Impfzentrum Wolfen
Monika Bürgel bekommt ihre zweite Impfung. Bildrechte: MDR/Lucas Riemer

Im Lager des Impfzentrums brummen neben normalen Haushaltskühlschränken für die Impfstoffe von Astrazeneca, Moderna und Johnson & Johnson auch zwei riesige Spezialkühlschränke für den Biontech-Impfstoff, der bei minus 70 Grad Celsius gelagert werden muss. Pia-Maria Faust öffnet die Türen und zeigt die Ampullen mit den verschiedenen Impfstoffen, die unmittelbar vor der Impfung noch verdünnt werden. Alle vier in Deutschland zugelassenen Impfstoffe sind vorrätig. Besonders beliebt sei momentan der Impfstoff von Johnson & Johnson, obwohl er von der Ständigen Impfkommission nur für Menschen über 60 Jahre empfohlen wird, sagt Faust. Wer ihn bekommt, benötigt nur eine Spritze und gilt 14 Tage nach der Impfung als vollständig geschützt. "Das ist in der Sommer- und Reisezeit auch für viele jüngere Menschen interessant", erzählt sie.

Weil die Quote der Erstgeimpften immer größer werde, sei es normal, dass die Impfnachfrage langsam sinkt, sagt Faust. Um wieder mehr Menschen zum Impfen zu bewegen, gibt es im Impfzentrum in Wolfen und in der Außenstelle in Köthen seit vergangener Woche keine Terminpflicht mehr. Wer möchte, kann jederzeit vorbeikommen und sich impfen lassen. Doch nur 31 Menschen nutzen dieses Angebot am vergangenen Donnerstag.

Impfen attraktiver machen?

Impfzentrum Wolfen
Impfarzt Przemyslaw Plawski Bildrechte: MDR/Lucas Riemer

Die Politik müsste daher noch mehr tun, um Impfen attraktiv zu machen, findet Przemyslaw Plawski. Er ist einer von zwei Impfärzten, die an diesem Tag in Wolfen im Dienst sind. Die Stellenausschreibung der Kassenärztlichen Vereinigung hat er in der Zeitung gelesen, nun ist er außer in Wolfen auch in Berlin und Brandenburg als Impfarzt im Einsatz. Ihm schweben etwa Kooperationen mit Restaurantketten oder Cafés vor. "Geimpfte könnten dann einen Kaffee oder einen Burger umsonst kriegen", sagt Plawski. Außerdem sollten Impfangebote gezielt dort geschaffen werden, wo Menschen leben oder arbeiten, die wenig oder kein Deutsch sprechen und sich daher bislang nicht angesprochen gefühlt haben könnten, fordert der Mediziner.

Nach der Anmeldung und einem Gespräch mit dem Impfarzt ist Monika Bürgel ein paar Minuten später im Impfraum am Ende des breiten Ganges angekommen. Ärmel hochkrempeln, ein kleiner Stich, Pflaster drüber, Ärmel runter, schon ist nach nicht einmal 30 Sekunden alles geschafft. Monika Bürgel ist vollständig geimpft und zufrieden: "Alle hier sind sehr freundlich – und ich musste kaum warten". So hat selbst die gesunkene Nachfrage ihr Gutes.

MDR SACHSEN-ANHALT-Reporter Lucas Riemer
Bildrechte: Magnus Wiedenmann

Über den Autor Lucas Riemer arbeitet seit Juni 2021 bei MDR SACHSEN-ANHALT. Der gebürtige Wittenberger hat Medien- und Kommunikationswissenschaft in Ilmenau sowie Journalismus in Mainz studiert und anschließend mehrere Jahre als Redakteur in Hamburg gearbeitet, unter anderem für das Magazin GEOlino.

Bei MDR SACHSEN-ANHALT berichtet er vor allem über kleine und große Geschichten aus den Regionen des Landes.

MDR/Lucas Riemer

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 21. Juli 2021 | 06:30 Uhr

2 Kommentare

wwdd vor 8 Wochen

Die zutiefst individuelle Entscheidung sich Impfen zu lassen wird damit respektiert. Die Politik sollte sich dabei zurücknehmen, da sie sonst die Spaltung der Gesellschaft weiter vorantreibt. Mich macht die überwiegende Antwort meiner Freunde und Angehörigen auf die Frage nachdenklich, ob sie sich wegen einer möglichen Erkrankung oder der wiederzuerlangenden Freiheiten impfen lassen. Ich bin kein Impfgegner, aber lasse mir eben noch Zeit...

Rain Man vor 8 Wochen

Ich kenne einige Leute, die nach der sehr gewissenhaften Aufklärung der Ärzte vor Ort über die Nebenwirkungen der Impfung das Impfzentrum Hals über Kopf wieder verlassen haben. Wenigstens wird in Sachsen-Anhalt ehrlich aufgeklärt.

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