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Das Wittenberger Schmährelief – von dem es deutschlandweit ähnliche Darstellungen gibt – wird seit vier Jahren juristisch verhandelt. Bildrechte: IMAGO / epd

Mittelalterliche PlastikBGH zu "Judensau"-Relief in Wittenberg – Entscheidung im Juni erwartet

von MDR SACHSEN-ANHALT

Stand: 31. Mai 2022, 10:22 Uhr

Der Bundesgerichtshof verhandelt seit Ende Mai darüber, ob das antijüdische Relief an der Wittenberger Stadtkirche, das als "Judensau" bekannt wurde, abgenommen werden muss. Die Vorinstanzen sahen keinen Anlass, die Plastik abzunehmen. Die Prüfung soll noch einige Zeit in Anspruch nehmen – mit einer Entscheidung wird im Juni gerechnet.

Der Bundesgerichtshof (BGH) in Karlsruhe beschäftigt sich seit Ende Mai mit dem Schmährelief in Wittenberg, das als "Judensau" bezeichnet wird. Ein Kläger will erreichen, dass die antijüdische Darstellung entfernt wird.

Richter: "In Stein gemeißelter Antisemitismus"

Der BGH in Karlsruhe verhandelt unter dem Vorsitzenden Richter Stephan Seiters (Bildmitte) zum "Judensau"-Relief in Wittenberg. Bildrechte: dpa

Der Vorsitzende Richter Stephan Seiters stellte klar, dass das Relief für sich betrachtet "in Stein gemeißelter Antisemitismus" sei. Allerdings ist das Sandsteinrelief aus dem 13. Jahrhundert inzwischen um eine Bodenplatte und einen Aufsteller ergänzt, um die Darstellung einzuordnen. Die Stadtkirchengemeinde bezeichnet die "Wittenberger Sau" als "ein schwieriges Erbe, aber ebenso als Dokument der Zeitgeschichte."

Mit einer Entscheidung des BGH wird nun am 14. Juni gerechnet. Zuvor wolle der sechste Zivilsenat den Fall in den kommenden Wochen gründlich prüfen, so der Vorsitzende Richter Seiters.

Kläger will "ganzen juristischen Weg ausschöpfen"

Der Kläger Michael Dietrich Düllmann sagte, er wolle nicht aufgeben: "Ich werde den ganzen juristischen Weg ausschöpfen." Im Zweifel wolle er seine Klage am Bundesverfassungsgericht und schließlich am Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte vorstellen. Düllmann ist nach eigenen Angaben 1978 zum Judentum konvertiert.

Düllmann kommt aus Bonn. Er hatte vor einigen Jahren an Demonstrationen gegen das Relief teilgenommen, nachdem er einen Artikel über die Plastik gesehen hatte. Einen juristischen Hintergrund hat er nicht.

Vorinstanzen sahen keine Ehrverletzung

Vor dem Relief in Wittenberg gibt es eine Bodenplatte mit Erklärungen. Bildrechte: imago images/epd

Im Februar 2020 hatte das Oberlandesgericht Naumburg entschieden, dass die als "Judensau" bekannte Sandsteinskulptur an der Außenfassade der Kirche hängen bleiben darf. Eine Ehrverletzung der Juden wurde nicht festgestellt. Begründung: Durch die Einbettung in ein Gedenkensemble mache die Kirchengemeinde klar, dass sie sich vom Charakter des Reliefs distanziere, hieß es. Betrachte man die Skulptur allein für sich, habe sie einen beleidigenden Charakter, räumte Richter Volker Buloch damals ein.

Eine Revision ließ das Gericht seinerzeit zu. Und die hat der jüdische Kläger schließlich auch eingereicht. Er will, dass die Plastik aus dem 13. Jahrhundert entfernt wird. Im Mai 2019 hatte bereits das Landgericht Dessau-Roßlau eine entsprechende Klage abgewiesen.

Was zeigt die antisemitische Schmähplastik?

Das Sandsteinrelief wurde um 1300 an der Südfassade der Stadtkirche Wittenberg angebracht. Es zeigt eine Sau, an deren Zitzen Menschen saugen, die Juden darstellen sollen. Ein Rabbiner blickt dem Tier unter den Schwanz. Schweine gelten im Judentum als unrein.

