Fünf Jahre danach Meine Erinnerungen an den Fall Yangjie Li in Dessau

Vor genau fünf Jahren wurde in Dessau die chinesische Studentin Yangjie Li ermordet. Die Täter wurden gefasst, ein monatelanger Prozess begann. Im Gerichtssal war damals Grit Lichtblau für MDR SACHSEN-ANHALT, die sich noch heute in Dessau regelmäßig an Yangjie Li erinnert.

Auf dem Boden liegen weiße Papierblüten verstreut zwischen Zetteln.
Weiße Papierrosen erinnern während der Verhandlung an Yangjie Li. Heute blüht ein Rosenstrauch am Fundort der Leiche der jungen Frau. (Archivbild) Bildrechte: MDR/Isabell Hartung

Vergessen, nein! Vergessen kann man solch eine Tat nicht. Nicht als Reporter, nicht als Einwohner von Dessau-Roßlau. Brutal und plötzlich wurde eine junge Frau aus dem Leben gerissen, die nach Deutschland gekommen war, um sich hier den Traum von einem Architekturstudium zu erfüllen. Ihr Name: Yangjie Li. 

Architekturstudentin kehrt nicht vom Joggen zurück

Es war ein schöner Frühlingstag vor fünf Jahren, nur kehrt die damals 25-Jährige von ihrer abendlichen Joggingrunde durch Dessau nicht zurück in ihre Wohngemeinschaft im Johannisviertel. Am Abend des 11. Mai 2016 wird die Architekturstudentin als vermisst gemeldet.

Mit Spürhunden und einem Hubschrauber wird nach der jungen Frau gesucht. Am 13. Mai entdecken Polizisten die entstellte Leiche unter einer Konifere, nur wenige hundert Meter von ihrem Wohnhaus entfernt. Die Obduktion ergibt wenig später: Bei der Toten handelt es sich um die vermisste Yangjie Li.

Eine chinesische Studentin legt Blumen an dem Bild von der vor einem Jahr ermordeten Mitstudentin Yangjie Li während einer Gedenkfeier nieder, aufgenommen am 12.05.2017 in Dessau-Roßlau (Sachsen-Anhalt). 3 min
Bildrechte: dpa

Vor fünf Jahren wurde Li Yangjie in Dessau ermordet. Der Fall hat über die Landesgrenzen hinaus schockiert. MDR SACHSEN-ANHALT-Reporter Martin Krause erinnert an den Fall.

MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir Mi 12.05.2021 08:10Uhr 03:25 min

https://www.mdr.de/mdr-sachsen-anhalt/erinnerung-fall-yangjie-li100.html

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Täter und Täterin zehn Tage später festgenommen

Zehn Tage danach wird ein junges Paar aus Dessau festgenommen, das unmittelbar neben dem Fundort der Leiche zusammen mit zwei kleinen Kindern wohnt.

Am 25. November 2016 beginnt der Prozess gegen das damals 20-jährige Paar. Der Andrang im Gerichtssaal ist riesig. Kamerateams drängeln sich um die besten Plätze. Auch ich sitze im Gerichtssaal, angespannt, irgendwie nervös. Wie sehen zwei Menschen aus, die solch ein Verbrechen begehen können?

Mit Handschellen werden sie hereingeführt, ihre Gesichter verdecken sie mit Aktenordnern. Vier Anwälte verteidigen sie. Nachdem die Vorsitzende Richterin den Gerichtssaal betreten hat, müssen alle Kameraleute den Saal verlassen. Erst jetzt nehmen Xenia I. und Sebastian F.  die Aktenordner herunter, wir sehen zum ersten Mal ihre jungen Gesichter.

Im Gerichtssaal haben sich viele Reporter versammelt. Sie halten mit ihren Kameras auf den Angeklagten und seine Verteidiger.
Großer Andrang bei der Verhandlung gegen Xenia I. und Sebastian F. am Dessauer Landgericht. Bildrechte: MDR/Isabell Hartung

Die Anklage: Misshandelt und vergewaltigt

Die Staatsanwältin verliest die Anklageschrift. Entsetzliche Details sind zu hören. Stundenlang soll die Studentin misshandelt und vergewaltigt worden sein.

Die Seiten in meinem dicken Notizbuch füllen sich in den kommenden Wochen mit jedem Prozesstag. Freunde, Bekannte, Gutachter werden gehört, auch viele Polizeibeamte. Deren Ermittlungsarbeit wird immer wieder kritisch hinterfragt und offenbart einige Pannen.

Lange schweigen die beiden Angeklagten. Erst im Januar 2017 schildert die 20-Jährige tränenreich die Geschehnisse in der Mordnacht aus ihrer Sicht. Doch kurz darauf hüllt sie sich wieder in Schweigen. Ist das glaubhaft? Eine Frage, die wir uns als Berichterstatter natürlich stellen, letztlich beantworten muss sie das Gericht.

Das Urteil: Lebenslage Haft für Sebastian F.

