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Willkommen im Kiez-Kino: Sebastian Plickert ist Vorstandsmitglied im Verein "Film ab! in Dessau". Der hat das Kiez-Kino wiederbelebt und bietet ein Programm abseits des Mainstreams. Bildrechte: ARD.de

Ehrenamt in der KulturszeneAus Liebe zum Film: Wie das Kiez-Kino in Dessau Programm abseits des Mainstreams macht

von Luca Deutschländer, MDR SACHSEN-ANHALT

Stand: 21. Mai 2022, 08:02 Uhr

In fast jeder politischen Sonntagsrede wird die Bedeutung des Ehrenamts betont. Und klar: Ohne den ehrenamtlichen Einsatz vieler Menschen wäre das Leben wohl sehr viel eintöniger, auch kulturell. Denn viele Kinos, Museen oder Galerien leben nur, weil Ehrenamtliche sie am Leben halten. MDR SACHSEN-ANHALT stellt deshalb in loser Folge Ehrenamtliche vor, die die Kulturszene im Land bereichern. Heute: Kino-Macher Sebastian Plickert aus Dessau.

Das Wetter stimmt schon mal: Es regnet. Glaubt man dem Klischee, gibt es kaum besseres Wetter für einen Kino-Besuch. Sebastian Plickert bekommt von der lauen Sommerdusche da draußen aber nichts mit. Plickert läuft eine schmale Treppe hinunter. Das Holz knarzt bei jedem Schritt. Der 54-Jährige drückt auf ein paar Knöpfen herum, die große Maschine vor ihm beginnt zu surren. Eine Stunde noch bis Vorstellungsbeginn. Und der wohl wichtigste Punkt auf der To Do-Liste ist erledigt: Der Projektor läuft.

Das Kiez-Kino im Stadtteil Dessau-Nord Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Es ist später Nachmittag und in Dessau-Nord bereiten sie sich auf eine neue Kino-Woche vor. Wobei: 'Sie' wäre an dieser Stelle zu viel gesagt, denn Sebastian Plickert ist allein hier. "Das ist das Wunderbare, dass man den Betrieb auch allein schafft", sagt er. Heute bedeutet 'man': Er ist an der Reihe. Sebastian Plickert, Berliner Dialekt, olivgrüne Hose, freundliches Lächeln, das Haar ergraut, engagiert sich im Vorstand des Vereins "Film ab in Dessau". Der betreibt das Kiez-Kino. Es ist eines der wenigen Programmkinos in der Gegend.

Als Plickert an diesem Nachmittag die Vorstellung vorbereitet, ist er Vorführer, Verkäufer, Kassenwart und Reservierungsbüro in einem. Hier noch schnell den Film auf den Projektor spielen, dann das Geld in der Kasse zählen. Und dann klingelt auch schon das Handy, das mit einem Smartphone ungefähr so viel gemein hat wie das Kiez-Kino mit Kommerz und Mainstream. Stammgäste wollen Plätze reservieren. Die an der Heizung. Wie immer.

Blick hinter die Kulissen Besonderheit in Dessau-Nord: Einblicke aus dem Dessauer Kiez-Kino

Berthold-Brecht-Straße 29a: Wer hierher kommt, findet das soziokulturelle Zentrum "Kiez". Darin: das "Kiez-Kino". Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer
Es ist eines der kleinsten Kinos in Sachsen-Anhalt, bietet gerade einmal 44 Plätze und damit eine ganz besondere Atmosphäre. Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer
Um die Filme, die im Kino laufen, kümmert sich eine Programm-AG. Im Kiez-Kino wollen sie die besonderen und guten Filme zeigen. Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer
Sebastian Plickert ist Vorstandsmitglied bei "Film ab! in Dessau". Vor Beginn der Vorstellung bereitet er alles vor. Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer
Herzstück des Kinos ist der Filmprojektor (Mitte). Die beiden anderen Projektoren sind nicht mehr im Einsatz. So einfach bekommt man sie aber nicht hieraus. Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer
Oben im Büro des Kinos zeigt sich an vielen Ecken die Tradition, die hinter der Kulturinstitution steckt. Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer
So zum Beispiel: Wer telefonisch reserviert, ruft auf diesem Handy an. Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer
Die Mitglieder des Vereins kümmern sich darum, Werbung für ihr Kinoprogramm zu verteilen. Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Eines der kleinsten Kinos in ganz Sachsen-Anhalt

Wer in Dessau Filme abseits des Mainstreams sucht, für den ist das Kiez-Kino wohl die erste Adresse. Klar: Es gibt das große UCI-Kino ein paar Hundert Meter weiter. Da können die Gäste auch mal zwischen 15 Filmen auswählen. Täglich, versteht sich. Doch den Dokumentarfilm oder die sozialkritische Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Phänomenen – die gibt's wohl nur hier. Und in welchem Kino sitzt man schon in einem heimeligen Saal, der gerade einmal 44 Plätze bietet? Richtig: nirgends. Nicht ohne Grund zählt das Kiez-Kino zu den kleinsten Kinos in ganz Sachsen-Anhalt. Und es hat eine lange Geschichte: Viele Jahre war es an das gleichnamige soziokulturelle Zentrum angedockt. Das feierte neulich sein 30-jähriges Bestehen.

