100 Jahre Bauhaus "Es war sehr intensiv": Bauhaus-Direktorin Perren zieht Bilanz des Jubiläumsjahres

Susanne Reh, Redakteurin im MDR-Studio Dessau-Roßlau
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

100 Jahre Bauhaus: Für die Stadt Dessau-Roßlau war 2019 ein besonderes Jahr. 73.000 Menschen kamen, um das neu geschaffene Bauhaus Museum zu besichtigen. Doch trotz aller Feiern gab es auch Kritik, am Museum, dessen Standort und Claudia Perren. In Teil 1 der Reihe zum Bauhausjahr 2019 hat MDR SACHSEN-ANHALT die Direktorin der Stiftung Bauhaus um Bilanz gebeten.

Lichter im Bauhaus Museum Dessau
Das neue Bauhaus Museum in Dessau wurde im September eröffnet. Der Neubau war rund 28 Millionen Euro teuer. Bildrechte: imago images / Hartmut Bösener

Seit dem 1. August 2014 ist Perren Direktorin der Stiftung Bauhaus Dessau. Sie wurde mit gerade 41 Jahren die erste Frau überhaupt auf diesem Posten. Unter 28 Bewerbern hatte sich Perren damals durchgesetzt. Die Entscheidung des Kuratoriums fiel einstimmig auf sie. In Dessau wurde aus der Architekturtheoretikerin schnell eine Praktikerin: Bauherrin. Ihr Auftrag: das 100-jährige Bauhausjubiläum vorbereiten und den damals noch mit 25 Millionen Euro veranschlagten Neubau des Bauhaus Museums in Dessau auf den Weg bringen.

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Claudia Perren ist in Ostberlin aufgewachsen. Jahrgang 1973. Ihr Markenzeichen: der knallrote Lippenstift, Kontrast zu ihren schwarzen Anzügen. Sie ist verheiratet und Mutter von zwei Kindern. Studiert hat Perren Architektur an Hochschulen in Berlin, Zürich und New York. 2005 hat sie in Kassel im Fach Architekturtheorie promoviert. Acht Jahre lang unterrichtete sie Geschichte und Theorie der Architektur an der Universität in Sydney in Australien. Ergebnisse ihrer Forschung, Lehre und praktischen Tätigkeit sind in zahlreichen Publikationen und Ausstellungen in Australien, Deutschland, den Niederlanden, Polen, Tschechien, Singapur, Spanien, Finnland, Estland und der Schweiz veröffentlicht worden.

Ob und wie ihr beides gelungen ist, hat MDR SACHSEN-ANHALT Claudia Perren im Gespräch gefragt.

MDR SACHSEN-ANHALT: Frau Perren, wie würden Sie diesen Satz vervollständigen: Das Bauhaus-Jahr war ein...

Claudia Perren: ...sehr intensives Jahr und ich bin sehr zufrieden über die Bandbreite der Bauhausinteressierten, die zu uns kamen. Ich denke, wir haben hier am Bauhaus Dessau ein sehr vielfältiges Programm geboten von den Bauhausfestivals zur Schule, zur Architektur, zur Bühne, zur Sammlung bis zur Eröffnung selbstverständlich des Museums. Das war ganz klar unser Highlight.

All die Dinge fielen in in Ihre fünfjährige Amtszeit.

Ja stimmt, ich bin schon in meiner zweiten Amtszeit und nun bin ich in der zweiten Hälfte und ja: angekommen in Dessau. Ich sage immer, wie die amerikanischen Präsidenten. Eine Präsidentin hatten die ja noch nicht. (lacht)

Und die ganze Zeit über mit Bauen beschäftigt!?

Genau, wir waren Bauherrin für das Museum. Das hat sich auch als sehr gut erwiesen. Wir haben eine sehr kompetente Bauabteilung. Wir hatten einen sehr guten Projektsteuerer, enthusiastische Architekten aus Barcelona mit dem Partnerbüro in Berlin und gemeinsam haben wir das hinbekommen. Ich meine zweieinhalb Jahre Bauzeit und ja, im Kostenrahmen – soweit das eben in dieser Zeit geht – geblieben. Das, finde ich, ist schon mal eine große Leistung vom ganzen Team.

Es gibt immer Kritik. Das ist auch gar nicht zu vermeiden und sollte auch gar nicht vermieden werden, weil das auch ein Ausdruck dessen ist, wie man sich mit den Dingen auseinander setzt

Sie kennen schon die Begriffe, die die Dessauer für das neue Museum haben? Schwimmhalle oder großes Autohaus zum Beispiel.

