Mutter verzweifelt Ausgewanderter Sachsen-Anhalter in Argentinien nach Unfall auf sich gestellt

Kevin Poweska
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Vor acht Jahren ist Toni Heßler nach Argentinien ausgewandert. Im Januar hatte er dort einen Motorradunfall mit schlimmen Folgen. Finanzielle Unterstützung von den deutschen Behörden bekommt er nicht.

Ein Mann mit Tatoos liegt in einem Krankenhausbett und zeigt den Daumen nach oben in die Kamera
Toni Heßler in der Klinik in Argentinien kurz nach seinem Unfall. Bildrechte: privat

"Bei den Behörden bin ich immer wieder mit dem Kopf gegen die Wand gestoßen", sagt Doreen Heßler aus Loburg im Jerichower Land. Sie ist verzweifelt: Ihr Sohn Toni, der vor acht Jahren nach Argentinien ausgewandert ist, hatte Anfang Januar in seiner neuen Heimat einen Motorradunfall mit schlimmen Folgen. Die Reaktion des Auswärtigen Amts und die der deutschen Botschaft in Argentinien machen sie fassungslos. "Er ist alt genug und muss die Sachen selber klären, hat man mir immer wieder gesagt", meint die besorgte Mutter. Das Problem: Ihr Sohn Toni sei zum einen seit dem Motorrad-Unfall teilweise gelähmt. Zum anderen hat er die Sprache verloren – wegen eines Schlaganfalls kurz nach dem Unfall.

"Wie soll er sich denn in diesem Zustand selbst um die ganzen Sachen kümmern", fragt Doreen Heßler. Toni sei noch immer deutscher Staatsbürger und deswegen hofft die Mutter auf Unterstützung von den Behörden. Die Antwort des Auswärtigen Amtes war jedoch ernüchternd für die Sachsen-Anhalterin. Am Ende eines Schreibens hieß es: "Sie helfen ihrem Sohn wirklich nicht, wenn Sie von Deutschland aus alle verrückt machen, im Gegenteil."

Auswärtiges Amt antwortet allgemein

Auf Anfrage von MDR SACHSEN-ANHALT erklärt das Auswärtigen Amt, dass eine generelle Unterstützung zunächst immer Hilfe zur Selbsthilfe sein soll. "Die Bandbreite reicht von allgemeiner Beratung bis hin zu konkreter praktischer Unterstützung, beispielsweise durch Vermittlung von Transfer- und Rückfluggelegenheiten", heißt es vom Auswärtigen Amt. Die Hilfe hänge jedoch immer von den Umständen und Möglichkeiten im Einzelfall ab. "Soweit Hilfsbedürftige nicht in der Lage sind, selbstständige Entscheidungen über Hilfsmaßnahmen zu treffen, besteht die Möglichkeit beim Betreuungsgericht einen Betreuer oder eine Betreuerin zu bestellen", erklärt das Auswärtige Amt das Eingreifen von Angehörigen in persönlichen Angelegenheiten.

Eine finanzielle Hilfestellung durch deutsche Auslandsvertretungen ist nach Maßgabe des Konsulargesetzes nur in streng definierten Einzelfällen möglich.

Auswärtiges Amt auf Anfrage von MDR SACHSEN-ANHALT

Eine andere Versorgung als in Deutschland

Ein jüngerer Mann mit blonden Haar lächelt in die Kamera. Neben ihm sitzt ein Junge mit dunklem Haar, der gerade etwas isst.
Toni mit seinem Sohn. Seine Mutter ist davon überzeugt, dass er ihm viel Kraft gibt. Bildrechte: privat

Nachdem Toni eine Woche im Krankenhaus medizinisch versorgt wurde, ist er mittlerweile wieder aus der Klinik entlassen wurden, erklärt Doreen Heßler. "Er ist wieder zu Hause bei seiner Frau und seinem Sohn", meint sie. Letzterer gebe ihm viel Kraft. Dankbar sei sie vor allem über Tonis Freunde vor Ort, die ihm und seiner Familie im Moment sehr viel helfen. Doreen selbst kann aufgrund ihrer gesundheitlichen Situation nicht nach Argentinien reisen. "Das ist so grausam, vor allem, weil ich nicht zu ihm kann", meint die Mutter. Eine Behandlung in Deutschland sei aber nicht möglich, da Toni hier keine Krankenversicherung mehr habe.

