Polizei bittet um Hinweise Planenschlitzer stehlen mehr als 100 neue Fahrräder

An der A 9 am Rastplatz Köckern-Ost sind in der Nacht zum 24. Februar 115 Fahrräder im Wert von über 84.000 Euro von einem Lkw gestohlen worden. Das Werk von Planenschlitzern. Die Polizei fahndet nach den unbekannten TäterInnen und bittet um Hinweise.

Geparkte Lastwagen stehen auf einem Autobahnrastplatz.
Wurden 2017 noch rund 700 Delikte in Sachsen-Anhalt gezählt, waren es im vergangenen Jahr noch knapp 300. Bildrechte: dpa

Durch Diebstähle ganzer Lkw-Ladungen entstehen jährlich europaweit Schäden in Höhe von Hunderten Millionen Euro. In der Nacht zum 24. Februar haben Unbekannte 115 Fahrräder der Marke Cube von einem Lastwagen in Sachsen-Anhalt gestohlen. Diese hatten einen Wert von mehr als 84.000 Euro.

Fahrer schlief offenbar

Zugeschlagen hatten die Diebe am Rastplätz Köckern Ost, offenbar als der Fahrer schlief. Zunächst wurde die Plane des Lkw-Anhängers aufgeschlitzt, danach wurden die Hecktüren des Anhängers geöffnet, um an die Beute zu gelangen.

Polizei bittet um Hinweise Wer hat in der Nacht vom 23.02. auf den 24.02.2021 auf dem Rastplatz Köckern-Ost an der A9 Richtung Berlin etwas Verdächtiges beobachtet, was mit dem Diebstahl in Verbindung stehen könnte? Hinweise nimmt der Zentrale Verkehrs- und Autobahndienst per Telefon entgegen: 0340/21090. Oder auch per Mail: lfz.pi-de@polizei.sachsen-anhalt.de

Planenschlitzer: Oft stecken Banden dahinter

Planenschlitzer sind meist ein kleines Teil eines großen Systems. "Auf jeden Fall ist das organisierte Kriminalität. Vorwiegend sind es osteuropäische Tätergruppen, die auf dem Markt agieren. Sie sind sehr strukturiert und gehen mit einem hohen Grad an Organisation vor", erklärt Kriminalrat Michael Klocke vom Landeskriminalamt Sachsen-Anhalt.

Das wird auch im Fall der gestohlenen Fahrräder auf dem Rastplatz Köckern-Ost deutlich. Wegen der hohen Zahl der entwendeten Räder geht die Polizei davon aus, dass es sich bei den TäterInnen um mehrere Personen gehandelt haben muss. "Diese müssen zudem über mehrere Fahrzeuge verfügt haben, die wahrscheinlich – neben der Aufnahme der Ladung – auch für Ausspäh- und Wachposten genutzt wurden", so Polizeikommissar Johannes Braun von der Polizeiinspektion Dessau-Roßlau.

Raststätte Köckern Ost
Der Rastplatz Köckern-Ost an der A9. Im Hintergrund ist auch der Rastplatz Köckern-West zu sehen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Experte zur Beute: "Nach zwei, drei Stunden im Ausland"

Zudem waren die TäterInnen auch hier nach einem bestimmten Muster vorgegangen: Zunächst wurden kleine Schlitze in die Planen des Lkw geschnitten. Diese heißen auch Kontrollschnitte, weil die Diebe hiermit leicht die Ladung sichten können. Gesetzt werden sie meist auf einer Länge von 20 bis 30 Zentimetern. "Unter Umständen wird an den Verpackungen erkannt, welche Ware sich darauf befindet", erklärt Michael Klocke vom LKA Sachsen-Anhalt. Was sich schnell und einfach absetzen lasse, werde dann mitgenommen. "Heimelektronik, Kosmetik, Kinderspielzeug, Fahrräder – also alles, was der Markt hergibt."  

