Photovoltaik-Anlagen Aufstieg und Fall des Solar Valley in Thalheim – eine Chronologie

Vor fast 20 Jahren ist die erste Solarzelle in Thalheim produziert worden. 2007 war der Standort weitweit führend in der Photovoltaik. Nun steht eines der letzten verbliebenen Solar-Unternehmen vor dem Aus. Eine Chronik über das Industriegebiet Solar Valley.

Ein Schild weist an einer Straße vor einem Solarpark zum «Solar Valley» in Bitterfeld-Wolfen
Höhen und Tiefen: Der Weg des Industriegebiets Solar Valley in Thalheim. Bildrechte: dpa

1999: Anfang

Drei Ingenieure – und Atomkraftgegner – aus Berlin-Kreuzberg, Reiner Lemoine, Holger Feist und Paul Grunow, und Geschäftsführer Anton Milner kommen nach Thalheim, einen Stadtteil von Bitterfeld-Wolfen. Im Gepäck haben sie eine Geschäftsidee: Mit etwa 40 Mitarbeitern wollen sie Solarzellen produzieren. Für den Aufbau ihres Unternehmens Q-Cells benötigen sie allerdings Startkapital, genauer gesagt etwa zwölf Millionen Euro.

Der damalige Bürgermeister Thalheims, Manfred Kressin, sagt über das erste Treffen mit den Berliner Unternehmensgründern: Eigentlich wollten sie in Kreuzberg bleiben. Aber Berlin hat den Unternehmensgründern keine finanzielle Unterstützung angeboten. Sachsen-Anhalt dagegen schon – solange die Firma im Raum Bitterfeld entstehen würde. Die Gründer sind einverstanden.

2001: Produktionsbeginn

Die Sonne spiegelt sich in einem Solarpanel.
2001: Hohe Nachfrage nach Solarzellen, da die Anschaffung subventioniert wurde. Bildrechte: colourbox.com

Im Januar beginnen die Bauarbeiten an der Produktionshalle in einem Gewerbegebiet an der A9 entlang der schnurgeraden heutigen Sonnenallee. Schon ein halbes Jahr später, im Juli, wird die erste Solarzelle in Thalheim produziert. Von da an kann Q-Cells die Produktionskapazitäten alle zwölf Monate verdoppeln. Dabei hilft ihnen ein Gesetz, das die rot-grüne Bundesregierung erließ: das "Erneuerbare-Energie-Gesetz", das grünen Strom fördert. Auch Solarenergie wird mit Milliarden Euro gefördert.

Wegen der hohen Nachfrage beginnen auch Unternehmen in anderen Ländern, Solarzellen zu produzieren – unter anderem startet in China eine Massenproduktion. Das wird in den kommenden Jahren die Preise erheblich senken.

2005: Wachstum

Der Ort Thalheim hat wegen der Steuern, die Q-Cells zahlt, keine Schulden mehr. Und genug Geld übrig, um Sanierungen an Schule, Feuerwache und Straßen vorzunehmen.

Im Industriegebiet Thalheim entsteht das zweite Photovoltaik-Unternehmen: Sovello. Weitere Firmen der Branche mit unterschiedlichen Spezialisierungen folgen in den kommenden Jahren: Calyxo, Sontor, CSG Solar und Solibro. Q-Cells ist an allen diesen Unternehmen beteiligt.

2007: Hochphase

Q-Cells allein beschäftigt 2.300 Mitarbeiter und gilt als größter Solarzellenproduzent weltweit. Das Unternehmen wurde an der Börse mit acht Milliarden Euro gehandelt. Um das Unternehmen herum war das Solar Valley entstanden, der Name angelegt an den bedeutenden IT-Standort Silicon Valley in Kalifornien. Insgesamt haben im Solar-Gewerbegebiet 2007 etwa 3.500 Menschen Jobs – der Höchststand.

