Landesarchiv Yachtclub Dessau: Historische Dokumente bieten Einblicke ins Jahr 1931

Susanne Reh, Redakteurin im MDR-Studio Dessau-Roßlau
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Das Landesarchiv in Dessau kann sich über mehrere wertvolle Dokumente freuen: Papiere und Zeichnungen aus der Gründungszeit des Dessauer Yachtclubs. Die Dokumente waren 90 Jahre lang in Privatbesitz, haben die Zerstörung Dessaus im Zweiten Weltkrieg durch Zufall überlebt und sind nun über Umwege zurückgekehrt.

Historische Dokumente auf einem Tisch.
Einige der alten Zeichnungen und Dokumente vom Dessauer Yachtclub Bildrechte: MDR/Susanne Reh

Sie hießen Falke, Tümmler, Roland oder Schlingel und schipperten einst auf der Elbe bei Dessau. In feinstem Sütterlin stehen die Namen der Schiffe und ihrer Besitzer im Mitgliederverzeichnis des Yachtclubs Dessau aus dem Jahr 1931. Das Buch gehört ab sofort zum Bestand des Landesarchivs in Dessau.

Mitarbeiterin Ines Bialas freut sich über die Schenkung. "Bislang hatten wir lediglich einen Eintrag des Yachtclubs im amtlichen Vereinsregister. Das sind nun überhaupt die ersten Materialien, die wir von diesem Verein haben - und dann auch noch so schöne und gut erhaltene." Die Papiere und Zeichnungen schließen eine große Lücke und erzählen Dessauer Alltagsgeschichte, so Bialas.

Historische Dokumente auf einem Tisch.
J.K.D. - "Jacht-Klub-Dessau" in Rot und Weiß Bildrechte: MDR/Susanne Reh

Denn im Mitgliederverzeichnis finden sich hunderte Namen von Dessauern. Meist "gutsituierte" Leute, sagt Bialas. "Beamte, Lehrer, Geschäftsleute, Anwälte, Architekten - Namen, die wir schon kannten, aber auch unbekannte. Menschen, die sich dieses Hobby eben leisten konnten". Sie sind verzeichnet mit Namen, Beruf, Geburtsdatum. Auch wie das Boot hieß, mit dem sie fuhren, kann man nachlesen. Unter ihnen der Dessauer Uhrmachermeister Tilo Kirsten, der die Originaldokumente verwahrt hat. Seine Tochter, Gitta Bolitschew, die heute in Berlin wohnt, erinnert sich: "Unser Boot hieß Friedel, ein großes schönes Schiff, mit dem man segeln konnte, wenn der Wind am Kornhaus ordentlich pfiff".

Dokumente überstanden den Krieg im Panzerschrank

Geschrieben wurden die Mitgliederlisten vermutlich von ihrem Großvater, Friedrich Kirsten. Das hat eine Überprüfung der Handschrift mit anderen Aufzeichnungen ergeben. Kirsten war Ballonfahrer, hat in Wien gelebt, dort als Maschinenbauingenieur am Riesenrad im Wiener Prater mitgewirkt und später bei der Polysius AG in Dessau gearbeitet.

Historisches Foto von Friedrich Kirsten.
Ein Portätbild von Friedrich Kirsten Bildrechte: MDR/Susanne Reh

Dass die Dokumente die Zeit überhaupt überdauert haben, ist der Umsicht des Uhrmachermeisters Tilo Kirsten zu verdanken. "Wir hatten einen schweren Panzerschrank, dort waren Uhren, Schmuck und wertvolle Dokumente aufbewahrt. Als im Zweiten Weltkrieg eine Luftmine unser Haus komplett zerstört hat, lag der Panzerschrank unbeschadet ganz oben auf dem Schuttberg. Dort waren auch die Sachen vom Yachtclub drin", erzählt Gitta Bolitschew. Auch später wurden die Papiere nicht einfach weggeschmissen, weil immer noch die Hoffnung bestand, man könne wieder in den Yachtclub eintreten.

Zeichnungen von Karten und Anlegestellen

Beim Aufräumen wurde das Material schließlich vor ein paar Jahren entdeckt - und es war der Enkel, der jemanden suchte, der mit den Dokumenten etwas anfangen kann. Robert Schubert, Fernsehjournalist beim Norddeutschen Rundfunk in Greifswald, nahm Kontakt mit dem Yachtclub, dem Landesarchiv und dem Mitteldeutschen Rundfunk auf. Er sichtete das historische Material, darunter eine maschinengeschriebene Satzung sowie der originale Pachtvertrag mit Junkers aus den Dreißigerjahren. Außerdem Briefpapier von 1931 und handgezeichnetes Kartenmaterial vom Gelände und den damaligen Anlegestellen.

Seine Familie, so Schubert, möchte die historischen Dokumente an jemanden abgeben, der den Wert schätzen kann und eine ernsthafte Verwendung dafür hat. Das ist im Landesarchiv Sachsen-Anhalts im Dessauer Wasserturm gegeben. Dort werden die Gründungsdokumente nun wissenschaftlich aufgearbeitet und sollen dann für Nutzer und Leser zur Verfügung stehen.

MDR/Susanne Reh, Martin Moll

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 25. Oktober 2021 | 17:00 Uhr

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