Das fällt nach 36 Verhandlungstagen im August 2017 das Urteil. Sebastian F. wird wegen Mordes und Vergewaltigung zu lebenslanger Haft verurteilt. Zudem stellt das Gericht die besondere Schwere der Schuld fest. Damit ist ausgeschlossen, dass er nach 15 Jahren Gefängnis freikommt.

Xenia I. wird wegen sexueller Nötigung zu fünfeinhalb Jahren Haft verurteilt. Zusammen müssen sie Schmerzensgeld in Höhe von 60.000 Euro zahlen. Staatsanwaltschaft und Nebenklage gehen in Revision. Der Bundesgerichtshof bestätigt jedoch einige Monate später die Urteile. Beide Täter sitzen nach Angaben der Dessauer Staatsanwaltschaft bis heute in Haft. Die mittlerweile 25-Jährige hat Ende des Jahres ihre Strafe abgesessen, käme dann frei. Sebastian F. bleibt im Gefängnis.

Zum Gedenken: Weiße Rosen blühen

Mädchen aus China halten einen Zettel mit der Aufschritt "Gerechtigkeit für Yangjie Li" in der Hand.
Zum Prozess der Täter kamen zahlreiche chinesische Studentinnen und Studenten. Freundinnen der Ermordeten forderten damals auf Zetteln "Gerechtigkeit für Yangjie Li". (Archivbild) Bildrechte: MDR/Isabell Hartung

Freunde haben zur Erinnerung an Yangjie Li an dem Ort, wo ihre Leiche gefunden wurde, einen weißen Rosenstrauch gepflanzt. Er blüht jedes Jahr. Der kleine Strauch ist ein Ort des Gedenkens, auch für Architektur-Professor Rudolf Lückmann von der Hochschule Anhalt.

Er hat vor 5 Jahren die Eltern von Yangjie Li unterstützt, stand Ihnen zusammen mit seiner Frau in den schwersten Stunden ihres Lebens zur Seite. Bis heute hält er den Kontakt. So habe er die Eltern in China mehrfach besucht. Er sei beeindruckt von ihrer Stärke. Beide hätten das Urteil akzeptiert, nach der schrecklichen Tat weitergearbeitet.

Fünf Jahre sind seit dem Mord an Yangjie Li in Dessau vergangen. Im Johannisviertel, in dem die Tat geschah, haben sich mehrere kleine Geschäfte und ein Restaurant etabliert. Ein neuer Kindergarten wird gebaut. Doch immer wenn ich dort bin, geht am Eckhaus mein Blick nach oben zu den Fenstern, hinter denen ein so furchtbares Verbrechen geschah.

MDR SACHSEN-ANHALT/Grit Lichtblau, Jana Müller

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 12. Mai 2021 | 08:10 Uhr

3 Kommentare

Mediator vor 5 Wochen

Was man auch nicht vergessen sollten sind die Begleitustände der Tataufklärung. Mama und apa des Täters waren bei der Polizie und bei der Aufklärung 'beteiligt'. Dazu kam noch die unappetitliche Kneipeneröffnung im unmittelbaren Zusammenhang mit der Trauerfeier.

Ich zitiere mal die von der Frankfurter Rundschau vom 07.6.2016:
"Der Mann und seine Frau Ramona S., die ebenfalls als Polizistin in dem Revier arbeitet, hatten am Freitag ein Gartenlokal wiedereröffnet und gefeiert – als Nebenerwerb und just einen Tag, nachdem in der Stadt eine Trauerfeier für die ermordete chinesische Studentin Yangjie Li stattgefunden hatte. Als dringend tatverdächtig gilt kein Geringerer als der 20-jährige Stiefsohn des Polizeichefs. "

Tacitus vor 5 Wochen

Auch von mir: Danke für diesen Artikel, der in berührender Weise an Yangjie Li und diese schwer fassbare Verbrechen erinnert. Irgendwie sehe ich das immer noch als Schandfleck für das schöne Bundesland Sachsen-Anhalt.

Demokrat vor 5 Wochen

Bei einem so entsetzlichen Verbrechen kann und darf es nicht so schnell ein Vergessen geben. Der gepflanzte Rosenstrauch schafft einen guten Erinnerungs- und Gedenkort.
Das ganze ist damit auch ein Beispiel für eine gute oder zumindest sinnvolle Verarbeitung einer furchtbaren Tat. Leider keine Selbstverständlichkeit, meistens folgt ja aus den Schlagzeilen aus dem Sinn der öffentlichen Wahrnehmung, und Opfer wie Angehörige bleiben auf sich allein gestellt. Strafverfahren lassen oft auch arg zu wünschen übrig.
Dass Menschen zu derartigen Verbrechen fähig sind, schafft großes Unbehagen, denn da dürfte so manch tickende Zeitbombe mitten unter uns schlummern. Keine schöne Vorstellung, auch nicht, dass eine Frau vom Joggen nicht mehr zurückkehrt.
Bei Vergewaltigungen und Morden an Frauen ist es meistens allerdings nicht der große Unbekannte, sondern kannten sich Täter und Opfer, führten gar eine Beziehung. Da sollte es hierfür mehr Augenmerk geben. Daher Danke für den Bericht.

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