Und Schneewittchensarg. Das finde ich jetzt nicht das Allerschlimmste. Schneewittchen war doch eine sehr schöne Frau. Insofern, wenn man da drin dann etwas Interessantes und Schönes erfährt, ist das viel wert. Außerdem wird sie wieder zum Leben erweckt, was auch nicht so schlecht ist.

Außenansicht des Bauhaus Museums Dessau
Für Standort und Bauweise des Bauhaus Museums gab es auch Kritik. Bildrechte: imago images / Hartmut Bösener

Wie gehen Sie denn mit dieser Kritik um?

Ich denke, es gibt immer Kritik. Das ist gar nicht zu vermeiden und sollte auch gar nicht vermieden werden, weil das auch ein Ausdruck dessen ist, wie man sich mit den Dingen auseinandersetzt. Es gab ja sehr viel Kritik und Streit und Diskussionen um den Standort. Das halte ich aber alles für richtig, weil man muss sich darüber austauschen, wo der richtige Ort ist. Es wurden 14 Orte damals in Dessau analysiert, untersucht, Vor- und Nachteile. Es gab dann drei Favoriten – zwei in der Nähe vom historischen Bauhausgebäude, eins hier mitten in der Stadt.

Der Landtag, der Stadtrat und der Stiftungsrat haben sich für das Grundstück im Stadtpark ausgesprochen. Und ich sage: Seit wir eröffnet haben, habe ich nie wieder etwas davon gehört, dass es der falsche Standort war. Natürlich hätte so eine Kompensation, so eine Museumsinsel, auch Sinn machen können, aber wenn ich die Besucherzahlen sehe – wir haben jetzt seit der Eröffnung schon 73.000 Besucher im Museum begrüßt – die sind dann auch in der Innenstadt. Und da ist auch gut, wenn wir ringsum ein bisschen Platz haben. (lacht)

Es gab im Frühjahr viel Kritik an Ihnen, nachdem Sie der linken Rockband "Feine Sahne Fischfilet" vergangenen Herbst ein Konzert im historischen Bauhaus verboten haben. Wir zitieren Ihre damalige Entscheidung: "Wir wollen Rechtsradikalen vor dem Bauhaus keine Plattform bieten." Zudem sei das Bauhausgebäude eine Unesco-Weltkulturerbestätte, die eines ganz besonderen Schutzes bedarf, sagten Sie. Man dürfe über die Bauhausbühne nicht mal mit kratzigen Schuhen gehen. "Da darf kein Nagel in die Wand, ohne dass wir das mit der Denkmalschutzbehörde abgesprochen haben." Diese Absage hat Ihnen auch viele ganz persönliche Anfeindungen eingebracht. Wie steckt man das weg?

Persönliche Anfeindungen sind immer unprofessionell, weil man ja in einer Stiftung immer im besten Sinne und Gewissen für die Stiftung agiert. Was nicht heißt, dass jeder von uns fehlerfrei ist. Wir haben damals die Kritik zur Konzertabsage sehr ernst genommen, wir haben uns sehr damit auseinander gesetzt. Intern, aber auch extern. Wir haben sehr viel Solidarität erfahren von lokalen Akteuren, wie dem Netzwerk für gelebte Demokratie. Wir haben mehrere Workshops mit ihnen durchgeführt. Aber auch der Bauhaus-Verbund hat sich sehr solidarisch gezeigt. Und ich finde, einer der Erfolge war, dass wir im März, als der nächste Neonaziaufmarsch am Bauhaus-Gebäude vorbei ging, eine bunte Kette um das Gebäude schließen konnten. Das ist ein großer Erfolg. Und ich denke, gemeinsam müssen wir einfach daran weiter arbeiten und auch gemeinsam Lösungen finden.

Lassen Sie uns noch einmal auf das Bauhaus Museum blicken, das im September eröffnet wurde. War das zu spät? Hätten Sie mit einer früheren Eröffnung nicht noch mehr Touristen in die Stadt holen können?

