Freibad Trebitz Sachsen-Anhalts wohl älteste Bademeisterin hält die Stellung

Daniel Tautz vor einer grauen Wand
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Immer wieder müssen in Sachsen-Anhalt Freibäder schließen, weil sie keine Schwimmmeister finden. Das Bad in Trebitz bei Wittenberg hat noch offen – dank Herma Klapproth, die mit 76 Jahren ihre Rente am Beckenrand verbringt. Ohne sie gäbe es dort im Sommer wohl keine Abkühlung, keine Kopfsprünge und keine Seepferdchen für die Kinder.

Bademeisterin vor blauem Schwimmbecken
Seit mehr als 25 Jahren behält Herma Klapproth im Freibad Trebitz die Badegäste im Blick. Bildrechte: Daniel Tautz

An diesem Nachmittag ist es noch recht ruhig am Beckenrand in Trebitz, einem Ortsteil von Bad Schmiedeberg. Vorne im Wasser planscht ein Vater mit seinen beiden Söhnen. Kühle Spritzer klatschen auf den gepflasterten Weg. Am Kiosk hat gerade jemand Pommes bestellt. Es riecht nach frittierten Kartoffeln, Kaffee und Chlor.

Unter einem knallroten Sonnenschirm lehnt sich Herma Klapproth in ihrem Stuhl zurück. Eine Trillerpfeife um den Hals, den Blick auf die weitläufige Liegewiese gerichtet. Herma Klapproth ist immer im Freibad, denn ohne sie geht hier nichts. Sie ist Bademeisterin.

Bademeisterin, Putzkraft und Lehrerin in einer Person

Bademeisterin überprüft technische Anlage
Herma Klapproth ist im Freibad Trebitz das sprichwörtliche "Mädchen" für alles. Bildrechte: Daniel Tautz

Dabei ist sie viel mehr als nur eine Bademeisterin. "Ich mache alles, was anfällt", sagt sie, fast beiläufig. Klapproth verkauft Eintrittskarten, putzt die Bäder, kümmert sich um den pH-Wert des Wassers, die Pumpen, die Chemie. Sie bringt den Kindern das Schwimmen bei – und passt natürlich auf, dass niemand ertrinkt. "Aber das ist alles selbstverständlich, das gehört dazu."

Dass ihre Arbeit hier aber alles andere als selbstverständlich ist, weiß man in Trebitz. Denn Herma Klapproth wird bald 77 Jahre alt und ist eigentlich schon lange in Rente. Als vor ein paar Jahren der Pächter des Freibads starb, war die Zukunft der Einrichtung ungewiss. Schließlich fand sich jemand für die Übernahme, aber ein Problem gab es noch: Um zu öffnen, brauchte es eine Schwimmmeisterin. Und so pfeift Herma Klapproth weiterhin auf ihre Rente. Sieben Tage die Woche, von morgens bis abends und für 450 Euro Aufwandsentschädigung.

"Nicht nur hier in Trebitz, sondern viele Freibäder haben Probleme, Schwimmmeister zu finden", sagt Klapproth, in ihren Stuhl mit der gelben Auflage gelehnt. "Die jungen Leute möchten Geld verdienen, klar. Aber so viel kann von den Pächtern nicht bezahlt werden."

Klapproth ist seit einem Vierteljahrhundert im Freibad Trebitz

Sitzende Bademeisterin mit Pfeife
Bademeisterin Herma Klapproth hat alles genau im Blick. Bildrechte: Daniel Tautz

Dass Freibäder für die Städte und Gemeinden eigentlich immer ein Zuschussgeschäft sind, weiß vor allem die Frau, die neben Herma Klapproth zwei Stühle weiter im Schatten sitzt: Ortsbürgermeisterin Roswitha Reinhardt. Sie ist froh, dass sich die Stadträte für das Bad einsetzen.

Aber besonders dankbar ist sie ihrer Bademeisterin. Die ist schließlich seit mittlerweile 26 Jahren für das Freibad da. "Es ist gut, dass es ihr gesundheitlich so geht und dass wir uns auf sie verlassen können", sagt Reinhardt.

Wenn Frau Klapproth nicht mehr ist, weiß ich nicht, wie das hier weitergehen soll. Wir haben keinen Plan B momentan.

Roswitha Reinhardt Ortsbürgermeisterin von Trebitz

65 Freibäder seit der Wende geschlossen

Dass die Sorge von Reinhardt berechtigt ist, zeigt ein Blick in den Rest von Sachsen-Anhalt. Zwischen der Wende und 2017 seien mindestens 65 Freibäder geschlossen worden, gab das Innenministerium vor ein paar Jahren bekannt.

Aber damit Herma Klapproth den ganzen Tag im Schwimmbad sein kann, müssen auch ihre Freundinnen, Freunde und die Familie mitspielen. Allen voran ihr Ehemann Karl-Heinz. Der sitzt neben ihr unter dem roten Sonnenschirm und trinkt einen Pott schwarzen Filterkaffee. Sein Name prangt in schnörkeliger Schrift auf der Tasse. "Ich bin ab Mittag immer mit hier", sagt er. "Also sind wir doch zusammen."