Um die Beute schnell abzutransportieren, werde regelrecht eine Logistik in Gang gesetzt, so Klocke: "Die kommen dann mit Kleintransportern. Die Schlitze werden größer oder die Planen großflächig geöffnet." Das sei gut organisiert und passiere äußerst schnell. Nach zwei, drei Stunden befände sich das Diebesgut so oft bereits im Ausland.

Messer beim Aufschlitzen einer Plane
Durch das Aufschlitzen der Plane verschaffen sich die Unbekannten einen Blick ins Innere des Lkw (Symbolbild).

Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Europaweites Phänomen – und Milliarden-Schäden

Bandenmäßiger Ladungsdiebstahl ist nicht neu. Und er ist international. Seit etwa zehn Jahren registrieren die Behörden solche Fälle auf bundesdeutschen wie auch europäischen Autobahnen. Der jährliche Schaden, der dadurch entsteht, ist immens. Eine Schätzung durch eine Arbeitsgemeinschaft von Verbänden aus Logistik, Versicherungen und Industrie bezifferte ihn im Jahr 2016 auf 2,2 Milliarden Euro. In der EU beträgt der jährliche Schaden 8,2 Mrd. Euro. Darüber hinaus gäbe es laut einer Studie des Bundesamtes für Güterverkehr aus dem Jahr 2017 noch eine hohe Dunkelziffer.

Europaweites Projekt CARGO kämpft gegen Planenschlitzer an

2016 schlug das Land Sachsen-Anhalt ein gemeinsames Vorgehen auf europäischer Ebene vor: Im Projekt CARGO sollten Wissen und Erfahrungen über das Vorgehen von Planenschlitzern gebündelt werden, um die Behörden in ihrer Arbeit zu unterstützen. 2018 startete das Projekt, bis Ende 2020 wurde es fortgeführt. Neben einigen deutschen Bundesländern waren auch Dänemark, Frankreich, Großbritannien, Polen, Schweden, Tschechien und Österreich daran beteiligt. Die Fäden liefen beim Landeskriminalamt Sachsen-Anhalt zusammen.

Welche Rastplätze sind besonders betroffen? Welches Diebesgut ist besonders interessant für die Planenschlitzer? Welche Transportwege werden genutzt? Diese Fragen standen im Fokus. Die Erkenntnisse halfen den Ermittlern, gegen Kriminelle vorzugehen. So konnten auch gezielte Aktionen gestartet werden, die zu einigen Festnahmen im europäischen Ausland führten. Dass das Projekt seine Wirkung entfaltete, zeigt sich laut Kriminalrat Klocke aber besonders am Rückgang der Fälle. So verzeichnet das LKA in Sachsen-Anhalt 2019 und 2020 einen Rückgang um über 50 Prozent.

rechteckige Löcher in Außenwand eines Anhängers von einem Lkw.
Lohnt sich die Beute aus Sicht der TäterInnen, werden zum Teil große Stücke der Plane entfernt, um an die Ladung zu gelangen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Fallzahl nimmt wieder zu - jedoch kein Trend

Das Projekt CARGO ist zwar beendet, aber das Wissen darum wird weiter genutzt. Eine kleine Einheit im LKA Sachsen-Anhalt koordiniert die vorhandenen Informationskanäle. Im Moment beobachtet die Behörde wieder einen Anstieg der Fälle. Allerdings sei es noch zu früh, um einen Trend festzustellen.

Jüngst wieder Fernseher im Wert von 97.000 Euro gestohlen

An der A9 bei Köckern haben nur wenige Wochen nach dem Fahrrad-Diebstahl  wieder Unbekannte zugeschlagen. Tatort war diesmal der Rastplätz Köckern-West – gegenüber von Köckern-Ost. In der Nacht vom 16. auf den 17. März drangen die TäterInnen über die Hecktüren in einen Lkw ein und stahlen 176 Fernsehgeräte im Wert von 97.000 Euro. Ob es sich um die gleiche Gruppe wie im Fall der gestohlenen Fahrräder handelt, ist noch unklar. Laut Polizei ähnelt sich die Vorgehensweise jedoch sehr.

Quelle: Kripo Live

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Kripo Live | 04. April 2021 | 19:50 Uhr

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