Politik verstehen Kommunalpolitik als Schulfach in Sandersdorf-Brehna

Porträtaufnahme von MDR SACHSEN-ANHALT-Reporterin Jana Müller
Bildrechte: Jana Müller

Kommunalpolitik spielt in der Schule bisher keine große Rolle. Doch in Sandersdorf-Brehna soll sich das ändern. Auf Initiative des Jugendbeirats soll es künftig Unterrichtsstunden geben, in denen den Jugendlichen der Stadt erklärt wird, wie Kommunalpolitik funktioniert.

Ein Schuleingang
Hier sollen künftig Schüler Kommunalpolitik lernen. Bildrechte: MDR/Jana Müller

Yannik Kugler ist schon ein paar Jahre aus der Schule raus. Doch daran, was er einst im Sozialkunde-Unterricht gelernt hatte, kann sich der Vorsitzende des Jugendbeirats Sandersdorf-Brehna noch gut erinnern. "In der achten oder neunten Klasse war Bundestagswahl und da haben wir uns natürlich intensiv mit den Parteien auseinandergesetzt. Auch damit, was Bundesrat und Bundestag machen, wie die Bundesebene funktioniert. Die Landesebene wurde auch kurz angeschnitten. Aber alles, was da drunter ist, Kreisebene und Gemeindeebene, fiel komplett weg."

Ein Junger Mann
Yannik Kugler will Schüler für Kommunalpolitik begeistern. Bildrechte: MDR/Jana Müller

Was ziemlich unlogisch erscheine, denn schließlich sei man da am nächsten dran, und kenne die Leute, so der 21-Jährige. Unlogisch auch, weil man sich nur selbst engagieren könne, wenn man wisse, wie Kommunalpolitik funktioniere. Deshalb hat der Jugendbeirat Sandersdorf-Brehna, in Kooperation mit der Stadtverwaltung und der Sekundarschule Roitzsch, ein Projekt ins Leben gerufen: das Unterrichtsfach "Kommunalpolitik".

Bürgermeister auf dem heißen Stuhl

"Das Konzept, das wir erarbeitet haben, sieht vor, dass man im Rahmen von vier Doppelstunden im Sozialkunde-Unterricht den Schülern gewisse Themen näherbringt. Einmal eine Einführung: Was ist Kommunalpolitik? Wie funktioniert das alles? Dann so eine Art heißer Stuhl mit dem Bürgermeister, wo der Fragen gestellt bekommt und antworten muss", sagt Kugler.

Außerdem gäbe es einmal Unterricht, bei dem gezielt auf die Beteiligung der Jugendlichen eingegangen werde und Ideen und Meinungen dem Stadtrat oder den entscheidenden Gremien übergeben werden könne. "Und zum Schluss gibt es dann einen Teil, der noch mal konkret auf Wahlen eingeht."

Jugendliche wollen aktiv mitgestalten

Vor den Sommerferien soll in den achten und neunten Klassen der Sekundarschule Roitzsch dieser besondere Unterricht erteilt werden. Dort sei "Kommunalpolitik" zwar Teil des Lehrplanes, sagt Sozialkunde-Lehrer Kai Tkalec, doch jede Stadt hätte ihre Besonderheiten und auch ihre ganz eigenen Sorgen.

Ein Lehrer vor Schulspinden
Kai Tkalec ist Lehrer in der Sekundarschule Roitzsch. Bildrechte: MDR/Jana Müller

Das größte Problem in Sandersdorf-Brehna für die Schülerinnen und Schüler: "Hier gibt es zu wenige Möglichkeiten für die Jugendlichen sich außerschulisch zu betätigen. Und da wollen die wirklich aktiv mitgestalten." Beispiele habe man im Unterricht schon viele zusammengetragen, sagt Tkalec: "Die Jugendlichen wünschen sich zum Beispiel mehr Bolzplätze, vielleicht einen Ort zum Graffiti-Sprühen und bessere Radwege, um sicher zur Schule oder zum Jugendclub zu kommen."

Man kann etwas erreichen

Im Kommunalpolitik-Unterricht mit dem Jugendbeirat können die Schülerinnen und Schüler ihre Wünsche äußern. Doch nicht nur das. Im besten Fall bekommen sie Lust, sich selbst zu engagieren, sagt Yannik Kugler.

