Mehr als 30 Menschen in Notaufnahme Dessau-Roßlau leidet unter dem Eichenprozessionsspinner

Susanne Reh, Redakteurin im MDR-Studio Dessau-Roßlau
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Der Eichenprozessionsspinner ist nicht neu in Dessau-Roßlau. Vor einigen Tagen hat sein Gift dafür gesorgt, dass mehr als 30 Menschen in die Notaufnahme mussten. Die Anwohner ärgern sich über Probleme bei der Bekämpfung.

Die Anwohner vom Dohlenweg in Dessau sind zu beneiden. Ihre Grundstücke liegen direkt am Deich, dahinter ist Wald und wenige Meter weiter fließt die Mulde. Doch die Idylle trügt in diesen Tagen. Denn die Bewohner des Dessauer Ortsteils Törten klagen über massive Hautprobleme durch das Gift von Eichenprozessionsspinnern.

"Gucken Sie mal, diese Pickel und Pusteln sind über den ganzen Körper verteilt", erzählt Patricia Meiselbach. Ihre Nachbarin Katja Waldbauer ergänzt: "Vor allem an den weichen Hautflächen – Innenschenkel, die Innenarme, der Hals. Es ist grauenvoll, es juckt wie die Pest. Man kann nicht gegen den Juckreiz ankämpfen. Der Kopf sagt, du darfst nicht kratzen, aber man kann nichts dagegen tun. Man juckt trotzdem und dann wird es wirklich brennend und schmerzhaft."

Viele Fälle an einem Tag

So wie den beiden Frauen ging es am Wochenende hunderten Dessauern. Allein 70 Frauen und Männer haben den Notdienst in der Hubertus Apotheke genutzt. "Alle kamen mit den gleichen Symptomen," erzählt Mitarbeiterin Cornelia Beuchel, die am Sonntag Dienst hatte. "Hautausschlag am ganzen Körper, an den Armen. Wir haben Cortison-Salben und kühlende Salben empfohlen."

Am Städtischen Klinikum Dessau haben sich an diesem Tag 31 Patienten mit allergischen Reaktionen in der Notaufnahme vorgestellt. Sechs Mal so viele wie an gewöhnlichen Wochenenden, so der Kliniksprecher.

Hautirritationen bei Berühgung der Raupenhaare möglich

Seit 1993 breitet sich der Schmetterling in Deutschland vermehrt aus, auch in der Altmark, im Landkreis Wittenberg und in der Stadt Dessau-Roßlau. Er tritt bevorzugt in Eichenwäldern auf.

Ein Warnschild hängt an einem Baum.
Warnschilder sind in Dessau-Roßlau angebracht worden. Das reicht den Anwohnern aber nicht aus. Bildrechte: MDR/Susanne Reh

Neben der Schädigung der Eichen durch den starken Fraß der Raupen können die Raupenhaare des Eichenprozessionsspinners eine Gesundheitsgefahr für Menschen darstellen. Das gilt vor allem für eine Berührung mit den Gifthaaren, die das Eiweißgift Thaumetopoein enthalten. Dieses Gift kann beim Menschen Hautirritationen, Atembeschwerden und Augenreizungen auslösen. Problematisch dabei: die Gifthaare können bis zu tausend Meter weit mit dem Wind verteilt werden. Und das war am Wochenende in Dessau-Roßlau aufgrund der Wetterlage der Fall.

Viele Wald-Eigentümer, wenig Zusammenarbeit

Zwar hat die Stadt Dessau-Roßlau in ihren Stadtwäldern und Parks die Eichen im Frühjahr behandelt. Vor allem an Schulen und Kindertagesstätten sowie an Radwegen und an Wegesrändern, wie Stadtsprecher Carsten Sauer sagt. Eichen in dichten Waldgebieten seien dagegen technisch schwer zu erreichen.

Das Problem in Dessau-Roßlau ist zudem, dass es mehrere Eigentümer von Waldflächen gibt. Die Stadt selbst verfügt über etwa 300 Hektar Wald. Insgesamt aber ist Dessau-Roßlau von 9.800 Hektar Wald umgeben. Große Eigentümer sind das Land Sachsen-Anhalt, die Kulturstiftung Dessau-Roßlau sowie das Landesamt für Hochwasserschutz in Magdeburg.