Im heimeligen Saal des Kinos haben 44 Zuschauerinnen und Zuschauer Platz. Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Dann, irgendwann im Sommer 2019 – Schuld war also ausnahmsweise nicht die Pandemie –, blieb der Saal zu. So richtig wirtschaftlich war der Betrieb nicht mehr. Und dann war auch noch der langjährige Vorführer Edmund Lening, von allen nur "Eddi" genannt, in den wohlverdienten Ruhestand gegangen. War's das also mit dem Programmkino in der Stadt? Geht nicht, dachten sich ein paar Dessauerinnen und Dessauer und gründeten im September 2020 den Verein "Film ab in Dessau". Einen Monat später hatten sie das Kino wiedereröffnet. Sebastian Plickert war von Anfang an dabei.

"Hier laufen die besonderen Filme"

Noch 20 Minuten bis zur Vorstellung. Plickert – im Hauptberuf als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Umweltbundesamt – steht jetzt hinter einem kleinen Tresen, neben ihm ein Kühlschrank mit Getränken aus der Kneipe nebenan. Popcorn? Gibt's hier nicht. Dafür eine nette Plauderei, als die ersten drei Besucherinnen vor dem Tresen stehen und ihre Tickets haben wollen. Eine der Frauen ist das erste Mal hier. "Das ist schon einzigartig", sagt sie. "Es hat Charme." Ihre Freundin war schon mal hier, das ist aber etliche Jahre her. "Ich wusste, dass hier die besonderen Filme laufen."

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Bei dem Film, den wir uns ausgesucht haben, wusste ich: Der läuft im UCI-Kino auf keinen Fall. Also dachte ich: Warten wir mal ob, ob der im Kiez-Kino läuft, ansonsten fahren wir nach Leipzig oder Halle. Aber: Er läuft hier. Das geht also auch in Dessau.

Besucherin im Kiez-Kino Dessau

Sebastian Plickert kann diese Worte nicht hören, er begrüßt vorn am Eingang gerade die nächsten Gäste. Auch so ist klar: Ein viel schöneres Lob können sie im Kiez-Kino eigentlich gar nicht bekommen. Und doch: Auch bei dieser Vorstellung verkauft Plickert zehn Tickets. So wie meistens. "Viel ist dit nicht", sagt er.

Stadt lobt "herausgehobene Bedeutung" für die Kulturszene

Und damit ist man schon angelangt bei der Frage, welchen Stellenwert ein kleines Kino für eine nicht ganz so kleine Stadt wie Dessau hat, die mit dem Bauhaus für sich wirbt – in der aber gewiss nur wenige Touristen das besondere Kino entdecken dürften, das sich ihnen hier abseits der Innenstadt bietet. Fragt man bei der Stadt selbst, ist die Antwort eindeutig: von einer "herausgehobenen Bedeutung" als Teil des städtischen Kulturangebotes ist da die Rede; und dass das Kiez-Kino wichtig sei für die Belebung des Quartiers.

Das Programmkino ist Teil einer lebendigen Stadtkultur und trägt mit seinem Kinoprogramm außerhalb des Mainstreams zur kulturellen Bildung unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen bei.

Stadt Dessau-Roßlau | über das Kiez-Kino

Und ja: Man kann die Wertschätzung, die aus diesen Zeilen spricht, durchaus auch an Fakten ablesen. Erst voriges Jahr glich die Stadt das Minus, das das Kino erwirtschaft hatte, "in einem gewissen Rahmen" aus, wie Sebastian Plickert sagt. Die Stadt betont, ihrerseits nicht nur den Spielbetrieb, sondern auch die Technik im "Kiez" zu fördern. Dass sich ein jeder Verein tendenziell mehr Unterstützung wünscht, versteht sich von selbst und ist überall so.

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Im Saal hat inzwischen die Vorstellung begonnen, eingeläutet von einem lauten Gong. Sebastian Plickert schließt die Tür und geht ein Stockwerk nach oben. Ins Büro – dem Raum, in dem vom nun noch lauter surrenden Projektor der Film "Heil dich doch selbst" läuft – ein Dokumentarfilm, der die Geschichte der Filmemacherin Yasmin C. Rams erzählt. Die hat seit ihrer Kindheit die Diagnose Epilepsie und macht sich, gegen den Willen ihrer Familie, auf, eine alternative Behandlungsmethode zu finden.