Ähnliche Spottplastiken finden sich an rund 30 evangelischen und katholischen Kirchen und Kathedralen im deutsch geprägten Kulturraum. Zum Teil verzerren sie Zusammenhänge und bedienen Stereotype. "Hier spielen Elemente herein, die man später vom Antisemitismus kennt und woran man sieht, dass der Antijudaismus des Mittelalters und der Kirche auch eine ganz wichtige Quelle für den rassistischen Antisemitismus der Neuzeit gewesen ist", erklärte Kunsthistoriker Matthias Demel im Gespräch mit dem Deutschlandfunk.

Wieso wurden diese Bilder angefertigt?

Mit solchen Darstellungen sollten Juden im Mittelalter unter anderem davon abgeschreckt werden, sich in der jeweiligen Stadt niederzulassen. Hintergrund ist der Antijudaismus der christlichen Kirchen. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass die Grenze zum Antisemitismus fließend ist. Ab dem 16. Jahrhundert waren die christlichen Theologien "durchgängig antijudaistisch und auch judenfeindlich" erklärte Jürgen Wilhelm, der Vorsitzende der Kölnischen Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit e.V., im Interview mit dem Domradio des Erzbistums Köln

Welche Verbindung der "Judensau" wird zu Martin Luther gesehen?

Über der Wittenberger "Judensau" prangt wohl seit 1570 zusätzlich der Schriftzug "Rabini Schem HaMphoras". Schem HaMphoras steht für den im Judentum unaussprechlichen heiligen Namen Gottes.

Die Ergänzung wird mit einer Schrift von Reformator Martin Luther (1483-1546) in Verbindung gebracht, der in Wittenberg wirkte und vor allem in seinem Spätwerk gegen Juden hetzte. Der Schriftzug ist vermutlich von Luthers antijüdischer Schrift "Vom Schem HaMphoras und vom Geschlecht Christi" von 1543 inspiriert.

Wie wird das Relief in Wittenberg eingeordnet?

Die Stadtkirchengemeinde ließ 1988 eine Bodenplatte unterhalb des Reliefs anbringen. Ihre Inschrift nimmt Bezug auf den Völkermord an den Juden im Dritten Reich, die Plastik selbst findet jedoch keine Erwähnung.

Auf der Gedenktafel steht: "Gottes eigentlicher Name, der geschmähte Schem HaMphoras, den die Juden vor den Christen fast unsagbar heilig hielten, starb in sechs Millionen Juden unter einem Kreuzeszeichen."

Durch Gedenkveranstaltungen und Führungen hat sich laut der Gemeinde eine rege Erinnerungskultur entwickelt.

Zentralrat der Juden: Besser erklären als entfernen und verleugnen

Nach der Entscheidung des Oberlandesgerichtes hatte der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, erklärt, es bedürfe der Anbringung einer Tafel, die das Schmährelief eindeutig erläutere und in den historischen Kontext einordne. Er sagte zudem, die Kirche müsse eine klare Abgrenzung und Verurteilung zum Ausdruck bringen. Das sei aus der aktuellen Erläuterung nach seinem Verständnis nicht ersichtlich.  

Schuster sagte weiter: "Die antijudaistische Geschichte der Kirche lässt sich nicht ungeschehen machen. Daher ist die Anbringung einer Erklärtafel besser, als eine solche Schmähplastik einfach zu entfernen und damit zu verleugnen."

Kirchen arbeiten dunkles Kapitel ihrer Geschichte auf

Die antijüdischen Darstellungen, die es beispielsweise auch im Brandenburger und Regensburger Dom sowie an der Sankt-Stephani-Kirche in Calbe (Saale) gibt, gelten für die Kirchen heute als dunkles Erbe. Im Kölner Dom ist so eine Darstellung beispielsweise als Holzschnitzerei am mittelalterlichen Chorgestühl zu finden, neben einem weiteren antijüdischen Motiv. Dort wird sich heute, wie auch andernorts, um Aufklärung und Einordnung bemüht. 2021 gab es die Sommerausstellung "Der Kölner Dom und 'die Juden'" im Kölner Dom.

Am 14. Juni ist das Urteil gefallen: Die Schmähplastik muss nicht entfernt werden. Erfahren Sie mehr im folgenden Artikel.

Mehr zum Thema: "Judensau" an Wittenberger Stadtkirche

Dieser Beitrag wurde erstmals am 05. Januar um 10:56 Uhr veröffentlicht und seitdem fortlaufend aktualisiert.

MDR (André Plaul, Julia Heundorf, Felix Fahnert), KNA, dpa, AFP

Dieses Thema im Programm:MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 30. Mai 2022 | 18:00 Uhr

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