Generation Heimat ist auf dem Display eines Smartphones zu lesen.
Der Videokanal "Generation Heimat" soll über TikTok und Instageram junge Menschen für die Region Anhalt-Bitterfeld gewinnen. Bildrechte: MDR

"Generation Heimat" Dieser Videokanal soll helfen, den Strukturwandel zu gestalten

17. September 2023, 14:18 Uhr

Im Landkreis Anhalt-Bitterfeld suchen Unternehmen nach Auszubildenden – doch vielen fehlt der Nachwuchs. Dass junge Menschen die Region verlassen oder nicht dorthin ziehen, liegt auch am Strukturwandel. Das Bildungszentrum Wolfen-Bitterfeld will das ändern: mit dem Videoprojekt "Generation Heimat" und jungen Influencern, die für ihre Region werben. Das Projekt ist beim Ideenwettbewerb "Revierpioniere" ausgezeichnet worden.

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In großen Werkhallen aus den 1960er-Jahren in Wolfen im Landkreis Anhalt-Bitterfeld lernt der Nachwuchs von morgen. Die Hallen mit den alten Maschinen, teilweise noch mit russischen Schriftzeichen, haben fast ein bisschen den Charme eines Museums. "An denen kann man getrost üben und sich ausprobieren. Die Maschinen sind robust. Da geht so schnell nix kaputt", sagt Markus Hampel vom Bildungszentrum Wolfen-Bitterfeld e.V.

Hier werden junge Menschen auf die Ausbildung vorbereitet. In den Hallen liegt ein leichter Ölgeruch. An großen Werkbänken aus Holz sägen und feilen Auszubildende im ersten Lehrjahr. Sie wollen Maschinenanlagenführer werden. Bevor sie in die Betriebe gehen, lernen sie in der Lehrwerkstatt in Wolfen vier Wochen lang die Grundlagen des Berufes. Ihr Arbeitsbereich wurde in diesem Jahr vergrößert. Aus zwei bislang getrennten Bereichen ist in diesem Ausbildungsjahr einer geworden, damit für alle Azubis Platz ist. Dennoch machen sie sich Sorgen um den Nachwuchs.

Lehrlinge in der Lehrwerkstatt Bitterfeld-Wolfen
An den Werkbänken in der Lehrwerkstatt in Bitterfeld-Wolfen wäre noch Platz für weitere Auszubildende. Bildrechte: MDR

Immer noch freie Ausbildungsplätze im Kreis Anhalt-Bitterfeld

Markus Hampel vom Bildunsgzentrum Wolfen-Bitterfeld E.V.
Markus Hampel vom Bildungszentrum Wolfen-Bitterfeld will junge Menschen für die Region begeistern. Bildrechte: MDR

Was erstmal wie ein Widerspruch klingt, erklärt Hampel so: "Den Fachkräftemangel bemerken wir hier auch. Bei uns sieht man das an dieser Klasse. Die Nachfrage der Unternehmen ist extrem gestiegen. Wir haben tatsächlich mehr Auszubildende als in den Vorjahren. Wobei immer noch Ausbildungsplätze frei sind."

Wir haben tatsächlich mehr Auszubildende als in den Vorjahren. Wobei immer noch Ausbildungsplätze frei sind.

Markus Hampel Bildungszentrum Wolfen-Bitterfeld e.V.

Obwohl es also schon mehr Auszubildende geworden sind, reicht es also nicht. Und wenn diese jungen Menschen ausgebildet sind und sowohl viel Zeit als auch Geld in sie investiert wurde, wie überzeugt man sie dann zu bleiben?

Strukturwandel: Umbrüche seit mehr als 30 Jahren

Zehn Autominuten vom Bildungszentrum entfernt ist die Goitzsche. Der See ist nicht nur attraktiver Anziehungspunkt für viele Menschen, sondern steht auch für Transformation. Nicht von der Natur, sondern von Menschenhand ist er erschaffen worden. Aus dem ehemaligen Tagebaurestloch ist im Laufe vieler Jahre ein attraktives Naherholungsziel geworden. Seit der Freigabe des Sees 2005 können die Menschen sich hier erholen oder Wassersport treiben, da wo bis 1991 in der Grube "Leopold" Braunkohle gefördert wurde.

Totale des Goitzsche-Sees
Die Goitzsche, ein ehemaliges Tagebaurestloch, ist heute ein beliebtes Ausflugsziel. Bildrechte: MDR

Mit dem Mauerfall und der Wende erlebte die Region die ersten Strukturbrüche. Sie sind für viele, vor allem die ältere Generation noch heute spürbar. Jobs gingen damals verloren, ganze Industrien und damit Identitäten. Immerhin sollte aus dem Tagebaurestloch etwas Schönes werden. Ab 1999 wurde es geflutet, eigentlich ein jahrelanger, langsamer Prozess. Doch dann ging es ganz schnell. Beim Jahrhunderthochwasser 2002 füllte die Flutwelle der Mulde den See innerhalb von 26 Stunden.

Und nun also der nächste Transformationsprozess. Der Landkreis Anhalt-Bitterfeld gehört zu dem vom Kohleausstieg betroffenen "Mitteldeutschen Revier". Auch hierher fließen die milliardenschweren Strukturhilfen. Die Kreisverwaltung begründet das auf ihrer Website so: "Uns fehlen schlicht Menschen, die in der Region arbeiten und leben möchten. Alle Prognosen zeigen, trotz punktuellem Zuzug in einigen Gemeinden, wir werden auch in den nächsten Jahren Einwohnerinnen und Einwohner verlieren. Dies führt zu veränderten gesellschaftlichen Bedingungen."

