Neuer Anlauf für "Kunterbunt" in Wittenberg Aus Eltern-Kind-Café wird Secondhand-Shop

Porträtaufnahme von MDR SACHSEN-ANHALT-Reporterin Jana Müller
Bildrechte: Jana Müller

Freud und Leid liegen in diesen Zeiten oft dicht beieinander. Das musste auch Anika Richter feststellen, die nach Monaten im Lockdown schweren Herzens ihr Eltern-Kind-Café "Kunterbunt" in der Wittenberger Innenstadt aufgeben muss. Doch den Kopf in den Sand stecken will die junge Frau nicht.

Anika Richter steht in der kleinen Küche des "Eltern-Kind-Cafés Kunterbunt" in der Wittenberger Pfaffengasse und packt eine Kiste. Hinein kommen Tassen und Teller, das letzte, was hier im Kunterbunt noch an ein Café erinnert. Im großen Gastraum, in dem Eltern einst gemütlich Kaffee trinken und Babys herum krabbeln konnten, türmen sich nun Spielzeuge und jede Menge Kindersachen auf Regalen und Tischen. In einer Ecke steht ein Stapel leerer Kartons. Seit Anfang November ist die "Klebitzer Kleiderbörse" zu Gast im Café, ganz spontan hatten damals etliche Frauen gebrauchte Kindersachen vorbeigebracht, die Anika Richter gegen eine kleine Service-Pauschale verkaufte. Nur vorübergehend, um die Zeit mit geschlossener Gastronomie zu überbrücken.

In einem Raum sind auf vielen Regalen große Mengen Kleidung gestapelt
Aus dem einstigen Café ist während der Pandemie eine Kleiderbörse geworden. Bildrechte: MDR SACHSEN-ANHALT/Jana Müller

Denn im November hoffte die 31-Jährige noch, ihr Café bald wieder öffnen zu können. Eine Hoffnung, die Tag für Tag, Woche für Woche, ein bisschen kleiner wurde. "Die Gastronomie fällt ja immer so ein bisschen unter den Tisch. Klar kann man Coffee to-go machen, aber das rentiert sich nicht. Das ist mehr Aufwand als alles andere. Und es ist kein Ende in Sicht. Und selbst wenn irgendwann wieder Gastro erlaubt ist, wird es definitiv wieder Einschränkungen geben. Und man müsste dort wieder neu investieren, wieder Veränderungen vornehmen. Deshalb habe ich mich entschieden, aus dem "Eltern-Kind-Café Kunterbunt" ein "Secondhand Kunterbunt" zu machen."

"Wie ein zweites Wohnzimmer"

Ein Raum mit mehreren Tischen und Stühlen, dazwischen eine Baby-Krabbeldecke
So sah es früher im Kindercafé Kunterbunt aus. Bildrechte: MDR SACHSEN-ANHALT/Anika Richter

Das alles berichtet Anika Richter mit leicht zitternder Stimme, man hört sofort, wie schwer ihr die Entscheidung gefallen ist. Noch deutlicher wird das, wenn sie über die schönen Zeiten in ihrem immer-vollen Café erzählt. "Wir waren für ein halbes Jahr im Voraus ausgebucht, Kindergeburtstage am Wochenende, die Krabbelgruppen voll. Manchmal musste ich Mädels bitten, später nochmal vorbeizukommen, weil keiner mehr reinpasste. Und mir war total wichtig, dass sich jeder wohlfühlt. Dass die Muttis mal Zeit für sich haben, mal einen heißen Kaffee trinken, die Seele baumeln lassen können. Für viele war das Café wie ein zweites Wohnzimmer."

