Auftrag einer privaten Initiative Neues Gutachten: Oury Jalloh wurde in Zelle angezündet

Oury Jalloh ist 2005 in einer Gefängniszelle in Dessau verbrannt. Die genauen Umstände seines Todes sind bis heute ungeklärt. Ein neues Gutachten im Auftrag einer Initiative kommt zum dem Schluss, dass Jalloh von Polizisten angezündet worden ist. Jallohs Familie fordert nun die Wiederaufnahme der Mordermittlungen.

Mitglieder der Initiative in Gedenken an Oury Jalloh sitzen bei einem Pressegespräch, in einem abgedunkelten Raum mit Fotoprojektionen an der Wand nebeneinander.
Ein neues Gutachten auf Basis Brandversuchen in einem Nachbau der Zelle geht davon aus, dass Oury Jalloh in einem Dessauer Gefängnis angezündet worden ist. Bildrechte: dpa

Ein neues Gutachten eines britischen Brandexperten kommt zu dem Schluss, dass Oury Jalloh 2005 in seiner Gefängniszelle in Dessau angezündet worden ist. Das Gutachten wurde am Mittwoch in Berlin vorgestellt und von einer privaten Aufklärungsinitiative in Auftrag gegeben, die seit vielen Jahren davon ausgeht, dass Jalloh ermordet wurde.

Grundlage für das Gutachten sind Brandversuche mit einem Dummy in einem originalgetreuen Nachbau der Zelle, in der Jalloh 2005 verbrannte, sowie Bewegungsversuche. Dabei wurde eine Person auf einer Matratze in Originalgröße wie Jalloh an beiden Händen und Füßen fixiert. Der Versuch habe gezeigt, dass Jalloh weder den Bewegungsspielraum, noch andere Möglichkeiten hatte, die Matratze selbst anzuzünden, heißt es in einer Mitteilung der Initiative.

Ein Bild von Oury Jalloh auf einer Akte 30 min
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Exakt - Die Story Do 25.06.2020 18:00Uhr 29:53 min

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Familie erhebt Anklage

Bei dem durchgeführten Brandtest wurde eine Matratze und der darauf liegende Dummy mit 2,5 Litern Benzin übergossen und entzündet. Der Verlauf des Feuers wurde gefilmt. Anschließend haben der Zellennachbau und der künstliche Körper sich in einem ähnlichen Zustand befunden wie die Originalzelle und Jallohs Leiche auf Fotos von 2005 zu erkennen seien, sagte Experte Iain Peck. Ohne Benzin seien so ein Feuer und so starke Brandspuren nicht möglich.

Jallohs Familie fordert nun die sofortige Wiederaufnahme der Ermittlungen wegen Mordes gegen einen Polizeibeamten des Dessauer Reviers. Sie stellt gleichzeitig Anzeige wegen Strafvereitelung im Amt gegen die für die Ermittlungen zuständigen Oberstaatsanwälte der Generalstaatsanwaltschaft Naumburg.

Generalstaatsanwaltschaft will Gutachten prüfen

Diese teilte mit, das aktuelle Gutachten sei ihr noch nicht übermittelt worden. Sollte es sich dabei "um ein neues Beweismittel handeln, welches geeignet ist, einen genügenden Tatverdacht gegen eine konkrete Person zu begründen, könnten die Ermittlungen wieder aufgenommen werden". Bei früheren Brandgutachten im Auftrag der Initiative von 2013 und 2015 sei das aber nicht der Fall gewesen.

Kerzen bei Gedenk-Demonstrationen am 8. Todestag des aus Sierra Leone stammenden Flüchtling Oury Jalloh, der im Dessauer Polizeigewahrsam zu Tode kam
Bildrechte: imago/imagebroker

Vergangene Gutachten mit ähnlichen Ergebnissen

Brandexperte Iain Peck hatte bereits 2015 ein Gutachten im Auftrag der Initiative durchgeführt. Darin kam er zu dem Schluss, dass das Feuerzeug, das bei Jalloh gefunden worden ist, nicht im Brandschutt seiner Zelle gelegen haben kann. Da an dem Feuerzeug keine Spuren von Jallohs DNA oder Faserreste seiner Matratze gefunden wurden, geht Peck davon aus, dass es sich dabei um ein manipuliertes Beweismittel handelt.

Der 36 Jahre alte Asylbewerber Oury Jalloh kam am 7. Januar 2005 bei einem Brand in einer Zelle des Dessauer Polizeireviers ums Leben. Ob er selber die Matratze angezündet hat, auf der er gefesselt lag, ist bis heute nicht geklärt. Die genauen Umstände des Todes konnten auch in zwei Gerichtsverfahren nicht aufgedeckt werden. Der Mann aus Sierra Leone war in Gewahrsam, weil er mehrere Frauen belästigt und Widerstand gegen die Polizei geleistet haben soll.

MDR/Fabienne von der Eltz

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 03. November 2021 | 13:00 Uhr

88 Kommentare

Mik29 vor 3 Wochen

Wenn in einem Mordverdachtsfall ermittelt wird, noch dazu in einem mit solcher Öffentlichkeitswirksamkeit, können sie davon ausgehen, dass ein deutsches Gericht besonders gründlich ermittelt, alle bekannten Fakten und Beweise gewürdigt und am Ende ein Urteil gefällt hat, welches nach rechtsstaatlichen Prinzipien zustande gekommen ist. Insofern ist es nachvollziehbar, dass die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen nur dann wieder aufnimmt, wenn neues Beweismittel vorgelegt werden kann, welches geeignet ist, einen genügenden Tatverdacht gegen eine konkrete Person zu begründen. Dies erscheint mir im vorliegenden Fall zweifelhaft. Ich glaube nicht, dass die Akte noch einmal geöffnet wird.

Mik29 vor 3 Wochen

Nur muss man wissen, dass Gutachten häufig nur auf Theorien basieren, die dann von anderen Gutachtern widerlegt werden. Daher taugt ein Gutachten nicht automatisch als Beweis.

HeWe vor 3 Wochen

Beim Brand in der Zell konnte wohl kein Brandbeschleuniger nachgewiesen werden. Deswegen meine Frage, ob denn bei dem nachgestellten Brand auch kein Brandbeschleuniger nachgewiesen werden konnte.

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