2009: Krisenbeginn

Q-Cells schreibt erste Verluste. Das hatte sich schon im Vorjahr abgezeichnet. Wegen der großen Nachfrage nach Solarzellen hatte sich das Unternehmen aber trotz steigender Konkurrenz und Preisverfall aus Asien noch einige Zeit länger halten können.

Das Unternehmen Sontor fusioniert mit Sunfilm.

2011: Verluste

Q-Cells liegt in diesem Jahr mit 35 Millionen Euro im Minus.

Sunfilm geht 2011 insolvent. Das Unternehmen wird nochmals gekauft, produziert kurzzeitig wieder unter dem Namen Sontor. Dann wird der Betrieb eingestellt.

2012: Verkauf

Q-Cells ist insolvent. Der südkoreanische Konzern Hanwha übernimmt das Unternehmen. Q-Cells verkauft Solibro an die chinesischen Hanergy Holding Group.

Sovello meldet Insolvenz an und entlässt alle Mitarbeiter – etwa 1.000.

2015: Produktionseinstellung

Die Außenansicht des Thalheimer Solarzellenherstellers Q-Cells AG bei Wolfen.
Der südkoreanische Konzern Hanwha hat Q-Cells gekauft. Bildrechte: dpa

Hanwha Q-Cells fusioniert mit Hanwha SolarOne zu einem Konzern. Die Produktion von Q-Cells-Solarzellen in Thalheim wird eingestellt und in günstigere Länder nach Asien verlegt. Von 800 werden 470 Arbeitsplätze abgebaut, nur 330 Stellen werden nicht gestrichen. Am Standort in Sachsen-Anhalt verbleiben die Abteilungen Forschung und Entwicklung, Qualitätsmanagement, Marketing und Vertrieb. Von ehemals 300 Stellen im Bereich Forschung bleiben jedoch nur 180.

Bei Solibro wird Kurzarbeit angeordnet.

2018: Übernahme

Die TS Group aus Aachen übernimmt das Unternehmen Calyxo.

2019: Solibro-Insolvenz

Solibro ist insolvent. Die verbliebenen 180 Mitarbeiter verlieren voraussichtlich zum 1. November ihren Job, wenn bis dahin kein neuer Besitzer gefunden wird. Der Sekretär der Gewerkschaft IG Metall, Lars Buchholz, sagte, es sei unverständlich, dass die Geschäftsführung einen gut laufenden Betrieb mit hervorragenden Produkten "gegen die Wand gefahren" habe.

Mit dem Aus von Solibro ist einer der letzten Photovoltaik-Hersteller im Industriegebiet Solar Valley pleite. Lediglich die Produktentwicklung von Hanwha Q-Cells und Calyxo sind verblieben. Bei Calyxo arbeiten nach Unternehmensangaben in Thalheim 110 Mitarbeiter, bei Q-Cells laut Unternehmen etwa 440. Und: Q-Cells sucht laut Firmenwebseite weitere Mitarbeiter.

2020: Das stille Comeback

Im Sommer 2020 kündigte Hanwha-Q-Cells an, in den kommenden drei Jahren 125 Millionen Euro am Standort in Thalheim investieren zu wollen, um die nächste Generation von Solarzellen mit höherem Wirkungsgrad zu entwickeln. Eine Rückkehr der Produktion ist nicht zu erwarten, hieß es damals.

Nur wenige Tage später gab es eine Meldung über eine geplante Neuansiedlung im einstigen "Solar Valley". Das Schweizer Maschinenbau-Unternehmen Meyer Burger Technology AG erklärte, künftig in Thalheim wieder Solarzellen produzieren zu wollen. Die Produktion sollte im ersten Halbjahr 2021 starten – symbolträchtig in den einstigen Hallen der Pleite gegangenen Solarfirma Sovello. Parallel dazu sei geplant, im sächsischen Freiberg Solarmodule zu produzieren. Bis 2026 sollen dann Module mit einer Kapazität von sechs Gigawatt hergestellt werden. Mehr als 3.000 Arbeitsplätze sollen langfristig an beiden Standorten entstehen.