Die Ärzte in Argentinien glauben, dass Toni die deutsche Sprache wieder erlernen kann. Doch dafür braucht es eine weiterführende Behandlung und diese sei in Argentinien nicht durch die normale Krankenversicherung abgedeckt. "Eine Rehabilitation ist in Argentinien eine Privatleistung", erklärt Doreen Heßler. Da dies in Deutschland anders sei und ihr Sohn immer noch deutscher Staatsbürger ist, hat sie sich hilfesuchend an die Behörden gewandt. Doch hier hieß es, dass sich die Mutter nicht in medizinische Angelegenheiten ihres Sohnes einmischen solle, er sei schließlich volljährig.. In einer Antwort per Mail heißt es: "Ihr Sohn ist seit Langem volljährig, das sind alles seine eigenen Entscheidungen, die er auch während der Krankheit und nach seiner Genesung durchaus selbst treffen kann." Das Schreiben liegt MDR SACHSEN-ANHALT vor.
Eine Antwort, die Doreen Heßler fassungslos macht. "Ich will doch nur meinem Jungen helfen", meint sie. Toni selbst könne all das im Moment nicht regeln, sagt seine Mutter. Dafür sei sein Zustand zu schlecht.“

Schwierige Finanzierungsfrage

"In Deutschland haben wir eine sehr gute Versorgung bei solchen Fällen", meint Doreen Heßler, die sich mittlerweile auch rechtliche Unterstützung gesucht hat. Die Mutter ist sich sicher, hier hätte ihr Sohn direkt im Anschluss eine Reha bekommen, damit er wieder den Weg zurück ins Leben findet. Da mit so einer Therapie aber enorme finanzielle Kosten verbunden sein, hat sich die Mutter an die deutsche Botschaft und das Auswärtige Amt gewendet. Bislang jedoch ohne Erfolg.

Eine ältere Frau mit hellem Haar hält ein Bild in den Händen wo sie mit einem jüngeren Mann zu sehen ist. Sie schaut in die Kamera.
Doreen Heßler wünscht sich Unterstützung von den Behörden. Bildrechte: privat

Sie sollen meinem Jungen vor Ort helfen. Er lebt in Argentinien nur mit einer Aufenthaltsgenehmigung. Wir brauchen einfach finanzielle Unterstützung bei der Reha, wie es in Deutschland üblich wäre oder eben Sozialgeld.

Doreen Hessler

Doreens Sohn Toni habe sich in Argentinien komplett neu gefunden. Neben der Liebe, die er im Urlaub kennengelernt hat, wechselte der gelernte Elektriker den Beruf und leitet in Argentinien heute einen eigenen Friseursalon. "Keiner weiß aktuell, ob er seinen Beruf jemals wieder ausüben kann", erklärt Doreen Heßler. Damit überhaupt eine Chance bestehe, müsse ihr Sohn aber erst einmal eine Therapie machen. Da von den Behörden zurzeit nichts zu erwarten sei, sammelt sie Spenden im Bekannten- und Freundeskreis. "Ich bin absolut überwältigt davon. Es haben schon über 50 Leute gespendet", sagt sie gerührt. Gerade aus Sandersdorf, der alten Heimat von Doreen und Toni Heßler seien einige Gelder eingetroffen.

Hoffnung auf ein Wiedersehen

Ein Mann mit kurzem blonden Haar lächelt in die Kamera. In seinem Ohr ist ein kleines Loch zu sehen.
Toni vor dem Unfall in seinem Friseursalon in Argentinien. Ob er wieder als Friseur arbeiten kann, ist aktuell unklar. Bildrechte: privat

In diesem Jahr sollte es nach acht Jahren eigentlich das große Wiedersehen für die Mutter geben. "Toni wollte auf ein Schnitzel nach Hause kommen", erklärt Doreen Heßler. Trotz des Unfalls gibt sie die Hoffnung aber nicht auf, ihren Sohn bald wieder in die Arme nehmen zu können. Erstmal müsse er aber stabil genug für die Reise sein, meint die Mutter. Aktuell bekomme sie beinahe täglich Videos von der Frau ihres Sohnes aus Argentinien und telefoniere fast jeden Tag per Videoanruf mit ihm.

Kevin Poweska
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Über den Autor Kevin Poweska arbeitet trimedial im Funkhaus von MDR SACHSEN-ANHALT. Aktuell ist er im sechsten Semester seines Bachelor-Studiengangs Journalismus an der Hochschule Magdeburg-Stendal. Während seines Studiums absolvierte er bereits ein Praktikum bei der Braunschweiger Zeitung. In seiner Freizeit ist Kevin gerne sportlich aktiv: Zudem ist er journalistisch sportlich voll dabei: Kevin führt einen Blog zu den Deutschen Tennisherren.

MDR/Kevin Poweska

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 06. Februar 2021 | 13:20 Uhr

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