Nein, das war genau richtig (lacht). Große Ausstellungen eröffnen immer im Frühjahr und im Herbst. Von der Bauzeit, die wir hatten, war eine Eröffnung im September realistisch. Und ich habe immer gesagt, es macht keinen Sinn, dass wir ein Eröffungsdatum rausgeben, wenn wir nicht wissen, dass wir es auch schaffen. Und wir haben den September sehr gut geschafft. Wir waren drei Tage vor der Eröffnung mit der Ausstellungspräsentation fertig. Ich denke, das war genau der richtige Zeitpunkt.

Das Museum ist ein Riesenerfolg, die Besucherströme reißen nicht ab.

Dazu kommt, dass man sich mit Partnern abstimmen muss. Wir feiern das 100-jährige Gründungsjubiläum und haben uns mit Weimar abgestimmt, dass Weimar den Vorrang hat und Berlin und Dessau dann im Herbst eröffnen. Das war eine gemeinsame Entscheidung. Gleichwohl haben wir viel Programm gehabt, das auch im Frühjahr funktioniert hat, zum Beispiel die Eröffnung der Meisterhäuser. Wir haben Klee/Kandinsky in eine ganz neue Farbenpracht versetzt. Wir haben das historische Bauhaus und die anderen Gebäude mit neuen Ausstellungen versehen, wo man erstmals so den Gesamtzusammenhang sehen kann. Das heißt, es lief schon sehr viel und wir hatten auch schon vor dem Museum sehr sehr viele Besucher und sind jetzt bei 265.000 Besuchern für alle Bauhaus-Bauten. In diesem Jahr.

Gratulation!

Vielen Dank! Das Museum ist ein Riesenerfolg, die Besucherströme reißen nicht ab. Die Führungen sind bis 2021 ausgebucht. Wir suchen dringend Guides in allen Sprachen. Gerne bei uns melden. Es ist toll. Wir freuen uns. Tickets bekommt man immer noch. Am besten ist, online zu buchen. Aber Gruppen-Führungen sind bis 2021 weg.

Zum Schluss ein Ausblick: Werden das jetzt bis 2026, wenn wir 100 Jahre Bauhaus in Dessau feiern, ruhige Jahre ohne Baustaub für Sie?

(lacht) Wir haben ja in dem Jubiläum schon sehr viel angelegt, das wir auch in den kommenden Jahren machen werden. Wenn man mal beim Museum anfängt: Wir haben eine dynamische Sammlungspräsentation. Das heißt, es gibt Teile innerhalb der Ausstellung, die immer wieder wechseln. Da holen wir mal eigene besondere Objekte hervor und zeigen sie für eine bestimmte Zeit, oder haben Gastpräsentationen von Institutionen, die sich auch mit dem Bauhaus beschäftigen. Mit einer anderen Perspektive aus einem anderen Teil der Welt. Und wir haben Projekte mit Schülerinnen und Schülern: Wir arbeiten hier in Dessau mit 14 Schulen zusammen, alle Altersklassen von der Ersten bis zur Berufsschule. Das geht weiter in allen Facetten.

Sind Sie am Ende dieses Jahres geschafft, zufrieden, glücklich?

Ich glaube, wir sind alle ein bisschen müde (lacht), aber frohen Mutes. Wir machen kollektiv Weihnachtsferien und dann starten wir frisch ins neue Jahr.

Vielen Dank für das Gespräch.

Susanne Reh, Redakteurin im MDR-Studio Dessau-Roßlau
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Über die Autorin Susanne Reh arbeitet seit Anfang 1994 bei MDR SACHSEN-ANHALT, meist im Regionalstudio Dessau. Ihre Schwerpunkte sind Themen aus dem Kultur- und Sozialbereich. Ob Weill-Fest in Dessau, Luther in Wittenberg oder Dessau-Wörlitzer Gartenreich, die Autorin fängt Themen für Radio, Fernsehen und Online mit Mikrofon und Kamera ein. Ihre besondere Leidenschaft gilt den "Geschichten aus Sachsen-Anhalt" jeden Sonntagvormittag bei MDR SACHSEN-ANHALT. Bevor sie zum Radio kam, hat sie in Halle Literatur und Geschichte studiert. Die zweifache Mutter stammt aus Sachsen-Anhalt, aus dem Mansfelder Land. In ihrer Freizeit trifft man sie auf dem Fahrrad, Motorrad oder beim Joggen oder Schwimmen an. Ihre Lieblingsorte in Sachsen-Anhalt sind deshalb die Goitzsche bei Bitterfeld und der Geiseltalsee.

Quelle: MDR/ld

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 06. Dezember 2019 | 07:00 Uhr

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