Die große Hoffnung ist, die Jugendlichen darauf aufmerksam zu machen, dass man sich für seinen Ort engagieren kann und natürlich das Gefühl zu vermitteln, dass man als Jugendlicher auch eine Stimme hat.

Yannik Kugler, Vorsitzender des Jugendbeirats Sandersdorf-Brehna

Viele junge Menschen würden denken, ihre Meinung zähle sowieso nicht, so Kugler. Umso wichtiger sei es ihnen zu zeigen, dass man durchaus etwas erreichen kann.

Wichtiger Teil der Gesellschaft

Das glaubt auch Sozialkunde-Lehrer Kai Tkalec. Er hofft, dass der Jugendbeirat bald einen festen Sitz im Stadtrat hat, um dort seine Interessen vertreten und mitbestimmen zu können. "Es ist eigentlich schade, dass diese Gesellschaftsschicht so vernachlässigt wird, vor allem in der Kommunalpolitik. Und das, obwohl die Jugendlichen einen wichtigen Platz in der Gesellschaft einer Stadt einnehmen."

Mehr Unterstützung gefordert

Zu zeigen, welches Potential in der Beteiligung der Jugend an politischen Prozessen steckt, ist auch das Ziel von Yannik Kugler. Und der denkt dabei nicht nur an Sandersdorf-Brehna, sondern ans ganze Land. Die Gemeinden benötigten mehr finanzielle Mittel und feste Personalstellen, um Beteiligungsprozesse voranzutreiben, sagt der Nachwuchs-Politiker.

"Die Jugendlichen brauchen einen Ansprechpartner in den Kommunen. Sie brauchen jemanden, der sagt ‚Okay, das geht, und das geht nicht.‘ Oder: ‚Denkt da dran!‘" Alleine bekämen das die Jugendlichen nicht hin, doch leider seien die Stellen dieser Beteiligung-Manager bisher meistens befristet. Das sollte sich ändern, fordert Kugler. Sollte das Unterrichtsfach "Kommunalpolitik" erfolgreich anlaufen, könnten vielleicht auch die Entscheidungsträger auf Landes- oder Bundesebene aufmerksam werden und der Jugendbeteiligung mehr Unterstützung gewähren.

Oder gleich selbst kandidieren

Sozialkunde-Lehrer Kai Tkalec plant dagegen kurzfristiger. Für ihn ist der Projekt-Unterricht vor allem eine Chance, seinen Schülerinnen und Schülern einen neuen Blick auf die Politik zu geben. "Am meisten freue ich mich natürlich, wenn die Jugendlichen sich noch mehr für Politik interessieren. Wenn sie sich im besten Fall auch mal selber zur Wahl stellen und natürlich auch wirklich aktiv wählen und Politik mitgestalten."

Die erste Möglichkeit dazu haben die Schüler in Roitzsch gleich nach ihrem Kommunalpolitik-Unterricht, dann soll an der Sekundarschule nämlich die Wahl des neuen Jugendbeirats der Stadt Sandersdorf-Brehna durchgeführt werden.

Porträtaufnahme von MDR SACHSEN-ANHALT-Reporterin Jana Müller
Bildrechte: Jana Müller

Über die Autorin: Jana Müller, groß geworden in Gräfenhainichen, arbeitet seit 2018 bei MDR SACHSEN-ANHALT im Regionalstudio Dessau. Sie berichtet aus der Region Anhalt und Wittenberg hauptsächlich für den Hörfunk, aber auch für Fernsehen und Online. Schon während ihres Studiums an der Martin-Luther-Universität in Halle machte Jana Müller erste Radio-Erfahrungen bei Radio Brocken und 89.0 RTL, danach zog es sie aber erst einmal zum Fernsehen. Bei den Regionalfernsehsendern in Dessau und Bitterfeld-Wolfen war sie als Redakteurin aber auch als Kamerafrau unterwegs. Zu ihren absoluten Lieblingsorten in Sachsen-Anhalt zählt der Zschornewitzer See, den sie als Ruderin schon unzählige Male auf und ab gefahren ist.

MDR/Max Schörm

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | MDR SACHSEN-ANHALT | 15. April 2021 | 15:30 Uhr

1 Kommentar

Wahrsager vor 4 Wochen

Diesterweg in gotischer Schrift. Da muss sofort gebohrt werden, ob sich da nicht irgendwelche sexistischen oder rassistischen Verfehlungen finden lassen. Dann müßte ggfs sofort umbenannt werden.

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