Uns fehlen schlicht Menschen, die in der Region arbeiten und leben möchten.

Landkreis Anhalt-Bitterfeld

Videoprojekt "Generation Heimat" bei Ideenwettbewerb ausgezeichnet

Wie also kann man vor allem auch junge Leute in der Region halten? Jugendliche und junge Erwachsene, die von ihren Eltern oder Großeltern zu hören bekommen, dass sich das Bleiben nicht lohnt, weil sie es so nach 1990 erlebt hatten? Diese Frage haben sie sich auch im Bildungszentrum Wolfen gestellt. Als das Land Anfang des Jahres den Ideenwettbewerb "Revierpioniere" startete, hat sich Markus Hampel mit der Leipziger Videoproduktionsdienst "Commlab" zusammengetan.

Alina Sayin von der commlab GmbH
Alina Sayin will die Auszubildenden dazu anregen, Influencer für ihre Region zu werden. Bildrechte: MDR

Mit ihnen hat er schon ein erfolgreiches Videoprojekt realisiert. In den Werkhallen des Bildungszentrums zwischen den Auszubildenden filmt eine junge Frau mit ihrem Handy. Eigentlich sind Mobiltelefone hier für die Azubis verboten. Doch die 21-jährige Alina Sayin macht hier gar keine Ausbildung. Sie ist Online-Marketing Managerin bei der commlab GmbH und dreht Videos, um den Start eines Videokanals vorzubereiten. "Generation Heimat" heißt er und wird die Plattformen Instagram und TikTok nutzen.

Wir möchten, dass die Jugend im Landkreis Anhalt-Bitterfeld selber an ihr Handy geht und anderen Jugendlichen einfach mal die Region zeigt, ihre Heimat attraktiv macht.

Alina Sayin commlab GmbH

Die Auszubildenden will Sayin darauf neugierig machen, denn schließlich lebt so ein Kanal von Content: "Wir möchten, dass die Jugend im Landkreis Anhalt-Bitterfeld selber an ihr Handy geht und anderen Jugendlichen einfach mal die Region zeigt, ihre Heimat attraktiv macht." Sie setzen auf regionale Influencerinnen und Influencer, die ihre Lieblingsplätze zeigen, da wo sie gerne mit ihren Freunden sind. Diese Idee hat beim Wettbewerb "Revierpioniere" überzeugt. Das Projekt ist eines von mehr als 130, die ausgezeichnet worden sind. Von insgesamt einer Million Euro vom Land gehen rund 20.000 nach Wolfen.

Strukturwandel kann gelingen, wenn Menschen sich verbunden fühlen

Nick Herrmann, Lehrling in der Lehrwerkstatt Bitterfeld-Wolfen
Nick Herrmann aus Raguhn fallen sofort zahlreiche Orte ein, die er anderen zeigen möchte. Bildrechte: MDR

Der 21-jährige Nick Herrmann aus Raguhn hört neugierig zu und findet das Projekt cool. Er hat auch schon spontan Ideen, was er zeigen möchte: den "schnellsten Fluss Deutschlands", die Mulde, fügt er augenzwinkernd hinzu, das Bootshaus, den Sportplatz, aber vor allem den Jugendcub von Raguhn. Hier gerät er echt ins Schwärmen. Für ihn sei der fast schon wie ein zweites Zuhause. Mit den anderen Jugendlichen war er, vom Raguhner Jugendclub organisiert, im Sommer erst an der Ostsee. Nick findet, dass der geplante Videokanal eine gute Möglichkeit ist, sowas bekannter zu machen. Er möchte auf jeden Fall mitmachen.

Hier in Wolfen sind sie jedenfalls davon überzeugt, dass der Strukturwandel in erster Linie gelingt, wenn Menschen sich angesprochen und verbunden fühlen. Und ja vielleicht ist es dann der Jugendclub oder auch die Goitzsche – als Lieblingsort –, die junge Menschen in ihrer Heimat hält.

MDR (Tanja Ries, Maren Wilczek)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 13. September 2023 | 19:00 Uhr

5 Kommentare

Altlehrer vor 43 Wochen

Manch junger ausbildungsferne Influencer, ich kenne da einige, könnte sich mit einer Ausbildung gute Grundlagen für eine materiell abgesicherte Zuknft schaffen. Die jungen Leute kennen ihre Heimat recht gut, dazu brauchts kein clickbaiting.

Shantuma vor 43 Wochen

Ahja ... future-Tec um Probleme zu lösen, welche viel simpler zu lösen sind.

Man merkt, dass die Menschheit verblödet.

Warum bleiben denn die frisch ausgebildeten Leute nicht in der Region ... mal überlegen, welche Anreize es gibt.
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Ein Video-Kanal ... großartig!

Wie wäre es mit einer guten Bezahlung? Welche ggf. auch armutsfest im Alter ist?
Zu schwer ich weiß.

Dann muss halt der Video-Kanal genügen, wenn selbst die Grundbedürfnisse nicht erfüllt werden.


Achja, TikTok, Instagram, X (ehemalig Twitter) und FB gehören verboten, denn sie schaden der mentalen Gesundheit der Menschen. Deshalb werden jene auch liebevoll als asoziale Netzwerke bezeichnet.

Uborner vor 43 Wochen

Besser ist sein Leben auf dem Sofa vor der Glotze oder mit dem Smartfon in der Hand zu verbringen. Das lohnt sich.

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