Spenden und Recyceln Bitterfeld-Wolfen: Was im größten Altkleider-Umschlagplatz der Welt passiert

Olga Patlan
Bildrechte: Ansgar Schwarz

Der Sommer steht vor der Tür – guter Zeitpunkt zum Ausmisten. Am schnellsten ist der Weg zum Altkleider-Container. Was viele nicht wissen: Die meisten Spenden landen nicht bei bedürftigen Menschen, sondern in sogenannten Sortierbetrieben.

Pakete und Tüten in einem Altkleider-Sortierwerk
Bei SOEX kommt Kleidung aus ganz Deutschland an. Bildrechte: MDR/Alexander Friederici

Es piept und zischt. Ein Gabelstapler packt eine riesige gelbe Box. Bunte Plastiktüten quillen aus ihr heraus – gelbe, blaue, weiße. "Wundern Sie sich nicht, wenn Sie ein paar Teile auf dem Boden sehen, wir sind hier schließlich ein Entsorger", sagt Christoph von Hahn. Er ist Geschäftsführer des größten Altkleider-Sortierwerks der Welt. Mitten im Chemiepark in Bitterfeld-Wolfen gelegen, steht ein Koloss, ein Betrieb – so groß wie 13 Fußballfelder.

Olga Patlan unterhält sich mit Anna vom Leipziger Second Hand-Geschäft "Hilde tanzt". 30 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Tonnen von Altkleiderbergen

Tagein, tagaus kommen hier Lkw an, prallgefüllt mit Altkleider-Tüten. Diese werden einzeln von Menschenhand aus den Lkw in die besagten gelben Boxen gepackt. Die dann in eine riesige Entladehalle gestapelt werden. "Gerade stehen hier um die 250 Tonnen Textilien, das ist ungefähr die Sammelmenge von zwei Tagen", sagt von Hahn. Wie viel es tatsächlich ist, sieht man nur, wenn man davorsteht und den Gabelstapler mit der nächsten Box anfahren sieht. Ob es ihm noch auffalle, wie viel es ist? Von Hahn schmunzelt: "Nur, wenn es weniger wird."

Ein Mann steht zwischen Altkleider-Stapeln
Chrostoph von Hahn, SOEX-Geschäftsführer in Wolfen Bildrechte: MDR/Alexander Friederici

Die Kleidung, die hier ankommt, wurde vorher irgendwo in Deutschland in einen Altkleider-Container geworfen. Von Hahn spricht von 16.000 bis 20.000 Haushalten täglich, von denen die Alttextilien hier in Bitterfeld-Wolfen ankommen. "Wir sammeln gemeinsam mit karitativen Organisationen, auch mit Retail-Partnern und wir haben auch eigene Altkleider-Container". Die Sachen, die hier landen sind also Altkleider-Spenden. Doch längst nicht jeder Container dient wohltätigen Zwecken und nicht jedes Kleidungsstück landet auch bei bedürftigen Menschen.

Mehr Kleidung als Bedürftige

Das hängt damit zusammen, dass in Deutschland sehr viel mehr Kleidung gesammelt als tatsächlich von bedürftigen Menschen gebraucht wird, wie Thomas Ahlmann von FairWertung erklärt, dem Verband für gemeinnützige Altkleidersammler.

Ein Mann in einem Video-Telefonat
Thomas Ahlmann, Geschäftsführer von FairWertung Bildrechte: MDR/Alexander Friederici

Es sind eine Million Tonnen, die jedes Jahr an Altkleider-Sammlungen gegeben werden. Das ist eine Lkw-Schlange von Flensburg bis nach Salzburg, voll mit Alttextilien. Und es ist schlicht unrealistisch, davon auszugehen, dass wir das unter den bedürftigen Menschen in Deutschland verteilen können. Die Menge ist schlicht zu groß.

Schätzungsweise werden laut Ahlmann gerade mal zehn Prozent von karitativen Organisationen einbehalten. Die restlichen rund 90 Prozent würden an Sortier- oder Verwertungsbetriebe wie SOEX verkauft. Von den Erlösen würden die Organisationen Projekte oder Fortbildungen finanzieren, so Ahlmann.

Fast-Fashion als Problem für die Altkleidung-Sammler

Ihren Ursprung hat dieses System in den 1960er Jahren, "als Menschen plötzlich anfingen, Textilien auszusortieren, die noch tragbar waren. Vorher gab es so was so nicht", erzählt Ahlmann. "Und so entstand ein Berg von Textilien, die noch einen Wert hatten. Und diesen Wert haben große Sortierbetriebe auch erkannt." Da im Laufe der Jahre die Menge der Spenden immer weiter zugenommen habe, würde auch mehr von karitativen an gewerbliche Sammler verkauft werden, nur die Qualität werde immer schlechter, so der FairWertung-Geschäftsführer.

Altkleider-Sortierwerk-SOEX von oben
So groß wie 13 Fußballfelder – das SOEX-Werk in Wolfen. Bildrechte: MDR/Alexander Friederici

"In den letzten beiden Jahren ist es noch einmal wirklich sprunghaft angestiegen. Man kann wirklich sagen, dass diese Fast-Fashion-Welle nun endgültig auch Sammler erreicht hat", sagt Ahlmann. Dies sei ein Problem, denn weniger tragbare Kleidung bedeute auch weniger Erlöse, sowohl für die Sortierbetriebe als auch für karitative Organisationen. Für die karitativen Betriebe, weil ihnen eine wichtige Finanzierungssäule wegbreche, für Sortierbetriebe, weil sie zwar als Entsorgerbetrieb zählen, jedoch nicht gebührenfinanziert sind.