Für wen machen sie all das hier? Sebastian Plickert muss darüber nicht lange nachdenken. "Wir bedienen ein anderes Klientel als zum Beispiel das UCI-Kino. Das ist ziemlich viel wert und bereichert das Angebot." Was Plickert aber auch sagt: "Das Potenzial für ein Programmkino in Dessau ist scheinbar beschränkt. Das muss sich noch entwickeln." Klar: Die Stadt Dessau-Roßlau ist eine der ältesten in Deutschland und Kinos leben tendenziell eher von einem jüngeren Publikum. Wenn man Sebastian Plickert so zuhört, dann gäbe es gewiss wirtschaftlichere Standorte für ein Programmkino abseits des Mainstreams.

Wir haben einen gewissen Anspruch. Wir schielen nicht auf maximale Zuschauerzahlen. (...) Wir zeigen Filme, von denen wir denken, dass sie gut sind.

Sebastian Plickert | Verein "Film ab! in Dessau"

Man kann das feststellen und bedauern, dass der Saal nicht voller ist. Oder man versucht, das Angebot zu etablieren. Im Kiez-Kino haben sie sich für Letzteres entschieden. Ganz langsam entwickeln sich Kooperationen, Gastvorführungen, im Juni vor der Sommerpause haben sie sich ein französisches Programm ausgesucht. Dann laufen in Kinos in ganz Deutschland französische Filme für Schülerinnen und Schüler. In Essen, Bremen und Trier. In Mannheim, Marburg und in Osnabrück. Und im Kiez-Kino in Dessau. Dass das Schulfilmfestival "Cinefête" auch hier zu sehen ist, hat Tradition.

Französisches Programm vor der Sommerpause

Das Kiez-Kino in Dessau beteiligt sich vom 23. Juni bis 8. Juli 2022 am Schulfilmfestival "Cinefête". In dieser Zeit werden zahlreiche französische Filme für Schülerinnen und Schüler gezeigt – und am Abend auch regulär für alle interessierten Besucherinnen und Besucher. Später wollen sich die Kino-Macher aus Dessau auch an der "Franco Folie" beteiligen, dem Festival für französische Kultur, Lebensart und Kunst in Magdeburg.

Ehrenamt ohne Unterlass

Oben im Büro telefoniert Sebastian Plickert nun ohne Unterlass. Ehrenamt ist für gewöhnlich verbunden mit Leidenschaft. Da guckt man nicht auf die Uhr. Also versucht der 54-Jährige gerade, die letzten Details für eine besondere Vorstellung in wenigen Tagen zu klären. Da soll ein Stummfilm gezeigt werden, begleitet von Musik am Klavier. Doch das Instrument passt gar nicht ohne Weiteres in den Saal. Also müssen Sitze abgeschraubt werden. Das muss geklärt werden. Langweilig wird es bestimmt nicht. "Ich bin aber auch nicht der Beste im Delegieren", sagt Plickert und lacht.

Ehrenamt bedeutet immer auch: seine Freizeit für andere opfern. Menschen wie Sebastian Plickert ist es das wert. Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Im Verein "Film ab in Dessau" hoffen sie, ein paar Stammgäste von einer Mitgliedschaft zu überzeugen. "Schon als wir angefangen haben, wurde uns gesagt: Das Schwierigste ist, die Kino-Dienste personell abzudecken."

Unten im Saal geht die Vorstellung inzwischen zu Ende. In einer Stunde wird der nächste Film gezeigt. Und morgen. Und übermorgen. Draußen scheint inzwischen die Sonne.

Das Programm im Kiez-Kino in Dessau

Das Kiez-Kino in Dessau zeigt Filme immer dienstags bis freitags, jeweils 17:30 Uhr und 20:30 Uhr. Eine Eintrittskarte kostet sechs Euro (ermäßigt fünf Euro). Kommende Woche ist unter anderem ein Film des Dessauer Schauspielers Andreas Hammer ("Kälber mit zwei Köpfen") auf der Leinwand, außerdem werden "Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush" und "Notre Dame – Die Liebe ist eine Baustelle" gezeigt.

Sein vollständiges Programm veröffentlicht das Kino immer auf seiner Website. Karten können ausschließlich dienstags bis freitags zwischen 18 Uhr und 20 Uhr telefonisch unter 0177 75 011 91 reserviert werden.

Vielseitig: Das Kiez-Kino zeigt Filme, die in großen Kinos seltener zu sehen sind. Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Mehr zum Thema: Kultur in Dessau und Umgebung

MDR (Luca Deutschländer)

Dieses Thema im Programm:MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 21. Mai 2022 | 10:40 Uhr

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