"Ich habe nur noch Klamotten gesehen"

Das Stimmengewirr der Muttis, das Lachen der Kinder, all das fehlt Anika Richter, auch wenn die Kleiderbörse im Kunterbunt die quirlige, junge Frau in den vergangenen Monaten mächtig auf Trab hielt: "Ich stand oft von früh bis spätabends hier, habe Fotos von den Sachen gemacht und online gestellt, habe Kisten gepackt und verschickt, teilweise bis nach Bayern oder Hamburg. Ich hatte auch ganz viel Unterstützung. Da waren so viele Frauen, die mir geholfen haben, die mich motiviert haben, wenn es mir mal einen Tag nicht so gut ging. Und die Kleiderbörse kam auch bei allen super an. Aber im Endeffekt wurde es mir zu viel. Ich hatte kein Privatleben mehr, ich habe nur noch Klamotten gesehen. Und das war einfach nicht das, was ich machen wollte. Deshalb hatte ich auch für mich entschieden ‚Am 31. März hörst du auf‘."

"Nur wenn ihr mitmacht"

Eine junge Frau hält einen Stapel Kleidung in die Hand und lächelt in die Kamera
Anika Richter lässt das Café mit einem lachenden und einem weinenden Auge gehen. Bildrechte: MDR SACHSEN-ANHALT/Jana Müller

Dass es nun anders kommt, ist vor allem der Beharrlichkeit einiger Helferinnen zu verdanken, die schon von Anfang an mit Anika Richter Kindersachen sortierten. "Die Mädels sind immer wieder in den Laden gekommen und haben gesagt 'Uns blutet das Herz'", schmunzelt Anika Richter. "Und irgendwie hatten sie ja auch Recht. Man hat sich hier was aufgebaut, das wird super angenommen. Also habe ich irgendwann gesagt: 'Okay, ich mache weiter. Aber nur, wenn ihr mitmacht'."

Vier Frauen sagten zu. Gemeinsam mit Anika Richter wollen sie in den kommenden Wochen aus dem einstigen Café und der "Kleiderbörse auf Zeit" einen richtig schönen Second-Hand-Laden machen. "Dafür muss der Laden erstmal leer geräumt werden. Die ganzen Sachen müssen raus und auch die Regale und Kleiderstangen, die ich mir ja nur geliehen hatte. Wir haben gesagt, wenn wir es noch mal neu angehen, dann richtig. Also renovieren wir."

"Man hat tagtäglich um seine Existenz gekämpft"

Anika Richters Augen strahlen, wenn Sie über die Pläne für den Secondhand-Laden spricht. Und das trotz der schweren Monate, die hinter der jungen Frau  liegen. "Man hat in dieser ganzen Corona-Zeit wirklich tagtäglich um seine Existenz gekämpft! Aber dadurch, dass ich so viel Unterstützung hatte – so ein super Team – war es auch irgendwie eine schöne Zeit. Deswegen kann ich sagen, ich gehe mit einem weinenden, aber auch mit einem lachenden Auge hier raus."

Zwei Frauen packen große Mengen Kleidung in Kisten
Mit Unterstützerinnen geht die Arbeit im ehemaligen Kindercafé viel schneller. Bildrechte: MDR SACHSEN-ANHALT/Jana Müller

Den Kopf in den Sand stecken, das passt einfach nicht zu Anika Richter. Nur eins hat sie sich so langsam abgewöhnt: zu weit im Voraus zu planen. Einen Starttermin für das Secondhand-Shoppen im Wittenberger Kunterbunt gibt es deshalb erstmal nicht. Die Frauen wollen abwarten, wie sich die Corona-Lage entwickelt. "Man weiß ja nie, was als nächstes entschieden wird. Deshalb kann man heute einfach nicht mehr planen", sagt Anika Richter. Aber träumen kann man noch. Zum Beispiel davon, irgendwann wieder ein Eltern-Kind-Café zu eröffnen. Anika Richter lächelt und zuckt die Schultern. "Kommt Zeit, kommt Rat", sagt sie. Doch jetzt kommt erst einmal jede Menge Arbeit auf sie und ihre Mitstreiterinnen zu. Die sind schon fleißig dabei, die Überreste der Kleiderbörse in Kisten zu verstauen. Und auch Anika Richter holt sich einen Karton und macht mit.

MDR/Jana Müller, Alisa Sonntag

MDR SACHSEN-ANHALT

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