Hormone zwischen den Bäumen Mit Sexduft gegen das Baumsterben

In den Wäldern Sachsen-Anhalts hängen in diesen Tagen auffällige Plastebehälter. Unerreichbar für Menschen baumeln sie an Baumstämmen und verströmen einen für Insekten unwiderstehlichen Duft. Das dient auch dem Baumschutz.

Ein Mann zeigt einen speziellen Behälter, der in den Bäumen hängen soll
Forstamtsleiter Philipp Nahrstedt mit einer Falle. Bildrechte: MDR/Martin Krause

Philipp Nahrstedt holt tief Luft durch die Nase: "Es riecht sexy, oder?" Dann lacht der Leiter des Betreuungsforstamtes Annaburg. Der betörende Duft ist für menschliche Nasen nämlich nicht zu registrieren. Für Kieferneulen-Männchen muss es dagegen pure Erotik sein. "Unser Sexuallockstoff wird im Labor hergestellt und riecht nach einem paarungswilligen Weibchen", erklärt der studierte Forstwissenschaftler.

Sexy Duft aus der Plastedose

Der Duft strömt aus durchsichtigen Plastedosen, mit mintgrünem Deckel, angebracht in drei, vier Metern Höhe am Baumstamm. Der künstliche Duftstoff sieht aus wie eine Gummikappe, hellrot, so groß etwa wie ein Daumennagel. Aber er versprüht einen unwiderstehlichen Geruch. Damit werden die Kieferneulen, auch Forleulen genannt, in die Falle gelockt, aus der sie sich nicht befreien können. Zu dieser Jahreszeit sind die kleinen Schmetterlinge noch im Boden, bevor sie schlüpfen und sich paaren.

Zwei Zentimeter klein aber große Wirkung

Eine Kieferneule
Die Kieferneule ist ein Nimmersatt. Bildrechte: IMAGO / blickwinkel

Die Forleule ist nur etwa zwei Zentimeter klein, zählt aber zu den Kiefergroßschädlingen. Denn Kiefernnadeln, sagt Nahrstedt, stehen auf dem Speisezettel der Raupen ganz oben. Gibt es zu viele Raupen, sterben Bäume und manchmal sogar ganze Waldgebiete. Die winzigen Forleulen haben es schon geschafft, Flächen von 20.000 Hektar Wald zu vernichten. "Der wirtschaftliche Schaden geht dabei in die Millionen", so der Annaburger Forstamtsleiter.

Ein Eimer hängt hoch in den Bäumen
Für Menschen sind die Fallen nicht erreichbar. Bildrechte: MDR/Martin Krause

Nahrstedt ist zuständig für 60.000 Hektar Wald, von Annaburg im Kreis Wittenberg bis nach Dessau. Das sind ein Neuntel der gesamten Waldfläche in Sachsen Anhalt. Und weite Teile sind bereits schwer geschädigt. Daher sei es wichtig zu wissen, mit wie viel Schädlingen im Sommer zu rechnen ist. Dann, so Nahrstedt, könne man frühzeitig gegensteuern, um die Wälder zu schützen.

Ein Mann lächelt in die Kamera
Forstamtsleiter Philipp Nahrstedt. Bildrechte: MDR/Martin Krause

Daher werden im Frühjahr regelmäßig in den Kieferbeständen die Fallen aufgehängt. Etwa 80 Stück sind es diesmal allein im Forstamtsbereich Annaburg. Anhand der gefangenen Falter lasse sich dann die Population abschätzen, so Nahrstedt. In schlimmen Jahren wurden bis zu 2000 Forleulen-Männchen pro Falle per Hand ausgezählt. Die kritische Grenze liegt viel niedriger: "Wenn wir 100 Falter pro Falle entdecken, dann gilt Alarmstufe Gelb", beschreibt Philipp Nahrstedt das Prozedere. Dann wird der Schädlingsbestand genauer geprüft. Viel Zeit bleibt den Forstwirten dann nicht. "Im Ernstfall müssen wir dann schnell eine Befliegung arrangieren, um die kleinen Räupchen zu vergiften, bevor sie Schmetterlinge werden."

Bestand in diesem Jahr noch nicht besorgniserregend

In diesem Frühjahr ist der Falterbestand noch nicht besorgniserregend, so der Leiter des Betreuungsforstamts. Aber Vorsicht bleibt geboten. Die Kontrollen in Sachsen-Anhalts Wäldern laufen weiter. Bis Ende Mai wird der sexy Duft die Falter weiter in die Fallen locken.

MDR/Martin Krause/Mario Köhne

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 05. März 2021 | 10:40 Uhr

1 Kommentar

ossi1231 vor 9 Wochen

Alles ok mit der biologischen Schädlingsbekämpfung, nur deshalb wird der Elektrosmog nicht unschädlich.

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