Mehr Recycling-Bedarf in Zukunft

Diesen Trend bestätigt auch Christoph von Hahn bei SOEX. "Wir bereiten uns heute schon darauf vor, dass wir uns in der Sortierung mehr auf den Recycling-Anteil konzentrieren und weniger auf die wieder tragbare Kleidung, weil wir davon ausgehen, dass dieser Anteil immer weniger werden wird." Recycelt wird, was nicht mehr als Second-Hand-Kleidung verkauft werden kann. Aus geschredderten Textilien werden Malervlies oder Dämmstoffe fürs Auto hergestellt, auch bei SOEX. Das mache rund 40 Prozent der ankommenden Textilien heute aus. Tendenz steigend. Das Ziel sei es jedoch, die Kleidung noch weiter zu verkaufen. Dies sei ressourcenschonender aber auch gewinnbringender.

Gelbe Trolleys in einem Altkleider-Sortierwerk
Bis zu 300 Tonnen Textilien werden am Tag bei SOEX in Wolfen verarbeitet. Bildrechte: MDR/Alexander Friederici

Rund 50 Prozent der ankommenden Kleidungsstücke landen auf dem weltweiten Second-Hand-Markt. Auf welchem genau, das wird in den Händen der sogenannten Sortiererinnen entschieden. Der Inhalt der gelben Boxen aus der Entladung landet in kleineren gelben Trolleys. Der Inhalt dieser wiederum landet auf Tischen der Sortiererinnen, die sie grob in Kategorien sortieren. Bis zu 300 Tonnen Kleidung gehen hier an einem einzelnen Tag über die Tische. Das ist nur möglich, weil eine einzelne Person um die 2.800 Kilogramm pro Acht-Stunden-Schicht schafft. Nirgendwo sonst in diesem Koloss werden einem die Ausmaße der Sammelmengen mehr bewusst als hier. Von hier geht es in die Feinsortierung, wonach die Kleidung je nach Kategorie verschweißt wird und auf ihren Transport wartet.

Sortiererin am Sortiertisch bei SOEX
Die Sortiererinnen müssen 2,8 Tonnen Textilien in einer Schicht verarbeiten. Bildrechte: MDR/Alexander Friederici

Und die Umwelt?

Der Großteil der Sachen geht von hier ins Ausland: nach Osteuropa, Südamerika oder Afrika, wie von Hahn erklärt. "Es gibt überall auf der Welt einen Bedarf an Second-Hand-Waren." In Deutschland blieben gerade mal rund zwei Prozent in bester Qualität. Jede Qualität habe ihren Preis und nicht in jedem Land könnten sich Kunden die gleiche Qualität leisten.

Dieses Vorgehen wird immer wieder von Umweltschützern kritisiert wegen zusätzlicher Transportwege und weil so Textilmärkte in den entsprechenden Ländern gar nicht erst entstehen könnten. Von Hahn entgegnet: "Die Textilien würden ansonsten im Hausmüll landen und würden dort über normale Müllverbrennungsanlagen entsorgt werden. Was sehr schade wäre, weil dann wertvolle Rohstoffe verloren gehen würden."

Auf den Umweltaspekt macht auch Thomas Ahlmann aufmerksam: "Ich glaube, wir müssen uns als Gesellschaft insgesamt hinterfragen und unseren Kleider- und Textilkonsum überdenken. Denn in jedem Jahr eine derartige Menge an Textilien durchzuschleusen, wird irgendwann einfach auch ökologisch nicht mehr hinnehmbar sein. Da müssen wir einfach umsteuern hin zu mehr Qualität, auch vielleicht weniger Konsum." Die Textilbranche sei jetzt schon die zweitdreckigste der Welt, mit einem CO2-Abdruck, der höher ist, als der von internationalen Flügen und Kreuzfahrten.

gepresste Kleidung gestapelt in einem Sortierwerk
Jährlich werden in Deutschland rund 1.000.000 Tonnen Kleidung gespendet. Bildrechte: MDR/Alexander Friederici

MDR/Olga Patlan

Dieses Thema im Programm: "exakt – Die Story: Spenden, Verkaufen, Recyceln – Wohin mit alter Kleidung" | 26. Mai 2021 | 20:45 Uhr

4 Kommentare

DanielSBK vor 34 Wochen

Der gesetzliche Mindestlohn ist z.Zt. irgendwas mit 9,60€ .... dürfte auch schwer sein, dies zu "umgehen". Das wäre nämlich eine Straftat.
Das hätten Sie mit 3 Sekunden Google leicht selber rausfinden können.
Sicherlich kann man mit unbezahlten Überstunden auch tricksen.

DanielSBK vor 34 Wochen

Ganz Klasse!

Und in Afrika kaufen die dann ein ausgenuddeltes deutsches T-Shirt vom Takko oder Kik (Kinderarbeit(!) Made in Bangladesh) für 5€ .... quasi ein halbes Monatsgehalt für diese Leute.

"Die Deutschen" sind halt sehr schlau.. moralisch ist das sehr verwerflich.

Wo sind die SPDLINKSGRÜNEN hier???

MK78 vor 34 Wochen

Guten Morgen. Hab mir grad mal den Artikel durch gelesen, und mich würde mal interessieren ob mal jemand recherchiert hat was die Mitarbeiter/innen bei SOEX verdienen im Monat!!
Denn laut Insiderquellen ist das fuer so eine "Sklavenarbeit" ein Hungerlohn !!
Meist sogar unter dem Mindestverdienst !!!
Da sollte doch meiner Meinung mal nachgehaakt werden!

Schönen Tag noch.

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