Anwohnerin Partricia Meiselbach ist seit Jahren mit all diesen Behörden in Kontakt. Sie wünscht sich eine koordinierte Maßnahme aller Grundstückseigner. "Der Eichenprozessionsspinner macht nicht an Grundstücksgrenzen Halt. Und wir erwarten von der Stadt Dessau-Roßlau, dass sie unsere Interessen gegenüber dem Land vertritt", so die Frau aus Törten.

Weitere Maßnahmen gegen den Eichenprozessionsspinner im Juli

Im Mai wurde der Eichenprozessionsspinner in Dessau-Roßlau mit dem Biozid Foray ES besprüht. Das ist ein Fraßgift, welches auf die Blätter der Eichen aufgebracht wird. Dies erfolgte in Dessau-Roßlau mittels Sprühkanonen vom Boden aus. Testweise wurden zudem Nematoden eingesetzt. Es handelt sich hierbei um Fadenwürmer, die als Vektor für das Bakterium dienen.

Als mechanische Bekämpfungsmethode eignet sich das Absaugen der Nester. Dies ist aber erst effektiv möglich, wenn sich die Raupen zur Verpuppung in den Nestern gesammelt haben. Dies geschieht voraussichtlich Anfang bis Mitte Juli. Für die mechanische Bekämpfung hat die Stadt bereits eine Firma gebunden, die mit bis zu drei Einsatzteams die Arbeiten durchführen wird.

Der Eichenprozessionsspinner in anderen Regionen Sachsen-Anhalts

Eichenprozessionsspinner
Der Eichenprozessionsspinner in Nahaufnahme Bildrechte: IMAGO

In den vergangenen Wochen wurde in mehreren Regionen Sachsen-Anhalts der Eichenprozessionsspinner bekämpft. So wurden Anfang Juni in der Lutherstadt Wittenberg über 1.200 Eichen mit einem Mittel gegen den Eichenprozessionsspinner besprüht. In Magdeburg sind bereits im Mai über 2.000 Bäume vorbeugend behandelt worden. Auch in Tangerhütte wurde der Schädling bereits bekämpft.

In Halle musste eine Grundschule für zwei Tage schließen, um einen Befall auf dem Schulgelände zu behandeln. In der Saalestadt wurden zudem an mehreren Standorten weitere Maßnahmen durchgeführt.

Susanne Reh, Redakteurin im MDR-Studio Dessau-Roßlau
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Über die Autorin Susanne Reh arbeitet seit Anfang 1994 bei MDR SACHSEN-ANHALT, meist im Regionalstudio Dessau. Ihre Schwerpunkte sind Themen aus dem Kultur- und Sozialbereich. Ob Weill-Fest in Dessau, Luther in Wittenberg oder Dessau-Wörlitzer Gartenreich, die Autorin fängt Themen für Radio, Fernsehen und Online mit Mikrofon und Kamera ein. Ihre besondere Leidenschaft gilt den "Geschichten aus Sachsen-Anhalt" jeden Sonntagvormittag bei MDR SACHSEN-ANHALT. Bevor sie zum Radio kam, hat sie in Halle Literatur und Geschichte studiert.

Die zweifache Mutter stammt aus Sachsen-Anhalt, aus dem Mansfelder Land. In ihrer Freizeit trifft man sie auf dem Fahrrad, Motorrad oder beim Joggen oder Schwimmen an. Ihre Lieblingsorte in Sachsen-Anhalt sind deshalb die Goitzsche bei Bitterfeld und der Geiseltalsee.

MDR/Susanne Reh, Fabian Frenzel

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 23. Juni 2021 | 19:00 Uhr

2 Kommentare

Kritiker vor 5 Wochen

+...Seit 1993 breitet sich der Schmetterling in Deutschland vermehrt aus,...+
Wie sieht es dann aus wenn man den Schmetterling versucht zu vernichten? Wäre vllt. auch für Bürger interessant diesen Schmetterling mal bildlich hierin zu veröffentlichen damit jeder der solche Ursachen schnappen und vernichten kann es auch tut und damit die Population des Eichenprozessionsspinner zu minimieren. Der Schmetterling ist doch wohl dann die Ursache und jeder der vernichtet wird kann keinen Nachwuchs erbringen.

Kritiker vor 5 Wochen

Wie weit ist der Eichenprozessionsspinner ALS SCHMETTERLING noch gefährlich. Wäre vllt. eine Aufklärung wert.

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