Deutschunterricht für Flüchtlinge Wie ein Dessauer Gymnasium jungen Ukrainern hilft

Porträtaufnahme von MDR SACHSEN-ANHALT-Reporterin Jana Müller
Bildrechte: Jana Müller

Schon seit Jahren pflegt das Dessauer Liboriusgymnasium eine enge Partnerschaft mit einer Schule in Kiew. Als der Krieg in der Ukraine begann, werden Schülerinnen und Schüler, Lehrer und Ehemalige sofort aktiv. Man sammelt Spenden, organisiert die Unterbringung von Geflüchteten und Deutschunterricht für die Kinder.

Ein Klassenraum im Dachgeschoss. Eine junge Frau steht vor der beschriebenen Tafel, ringsum sitzen Schüler.
Deutschstunde im Dachgeschoss des Liborius-Gymnasiums Bildrechte: MDR/ Jana Müller

Bogdan ist ganz schön aufgeregt, als er ein paar Sätze auf Deutsch sagen soll. Gemeinsam mit 15 anderen Kindern und Jugendlichen lernt der Elfjährige im Dessauer Liboriusgymnasium die für ihn fremde Sprache und macht das richtig gut, sagt Fremdsprachenassistentin Vasilina Variukha.

Deutschunterricht im Dachgeschoss

Eine junge Frau im weißen T-Shirt mit Pferdeschwanz schreibt mit Kreide an die Tafel
Fremdsprachenassistentin Vasilina Variukha leitet den Unterricht. Bildrechte: MDR/ Jana Müller

Sie leitet heute den Unterricht im kleinen Klassenraum im Dachgeschoss des Gymnasiums, schreibt deutsche Wörter an die Tafel, mit vielen Fehlern, die ihre Schüler korrigieren sollen. Zwei Unterrichtsstunden täglich gibt es für die Flüchtlingskinder in Dessau. Eine Handvoll Lehrer, allen voran die junge Fremdsprachenassistentin, hätten sich freiwillig gemeldet, zu unterrichten. Auch Arbeitshefte und ein Lehrbuch seien für die Schülerinnen und Schüler vorhanden, erklärt Schulleiter Benedikt Kraft, das alles habe man in den vergangenen Wochen organisiert.

Und das Engagement des Dessauer Gymnasiums kommt nicht von Ungefähr. Seit Jahren schon, pflege man enge Beziehungen in die Ukraine, so er Direktor. Seit 2006 gäbe es eine Partnerschaft mit dem Lyzeum Nummer 315 in Kiew, verbunden mit vielen gegenseitigen Besuchen und Kontakten. Aus denen seien Freundschaften entstanden, die bis heute hielten, wie bei Kriegsausbruch deutlich wurde.

Aus Fremden wurden Freunde

"Es begann damit, dass zwei ehemalige Schüler von uns, die schon fünf Jahre aus der Schule raus sind, Kontakt aufgenommen haben, zu ihren ukrainischen Bekannten von damals und gesagt haben ‚Wir helfen euch‘", erinnert sich Kraft. Schnell habe man am Gymnasium dann einen Transport zur polnisch-ukrainischen Grenze organisiert und die ersten Flüchtlinge nach Dessau geholt. Weitere folgten, darunter zwei Lehrerinnen von der Kiewer Partnerschule, außerdem Verwandte und Freunde, von Liborius-Schülern mit ukrainischen Wurzeln. Viele dieser Menschen hatten Kinder dabei, denen man mit etwas Deutschunterricht helfen wollte, schnell in dem für sie fremden Land anzukommen.

Was wir leisten können, ist Normalität. Und das ist für Kinder ein Riesending.

Benedikt Kraft, Schulleiter Liboriusgymnasium Dessau

Ein Mädchen und zwei Jungs sitzen an ihren Tischen, vor ihnen liegen Bücher, Blöcke und Federmappen
Am Dessauer Gymnasium gibt es täglich zwei Stunden Deutschunterricht für die Flüchtlingskinder. Bildrechte: MDR/ Jana Müller

"Unser Ziel war es, den Kindern nach dem Erlebnis der Flucht ganz schnell das Gefühl zu vermitteln, hier gibt es so etwas wie normales Leben. Für die beiden Jungs, die im Moment noch bei mir leben, war so ein Stück Normalität zum Beispiel jeden Tag Fußball spielen gehen zu können. In ihrer Heimat konnten sie das nicht mehr. Für die beiden 14-Jährigen ist das ein roter Faden im Leben", beschreibt der Direktor. Und vor dem Fußballspiel stünde der Unterricht in der Schule.

Werden aus Gästen bald Schüler?

Dass so viele Kollegen mithelfen, so viele Familien aus dem Umfeld des Liboriusgymnasiums Menschen aufgenommen haben, dafür sei er sehr dankbar, sagt Benedikt Kraft und lässt den Blick über den Deutschkurs im Dachgeschoss schweifen.

Noch seien die ukrainischen Kinder und Jugendliche nur Gäste an der Dessauer Schule. Beschließen Land und Kommunen die Einführung von Willkommensklassen, könnten Bogdan und die anderen aber recht schnell zu offiziell angemeldeten Liborius-Schülern werden.

Farbenfrohes Gebäude mit Aufschrift Liboriusgymnasium
Das Liborius-Gymnasium in Dessau pflegt seit vielen Jahren eine Schulpartnerschaft mit Kiew. Bildrechte: MDR/ Jana Müller

MDR/Jana Müller

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 07. April 2022 | 08:40 Uhr

0 Kommentare

Mehr aus Dessau-Roßlau, Anhalt und Landkreis Wittenberg

Mehr aus Sachsen-Anhalt

Eine Collage aus einer geplatzten Discokugel, der Händel-Statue und einem Fahrrad, das über eine Tram-Schiene fährt 1 min
Bildrechte: MDR/dpa/imago/Steffen Schellhorn
1 min 27.05.2022 | 18:00 Uhr

Die drei wichtigsten Themen des Tages vom 27. Mai aus Sachsen-Anhalt erfahren Sie hier kurz und knapp in 60 Sekunden. Präsentiert von MDR-Redakteur Daniel Tautz.

MDR S-ANHALT Fr 27.05.2022 18:00Uhr 01:00 min

https://www.mdr.de/nachrichten/sachsen-anhalt/video-nachrichten-aktuellsiebenundzwanzigster-mai100.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Video