2021: Weitere Investitionen von Hanwha-Q-Cells

Im Frühjahr 2021 erklärte der Solarzellen-Anbieter Q-Cells, weitere 15,5 Millionen Euro in seine globale Forschungs- und Entwicklungszentrale in Thalheim im Landkreis Anhalt-Bitterfeld zu investieren. Das Geld werde in die Entwicklung von Maschinen und Anlagen der nächsten Generation der Photovoltaik-Technologie fließen, kündigte das Unternehmen an.

In Thalheim stellt ein Schweizer Konstrukteur von Photovoltaikanlagen nun in Eigenregie Solarzellen her. Die Firma Meyer-Burger begann Anfang Juli mit dem Probebetrieb mit 200 Beschäftigten. Die Massenfertigung soll bald anlaufen.

Quelle: MDR/mh/olei

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 17. Mai 2021 | 06:00 Uhr

5 Kommentare

J.Heder am 27.10.2019

Wir brauchen neben der bisherigen Siliziumtechnologie weitere verfügbare Stoffe der direkten Lichtumwandlung in Strom für weitere Nischenanwendungen um die Anwendung weiter "zu verbreitern" und die Wirkungsgrade noch zu erhöhen!
Diese Forschung hat der gerade Pleite gehende Betrieb geleistet. Sehr schade!

J.Heder am 27.10.2019

Hier gehen gerade Jobs der "Zukunftsbranche" den Bach runter. Um die angeblich "so wichtigen Jobs" der sterbenden Kohleindustrie bis 2038 zu sichern werden dafür 40 Mrd € "in die Hand genommen". Wieviel € werden hier "in die Hand genommen"?
Das ist ein Teil der Zukunft der weltweiten Stromerzeugung und Grundlage weiterer darauf aufbauender Industrie.
Ich habe schon 4 solcher "Wellen" erleben müssen. Der Vorwurf in Richtung "Billigkonkurenz" China ist nur in Teilen berechtigt! Ein Hauptziel des EEG ist die Verbilligung dieser Technologie; es ist möglicherweise ein Versäumnis des örtlichen Management richtig zu reagieren im Moment der Erreichung dieses Ziels. Tatsache ist aber auch, daß unsere Politiker schon bei der 1. und 2. Pleitewelle in der Solarindustrie die gesamte Branche "im Stich gelassen" und es "dem Markt" überließen zu "gesunden"! Ich bezweifle das die Politik sich hier kümmert. Bisher sind etwa 130.000 Jobs seit 2004 verloren gegangen. Weitere Forschung ist aber nötig.

jendle am 27.10.2019

Dieser Artikel zeigt - wie so viele - leider nur die negative Seite, speziell von Q CELLS. Nach der Rettung durch Hanwha im Jahr 2012 gelang die Rückkehr in die schwarzen Zahlen in nur 2 Jahren. Es ist richtig, dass 2015 die Massenproduktion in Bitterfeld geschlossen wurde. Aber was wurde damals eigentlich geschaffen? Eine in der Solarindustrie einzigartige Aufstellung für Forschung und Entwicklung. Hier wurden seither mehrere marktführende Solarprodukte entwickelt. Q CELLS ist in Deutschland (und Europa) seit 2017 klarer Marktführer für Solarmodule. Diesen Erfolg hat Q CELLS von Deutschland aus erreicht (Bi-Wo und Berlin), von wo das Unternehmen den Europa-Vertrieb und die Entwicklung neuer Geschäftsmodelle steuert. So hat Q CELLS in den vergangenen 2 Jahren knapp 100 neue Stellen geschaffen - über 50 davon in Bitterfeld-Wolfen - und sich zum Stromanbieter für jedermann entwickelt. Q CELLS ist ein attraktiver Arbeitgeber und befindet sich im Aufstieg - keineswegs im Niedergang.

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