Wenn meine Freunde was von mir wollen, müssen sie herkommen.

Herma Klapproth Bademeisterin

Das Mittagessen bekommen die beiden von einer Gastwirtschaft ins Freibad geliefert, zum Abendbrot gibt es Bockwurst, Pommes oder was sonst so an der Kiosktafel steht. "Und wenn meine Freunde was von mir wollen, müssen sie herkommen", sagt Herma Klapproth und lacht.

Mittlerweile sind auch vier Jugendliche im Freibad. Immer wieder springen sie vom Beckenrand ins Wasser: Kopfsprung, Salto, "Arschbombe". Im vorderen, flachen Teil des Wassers spielt noch immer der Vater mit seinen Söhnen. Denn Aaron Jay und Lennard können noch nicht richtig schwimmen. Gerade erst hatten sie wieder eine Stunde Schwimmunterricht – na klar, bei Frau Klapproth.

Das Seepferdchen ist ihr besonders wichtig

"Finde ich klasse, dass sie so viel Energie noch aufbringt", sagt Vater John, der bis zur Hüfte im Wasser steht. "Und dass sie auch das mit unseren Kindern so schön macht." Wenn seine Kinder die Schwimmschule geschafft haben, bekommen sie das Seepferdchen und eine besondere Belohnung: ein selbst gehäkeltes Kuscheltier aus Herma Klapproths Wundertüte. Je nach Wunsch die Maus, Ernie und Bert oder ein M&M.

"Wenn das Freibad hier zugemacht werden müsste, dann fehlt doch in der Region was", findet Herma Klapproth. Und damit meint sie nicht nur das Baden und den Schwimmspaß. "Jedes Kind, das Schwimmen lernt, ist wichtig. Und wenn das nur zehn oder 15 sind." Aus diesem Grund wird Herma Klapproth auch diesen Sommer Tag für Tag als Bademeisterin am Beckenrand stehen. "Und zwar so lange, wie ich gesund bleibe und Freude daran habe."

Daniel Tautz vor einer grauen Wand
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Über den Autor Daniel Tautz ist im zauberhaften Halle aufgewachsen – nach der Schule zog es ihn trotzdem erstmal nach Berlin. Im Studium der Medienwissenschaften beschäftigte er sich vor allem mit Fake News, für Zeit Online kümmerte er sich parallel um wahrhaftige Nachrichten.

Wie man Geschichten für alle Medien umsetzt, hat er beim Volontariat an der electronic media school gelernt. Dort ist er für den rbb quer durch die Hauptstadt und Brandenburg getingelt – für zwei Stationen aber auch durchs MDR-Gebiet. Jetzt ist er zurück von der Spree an die Saale und als Reporter in Sachsen-Anhalt unterwegs.

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MDR (Daniel Salpius)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 26. Juni 2022 | 19:00 Uhr

9 Kommentare

DER Beobachter vor 6 Wochen

Ich würde gern mit Ihnen, Hilfloser, eine Kiste Corona-Bier darauf verwetten, dass die interessierteren und engagierteren Jugendlichen mehr Ahnung und Substanz haben, als Sie und Sie unterstellen. Und ich kann nach Ihren Kommentaren sicher sein, dass Sie diese Wette verlieren würden...

Reuter4774 vor 6 Wochen

Ein Vollzeitjob ( mit den Überstunden, ohne Urlaub) von dem man nicht leben kann? Und sich dann als Aufstocker noch als H4 Bezieher beschimpfen lassen? Vielleicht mal überlegen warum keiner den Job will? Weil der Unternehmer/ Pächter den Lohn nicht ordentlich zahlen will. Ausserdem zahlt man so nicht mal in die Sozialkassen ein, liebe Senioren! Erstmal mitdenken bitte. Die Jugend ist nicht schlecht, sie lässt sich einfach nicht mehr ausbeuten ( wie die Älteren das offensichtlich als normal betrachten? ). Da ist aber eher die Erziehung vom vorigen Jahrhundert aus der Zeit gefallen.

Anni22 vor 6 Wochen

"Und so pfeift Herma Klapproth weiterhin auf ihre Rente. Sieben Tage die Woche, von morgens bis abends und für 450 Euro Aufwandsentschädigung."
Das glaube ich eher nicht, dass Sie auf ihre REnte verzichtet, denn von 450 Euro Aufwandentschädigung wird Sie nicht leben können. Sie verzichtet "nur" auf die freie Zeit.
Diese Frau hat Hochachtung verdient für ihren Einsatz!
Trotzdem wird man keinen Nachfolger finden, denn wer soll bitte für 450 Euro diesen Job machen? Davon kann ja wohl keiner leben, der nicht noch andere Einkünfte (Rente) hat. Ich finde hier wird die Frau finanziell ausgenutzt und bei der Verantwortungen und dem Arbeitsaufwand finde ich die "Bezahlung" oder die Bezeichnung "Ehrenamt" als eine Frechheit.

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